Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 25

Magazinrundschau vom 21.08.2007 - Nouvel Observateur

In einem Dossier über die Philosophen und die Frauen untersucht der Nouvel Obs, wie sich die großen Denker seit den Griechen am angeblichen "Rätsel Frau" abarbeiteten. In einem Interview über die Frage, ob die Herren von Platon bis Derrida letztlich frauenfeindlich waren, erklärt die Philosophin Francoise Collin, warum das andere Geschlecht so häufig herabgesetzt wurde oder unverstanden blieb. "Es gibt keine 'Bösen' oder 'Guten'. Aber keiner sucht wirklich nach einer Erklärung dafür, dass die Frauen, obwohl in der Überzahl, für eine Minderheit gehalten werden. Außer Marx, natürlich, aber wer glaubt schon, dass sich der Sexismus durch das Verschwinden des Kapitalismus auflösen würde! Erstaunlich ist, dass sie trotz häufig entgegengesetzter Voraussetzungen alle zum gleichen Nachweis der weiblichen Unterlegenheit gelangen. Aristoteles gilt dabei oft als der Sexist par excellence."

Weitere Dossierbeiträge untersuchen das Frauenbild bei Adorno, Rousseau, Kiergaard und Nietzsche, ein Artikel widmet sich Hannah Arendt, der Frau "im Schatten Heideggers".

Magazinrundschau vom 31.07.2007 - Nouvel Observateur

In der Sommerserie, in der sich Intellektuelle aller Gewerke über ihr Selbstverständnis und ihre Arbeit äußern, spricht der amerikanische Anthropologe Marshall Sahlins im Interview über seine Arbeit mit Claude Levi-Strauss, Polynesische Kulturen und die Frage, was man von Thukydides hätte lernen können: "Indem Thukydides Herodots mythos durch den logos ersetzte, hat sich Thukydides des Titels 'Vater der Geschichte' bemächtigt und ist zum Liebling der Pragmatiker der internationalen Beziehungen und anderer westlicher Adepten der Realpolitik geworden. Wahrscheinlich wird sein Ansehen auch bei den Theoretikern der Rationalität und des persönlichen Interesses intakt bleiben, auch wenn der von Bush im Irak geführte Krieg zweifellos die irrationalste Dummheit seit dem Einmarsch der Athener in Sizilien ist. Doch die einleuchtendste Parallele zum Irak bietet uns der anarchische Bürgerkrieg (stasis), der Kerkyra verwüstete. Dabei haben sich die Spartaner und Athener in den inneren Konflikt zwischen den ortsansässigen Oligarchen und dem demos um die Herrschaft über die Stadt verstrickt. Sowohl in Kerkyra als auch im Irak wurden, seit die staatlichen Institutionen jegliche Legitimität verloren haben und Gewalt zum bevorzugten Mittel aller Parteien geworden ist, die heiligen Werte des Rechts, der Moral und der Religion in Blut ertränkt und auf ein Nichts reduziert."

Magazinrundschau vom 24.07.2007 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs erinnert an den im März verstorbenen französischen Philosophen und "coolen Propheten" Jean Baudrillard. Zu lesen ist eine 23-seitige amerikanische Hommage im PDF-Format, in der sich amerikanische und kanadische Denker zu Baudrillard äußern. Der Kritiker und Philosoph Sylvere Lotringer, der die "French Theory" mit seinem gleichnamigen Buch in den USA bekannt machte, schreibt: "Starkult war nicht seine Sache. Tatsächlich mangelte es Baudrillard an Präsenz und Charisma - allerdings auf spektakuläre Weise. Genau wie der visionäre Schriftsteller William Burroughs, mit dem man ihn vergleichen könnte, war er 'El hombre invisible', und deshalb umso sichtbarer. Allerdings hat Baudrillard nicht gezögert, sich selbst das coole Image zu verleihen, das seiner harmlosen Erscheinung widersprach. Es war er selbst, der seinen intimen Tagebüchern ironischerweise den Titel 'Cool Memories' gegeben hat." Weitere Wortmeldungen kommen unter anderem von dem Schriftsteller und Kritiker Gary Indiana, dem Philosophen Douglas Kellner, dem Maler Peter Halley und der Regisseurin Kathryn Bigelow.

Außerdem überprüft in der Sommerserie mit Beiträgen von Intellektuellen aller Gewerke der italienische Regisseur Francesco Rosi den Standort und die politische Rolle des heutigen Kinos.

Magazinrundschau vom 17.07.2007 - Nouvel Observateur

Unter der Titelzeile "Ikone und eiserne Lady" porträtiert der Obs den unaufhaltsamen Aufstieg der französischen Justizministerin maghrebinischen Ursprungs Rachida Dati, die zu einem Alter ego von Nicolas Sarkozy wurde und vielen als zweiter Rastignac gilt. "Aufrichtig oder fürchterliche Karrieristin? Authentisch oder Blenderin? Selten lief die Gerüchteküche derart auf Hochtouren. Gerüchte, die klassischerweise Frauen vorbehalten sind, vor allem, wenn sie zu hübsch sind." Auch der linksbürgerliche Obs ist wirklich erstaunt, dass man mit dieser Herkunft eine solche Karriere machen kann: "Rachida Dati, 41 Jahre, Tochter eines algerischen Maurers und einer marokkanischen Hausfrau, elf Brüder und Schwestern, aufgezogen in der katholischen Schule von Chalon-sur-Saone, Studium der Jura- und Wirtschaftswissenschaften, finanziert duch Stipendien und Jobs, dann Richterin, entdeckte man sie als Sprecherin von Sarkozy, schlagfertig und hart."

Außerdem beginnt heute eine Sommerserie, in der Intellektuelle aller Gewerke Auskunft über ihre Zunft und ihre Arbeit geben. Den Anfang macht der Komponist Pascal Dusapin, der in diesem Jahr den "chaire de creation artistique" am College de France innehat. Es folgen unter anderem der italienische Regisseur Francesco Rosi, der amerikanische Anthropologe Marshall Sahlins und der Schweizer Kritiker Jean Starobinski.

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - Nouvel Observateur

Umberto Eco bespricht den "Dictionnaire amoureux de Naples" von Jean-Noel Schifano (Plon). Er bekennt: "Das Schwierige bei meiner Lektüre war, dass Schifano mein französischer Übersetzer ist, und ich ihn und seinen Stil uneingeschränkt bewundere. Aber ich bin ein im Piemont geborener Italiener (eine Region, die seit Jahrhunderten kulturell eher französisch als italienisch ist), und zwischen einem Piemontesen und einem Neapolitaner besteht eine viel ausgeprägtere Verschiedenheit als zwischen einem Schweden und einem Brasilaner aus Bahia. Mich mit einem Franzosen auseinander zu setzen (und habe er auch einen italienischen Vater), der neapolitanischer ist als sonst jemand, hat mir einige Not bereitet. Natürlich erliege auch ich der Faszination Neapels (obwohl ich nicht wie einer dieser Antisemiten erscheinen möchte, der jede Unterhaltung mit dem Satz 'einige meiner besten Freunde sind Juden' beginnt). Aber ich kann nicht vergessen, dass der 'Dictionnaire amoureux' von Schifano in Frankreich fast zeitgleich mit 'Gomorra' von Roberto Saviano erscheint, einem derart heftigen Buch über Neapel als Hauptstadt der Camorra und als Territorium zügelloser Kriminalität, dass der Autor gezwungen war, der Rache dieser gnadenlos angeprangerten Welt unter Polizeischutz zu entfliehen. Wem soll man glauben? Saviano, der von der Hölle erzählt, oder Schifano, der mit nostalgisch verklärtem Blick von einem Paradies spricht?"

Magazinrundschau vom 08.05.2007 - Nouvel Observateur

Andre Glucksmann und Bernard-Henri Levy führen im Nouvel Obs ein leidenschaftliches Gespräch über ihr Engagement im französischen Wahlkampf. Es wurde zwar noch vor dem zweiten Wahlgang aufgezeichnet, reißt aber einige kommende Perspektiven auf. Levy, der selbst für Segolene Royal optierte, bekennt gegenüber dem Interviewer seine Irritation über Glucksmanns Votum für Sarkozy: "Was mich überrascht hat, ist, dass er sich so früh engagiert hat und dass er ein solches Feuer hineinlegt - eine Leidenschaft, die wir gemeinsam seit dreißig Jahren für bosnische Widerstandskämpfer, tschetschenische Märtyrer und sowjetische Dissidenten reserviert hatten, denen wir entscheidenden Lektionen über Geschmack und Sinn der Freiheit verdankten." BHL wirft Sarkozy, der im Wahlkampf ein Ministerium für Immigration und nationale Identität gefordert hat, einen an Le Pen gemahnenden Populismus vor. Glucksmann antwortet: "Was das famose 'Ministerium' angeht, so weißt du genauso gut wie ich, dass Sarkozys Begriff der nationalen Identität nicht ethnisch, sondern republikanisch ist und auf der Integration vieler nachfolgender Wellen der Immigration beruhte, zu denen auch seine eigene Familie gehörte. Sarkozy hat uns von der Last befreit, die der Front national auf das demokratische Leben in Frankreich gelegt hatte."

Magazinrundschau vom 01.05.2007 - Nouvel Observateur

In einem recht friedlichen Gespräch über das "andere Europa" gerät Andrzej Stasiuk erst in Rage, als zwei Journalisten des Nouvel Obs ihn fragen, ob es in den exkommunistischen Ländern eine "Sehnsucht nach Europa" gebe: "Der Kommunismus ist doch eine rein europäische Realität! Hier wurde er erfunden, und hier hat man versucht, ihn zu verwirklichen. Wir können doch nicht sagen: Bei euch war der Kommunismus, und bei uns war Europa. Das ist nur ein weiterer Eiserner Vorhand im europäischen Denken - dieser Glaube, dass der Kommunismus 'anderswo' war. Er war hier, unter uns, und darum gehört er genauso zum europäischen Erbe wie die Renaissance, der Barock und die Loire-Schlösser. Und dann verstehe ich auch nicht so recht, was Sie mit 'Sehnsucht nach Europa' meinen. Soll das heißen, dass wir hier eine Sehnsucht empfinden, dass man kommt, um uns zu zivilisieren? Dass wir lernen, uns zu waschen, uns die Haare zu schneiden und eine laizistische und liberale Weltsicht zu vertreten?"

Außerdem im Nouvel Obs: Der antiliberale Essayist Michel Onfray, der ein sehr scharfes Blog gegen Nicolas Sarkozy führt, berichtet über eine gründlich misslungene Diskussion, die die beiden für eine Zeitschrift führen sollten.

Magazinrundschau vom 10.04.2007 - Nouvel Observateur

Unter der Überschrift "Homo Putinus" gibt der von jungen Putin-Anhängern heftig angegriffene russische Schriftsteller Vladimir Sorokin Auskunft über sein Land, dessen Gewalt und Umwälzungen. Die ihn dennoch zu inspirieren scheinen: "In Russland sind vom Taxifahrer über die Funktionäre und Politiker bis zu den Intellektuellen alle literarische Figuren. Bei uns macht man keinen Unterschied zwischen der Literatur und dem Leben. Für einen Schriftsteller ist dieses Land ein Eldorado. In Frankreich müssen die Romanautoren die Erde umgraben, um eine Figur zu finden. In Russland befinden sie sich an der Oberfläche. Unsere Schriftsteller von Tolstoi bis Pasternak werden als Götter betrachtet. Deshalb hat es mir Spaß gemacht, mir in ,Der himmelblaue Speck? fürs Jahr 2068 Klone von Tolstoi, Tschechow, Dostojewski oder Platonov auszudenken. Das ist meine Art, gegen diese russische Sakralisierung der Literatur zu kämpfen. In der Literatur kann ich mir im Gegensatz zum Leben alles erlauben."

Magazinrundschau vom 20.03.2007 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs erinnert an das 50jährige Erscheinungsjubiläum von Roland Barthes' Kultbuch "Mythologies". Auszüge daraus - darunter seine Betrachtungen über Steak-Frites und Abbe Pierre - werden unter der Überschrift "Mythologies 2007" durch neue Mythen ergänzt, denen sich Autoren und Intellektuelle, darunter Catherine Millet (überdimensionierte Kinderwagen), Frederic Beigbeder (GPS), Paul Virilio (Auslagerung) oder Philippe Sollers (Euro) widmen. Der Schriftsteller und "Unsterbliche" Frederic Vitoux feiert das "velo" als Nachfolger des durch die Dopingskandale der Tour de France beschädigten "bicyclette": "Kurz: das Fahrrad ist tot. Bleibt das Velo. Das Velo ist eine neue Idee. Wenigstens in den Städten. Das Velo ist links. Das Velo ist militant. Das Velo ist öko."

In der Abteilung "Reflexions" sind drei kurze Würdigungen des kürzlich verstorbenen Philosophen Jean Baudrillard zu lesen: Für den Soziologen Edgar Morin war er "Der Streifenpolizist des Irrealen", für den Philosophen Paul Virilio "Der Bewusstseinsverweigerer" und der Ideenhistoriker Francois Cusset ("French Theory") sieht in seinem Werk "Die Ekstase des Pessimismus".

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - Nouvel Observateur

Das Rennen um die französische Präsidentschaft geht allmählich in die Endrunde. Der Nouvel Obs dokumentiert eine Auswahl der Beiträge von Alain Finkielkraut, Cynthia Fleury, Bernard-Henri Levy, Michel Onfray, Alain Minc, und Jean Daniel in einer Diskussion zur Rolle der Intellektuellen im Wahlkampf, die im französischen Fernsehen zu sehen war. In den Beiträgen geht es auch um die Nation und die Demokratie im Allgemeinen. Zur Frage, ob es - wie im Fall von Andre Glucksmann, der sich öffentlich für Sarkozy ausgesprochen hatte und daher nach Ansicht von Alain Finkielkraut nun als "demaskiert" gilt - richtig sei, Stellung zu beziehen, herrschen unterschiedliche Auffassungen. Der Ökonom Alain Minc findet: "Wenn man erklärt, für Nicolas Sarkozy zu stimmen, was ich tun werde, wird man in einigen Milieus tatsächlich mit Schande überzogen. Man muss nicht übertreiben, man läuft eben unter Gelächter durchs Cafe de Flore, aber man stirbt nicht daran. Ich glaube übrigens, dass das, was wir denken, wohl kaum Stimmen beeinflussen wird. Umgekehrt hat man, wenn man im öffentlichen Leben steht, zwangsläufig eine Verpflichtung zur Transparenz. Zu sagen, wie man stimmen wird, ist eine Form davon."