Magazinrundschau - Archiv

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54 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 6

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Plus - Minus

Nahezu unbemerkt vom Rest der Welt begingen die Polen den 65. Jahrestag der Massenerschießungen polnischer Offiziere in Katyn. Dieses auf persönlichen Befehl Stalins ausgeführte Verbrechen wurde zum Inbegriff der verlogenen Geschichte in Zeiten des Kommunismus, zum "weißen Fleck". Unter Gorbatschow wurde die sowjetische Täterschaft offenbart, unter Jelzin ein Teil der Akten heraus gegeben. Seit fünf Jahren exisitieren an den Orten, wo ca. 20.000 Polen von der NKWD hingerichtet wurden, Kriegsgräber, schreibt Andrzej Przewoznik in der Beilage der Rzeczpospolita. "Doch noch 15 Jahre nach dem sowjetischen Bekenntnis bleiben viele Fragen offen. Unser Wissen ist dank der Anstrengung von Wissenschaftlern und Anwälten größer, aber der Fall Katyn kann noch nicht den Historikern allein überlassen werden". Noch sind nicht alle Hinrichtungsstätten bekannt, so dass Hinterbliebene diese Orte nicht aufsuchen können. Letztendlich obliegt es aber den Polen, die Erinnerung an Katyn wach zu halten, so Przewoznik. Für ihn wäre die Errichtung eines Museums in Warschau ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Grzegorz Niziolek trauert um den Theaterregisseur Jerzy Grzegorzewski, der letzte Woche gestorben ist. "Theater zu machen erfordert meist ein Alibi. Es kann ein soziales Sendungsbewusstsein, eine politische Provokation oder ein Tabubruch sein. Das Theater von Grzegorzewski erfüllte nie diesen Bedarf nach Sinn und Sendung."
Stichwörter: Stalin, Josef, Rzeczpospolita

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Plus - Minus

"Die Sprache, Guinness, Musik und Kampf - das ist irische Identität." Das Magazin der Rzeczpospolita berichtet aus Belfast, wo das Gälische (eine Kostprobe) dank verschiedener Initiativen - wie zum Beispiel Geal Linn - wieder zum Leben erweckt werde. "Kein fremdbeherrschtes Volk in Europa (Polen, Tschechen, Ungarn, Finnen) wurde einer so repressiven Sprachenpolitik unterzogen wie die Iren", schreibt die Reporterin. Die größten irischen Schriftsteller wie Wilde, Joyce, Shaw, Beckett oder Heaney wurden wegen ihrer auf Englisch verfassten Werken kaum als Iren wahrgenommen. "Aber das zum Aussterben verurteilte Gälisch erwacht zu neuem Leben. In Irland und in Ulster. Es findet immer mehr Anhänger, selbst auf der Straße hört man Menschen wieder Gälisch sprechen."

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Plus - Minus

In der Wochenendbeilage der Tageszeitung Rzeczpospolita spricht der Theaterregisseur Peter Brook über seine Erfahrungen mit Werken von Shakespeare (er arbeitete in den fünfzigern u.a. mit Laurence Olivier und John Gielgud zusammen), seine Reisen nach Afrika auf der Suche nach einer organischen Schauspielkunst, seine Bewunderung für die Methoden des polnischen Avantgardisten Jerzy Grotowski und über sein andauerndes Interesse daran, Theater zu machen. "Es geht darum, Dinge zu erforschen, die ich nie erforscht habe. Dorthin zu gehen, wo ich noch nie war. Nur neue Erfahrungen interessieren mich ... und ich kann aus der heutigen Sicht sagen, dass ich dasselbe beispielsweise als Bildhauer erfahren hätte."

Das Magazin berichtet außerdem, dass ein Cousin von Marek Hlasko, einem der bekanntesten polnischen Schriftsteller im 20. Jahrhundert, in diesem Jahr eine Biografie Hlaskos veröffentlichen wird, in der einige Dokumente und Fotos zum ersten Mal gezeigt werden. Der berüchtigte Lebemann, den man auch den "polnischen James Dean" nannte, erscheine hier in einem anderen Licht. Den Biografen bekümmert das: "Als ich Mareks legendäres Halunkenleben untersuchte, fand ich heraus, dass er in Wirklichkeit recht fleißig und geordnet war. Kein Weiberheld, kein Trunkenbold, kein Störefried. Wie stehe ich nun als Autor einer solchen Biografie da? Wie ein Langweiler!".

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Plus - Minus

In der Wochenendbeilage der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita fragt sich Jaroslaw Makowski nach der Lektüre von Zygmunt Baumans neuem Werk "Europe. An unfinished adventure", ob Europa das sein kann, was es sein will - "ein Abenteurer und Visionär, der einer globalisierten Welt eine neue Gestalt verleihen will"? Der polnisch-britische Soziologe antwortet: Noch nicht, aber Europas Wesen bestehe schließlich in der endlosen Suche nach Antworten. "Nach Europa suchen ist Europa erschaffen."

Letzte Woche wurde einer der bekanntesten zeitgenössischen Maler Polens, Zdzislaw Beksinski, tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Das Magazin druckt ein bisher unveröffentlichtes Interview mit dem Künstler ab. Beksinski spricht über den Stillstand auf dem Kunstmarkt in Polen, über den positiven Einfluss von Computern in der Kunst und über seine seelische Verwandtschaft mit Bruno Schulz: "Wir sind alle eine Bande von Mutanten, in der sich jeder mit seinen Gebräuchen, Bedürfnissen und Erwartungen ein wenig von den anderen unterscheidet. In diesem Zusammenhang bin ich nicht der einzige 'Verwandte' von Bruno Schulz."

Außerdem: Redakteure der Rzeczpospolita und des Spiegels haben entdeckt, dass Gerhard Liebchen, der Vater von "Plastinator" Gunter von Hagens, der im westpolnischen Örtchen Sieniawa eine neue "Fabrik" für seine Leichenpräparate errichten will, während des Krieges nicht nur NSDAP-Aktivist, sondern auch Mitglied der SS im "Warthegau" war. Der 88-jährige Liebchen soll als Prokurist die Geschäfte vor Ort leiten.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - Plus - Minus

In der Wochenendausgabe der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita analysiert Piotr Jendroszczyk den Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen vor dem Besuch George W. Bushs in Mainz. Vor dem Hintergrund der vielen Konflikte in den letzten Jahren und der Hoffnung Deutschlands, die USA würden den Anspruch des Landes auf einen Sitz im Sicherheitsrat unterstützen, sei nicht zu verkennen, "dass Präsident Bush durch seinen Besuch in Mainz den entscheidenden Schritt zur Annäherung macht. Zumal das Treffen in einer Stadt statt findet, wo Bush senior vor fünfzehn Jahren die deutsch-amerikanische Partnerschaft zelebrierte. Die USA und ihre europäischen Partner, darunter auch Deutschland und Polen, sind bei der Lösung von Krisen wie die in der Ukraine aufeinander angewiesen und brauchen zuverlässige Partner", resümiert der Autor.

Außerdem porträtiert die Beilage Jean-Marie Lustiger, einen Nachfahren polnischer Juden, der zum Katholizismus konvertierte, Pariser Erzbischof wurde und sogar als möglicher Nachfolger von Johannes Paul II. gehandelt wird. Was 1981 eine der schwierigsten Entscheidungen des Papstes gewesen sei, habe sich letztendlich als eine der besten Personalentscheidungen des Vatikans dargestellt. Jean-Marie Lustiger, eine "lebendige Provokation", wie er sich selbst bezeichnet, verkörpere wie kaum ein anderer die Ambivalenz des modernen Katholizismus - "Offenheit gegenüber Anderen und Verständnis für die zeitgenössische Kultur bei gleichzeitiger Orthodoxie in Sachen Glaubensprinzipien".

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Plus - Minus

Vor sechzig Jahren - vom 4. bis 11. Februar 1945 - fand im Schwarzmeerkurort Jalta eine Konferenz der alliierten Mächte Großbritannien, Sowjetunion und USA statt, die die Gestalt Europas für die nächsten Jahrzehnte bestimmen sollte. Die Rote Armee stand an der Oder und die Zukunft der mittel- und osteuropäischen Staaten schien besiegelt. Die Westmächte akzeptierten das. Die "Ordnung von Jalta" war fortan für die Polen Sinnbild des Ausgeliefertseins, für die Westeuropäer war sie dagegen ein Segen, schreibt Bohdan Cywinski in Plus-Minus, der Wochenendbeilage der Rzeczpospolita. "Trotz der anfänglichen Angst um die Sicherheit der Grenzen, stellte sich für die Westeuropäer heraus, dass die konstante Bedrohung von außen nicht nur ihre Entwicklung nicht störte, sondern sogar den Integrationsprozess im westlichen Teil Europas förderte." Stabilität war - und ist - für die Westeuropäer alles, meint Cywinski. Hauptsache, die Russen sind glücklich! Und das "ist auch der Grund dafür, warum Franzosen und Deutsche so nervös auf jede selbstständige Politik der Osteuropäer reagieren: von der Solidarnosc über den Irak-Krieg bis zur Orangenen Revolution in der Ukraine."

"Wissen Sie, ich habe einen Hund. Ich schaue ihm täglich in die Augen und sehe Ruhe. Er ist ruhig, weil er weiß, dass er ins Paradies kommt - egal, was passiert. Wir sind aus dem Paradies vertrieben worden und können uns damit nicht abfinden". Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin spricht im Interview über sein Buch "Das Eis", über die Erneuerung der russischen Sprache, über den Status der Schriftsteller und über das Böse im Menschen, das Sorokin bei einem Besuch in Dachau entdeckte.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - Plus - Minus

Das Magazin der Rzeczpospolita entdeckt ein neues Talent der polnischen Literatur: Rafal Wojasinski (die Leseprobe wird gleich mitgeliefert). "Mit kurzen, rauhen Wörtern beschreibt Wojasinski ein Leben im monotonen Rhythmus des menschenleeren Kujawien, er spricht über das Elend und die Erniedrigungen, denen man sich widersetzen soll. Respekt ist eine Frage der Überwindung von Angst und Mitleid - sagt er. Letztendlich zählen nur die Stärksten. Es ist, wie es einst Jozef Wittlin über das Werk Ernest Hemingways formulierte, eine Art barbarischer Humanismus".

"Die Reisen des jungen Che" kommt in die polnischen Kinos und ein anonymer kubanischer Schriftsteller (Pseudonym Eduardo Sanchez) erinnert sich daran, wie er als Pionier Che die Treue schwören musste, und erst später den Revolutionär eben durch jene Tagebücher entdeckte. Er fragt auch nach dem Fortleben des Mythos': "Was wäre aus dir geworden, Ernesto, wenn du überlebt hättest? Wärst du ein Archetyp geworden? Ein General, der uns herum kommandiert? Ein geliebter Anführer? Ein Don Quichotte des 21. Jahrhunderts? Eine Postkarte? Oder auch nur ein weiterer politischer Dinosaurier?"

Magazinrundschau vom 11.01.2005 - Plus - Minus

Im Gespräch mit dem Magazin der Rzeczpospolita rät der Politologe und frühere Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, den USA, wieder stärker auf die Verbündeten zu hören. Obwohl Brzezinski am Willen der US-Regierung zweifelt, Anführer statt Hegemon sein zu wollen, sieht er die Zukunft in einem nuancierten System von Bündnissen: "Die USA haben die historische Chance, ihre Hegemonie in ein globales System umzuwandeln, in dem sie immer noch eine sehr wichtige Rolle spielen werden, aber die Entscheidungen in größerem Kreise getroffen werden. Andernfalls werden sie immer isolierter und die Welt droht, in Chaos und Anarchie zu versinken". Seiner Meinung nach wird sich China, das in Fernost geschickter agiere als Russland auf dem Gebiet der früheren UdSSR und sich die Unterstützung kleinerer Länder sichere, künftig zu einer auf Disziplin basierenden "Polizeidemokratie" entwickeln und selbstbewusst seine Größe ausspielen.

Anlässlich des Kinostarts seines neuesten Films "Life is a miracle" erzählt der Regisseur und Musiker Emir Kusturica von seiner Unfähigkeit, mit der realen Welt umzugehen. "Ich bin auf die Phantasie angewiesen. Jedes Mal wenn ich versuche, auf dem Boden zu bleiben, und zu denken, dass zwei und zwei vier ist, klappt es nicht. Ich glaube nicht an die Welt, weil sie der Hoffnung beraubt wurde. Früher verdankten die Menschen ihre Ideale und Perspektiven der Religion. Welche Ziele haben wir heute? Ein bequemes Leben? Ein besseres Auto als der Nachbar?" Kusturica, der einem friedlichen Ideal von Jugoslawien nachtrauert und sich in seiner Heimatstadt Sarajewo nicht mehr wohl gefühlt hat, verrät im Interview, dass er sein ganzes Geld investiert, um in Serbien eine Dorfutopie mit dem Namen Kustendorf aufzubauen.

Magazinrundschau vom 04.01.2005 - Plus - Minus

In einem langen Interview mit dem Magazin der Rzeczpospolita erzählt der Dichter Jaroslaw Marek Rymkiewicz (kurze Info) von seiner Hassliebe zu Russland, der Präsenz des polnischen Geistes in den früheren Ostgebieten, der heutigen Ukraine und über die Auseinandersetzung mit Auschwitz und dem Gulag. "Irgendein Philosoph sagte mal, dass Poesie nach Auschwitz unmöglich sei. Diesen dummen Philosophen sollte man fragen: Und nach der Kreuzigung Christi war sie möglich? Die Menschheit hat eine Vorliebe für Kreuzigungen, Enthauptungen, Vierteln, Guillotinieren, Vergasen - und darüber schreibt man dann Gedichte. Man kann nichts dagegen tun".

Der russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew war in Zürich, und stellt fest, dass Russland nicht mehr mit dem in dieser Stadt zeitweise lebenden Lenin assoziiert wird, sondern mit den immer zahlreicheren osteuropäischen Prostituierten. Das ist ihm Anlass, um den moralischen Verfall, die "ethische Katastrophe" der zeitgenössischen russischen Frau zu analysieren: "Sie ist gleichzeitig romantisch und pragmatisch, archaisch und cybernetisch, naiv und berechnend". Der rücksichtslose Hedonismus und das Verlangen, alles sofort besitzen zu wollen, sind für Jerofejew die Zeichen der Zeit: "Die russische Seele tappte in die Falle des Marktes. Eine religiöse Idee der Selbstbegrenzung und moralische Fundamente der Ehre haben sich in Russland nie bewährt."

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Plus - Minus

Vor knapp 13 Jahren verkündete der erste und letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow, die Auflösung der Sowjetunion. Das Magazin der Rzeczpospolita widmet dem "gescheiterten Zauberlehrling" ein ausführliches Porträt und rekonstruiert die politischen Wendungen zwischen 1986 und 1991. Paradoxerweise war es der Protege des früheren KGB-Chefs und Generalsekretärs Jurij Andropow, der das System zu Grabe tragen musste, wobei er sich spätestens seit 1988 großer Beliebtheit im Westen erfreute. "Gorbi trat ab als gescheiterter Reformator, der Russland verändern und es mit der Welt versöhnen wollte. Ein Politiker der eine persönliche Niederlage hinnehmen musste - er verlor schließlich Macht und Staat - ohne den jedoch die Welt heute ganz anders aussehen würde. Nachdem die alten Konflikte durch neue ersetzt wurden, wird die historische Dimension von Gorbatschow immer mehr sichtbar. Möglicherweise war er einer der europäischsten Politiker, die Russland hervor gebracht hat. Vielleicht ist er deshalb gescheitert", überlebt der Publizist Slawomir Popowski.