Magazinrundschau - Archiv

Polityka

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Magazinrundschau vom 22.08.2006 - Polityka

Adam Krzeminski denkt anlässlich der Debatten um die Ausstellung "Erzwungene Wege" und des Bekenntnisses von Günter Grass über die deutsch-polnischen Beziehungen nach - besonders über die Politik der polnischen Regierungspartei PiS. "Die sture Hilflosigkeit unserer Politiker kann zu einer weiteren Annäherung der deutschen und russischen Eliten führen. Mit unserem Eingeschnapptsein und unserer Verschlossenheit bauen wir selbst an der Brücke über uns hinweg mit." Ein wichtiger Schritt bestünde nun darin, so Krzeminski weiter, an einer gemeinsamen Ausstellung zu Vertreibungen - aufbauend auf dem Projekt des DHM - zu arbeiten, denn "ohne den deutsch-polnischen Dialog und eine weitere Verflechtung der Geschichtsdebatten laufen wir Gefahr, in provinziellem Egozentrismus und fehlender Empathie für das Schicksal des Nachbarn zu enden."

Magazinrundschau vom 04.07.2006 - Polityka

"Heute kann jeder ein Spielberg sein. Für tausend Dollar", behauptet der Medienexperte Edwin Bendyk. Dank Internetforen, Blogs und Seiten wie youtube.com ("Broadcast yourself") kann jeder Filme drehen und im Netz veröffentlichen. Die Welt der Politik reagiert wie immer sehr langsam auf solche Phänomene, die Institutionen wie den Fernsehrat obsolet machen. "Für Nicht-Eingeweihte erscheint das Internet wie ein großer Abfallkorb, wo sich nichts Wertvolles finden lässt. Dabei wissen Nutzer, dass in dieser Welt eine eigene Ordnung herrscht, die durch pausenlose Kommunikation untereinander entsteht. Schlechte Filme haben da keine Chance, weil sie niemand weiterempfiehlt." Bendyk (der selbst ein Blog führt) resümiert: Für die traditionellen Medien, z.B. das Fernsehen, bedeutet dies noch nicht das Ende. Nur ist das jetzt ein Medium unter vielen, das im Netz weiter verwertet wird."

In Polen ist wieder ein Streit um die Bewertung der kommunistischen Vergangenheit entbrannt. Nachdem die populäre Finanzministerin Zyta Gilowska aufgrund von Vorwürfen wegen angeblicher Stasi-Mitarbeit zurücktreten musste, diagnostizieren die Publizisten Mariusz Janicki und Wladysla Wladyka: "Für die regierende PiS ist jeder suspekt, der in der Volksrepublik nicht auf persönliches Glück, Familie, Karriere und kleine Bequemlichkeiten verzichtet hat - so wie Jaroslaw Kaczynski". Dabei seien doch alle irgendwie Komplizen gewesen. "Man las Bücher, die zensiert waren; man nahm Urlaub im staatlichen Erholungsheim in Anspruch; musste sich den Pass erschleichen. Das ganze Leben war eine große Matrix, in der nichts so war, wie es sich nach außen gab". Vom Ideal des einsamen Untergrundkämpfers auszugehen, und alles andere zu verdammen, sei töricht und gegen die Meinung der Mehrheit, so die Autoren. Stattdessen sollte man stolz sein auf das Erreichte nach 1989.

Der nächste Literaturnobelpreisträger? Ist doch klar! Haruki Murakami! Nicht nur, weil er in diesem Jahr den Kafka-Preis bekommen hat - so wie Elfriede Jelinek 2004 und Harold Pinter 2005. Auch, und vor allem, schreibt Aleksander Kaczorowski, "weil er so gar nicht der japanischen Tradition entspricht. Seine Helden sind keine fanatischen Workaholics. Es sind Individualisten, die versuchen, so wenig wie möglich mit der Welt des Business, der Politik und der Werbung in Berührung zu kommen."

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Polityka

"Oh, mein Blog!" rufen in der polnischen Wochenzeitung Mariusz Czubaj und Miroslaw Filiciak. "In einem Land, in dem vierzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung nichts liest, werden über zwei Millionen Online-Tagebücher, sogenannte Blogs, geführt". Warum? "Ein Blog zeugt von der Existenz einer Person. Kulturforscher vergleichen die Blog-Manie mit der Porträtmanie des späten Mittelalters, als Kaufleute das Bedürfnis nach Individualität und Außergewöhnlichkeit stillen wollten. Dieses Um-jeden-Preis-etwas-sagen-wollen hat schon einen eigenen Namen bekommen: Exscribitionismus." Was es in Polen allerdings nicht gibt, stellen die Autoren mit Bedauern fest, sind seriöse, politisch engagierte Blogs. "Nach diesem Maßstab gemessen, stecken wir noch in der Phase des egozentrischen, exhibitionistischen Online-Tagebuchs - das sagt viel über unsere Gesellschaft aus."

Außerdem: Für Adam Krzeminski ist der Auftritt Deutschlands als Gastland bei der Warschauer Buchmesse das "ü-Tüpfelchen" des Deutsch-Polnischen Jahres, und gefeiert wird Matisyahu, der Chasside, der mit seinem Mix aus Hip-Hop und Reggae die USA verzaubert hat.

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - Polityka

Vom Bildersturz zu den Mohammed-Karikaturen - Publizist Adam Krzeminski zeichnet in einem lesenswerte Essay die Geschichte des Umgangs mit bildlichen Darstellungen des Göttlichen in der abendländischen Kultur bis in heutige Tage nach. Was die Diskussion um die Pressefreiheit und Religion angeht, schreibt Krzeminski: "Es gibt weder die absolute Meinungsfreiheit, noch den absoluten Schutz der religiösen Gefühle. Die Grenzen der Freiheit aber werden durch das Recht bestimmt, nicht durch das individuelle Taktgefühl oder durch die Erpressung seitens einer aufgebrachten Menge. Im Westen ist das Recht nicht - und darf es nicht sein - identisch mit einer religiösen Moral. Deshalb darf es die Veröffentlichung von Karikaturen, selbst von schlechten, nicht verbieten - was nicht heißt, dass man sie nicht kritisieren und verdammen kann".

"Im April 1986 kam es in Tschernobyl zum größten Unfall in einem Atomkraftwerk, das man sich vorstellen konnte. Und? Und nichts. Es kamen 31 Menschen ums Leben, weniger als beim Halleneinsturz bei Kattowitz." Zbigniew Jaworowski, Experte für radioaktive Strahlung und seinerzeit verantwortlich für den Schutz der polnischen Bevolkerung vor den Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl, hält die "große Katastrophe" für einen Mythos: "Schon 2000 stellte ein UN-Bericht fest, der später von anderen UNO-Behörden bestätigt wurde, dass ein Einfluss des Unfalls auf die Zahl der Krebserkrankungen nicht nachgewiesen werden kann. Die Reaktion der UdSSR war verspätet und hysterisch - hätte man nichts getan, statt 336.000 Menschen zu evakuieren, hätte man weniger Schaden angerichtet. Ich kann mit aller Verantwortung feststellen: in Polen war durch die Katastrophe niemand gefährdet. Die Strahlung, die wir abbekommen haben, war ohne jeden Einfluss auf die Gesundheit." (Allerdings geht der umstrittene UN-Bericht von 4.000 Toten aus. Hier ein Interview mit Jaworoski zum selben Thema und hier ein Aufsatz von ihm über Strahlungsrisiken und Ethik.)

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - Polityka

"Ihr habt Glück: Ihr habt weder ein Gebäude, noch eine Sammlung, noch Mitarbeiter" soll der Direktor der Tate Gallery, Nicholas Serota, gesagt haben, als er von der Idee gehört hat, in Warschau ein Museum für Zeitgenössische Kunst zu bauen. Für Piotr Sarzynski steht fest: "Trotz der Einberufung vieler Beratergremien und der Festlegung für den Standort gegenüber des stalinistischen Kulturpalasts im Zentrum der Hauptstadt gibt es immer noch mehr Fragen als Antworten". Baubeginn soll nächstes Jahr sein, und noch ist nicht klar, ob "moderne" oder "zeitgenössische" Kunst gezeigt wird, und wie man eine Dauerausstellung zustande bringt, da nicht mal polnische Museen Exponate abgeben wollen. Trotz der vielen offenen Fragen wünscht sich Sarzynski aber eines: "Das Museum muss ein Ort der Präsentation und Konfrontation dessen sein, was im Bereich des Theater, der Musik, der Gebrauchskunst, des Plakats und sogar der Werbung, der Architektur, der Mode und des Lifestyles passiert."

Magazinrundschau vom 04.04.2006 - Polityka

Der Schriftsteller und Literaturkritiker Jaroslaw Klejnocki sorgt sich um die Poesie in Polen. "Die Leser haben kein Interesse mehr an junger Poesie, die Dichter interessieren sich nicht für die Leser. Alle reden nur von Prosa". Besonders in einem Land, das wie Polen immer für seine Dichter berühmt war, sei die Stille um diese Literaturgattung auffallend. "Die junge polnische Poesie braucht Autoren, die für Popularität sorgen. Nach Aussterben der großen Meister (Szymborska, Rozewicz etc.) droht unseren Lyrikern andererseits die Vereinsamung abseits vom Leser".

"127 Millionen Europäer leiden an der einen oder anderen psychischen Krankheit. Wir sind ein Kontinent der Neurastheniker", so beginnt Publizist Adam Krzeminski seinen Beitrag über die Berliner Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst". "Die dunkle Seite der Seele zieht immer noch Publikum an. Auch wenn die Melancholie in unseren Zeiten nicht mehr Gemütszustand, sondern medizinisch und technisch erfassbare 'Depression' ist, hat man sie noch nicht entzaubern können. Eine bravuröse Ausstellung!"
Stichwörter: Krzeminski, Adam

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - Polityka

Politisches Kino, das bei der Berlinale und anderen internationalen Festivals hoch angesehen wird, hat in Polen kaum eine Chance, findet Andrzej Wajda im Interview mit dem polnischen Magazin. "Wenn nur die Hälfte der Polen zur Wahl geht, sollte man sich nicht wundern, dass Filme mit politischer oder sozialer Thematik kaum Publikum anziehen. Ich hoffe, meine jüngeren Kollegen werden Filme über das gegenwärtige Polen machen, die nicht nur die Menschen daheim und im Ausland interessieren, sondern auch Zeugnis ablegen von unserem Ringen um Polens Platz im neuen Europa". Wajda, der jetzt einen Film über das Massaker von Katyn drehen wird, zeigt sich auch verwundert darüber, dass das Publikum vor allem Fabeln sehen will: "Ist die heutige Realität denn so abstoßend?"

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - Polityka

Agnieszka Lada erklärt, warum die von Medienunternehmen initiierte "Du-Bist-Deutschland"-Kampagne in Deutschland wenig Enthusiasmus hervorgerufen hat. "Die Diskussion um die Werbespots hat gezeigt, dass es in Deutschland schwer ist, Stolz auf sein Land von oben zu oktroyieren,oder offen über diesen Stolz zu sprechen". Die Schatten der Vergangenheit würden dabei immer wieder beschworen, so dass man sich schwer tue, eine Balance zwischen den beiden Polen zu finden: "Dieses innere Gleichgewicht müssen die Deutschen erst noch lernen - vielleicht mit Hilfe wenig gelungener Werbekampagnen, die viel Geld verschlingen und nicht immer Früchte tragen."
Stichwörter: Geld

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Polityka

Der russische Filmregisseur Andrei Konchalovsky ("Runaway Train") bekundet im Interview seinen Respekt für den KGB und seine Verachtung für die Demokratie: "Unter Jelzin haben wir eine Lektion in Demokratie erlebt - zehn Jahre lang stürzte man die Nation in den Alkoholismus, drei Millionen Kinder wurden auf die Straße gesetzt, 40000 Morde wurden jährlich begangen und einhundert Milliardäre produziert. Das ist die Bilanz dieser erbärmlichen Demokratie". Konchalovsky, der in Warschau an einer neuen Inszenierung von "King Lear" arbeitet, spricht sich auch gegen politische Interpretationen von Kunst aus: "Die Kunst wird die Revolution nicht ersetzen, sie verändert niemanden zum Besseren. Sie kann einen Menschen nur für fünf Minuten verändern - dann zieht er seinen Mantel an und verlässt das Kino oder Theater".

Marcin Rotkiewicz rät den Polen, nicht auf "hysterische Ökologen" zu hören und angesichts der Energieprobleme Atomkraftwerke zu bauen. Er erinnert an die Geschichte des Atommeilers von Zarnowiec, der trotz Ausgaben von ca. einer Miliarde US-Dollar gleich nach der Wende halbfertig gestoppt wurde. "Wenn die polnische Regierung eine Entscheidung für die Atomkraft trifft, können wir im ganzen Land mit lauten und demagogischen Protesten von Greenpeace und anderen Organisationen rechnen. Deshalb ist eine rationale Informationskampagne und eine konsequente Haltung der Regierung so wichtig".

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Polityka

Polen ist ein geteiltes Land, stellen Mariusz Janicki und Wieslaw Wladyka fest. Das Abstimmungsverhalten bei den Präsidentschaftswahlen spiegele auf erstaunliche Art und Weise die Grenzen Polens von 1918-1939 und sogar aus der Zeit der Teilung 1795-1918 wieder: Die ehemals preußischen Regionen im Norden und Westen stimmten konsequent für die liberalen, proeuropäischen Kräfte, während der traditionelle und bäuerliche Süden und Osten die national-konservative Option wählten. "Es sind Jahrzehnte vergangen, Kriege rollten über das Land hinweg, die Bevölkerung wurde durchmischt, die Gleichmacherei zu Zeiten des Sozialismus tat ihr Übriges - und trotzdem trennt eine unsichtbare Grenze das Polen von Tusk und das Polen von Kaczynski."

Der Literaturkritiker Marek Zaleski sorgt sich um die polnische Prosa. Gerade der Anspruch, die aktuelle Wirklichkeit beschreiben zu wollen, sei ein Problem: "Auf längere Sicht wird nur die Prosa der Autoren Bestand haben, die überraschen, ohne bemüht zu sein. Nicht ohne Wert ist auch der Sinn für Humor - lieben wir nicht deshalb Andrzej Stasiuk, Jerzy Pilch, Adam Wiedemann oder Dorota Maslowska?" Da die Lebensstile und somit die Lesegewohnheiten sich verändern, werden immer mehr kurze Prosaformen an Popularität gewinnen, prophezeit Zaleski.