Magazinrundschau - Archiv

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91 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 10

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - Rue89

Ist es in Ordnung, wenn Rapper sich ihre Texte von anderen schreiben lassen oder bedeutet dies das Ende des HipHop? Dieser Frage eines „künstlerischen Tabus“ geht Francois Oulac nach und zeigt: Fast alle tun es. Es gebe zwei widerstreitende Meinungen: „Für die einen ist ein Rapper ein 'Unternehmer’, eine Marke, der bald Zulieferer mit sämtlichen Aspekten seines künstlerischen Universums beauftragt (Musik, Texte, Image). Die Puristen dagegen sehen in Ghostwriting ein Sakrileg von Leuten, die vorgeben, ihre Musik sei persönlich. Für Jean-Claude Perrier, Autor von zwei Anthologien des französischen Raps, bedeutet der Einsatz von Textern schlicht und einfach den Tod der Gattung: 'Es ist beklagenswert, man nimmt dem Rap damit den letzten Rest Authentizität. Rap beruht auf Worten, auf der absoluten Übereinstimmung des Texts und dem, der ihn vorträgt. Wenn man sogar diese Authentizität fortnimmt, wird ein Song daraus. Da sehe ich dann keinen Unterscheid mehr zwischen einem Rapper und Johnny Hallyday."

Magazinrundschau vom 05.03.2013 - Rue89

Alizee Golfier beschäftigt sich mit einem relativ neuen Phänomen, dem Neo-Luddismus, eine Art moderner Maschinenstürmerei, die sich vor allem gegen die allgegenwärtigen neuen Technologien richtet. Der Begriff lehnt sich an eine Protestbewegung englischer Arbeiter anfang des 19. Jahrhundert an, die in ihrem Kampf gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen im Zuge der Industrialisierung auch Maschinen und Produktionsmittel zerstörten. Eins zu eins lässt sich das natürlich nicht übertragen, schreibt Golfier, nicht nur, weil Motive, Themen und Aktionsformen des Neo-Luddismus so unterschiedlich sind. "Man kann den Neo-Luddismus nicht auf einen Widerstand gegen die Technik als solche reduzieren. Es gibt ebenso viele Protestformen wie Probleme, die im Zusammenhang mit Fortschritt und Technik stehen: ökologische Kämpfe gegen Gentechnik und Atomkraft, Verurteilung der Nanotechnologie, Ablehnung der Datenerfassung im Alltag, Widerstand gegen Sicherheitserfordernisse (Kameras an öffentlichen Orten). Schwierig, sich da zurechtzufinden. Der Historiker Francois Jarrige meint: 'Es gibt keine Struktur, wo man einen Anführer oder Aktivisten treffen könnte. Es handelt sich vielmehr um einen vagen Personenkreis, der findet, dass Technolgie eher Entfremdung als Mittel der Emanzipation ist.'"

Magazinrundschau vom 11.12.2012 - Rue89

Es liegt am "K-Pop" mit Jungsbands wie Girls Generation, Shinee oder DBSK und an Soap Operas, die übrigens aus Propagandagründen von der koreanischen Regierung produziert werden: Südkorea entfaltet in Frankreich eine ungeahnte Popularität, zumindest bei Mädchen. Die Nachfrage nach Sprachkursen hat sich versechsfacht, an Universitäten wurde ein Numerus clausus eingeführt. Aus der Liebe zu den Boygroups wird nicht selten eine Liebe zum Leben in Südkoea, berichtet Amandine Dubiez: "Am Ende werden die Studentinnen des Instituts für orientalische Sprachen (Inalco) und der Universität Paris VII für ein Austauschjahr nach Südkorea geschickt. Neun von zehn kommen nicht nach Frankreich zurück: 'Sie verschwinden. Ich weiß nicht, was sie machen, keine Neuigkeiten', sagt Yannick Bruneton von der Universität Paris VII. So wie Morgan, 22, die seit August in Korea lebt, sind sie vielleicht Kellnerinnen geworden und leben in einer Studenten-WG. Patrick Maurus vom Inalco ist sich sicher: 'Man muss nur an die Tür der Unternehmen klopfen, um einen Job zu finden. Selbst wenn man mittelmäßig ist - man wird etwas finden.'"
Stichwörter: Korea, Rue89, Südkorea, K-Pop

Magazinrundschau vom 27.11.2012 - Rue89

Finanziert von den Saudis breitet sich immer mehr ein radikaler Islam in Bosnien-Herzegowina aus, klagt die bosnische, zum Teil in Frankreich lebende Autorin Jasna Samic im Interview mit Etienne Baldit. Der Islamismus findet einen um so leichteren Zugang, als sich im ehemaligen Jugoslawien die Identitäten ohnehin religiös definierten: "Die Religion dominiert. Die Nationalität existiert nicht, sie ist 'verschmolzen' seit die Türken das Serbentum anerkannten und die Serben selbst ihren Nationalismus mit der Religion ineinssetzten: Serbentum bedeutet zugleich Angehörigkeit zu einem Volk, einer Nation und der orthodoxen Religion. Diese Gleichsetzung existierte immer schon und heute umso mehr: Die so genannten Bosniaken sind Muslime, die Serben orthodox, die Kroaten katholisch."

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - Rue89

Auch in den französischen Medien wird im Moment heiß über Internetthemen debattiert. Da ist einerseits die Steuer, die man Google dafür auferlegen will, dass es auf Presseartikel verlinkt - eine Initiative, die ausdrücklich von der deutschen Idee eines Leistungsschutzrechts inspiriert ist (hier ein Artikel in Le Monde zum Thema). Und andererseits tobt eine Art Klassenkampf zwischen alten und neuen Medien um Staatsknete, ohne die in Frankreich kaum ein Wirtschaftszweig auskommt, schon gar nicht die Presse. Laurent Mauriac stellt in einem der neuen Medien, dem Blog rue89, ein "Manifest zur Neukonzeption des Pressesektors" vor, das vom Syndicat de la presse indépendante d'information en ligne, einem Verband der Online-Medien formuliert wurde. Und da wird erstmal die Abschaffung der Subventionen für die Papierpresse verlangt: Denn "entweder dienen diese Subventionen als permanenter Tropf, der es notleidenden Publikationen erlaubt mehr schlecht als recht zu überleben, ohne sich publizistisch und kommerziell zu erneuern. Oder sie sind ein warmer Regen, den man sich als Opportunist gerne abzweigt."

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - Rue89

Alle schreiben über die Piraterie von Daten und Produkten, aber sein Gegenstück, der Urheberschafts-Betrug, wird fast nie thematisiert, wundert sich Pierre-Carl Langlais. Bei dieser Form des Betrugs behauptet man ein Urheberrecht an einem eigentlich frei zugänglichen Inhalt. Selbst angesehene Instititionen wie die französische Nationalbibliothek bedienten sich dieser fragwürdigen Praxis, was jedoch meist folgenlos bleibe. Besonders arg treibt es die Vereinigung der französischen Nationalmuseen: "Diese Institution versucht nicht nur, die Verbreitung zu beschränken, sondern tatsächlich das Urheberrecht zu privatisieren. So trägt eine Reproduktion der 'Mona Lisa' [auf der Website des Louvre] den Hinweis '© RMN-Grand Palais (Musee du Louvre) Michel Urtado', womit auf das Urheberrecht des Fotografen verwiesen wird. Sofern es sich jedoch um eine simple Wiedergabe ohne jegliches ästhetisches Zutun handelt, hat dieser Anspruch keinerlei Bedeutung - und wurde übrigens von der französischen Rechtssprechung auch immer bestritten."

Magazinrundschau vom 04.09.2012 - Rue89

Neben all dem Blut und der Gewalt der Revolution werden in Syrien auch positive Aspekte im gesellschaftlichen Umformungsprozess sichtbar, berichtet Marie Kostrz. Sie meint damit vor allem die Aufbruchsstimmung bei den Künstlern, von denen einige mit ihren Arbeiten vorgestellt werden, etwa Kurzfilme von Mohmad Omran oder Arbeiten des Filmemachers Mohammad al-Attar, aber auch satirische Beiträge über Assad. "Früher waren die Werke auf einen begrenzten Kreis beschränkt, heute sind viele Arbeiten im Netz präsent dank Facebook-Seiten wie El fan wal Huria (Kunst und Freiheit), die inzwischen ein Forum für Zeichnungen, Lieder oder Fotografie darstellen." Für Charif Kiwan von der Filmproduktionsfirma Abu Naddara ist diese Öffnung auch deshalb wichtig, weil sie der Revolution ein anderes Gesicht verleiht als jenes, das die Massenmedien vorgeben: "Wichtig sei, erklärt er, über die Revolution so zu berichten, wie sie im Alltag erlebt wird und von den grausamen und manchmal erbärmlichen Bildern von den Kämpfen abzurücken, die von internationalen Sendern wie Al Jazeera oder Al Arabiya ausgestrahlt werden."

Hier eine englisch untertitelte Episode aus "Top Goon", die Bachar el-Assad aufs Korn nimmt:


Magazinrundschau vom 28.08.2012 - Rue89

Afef Abrougui interviewt für Global Voices und Rue89 den bloggenden tunesischen Karikaturisten "_Z_", der erklärt, warum er auch unter den neuen Herrn weitermacht, Symbole des Islams zeichnet (und verspottet) und seine Anonymität schützt: "Ich berufe mich auf die Gewissensfreiheit (Artikel 5 der Verfassung), die auch den Begriff des Heiligen relativiert. Blasphemie existiert nur in der inneren Logik eines religiösen Systems - aber nicht eines Systems, das die Gewissensfreiheit toleriert. Obwohl der Artikel 5 bis heute gilt, wird er in der Praxis ignoriert. Man hat Nessma TV für die Ausstrahlung eines Zeichentrickfilms verklagt, in dem Gott auftritt ('Persepolis'). Man hat einen Internetnutzer wegen Veröffentlichung blasphemischer Zeichnungen zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. In der Praxis hat das religiöse Tabu also Vorrang vor der Gewissenfreiheit - und also der Freiheit an sich."

Magazinrundschau vom 14.08.2012 - Rue89

Blandine Grosjean sucht in einigen Quellen nach Informationen über den Norden Malis, der immer mehr unter den Einfluss extremistischer Islamisten gerät. Erste Steinigungen und Amputationen haben stattgefunden. Grosjean zitiert einen Reporter des französischen Senders RFI, der über die von der Gruppe Ansar Dine gehaltene Stadt Tessalit berichtet: "Frauen dürfen nicht mehr auf die Straße. Männer sind verpflichtet, an den Gebeten in der Moschee teilzunehmen. Die Strafe ist bekannt: Zwei vergessene Gebete gleich zehn Peitschenhiebe. Eine Frau, die auf der Straße mit einem Mann zu sehen ist, der nicht zur Familie gehört - zwanzig Peitschenhiebe. Alle gehorchen. Die Angst vor der öffentlichen Demütigung ist zu groß." Die UNO und vor allem der Sicherheitsrat zeigen sich laut Grosjean nicht sehr handlungsbereit, weil sie zu sehr mit der Lage in Syrien okkupiert sind.
Stichwörter: Rue89, UNO, Din, Mali, Amputationen

Magazinrundschau vom 07.08.2012 - Rue89

Die Islamisten in Tunesien definieren das Geschlechterverhältnis neu. Die unter dem Diktator Ben Ali zumindest offiziell verbriefte "Gleichheit" der Frauen wird abgeschafft und soll in der neuen Verfassung durch Begriffe wie "Komplementarität" von Mann und Frau und "Gerechtigkeit" ersetzt werden, berichtet Thierry Brésillon. Er zitiert den marokkanischen Soziologen Abdessamad Dialmy, der versucht, die gemäßigt islamistischen Terminologien zu erklären: "Der Geschlechterunterschied muss für den Islam nach der Definition der Islamischen Front in rechtlicher Hinsicht zu Gerechtigkeit, nicht zu Gleichheit der Geschlechter führen. Männer und Frauen haben aufgrund ihrer Geschlechterdifferenz unterschiedliche soziale Rollen. Aus diesem Grund dürfen ihre Rechte nicht gleich sein. Jedem geschlechtssozialem Status müssen eigene Rechte zukommen."

Die Debatte über Beschneidung ist auch nach Frankreich übergesprungen. Jérôme Segal berichtet aus Österreich, wo die Aufregung ebenfalls groß ist. Segal verhehlt nicht, dass er gegen Beschneidung ist und auch das Hygiene-Argument nicht anerkennt: "Bei der Empfehlung für Beschneidung durch die Weltgesundheitsorganisation ist zu beachten , dass sie für einige Länder im subsaharischen Afrika gilt und der Bekämpfung von Aids dient. In einigen dieser Länder ist die Macht der Katholischen Kirche so groß, dass der Gebrauch von Präservativen problematisch ist."