Magazinrundschau - Archiv

Rue89

91 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 10

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - Rue89

Im Gespräch mit Pierre Haski informiert Ai Weiwei, der immer noch unter Hausarrest lebt, über die Fortschritte im Prozess gegen ihn. Aber eigentlich gibt es keine: "Es gibt kein juristisches Verfahren gegen mich, hat es übrigens nie gegeben. Selbst nach meiner Festnahme oder nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis, es hat nie ein Dokument gegeben, das aufführte, warum man mich festgehalten hat, keinerlei Anschuldigung. Öffentlich hat man vor allem gegenüber dem Westen erklärt, dass ich Steuerprobleme hätte. Aber es ist nie Anklage erhoben worden. Sie haben eine Firma verklagt, mit der ich gearbeitet habe, aber auch das war eine reine Konstruktion." Der Hausarrest bleibt trotzdem bestehen, Ai Weiwei hat nach wie vor keinen Reisepass.
Stichwörter: Ai Weiwei, Rue89

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - Rue89

Zineb Dryef unterhält sich mit dem Philosophen Edgar Morin, der in dem Buch "Mon Paris, ma mémoire", das im Winter erscheinen wird, eine ganz persönliche Stadtgeschichte schreibt. In einer Passage des Gesprächs spricht er über die unzähligen Pariser Pissoirs, die es nach dem Krieg noch in der ganzen Stadt gegeben habe. "Für uns Jugendliche war das sehr praktisch. Wir haben gern eines ganz in der Nähe gehabt. Heutzutage muss man ja, um in Ruhe pinkeln zu können, in einem Bistro etwas konsumieren. Es war auch ein wichtiger Ort für Homosexuelle. Es gab da das berühmte Pissoir am Boulevard Raspail, nicht weit vom Verlag Gallimard. Dort ging es ziemlich schwul zu, wie man nicht nur damals sagte, und sehr literarisch. Als Jugendlicher wurde ich dort manchmal befummelt ... Das fand ich gar nicht gut."
Stichwörter: Gallimard, Mons, Rue89, Stadtgeschichte

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Rue89

Die lesbische Aktivistin Ahlem Bensaidani wendet sich gegen Femen in Tunesien. Die Aktion westlicher Feministinnen für die Tunesierin Amina Sboui, die im Gefängnis sitzt, weil sie das Wort "Femen" an eine Friedhofsmauer gemalt hat, sei kontraproduktiv. Bensaidani erläutert den Begriff der "intersectionnalité", um ihre Idee zu erläutern: Ein Protest gegen die Unterdrückung muslimischer Frauen dürfe nicht als Kritik an der islamischen Kultur an sich auftreten: "Die Aktivistinnen von Femen werden keine Frauen für ihr Anliegen gewinnen, die zwar ihre Idee der Gleichheit für die Frauen teilen, sich zugleich aber abwenden werden, weil sie Angst haben, das Spiel der Islamophobie mitzuspielen oder Lektionen erhalten zu sollen, zumal wenn sie das Gefühl haben, dass sie wegen des Stigmas ihrer Religion gar nicht willkommen sind."

Magazinrundschau vom 16.07.2013 - Rue89

Rue89 stellt ein interessantes Dossier zu den Fotoausstellungen des jährlichen Festivals in Arles zusammen. Im Hauptartikel verweist Pierre Haski auf sechs der wichtigsten Ausstellungen. Schon letzte Woche berichtete er über die seiner Meinung nach wichtigste dieser Ausstellungen, die Arbeit von Alfredo Jaar, der in der Eglise des Frères-Prêcheurs vor allem weiße Screens zeigt und - in Worten! - die Geschichten einiger Fotografen und Fotos erzählt, etwa die des Fotografen Kevin Carter, der für ein Foto eines sterbenden Kindes im Sudan 1993 einen Pulitzer-Preis bekam - hinter dem Kind wartete ein Geier geduldig auf seinen Moment: "Nach diesem Preis war Carter von Kritikern angegriffen worden. Hatte er dem kleinen Mädchen Überlebenshilfe geleistet? Wozu ist dieses Foto gut, wenn dem Mädchen nicht geholfen wurde? Hat der Fotograf Ästhetik über Solidarität gestellt? Kevin Carter hat das nicht ausgehalten. Er hat sich umgebracht und hinterließ einen Abschiedsbrief: 'Es tut mir leid.' Jaar erzählt diese Geschichte ohne Pathos, und darum bestürzt sie einen noch mehr."
Stichwörter: Rue89, Sudan, Arles, Freres, Geier

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - Rue89

Femen sorgt in Tunesien für echte Nervosität, erzählt Karim Ben Smail. François Hollande ist auf Staatsbesuch und soll im französischen Gymnasium mit Vertretern der Zivilgesellschaft diskutieren. Eine Schülerin trägt ein T-Shirt mit dem Bild der verhafteten Femen-Aktivistin Amina. Man verwehrt ihr den Zutritt. Als die Bürgerrechtlerin Amira Yahyaoui, die mit Hollande diskutieren soll, das hört, verlangt sie, dass das Mädchen hereingelassen wird: "'Sie kommen rein, aber nicht das Mädchen mit seinem T-Shirt.' In diesem Moment versteht Amira Yahyaoui, dass die ganze Versammlung Angst vor einer Femen-Geste in Anwesenheit des Präsidenten hat und sagt: 'Dann mache ich das eben an ihrer Stelle.' Woraufhin auch ihr der Zugang verboten wird."

Magazinrundschau vom 02.07.2013 - Rue89

Stefan Zweig wird in Frankreich wahrscheinlich mehr gelesen als in Deutschland (und sogar in Österreich?) Gerade ist ihm (wohl auch wegen frei werdender Rechte) eine Ehre widerfahren, die Thomas Mann, Heinrich Mann, Hermann Hesse oder Alfred Döblin bisher nicht vergönnt war: Er wurde in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen, die berühmte Klassikerreihe, die in Frankreich den Kanon definiert. Aurélie Champagne unterhält sich mit dem Herausgeber Jean-Pierre Lefebvre über Zweigs Popularität in Frankreich: "Die Leute lesen eine Sache von ihm, dann zwei, dann drei und kommen vom Hundertsten ins Tausendste, denn es ist ein Werk, das viel über Geschichte und die Werke anderer spricht (Nietzsche, Dostojewski, Hölderlin, Dickens, Tolstoi...) Er ist eine Art Türöffner. Und da ist es doch viel angenehmer, Zweig zu lesen, zumal in Frankreich, wo er gut übersetzt ist. Das ist nicht so langatmig wie Thomas Mann...."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - Rue89

Der bekannteste französische Medienkolumnist, Daniel Schneidermann, bekennt seine Bewunderung für den Whistleblower Edward Snowden: "Er kennt die Risiken, die er eingeht. Er weiß, dass er ein lebenslanges Exil in Hongkong riskiert, in einem Hotelzimmer, das kein bisschen komfortabler ist als ein Zimmer in der ecuadorianischen Botschaft in London und kaum komfortabler als eine Zelle in einem amerikanischen Militärgefängnis. Die Alternative ist die Auslieferung in die USA, oder der Zugriff der chinesischen Regierung. Er weiß es und steht aufrecht. Er will weder Ruhm noch Geld. Er denkt, dass er getan hat, was er tun musste, denn es ist nicht anständig, die Bürger auszuspionieren."

Ebenfalls nicht unfeierlich: Pierre Haskis Hommage auf die beiden französischen Journalisten, die in Syrien vermisst werden, Didier François und Edouard Elias: "Für viele Medien hat sich das Risiko-Interesse-Verhältnis nicht mehr gelohnt, sie haben ihre Journalisten aus Syrien abgezogen. In den Medien ist eine Syrien-'Müdigkeit' zu verspüren, die auch dazu beiträgt. Dabei gibt es Gegenbeispiele, etwa die Artikel Jean-Philippe Rémys und seines Fotografen Laurent Van der Stockt, in Le Monde, die den Beweis für Giftgaseinsätze und damit ein neues Streitthema brachten."

Magazinrundschau vom 21.05.2013 - Rue89

Stéphane Mot will mit einem kleinen Essay über den neuen japanischen Premierminister Shinzo Abe (der vor ein paar Jahren schon mal im Amt war) aufrütteln. Noch viel deutlicher als andere verantwortliche Politiker vor ihm, so Mot, knüpfe Abe an revisionistische und rechtsextreme Tendenzen in Japan an: "Auch wenn er die absolute Mehrheit nicht für sich hat, kontrolliert er mit seinen rechten Allierten von 'Your Party' und der 'Japan Restoration Party' doch alles. Der Führer der 'Restoration Party' und Bürgermeister von Osaka, Toru Hashimoto, hat vor kurzem einen globalen Aufruhr ausgelöst, als er erklärte, dass die Zwangsprostituierten der kaiserlichen Armee, die in die sexuelle Sklaverei gezwungen wurden, alles in allem ein notwendiges Phänomen gewesen seien." Shinzo Abe, schließt Mot, sei der schlimmste Feind der Demokratie in Japan.
Stichwörter: Rue89, Sklaverei, Abe, Shinzo, Osaka

Magazinrundschau vom 09.04.2013 - Rue89

Zehn Dinge, die man nicht unbedingt über Nordkorea weiß, erzählt Pierre Haski. Zum Beispiel, dass der Sohn Mao Tse-tungs, Mao Anying, im Koreakrieg getötet wurde - eine Million Chinesen hatte sich freiwillig auf nordkoreanischer Seite engagiert und erlitten eine mörderische Niederlage. "Dieser Blutzoll hat eine enge Bindung zwischen den Chinesen und Nordkorea geschaffen. Im Jahr 2003 zog eine Ausstellung zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsendes im Pekinger Militärmuseum eine immense Menge von Besuchern an, oft Familien, die von Veteranen angeführt wurden. Der Clou der Ausstellung war ein gigantisches begehbares Modell Koreas, auf dem die Orte der Schlachten verzeichnet waren. Ich sah alte Männer, die dort Stunden verbrachten, im Gedenken an das Erlebte und tote Kameraden. Das Thema bleibt in China überaus heikel. Historiker die eine vom offiziellen Epos abweichende Geschichte erzählen, werden unterdrückt."

Magazinrundschau vom 02.04.2013 - Rue89

Begeistert bespricht Pierre Haski, Mitbegründer von Rue89, eine Ausstellung in der Pariser Nationalbibliothek über Guy Debord. Wie bei Debord üblich hebt Haski den visionären Charakter der "situationistischen Internationale" hervor, die sowohl den Kapitalismus als auch die Doktrin der KPF in den fünfziger Jahren kritisierte. Ganz so harmlos wird man es in Deutschland nicht sehen, da eines der der deutschen Gründungsmitglieder der Situationisten Dieter Kunzelmann war und an die ganze Bewegung die Frage zu stellen ist, ob die Idee einer politischen als künstlerische Aktion nicht von vornherein höchst dubios ist. Bei Debord selbst lief es mehr auf Spiele hinaus. Er hatte im Jahr 1977 ein Kriegsspiel ersonnen "und zu dieser Zeit mit dem Verleger Gérard Lebovici eine Firma namens 'Les Jeux stratégiques et historiques' gegründet, die solche Spiele herausbringen sollte... Der Blogger Etienne Mineur merkt an, dass dieses Spiel auf den Kriegstheorien von Clausewitz beruhte und sich also die Kriege des 18. Jahrhunderts und die Kriege aus der Revolutions- und Empirezeit zum Vorbild nahm."

Debords "Société du spectacle" kann man auf Youtube in voller Länge als Film sehen: