Magazinrundschau - Archiv

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64 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 7

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - Slate.fr

Jean-Laurent Cassely et Jean-Marie Pottier stellen das Buch "The Complacent Class" des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Tyler Cowen vor. Er entwirft darin ein Bild seines Landes, in dem die Selbstzufriedenheit führender Akteure dazu führt, dass es der Fortschrittsfeindlichkeit und Unbeweglichkeit erliegt. Die Rezensenten überlegen, ob sich dieser Befund auch auf Frankreich übertragen lasse: "Auch auf kultureller Ebene neigen die Franzosen dazu, sich in Gruppen sozial Gleichgestellter zusammenzuschließen, ein Phänomen der Abschottung und des Rückzugs, das sich keineswegs nur auf die Minderheit hoch Privilegierter beschränkt, die in abgesicherten Vierteln leben. In einem Bericht von 2012 beschreibt Louis Maurin, Leiter des Observatoire des inégalités, einen Prozess der 'wachsenden kulturellen Absonderung, basierend auf dem Bildungsabschluss'. Die mit den höchsten Abschlüssen konzentrieren sich zunehmend in einigen Städten und Stadtvierteln, während andere Gebiete mit weniger gut dadurch ebenfalls homogener werden." Bei npr.org findet sich ein Interview mit Cowen zum Thema.

Für einen sehr instruktiven Hintergrundartikel hat sich Boris Bastide sämtliche Eigenproduktionen von Netflix angesehen (die übrigens nur selten reale Eigenproduktionen und meist exklusive Vermarktungen sind) und erforscht auch die Strategie des neuen Akteurs, der sowohl für die Kinohäuser wie für Fernsehsender eine unheimliche Konkurrenz darstellt. Dazu gehört etwa die Vorliebe für Dokumentarfilme: "Für Netflix ist dieses Experimentierfeld aus verschiedenen Gründen besonders interessant. Die Kosten sind in der Regel geringer als bei Fiktion, und der Markt ist völlig zersplittert. 'Außer in sehr großen Städten zeigt kein Kino in den USA Dokumentarfilme', analysiert Thomas Sotinel, Filmkritiker bei Le Monde. Aber Netflix ist überzeugt, dass dennoch Nachfrage existiert."

Magazinrundschau vom 30.05.2017 - Slate.fr

Eric Leser beschäftigt sich mit dem Mythos vom islamistischen Attentäter als einsamem Wolf. Der Glaube an Islamisten als Einzeltäter spiele den extremistischen Netzwerken ebenso in die Hände wie den überforderten Sicherheitsdiensten, meint Leser: "Für Islamismus-Forscher existiert der einsame Wolf nicht. Der Heilige Krieg ist nichts, was man beschließt oder allein führt. Es ist ein gemeinsamer Kampf, in dem es um Zugehörigkeit und Treue geht ... Der Begriff ist auch ein nützliches Kommunikationswerkzeug für terroristische Organisationen. Wenn wir von anonymen Dschihadisten umgeben sind, die jeden Moment bereit sind zuzuschlagen, verstärkt das die Angst und polarisiert die öffentliche Meinung. Das ermöglicht den Dschihadisten, ihre Schlagkraft hochzuspielen ebenso wie ihre Fähigkeit, unserer Gesellschaften zu infiltrieren."“

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - Slate.fr

Frappierende Parallelen zieht Patrick de Jacquelot zwischen den uns bekannteren populistischen Führern wie Erdogan und Putin und Narendra Modi in Indien und zitiert etwa den Autor T N Ninan, der diese Parallele - besonders zu Erdogan - im Business Standard länger ausgeführt hat (auch Amitav Ghosh hat zu diesem Thema geschrieben). Wie dieser Populismus in Indien funktioniert, zeigt Jacquelot am Beispiel eines massiven Rückzugs von Geldscheinen aus der Zirkulation, einer Maßnahme Modis, die zu viel Aufruhr geführt hat: "Modi erklärte, es gehe darum 'die korrupten Eliten' zu bestrafen, erklärt Ninan: 'Er diabolisiert die Reichen.' Eine Strategie, die ihm einen großen Erfolg eingetragen hat, wie es der überwältigende Wahlsieg im Bundesstaat Uttar Pradesh mit seinen 200 Millionenn Einwohnern gezeigt hat. 'Mit seiner Botschaft 'ich lasse die Reichen leiden' hat Modi den Rückhalt der Armen gewonnen, obwohl es die Armen waren, die viel stärker vom temporären Verschwinden des Bargelds betroffen waren, sagt man in diplomatischen Kreisen in der indischen Hauptstadt. 'Das ist das Wunder des Populismus."'

Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf das Buch des Indien-Korrespondenten der New York Times, Basharat Peer, "A Question of Order - India, Turkey, and the Return of Strongmen". Mehr dazu bei hurriyetdailynews.com. Parallelen sieht er unter anderem in der Kaschmir- und Kurdenfrage.

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - Slate.fr

In einem Gespräch mit der Historikerin Juliette Sibon geht es um deren Buch "Chasser les juifs pour régner". Dessen These: Im Mittelalter habe der Judenvertreibung in Frankreich weniger religiöser Hass oder Bereicherungswille zugrunde gelegen, sie habe vor allem dem Machterhalt gedient. Demnach bedeutete sie für Philipp II. und seine Nachfolger die Bestärkung und Behauptung der Einheit ihres Territoriums und der Überlegenheit einer Zentralmacht über lokale Machtbefugnisse. Sibon erklärt: "Es ging dabei auch um den Aufbau der Nation, die sich ab dem 13. Jahrhundert zunehmend definiert, als einer christlichen Nation. Und genau dieser Grund erschien mir letztlich der überzeugendste - jedenfalls der am wenigsten durch die Fakten widerlegte… Ich analysiere die Vertreibungen als Regierungsakte der Könige von Frankreich. Demnach stellten die Juden 'Vektoren der staatlichen Macht' dar. Es geht nicht darum, alle anderen Erklärungen abzulehnen, sondern zu sagen, dass sie a posteriori konstruiert wurden und nicht die Hauptmotive die Herrscher im Moment ihres Handelns bildeten."

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - Slate.fr

Seit einigen Monaten tauche in den Medien ebenso wie in den sozialen Netzwerken ständig der Name Gramsci auf. Gael Brustier geht deshalb der Frage, was es mit diesem italienischen Journalisten und marxistischen Philosophen auf sich hat, der plötzlich so häufig zitiert wird. Möglicherweise liege es am Erstarken des Neoliberalismus, der eben nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ethische und moralische Angelegenheit sei. Brustier fasst die Grundzüge von Gramcis Denken zusammen und meint abschließend: "Der italienische Denker gehört zum europäischen Erbe. Er hat die Werkzeuge geschmiedet, die für eine Analyse der Welt heutzutage nützlich sind, um zu verstehen, wie die Menschen sie sehen und am sozialen Leben teilhaben, wie Individuen und Medien interagieren, wie sich Repräsentationen und Identitäten auf magmatische Weise ständig neu formen."

Magazinrundschau vom 10.01.2017 - Slate.fr

Die IS-Videos zu analysieren wie einen Kinofilm, ist ein Fehler, argumentiert Maryse Emel. Es sei intellektuell zweifellos verführerisch, die Propagandafilme auf einen amerikanischen Hollywood-Standard zurückzuführen, doch die Live-Aufnahmen von Hinrichtungen hätten eine besondere Eigenheit: das Unbehagen liege in der Rezeption der Bilder. „Es gibt im Kino eine stille Übereinkunft zwischen Regisseur und Zuschauer, an den Schein zu glauben. Dies sei 'die ureigene Bedingung von Darstellungen und insbesondere des Kinos‘', schreibt Jean-Louis Comolli. Der IS bricht diese Übereinkunft. Die Kraft des Kinos besteht gerade im Verwirrspiel, das uns dazu bringt, uns unser eigenes Bild zu schaffen. Kino ist künstlich. Der IS tötet den cinematografischen Kunstgriff, indem er auf der Realität des Gemetzels auf der Leinwand insistiert.“"

Außerdem zu lesen ist ein Gespräch mit der französischen Regisseurin Amandine Gay, Sprachrohr der afro-feministischen Szene, die den Dokumentarfilm „Ouvrir la voix“ über 24 schwarze Frauen in Belgien und Frankreich gedreht hat

Magazinrundschau vom 06.12.2016 - Slate.fr

Daphnée Leportois geht der Frage nach, wie die Attentate von Paris und Nizza das Unterbewusstsein der Franzosen beeinflusst haben und in den Alltag eingedrungen sind. So seien etwa neue Verhaltensweisen zu beobachten, etwa der Einsatz neuerdings durchsichtiger Müllbeutel, die jetzt am Straßenrand abgestellt werden, oder "das zum Reflex gewordene Öffnen von Taschen vor Wachmännern beim Betreten eines Einkaufszentrums oder Museums". Tigran Tovmassian, einer der Leiter eines Forschungsprojekts über durch die Attentate Traumatisierte, erklärt, inwiefern die Anschläge auch das Fundament des Sicherheitsgefühls beschädigt hätten, auf dem unser Ego und unsere Psyche basiert: "Alle baden in einer Illusion von Unsterblichkeit, und genau diese haben die Anschläge erschüttert. Die Terroristen haben etwas Lebenswichtiges zerbrochen, sie haben die Stützkonstruktion zwischen unserer animalischen, selbsterhaltenden Natur und unserer Stellung als Kulturwesen zerstört. Man wird fast wieder zu einem Beutetier, das sich einem potenziellen Raubtier gegenübersieht."

Magazinrundschau vom 04.10.2016 - Slate.fr

Fanny Arlandis schildert in einer mehrteiligen Reportage die schwierige Rolle männlicher syrischer Flüchtlinge im Libanon, die dort– zum Teil schon jahrelang in Lagern leben. Sie können sich nicht frei bewegen, müssen sich anders verhalten als zu Hause und können sich nicht um ihre Familien kümmern. Ihre gesellschaftlich definierte Rolle, immer stark sein zu müssen, gerät damit ins Wanken. Arlandis war im Lager mit einem Psychologen unterwegs, der die Situation der Männer so einschätzt: "„Der Krieg definiert die Beziehung zwischen Vätern und Kindern neu, da die Familie in Syrien im erweiterten Sinne heilig ist. Auch Onkel und Großvater beteiligen sich an der Erziehung. Wenn also ein Mann ohne seine Familie in dieses Lager hier kommt, muss er all diese anderen Männer ersetzen und ihre Rolle übernehmen, wodurch sich der Druck auf ihn um ein Vielfaches verstärkt.“" Im zweiten Teil der Reportage geht es um „die Unmöglichkeit, Vater zu sein“, der dritte Teil wird morgen online gestellt.

Magazinrundschau vom 19.07.2016 - Slate.fr

Auch in Graphic Novels wird der Terrorismus behandelt, und dies schon seit längerem, erzählt Patrick de Jacquelot. Lange vor den Attentaten von Paris oder Nizza hat das Thema eine Rolle gespielt: 'Léna et les trois femmes' (Text von Pierre Christin, Zeichnungen von André Juillard) ist 2009 erschienen, 'L'attentat' (Text von Loic Dauvillier, Zeichnungen von Glen Chapron) 2014. Für die neue Saison sind mehrere Neuerscheinungen vorgesehen, etwa 'L'appel' (Text von Laurent Galandon, Zeichnungen von Dominique Mermoux) und 'Kobané Calling' (Text und Zeichnungen von Zerocalcare). "Es gibt eher realistische und eher fiktionale Annäherungen an das Thema. 'Léna et les trois femmes', 'L'Attentat' ou 'L'Appel' verfolgen einen völlig realistischen Ansatz. Hier wäre man kaum erstaunt einen Hinweis zu finden 'In Anlehnung an reale Ereignisse - nur die Namen sind erfunden'. Diese bandes dessinées sind solide dokumentiert und liefern absolut plausible Geschichten, auch wenn Fiktion, kreative Freiheit und das Lesevergnügen von den Autoren durchaus gewollt sind. Andere nähern sich dem Gegenstand eher in imaginativer Weise."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Slate.fr

Henri Tincq ordnet den bevorstehenden Ramadan in die konfliktbeladene Geschichte des Islam ein, der für Schiiten und Sunniten im Mittleren Osten auch diesmal von Terror und Glaubenskriegen geprägt sein wird. "Bei dem Wettkampf, den sich Saudi-Arabien und der Iran auf einem bisher unerreichten Niveau liefern - mit Tausenden von Toten im Irak, Syrien und Jemen -, steht die Führung im Islam auf dem Spiel, die Auseinandersetzung der zwei Geschichten, der zwei Visionen und der zwei eschatologischen Versionen des Menschen ... Dieser historische Hintergrund mit seinen dogmatischen Differenzen dient dazu, die diplomatische, wirtschaftliche und militärische Erbittertheit zu verstehen, mit der die heutigen Kämpfe geführt werden, in denen sich überall im Nahen Osten die beiden großen Islam-Familien gegenüberstehen."