9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1634 Presseschau-Absätze - Seite 126 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2016 - Geschichte

Warum gedenken die Deutschen nicht der ungeheuren Verbrechen, die sie in der ehemaligen Sowjetunion begangen haben?, fragt Stefan Reinecke in der taz und kommt zu dem Ergebnis, dass unser Geschichtsbild rassistisch sei: "Der Feind stand nach 1949 ja noch immer im Osten. Die Grenzen zwischen dem demokratischen Antikommunismus von Konrad Adenauer und postfaschistischem Rassismus war fließend. Wer in den fünfziger und sechziger Jahren offen antisemitisch auftrat, riskierte damit seine Karriere. Wer, wie Paul Schmidt, den antislawischen NS-Rassismus nutzte, brachte es zum Erfolgsautor. Die Teilung in jüdische Opfer, die das schlechte Gewissen der Deutschen symbolisieren, und sowjetische Opfer, die nicht der Rede wert sind, gilt im Kern bis heute."

Außerdem: Berliner Forscher haben für eine Ausstellung der Humboldt Uni die Akustik des Forum Romanum rekonstruiert, berichtet Berthold Seewald in der Welt. Bei einem Probeversuch mit dem Schauspieler Boris Freytag - er las, unterlegt vom Gemurmel des Volkes, Ciceros dritte Rede gegen Catilina - mussten die Experten feststellen: Die konnten was, die Römer. Etwa 12.000 Menschen konnten den Redner gut verstehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2016 - Geschichte

Die Historiker Dorothea Weltecke, Boris Barth und Dominik Giesen machen in der FAZ darauf aufmerksam, dass bei den ethnischen Säuberungen in der Türkei vor hundert Jahren nicht nur Armenier, sondern auch viele andere Christen Opfer waren: "Hierzu gehören neben den aramäischen Christen (heute Aramäer, Assyrer, Chaldäer) auch mehrere hunderttausend griechische Zivilisten, die ebenfalls mit erheblicher Gewalt aus ihren angestammten Wohngebieten deportiert und im Inneren Anatoliens und hinter der Front zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Zu diesen Aspekten des Ersten Weltkrieges existiert fast keine seriöse Forschung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2016 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly lässt nicht locker: Zum dritten Mal erinnert er in der Berliner Zeitung an den 75. Jahrestag des Kriegsbeginns gegen die Sowjetunion, zu dem sich kein deutscher Politiker offiziell äußern will: "Um die allfällige Ignoranz etwas zu stören, sei heute an mehr als 30.000 sowjetische chronisch Kranke erinnert, die deutsche Soldaten und SS-Angehörige ermordeten, um deren Anstalten als Quartiere zu nutzen. Der Generalstabschef des deutschen Heeres, Franz Halder, meinte im November 1941: 'Russen sehen Geistesschwache als heilig an. Trotzdem Tötung notwendig.' In einem Vorort von Leningrad ließ Generaloberst Georg von Küchler 230 epilepsiekranke Frauen erschießen, deren Anstalt er mit seinen Offizieren beziehen wollte, und begründete das zudem so: 'Es kommt hinzu, dass die Insassen der Anstalt auch im Sinne deutscher Auffassung Objekte nicht mehr lebenswerten Lebens darstellen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2016 - Geschichte

Nun waren es also doch die Nazis, meint Wolfgang Michal im Freitag nach der Lektüre von Benjamin Carter Hetts Buch über den Reichstagsbrand: "Hett belegt, wie eng sich die ehemaligen Gestapo-Mitarbeiter absprachen, um ihre Version der Reichstagsbrandgeschichte in die Öffentlichkeit zu bringen und heil aus den laufenden Ermittlungsverfahren herauszukommen. Er zeigt, wie desaströs die Rolle des frühen Spiegel bei der Etablierung der Einzeltätertheorie war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2016 - Geschichte

Seit 1994 berichtet der französische Journalist Jean Hatzfeld immer wieder über den Völkermord in Ruanda und die Folgen, zuletzt in seiner gerade erschienenen Erzählung "Plötzlich umgab uns Stille", deren Hauptprotagonist ein Überlebender des Massakers ist. Im Interview mit der NZZ erzählt Hatzfeld, wie vollkommen irre und motivlos dieses Gemetzel war. Sogar Priester nahmen daran teil. Und die Katholische Kirche - ebenso wie die Weltöffentlichkeit - schwieg: "Das Gemetzel begann Anfang April 1994 und hielt an bis Ende Juni. Während dieser drei schrecklichen Monate hat keine katholische Autorität sich geäußert. Der Vatikan schwieg. Wenn der Papst ein Ende des Gemetzels gefordert hätte und gesagt hätte, sie sollten aufhören, ihren Nächsten zu töten, vielleicht hätten sie auf ihn gehört. Aber er schwieg, ebenso wie die Uno. Das Gemetzel und die Expeditionen, die jeden Tag, sogar an Sonntagen, in die Sümpfe unternommen wurden, um Tutsi aufzuspüren und zu töten, wurden nicht verurteilt. Allenthalben dieselbe Blindheit."

Sieglinde Geisel besucht für die NZZ in der Zitadelle Spandau eine Ausstellung der ausrangierten Denkmäler Berlins. Kernstück sind die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigten Statuen, die Kaiser Wilhelm II. auf der Siegesallee im Tiergarten hatte aufstellen lassen. "Die Figurengruppen der Siegesallee haben denn auch einiges hinter sich: Im Rahmen der Planungen von Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekten, waren sie umgesetzt worden, und nach dem Krieg forderte der alliierte Kontrollrat die Beseitigung aller Denkmäler mit militaristischem oder nationalsozialistischem Charakter. Um sie zu retten, vergrub man die noch erhaltenen Statuen 1954 beim Schloss Bellevue. 1978 wurden sie schließlich im Lapidarium Kreuzberg eingelagert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2016 - Geschichte

In der Welt erinnert Richard Herzinger an den Historikerstreit, der vor dreißig Jahren begann und der bis heute nachbebt: In den Äußerungen rechtsnationaler Politiker wie Gauland, der fordert, wieder Nationalstolz zeigen zu dürfen. Aber auch im Versagen der Historiker, die mit der Erforschung des Holocaust immer mit Blick auf die deutsche Schuld den europäischen Kontext viel zu lange ignoriert haben: "Jüngste Werke wie Timothy Snyders 'Bloodlands', das die osteuropäischen Erfahrungen im Klammergriff zwischen Sowjettotalitarismus und nationalsozialistischem Vernichtungskrieg in die Beschreibung der Unheilsgeschichte des 20. Jahrhunderts zu integrieren versucht, haben deutlich gemacht, wie wenig diese Perspektive in die Betrachtungen deutscher Historiker eingingen. Mit einer gewissen Ratlosigkeit stehen sie daher heute dem Wiederaufleben nationaler Selbstheroisierung in der Geschichtspolitik verschiedener europäischer Länder gegenüber."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2016 - Geschichte

Die polnische Regierung will das geplante Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs auf eine national-erbauliche Perspektive zusammenkürzen und wird damit nicht einmal der polnischen Position in der Geschichte gerecht werden, meint Timothy Snyder, der zum internationalen Beirat des Museums gehört, in der taz. Wie neuartig international die Perspektive des Museums ist, zeigt Snyder unter anderem am Beispiel des Themas Bombardierungen: "Für einige Deutsche bilden diese Bombardements eine Art 'Ausgleich' für die deutschen Gräueltaten im Krieg. Doch eine Globalgeschichte der Bombardierung von Zivilisten zeigt, dass die Italiener sich des gleichen Mittels schon viel früher in Äthiopien bedienten und dabei der gängigen europäischen Imperialpraxis folgten. Und es war Deutschland selbst, das diese imperiale Praxis nach Europa brachte, zunächst während des Spanischen Bürgerkriegs und anschließend, in massiver Weise, während des Einmarschs in Polen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2016 - Geschichte

Dass Deutschland als ehemaliger Verbündeter der Türkei den Völkermord an den Armeniern benennt, hat für den armenisch-türkischen Journalisten Yetvart Danzikyan im Gespräch mit Jürgen Gottschlich von der taz ein höheres Gewicht als die britische oder französische Anerkennung: "Nicht nur symbolisch, sondern auch ganz praktisch. Denn in den deutschen Akten finden sich ja die Beweise für den Völkermord. Deutschland kann das ja mit viel größerem historischen Gewicht darlegen als Frankreich oder England. Deutschland hätte das viel früher tun müssen."

Burak Yilmaz von den "Heroes Duisburg" erzählt in einem faszinierenden Text für die Kolumnisten, wie er mit muslimischen Jugendlichen aus Duisburg, denen von den Eltern oft eine gehörige Dosis Antisemitismus eingeimpft wurde, Auschwitz-Reisen vorbereitet: "Auschwitz geht auch sie als diverskulturelle etwas an, denn in Auschwitz werden die Jugendlichen, die an der Fahrt teilnehmen und die in Deutschland nie als Deutsche wahrgenommen werden - ausgerechnet in Auschwitz - das erste Mal als Deutsche wahrgenommen. Völlig unerwartet wird man auf einmal zum Deutschen. Besonders in der Mischung Deutscher und gleichzeitig Araber bzw. Muslim liegt eine große Spannung, da man in Auschwitz auch das erste Mal Israelis trifft."


Roberto Donetta: Familienporträt, Bleniotal © Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, Corzoneso

In der NZZ empfiehlt Daniele Muscionico eine Winterthurer Ausstellung des glücklosen, in seiner Zeit verlachten Fotografen und Samenhändlers Roberto Donetta, die nicht nur wunderbare Fotografien des 1936 gestorbenen Tessiners zeigt, sondern auch einiges über die Zeit im Bleniotal lehrt: "Wer in der Fotostiftung Schweiz dem Werk des Autodidakten Roberto Donetta gegenübersteht, blickt zurück in eine Zeit und in eine Randregion der Schweiz, die sozialhistorisch und ethnologisch noch zu entdecken ist. Vornehmlich gilt das für den Einfluss der Gotthardbahn auf den Alltag der Menschen und ihr hartes Leben in den Tessiner Bergtälern. Im Fall von Roberto Donetta war die Macht der neuen Bahn zweischneidig. Alles, was er für seinen Beruf brauchte, seine Fotochemikalien, seine Samen, brachte sie aus Zürich, aus Genf oder Biel mit. Mit derselben Bahn verließen ihn aber auch seine Nächsten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2016 - Geschichte

Die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern ist nicht glaubhaft, wenn die Deutschen nicht auch den Völkermord an den Herero und Nama benennen, mahnt der Historiker Jürgen Zimmerer in der taz: "Die türkischen Interessenverbände möchten mit politischem Sperrfeuer die Anerkennung seitens des Bundestags verhindern. Aber sie hätten es mit ihrem Argument, das Ganze besäße eine antitürkische Komponente, weit schwerer, wenn sich der Deutsche Bundestag in Fragen der Anerkennung genozidaler Verbrechen nicht selbst derart inkonsequent verhalten hätte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2016 - Geschichte

Morgen stimmt der Bundestag zum Völkermord an den Armeniern ab, der wohl erstmals dann offiziell als solcher verurteilt wird. Tobias Schulze macht in der taz eine interessante Anmerkung zum Ablauf: "Anders als bei vielen anderen brisanten Themen ist in diesem Fall keine namentliche Abstimmung vorgesehen. Der Bundestag wird nicht dokumentieren, wie die einzelnen Abgeordneten abstimmen. Alle vier Fraktionen im Parlament haben sich darauf geeinigt, auf das ausführliche Verfahren zu verzichten. Dazu gebe es keine Veranlassung, heißt es aus SPD und Union. Man gehe ohnehin von einer breiten Mehrheit aus, heißt es aus der Linksfraktion. Dass es noch einen weiteren Grund gibt, deutet lediglich Grünen-Chef Cem Özdemir an. 'Ich habe auch von Sorgen und Nöten gehört, die einzelne Abgeordnete haben', sagt er."