9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2016 - Geschichte

Am Sonntag gedachten François Hollande und Angela Merkel in Douaumont bei Verdun der deutsch-französischen Toten des Ersten Weltkriegs. Die Schlacht hatte vor hundert Jahren stattgefunden, Volker Schlöndorff inszenierte aus dem Anlass ein seltsames Ringelreihen von Jugendlichen, das sich die Staatsgäste angucken mussten. Thomas Schmid fand es in der Welt wirklich misslungen: "Man gedenkt dieser armen Toten nicht gut und respektvoll, wenn man sie unter der Hand zu Vorläufern unseres Glücks macht. Nein, sie sind nicht für die Nachgeborenen, nicht für uns gestorben. Sie sind einen sinnlosen und furchtbaren Tod gestorben, vergiftet die meisten. Jeder für sich. Unwiderrufbar. Sie werden verhöhnt, wenn über ihren Gebeinen ein alberner Totentanz aufgeführt wird, der zum Lebenstanz mutiert."

Außerdem: Rainer Blasius (in der FAZ) und der Militärhistoriker Michael Epkenhans (im Interview mit der Welt) erinnern an die Skagerrak-Schlacht zwischen Deutschen und Briten in der Nordsee 1916.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2016 - Geschichte

In der NZZ beschreibt Gerhard Gnauck, wie Polens Regierung der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein Ende bereitet. Jetzt werden wieder Helden verehrt: Die antisowjetischen Partisanen der Nachkriegszeit etwa, gern als "Verfemte Soldaten" tituliert: "Überhaupt lieben Polens neue Geschichtspolitiker das patriotisch Eindeutige. Dass Historiker, Bürgerrechtler und Publizisten in großen Debatten schon seit 1981 Polens Geschichte einer Revision unterzogen, Nationalismus und Antisemitismus thematisiert hatten, passt ihnen nicht ins Konzept. In regierungsnahen Kreisen macht das Wort von der bisherigen 'Pädagogik der Scham' die Runde. Diese solle überwunden werden, damit das selbstbewusste Polen sich 'von den Knien erheben' könne."

Zum hundersten Jahrestag der Schlacht von Verdun besichtigt Andreas Kilb (FAZ) tief beeindruckt die Festungen von Douaumont und Vaux und das Museum Mémorial: "Im oberen Stockwerk wird der Besucher dann in eine Art Gelass geführt, das den Formen eines Granattrichters nachgebildet ist. Näher als in dieser Gegenüberstellung von Entgrenzung und extremer Verdichtung des Raums kann man der Erfahrung der Materialschlacht in einem Museum nicht kommen. Das Imperial War Museum in London hat diesen Erkenntnisschritt bei seiner letzten Umgestaltung verpasst, die Berliner Konkurrenz ist ohnehin aus dem Spiel. Was die museale Aufbereitung des Ersten Weltkriegs angeht, haben die Franzosen den Kampf der Geister gewonnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2016 - Geschichte

In der NZZ ärgert sich Urs Hafner über den seiner Ansicht nach naiven Szientismus der Anhänger einer neuen Digital History. Sie wollen mit dem massenhaften Bereitstellen und Auswerten von Daten und Quellen aller Art die Geschichtswissenschaft präziser, "empirischer" machen. Hier fehlt jeder Sinn fürs Historische, schimpft Hafner: "Die Vorstellung der Zeitmaschinisten ist so naiv wie größenwahnsinnig: Je mehr historische Daten ich dem Rechner füttere, ein desto vollständigeres Bild der Vergangenheit wird er mir liefern - als ob man Vergangenheit wie ein Kulissendorf wiedererrichten könnte."

Besprochen wird eine Ausstellung über Leben und Werk Erasmus von Rotterdams im Historischen Museum Basel (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2016 - Geschichte

Wann wurde Hitler zum Nazi? Über diese Frage hat der Historiker Thomas Weber gerade ein Buch veröffentlicht. Im Frühjahr 1919 war noch alles unentschieden, erzählt er im Interview mit der Welt. Hitler hatte große Sympathien für die Linke, solange sie nicht internationalistisch war: "Als Hitler nach dem Zusammenbruch der Münchner Räterepublik Anfang Mai 1919 seinen Kopf aus der Schlinge ziehen musste - er hatte sich ja in einen kommunistischen Soldatenrat wählen lassen -, wurde Hitler zum politischen Wendehals. Jedoch gab es Schnittmengen zwischen der Linken und der Rechten, die es Hitler vereinfachten, zum Rechten zu werden. Interessanterweise ist Hitler beispielsweise durch einen ausgeprägten Antikapitalismus und Antiamerikanismus zum Antisemiten geworden. Sein Antibolschewismus war ihm erst mit einiger Verspätung wichtig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2016 - Geschichte

In wenigen Tagen wird der Deutsche Bundestag des "Völkermords an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten vor 101 Jahren" gedenken. Das ist gut und richtig so, findet Götz Aly in der Berliner Zeitung. Aber könnte man nicht begleitend versuchen, dieses Geschehen historisch zu verorten? Und dabei etwa die geplante Zerschlagung des Osmanischen Reichs durch Russen und Engländer mit in den Blick nehmen? "All das rechtfertigt den Völkermord nicht. Hauptverantwortlich waren Türken. Doch gehört zu urteilsgerechter Historiografie die Darstellung der Vorgeschichte und der äußeren Umstände. Wie wäre es also, wenn in Berlin nicht nur eine verurteilende Resolution beschlossen, sondern auch eine internationale Historikerkommission gegründet würde, die den Völkermord an den Armeniern umfassend dokumentiert - die Vorgeschichte ebenso wie die mörderischen Details." Das, meint Aly, würde erheblich zu Geschichtsfrieden und Versöhnung beitragen.

Außerdem: Die Welt veröffentlicht die Rede, die Wolf Biermann zum Jahrestag der Gründung Israels in der israelischen Botschaft in Berlin gehalten hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2016 - Geschichte

In der FAZ erzählt Stephan Stach, wie die polnische Regierung das geplante Museum zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf Linie bringen will. Museumsdirektor Paweł Machcewicz wird wohl entlassen, das Museum reorganisiert - unter Betonung nationaler Größe und Verzicht auf den europäischen Kontext: "Die einseitige Betonung des polnischen Heldenmuts ist ganz im Sinne des PiS-Vorsitzenden Kaczyński. Seiner Meinung nach muss die Identität junger Polen nämlich auf 'Würde und Stolz' gegründet sein und nicht wie angeblich bisher auf eine 'Pädagogik der Schande'. Diesen Kampfbegriff kritisierte Museumsdirektor Machcewicz Anfang Mai in einem Interview mit dem katholischen Tygodnik Powszechny (Allgemeines Wochenblatt) als ein 'Konzept ohne realen Inhalt' und 'Etikett, das allem angeheftet werde, dass nicht den Segen der PiS hat'." Auch der bekannte Polen-Historiker Norman Davies hat im Observer gegen die Geschichtspolitik der üpolnischen Regierung protestiert.

Besprochen wird die Nero-Ausstellung in Trier (FAZ, Zeit, FR)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2016 - Geschichte

Auch Litauen stellt sich seiner jüngsten Vergangenheit, berichtet Judith Leister in der NZZ. Auslöser ist ein Sachbuch der litauischen Journalistin Ruta Vanagaite, "Musiskiai" ("Die Unsrigen"), das erstmals einem breiten Publikum darlegt, wieviele Litauer an der Ermordung von Juden im Zweiten Weltkrieg beteiligt waren: "Der in der Forschung vielfach belegte Fakt, dass Litauer sich an ihren jüdischen Nachbarn vergingen und dass es litauische Polizeibataillone waren, die die Massenexekutionen durchführten, sorgt in dem baltischen Land für Aufregung. Die erste Auflage von 'Musiskiai' im Februar war nach anderthalb Tagen vergriffen. Inzwischen sind 19 000 Exemplare auf dem Markt. Zum Vergleich: Üblicherweise erscheinen Bücher in dem 2,8-Millionen-Einwohner-Land mit einer Auflage von 1500."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2016 - Geschichte

Michael Stallknecht besuchte für die SZ ein "Historisches Quartett" in München, das historische Neuerscheinungen diskutiert und wo Gaststar Jürgen Kaube von der FAZ den Soziologen Harald Welzer als "James Last der Kritischen Theorie" bezeichnete. Ebenfalls in der SZ gratuliert Franziska Augstein dem Historiker Dan Diner zum Siebzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2016 - Geschichte

Der große Historiker Fritz Stern, Autor einer berühmten Doppelbiografie über Bismarck und seinen jüdischen Bankier Gerson Bleichröder, ist gestorben. Der Schweizer Historiker Thomas Maissen würdigt in der NZZ, dass Stern vom "apolitischen Selbstverständnis vieler deutscher Wissenschafter abwich, die - mit Max Plancks Worten - das Verhängnis nicht sehen wollten, die Goethes feines Schweigen in ein feiges verwandelten und so am Regime der organisierten Lüge teilhatten." Weitere Nachrufe in der FR (hier), Zeit online (hier), der FAZ (hier), der Welt (hier) und vielen anderen Medien.

In der FR gibt Arno Widmann ein Gespräch mit seinem Sohn über die Kulturrevolution wieder. 1966 hatte er als Zwanzigjähriger Maos Versuch, den neuen Menschen zu schaffen, mit großer Sympathie betrachtet: "Ein sehr unvollkommenes Produkt. Aber doch immerhin, so dachte ich damals, ein erster Versuch, eine Revolution zu revolutionieren. Eine Regierung, die die eigene Abschaffung nicht nur in Kauf nimmt, sondern betreibt. Das fand ich aufregend."

Von der Begeisterung für gewalttätige revolutionäre Bewegungen kann im Tages-Anzeiger auch Andreas Tobler berichten. Es ist nämlich eine Tonbandaufnahme aufgetaucht, auf der Axel Azzola, Verteidiger von Ulrike Meinhof, im vollbesetzten Auditorium der Universität Zürich im Nachruf auf die RAF-Terroristin zum bewaffneten Kampf aufruft: "Vom notwendigen 'Kampf' und der 'totalen Negation des Bürgertums' und seinen Institutionen - 'einschließlich des Rechts' - ist in seinem Vortrag die Rede, also auch von Gewalt und dem 'Einsatz des eigenen Lebens', mit dem man für die Freiheit anderer kämpfen könne - eben wie Meinhof. Das 'bürgerliche Gesetz' habe dabei keine Geltung. Nach Meinhofs Tod könne es sowieso 'nur noch ein Urteil geben', nämlich das der Geschichte. Dies sei 'das einzig Legitime', heißt es am Ende der Rede, die gemäß NZZ für 'Begeisterungsstürme' sorgte. Vier Dekaden später kann man sich ein Urteil bilden - zumindest von Azzolas Zürcher Rede." Hier der Link zur Tonbandaufnahme und einem einleitenden Text von Philipp Messner auf der Webseite der Universität Zürich.

Beim Einblick in die bisher unveröffentlichten Korrespondenzen Albert Speers mit dem damaligen FAZ-Herausgeber Joachim Fest und dem Verleger Wolf Jobst Siedler bietet sich Volker Ullrich "das Bild einer publizistischen Komplizenschaft, wie man sie nicht für möglich gehalten hätte", schreibt er in der Zeit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2016 - Geschichte

Auf Zeit online erinnert Martin Gehlen an das vor hundert Jahren geschlossene Sykes-Picot-Abkommen, mit dem Franzosen und Briten nach der Niederlage des Osmanischen Reiches die arabische Welt unter sich aufteilten. Das für den Kampf gegen die Türken versprochene arabische Großreich blieb dabei auf der Strecke: "Sykes' schnurgerade 'Linie im Sand', wie sie der britische Historiker James Barr 2011 in seinem Buch über die Schicksalsjahre nach dem Ersten Weltkrieg nannte, teilte die Region in eine französische und eine britische Machtsphäre - ungeachtet der Wünsche der Bevölkerung, ungeachtet aller ethnischen und konfessionellen Grenzen, quer durch zahlreiche Stammesgebiete. Das riesige neue Kolonialgebiet aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches mit seinen 20 Millionen Menschen erstreckte sich von Beirut bis an den Persischen Golf, von Ostanatolien bis zum Sinai. 'Selbst unter den Maßstäben der Zeit war es ein schamlos eigennütziger Pakt', urteilte James Barr über diesen imperialen Coup."