9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2016 - Geschichte

In der taz schreibt Radek Krolczyk über die Künstlerin Eliana Renner, die mit ihrer Arbeit an das Pogrom von Iași in Rumänien erinnert: "In ihrer Arbeit versucht Renner in aufgezeichneten Skype-Gesprächen von Verwandten, Näheres über ihre Urgroßväter und die Umstände ihres Verschwindens herauszufinden... Am Abend des 28. Juni wurden mehrere Tausend jüdische Bürger von einem aufgebrachten Mob gelyncht, weitere Tausende wurden verhaftet. Am folgenden Tag wurde im Hinterhof der Polizeizentrale ein Großteil der am Vortag inhaftierten Juden von rumänischen Soldaten erschossen. Diejenigen, die die Massenexekution überlebten, wurden in Eisenbahnwaggons gepfercht. Sämtliche Luftlöcher wurden vernagelt. Während einer achttägigen Fahrt bei 40 Grad starben viele an Hunger, Durst und Sauerstoffmangel. Insgesamt wurden bei dem Pogrom von Iași mehr als 15.000 Menschen ermordet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2016 - Geschichte

In der Welt erinnert Richard Herzinger an den "unerklärten Krieg", den die DDR gegen Israel führte. Anlass ist ein neues Buch des amerikanischen Historikers Jeffrey Herf: "Undeclared Wars with Israel. East Germany and the West German Far Left 1967-1989", dass die ausgezeichneten Beziehungen der DDR zu jenen Staaten untersucht, die ein Existenzrecht Israels negierten. Das hat Folgen bis heute, so Herzinger: "Dass die Linkspartei Sanktionen des Westens gegen den Schlächter Assad heftig ablehnt, ist angesichts der engen Beziehungen des SED-Apparats mit dem Baath-Regime in Damaskus nicht verwunderlich. Sie hielten jedenfalls unvermindert bis zum Ende der DDR. So schloss die ostdeutsche Führung 1984 mit dem syrischen Regime einen Vertrag über die Lieferung von Kriegsausrüstung im Wert von 50 Millionen Dollar ab, darunter Zubehör für die Produktion chemischer Waffen. Dass Diktator Assad, mit Unterstützung Moskaus, seit Jahren einen Vernichtungskrieg gegen die eigene Bevölkerung führen kann, geht nicht zuletzt auf diese kommunistische Aufrüstungspolitik zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2016 - Geschichte

Thomas Steinfeld spaziert südlich von Rom über die Via Appia, die denkmalpolitisch ihrem Schicksal überlassen wird: " Der schwere, herbe Geruch von Pinien liegt in der Luft, die Via Appia ist von Ruinen und Gestrüpp gesäumt, die jetzt gelben Wiesen dahinter gleichen den wilden Hunden, denen man hin und wieder begegnet: Es sind schöne, aber ein wenig zerschlagene Tiere, ihr Fell ist matt und struppig."

In der FR berichtet Christian Esch, wie sich Polen und die Ukraine über die Massaker von Wolhynien versöhnen, bei denen ukrainische Nationalisten 1943 in Galizien über hundert polnische Dörfer angegeriffen hatten: "Die UPA handelte aus kaltem Kalkül: Das Ende des Krieges war absehbar, nun galt es sicherzustellen, dass das Gebiet nicht an Polen fallen würde, so wie es nach dem Ersten Weltkrieg geschehen war. Allein am 11. und 12. Juli 1943 griff die UPA 167 Dörfer an. Nach den Massakern in Wolhynien wurden 1944 weitere Zehntausende Polen in Ostgalizien erschlagen. Die polnische Heimatarmee ermordete ihrerseits bei Racheaktionen Ukrainer, wenn auch deutlich weniger." In der FAZ schreibt dazu Gerhard Gnauck.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2016 - Geschichte

Die Memorial-Historikerin Irina Scherbakowa spricht mit Sonja Vogel von der taz über die immer massiveren Feiern zum "Großen Vaterländischen Krieg" unter Putin: "Der 'neue Mensch' sieht in Russland sehr alt aus. Das liegt daran, dass keine gesellschaftliche Gruppe eine Zukunftsperspektive oder Utopie anzubieten hat. Und da dieser gesellschaftliche Klebstoff fehlt, wird aus dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ein Kult gemacht, eine Religion. Das sieht man am 9. Mai. An den großen Sieg muss man heute einfach glauben! Frei nach Fjodor Tjutschews Zeile 'An Russland muss man einfach glauben'. Es geht weniger um die Geschichte als um die Konstruktion einer Ideologie."

In Rumänien beginnt man sich mit dem eigenen Antisemitismus auseinanderzusetzen, berichtet in der NZZ Markus Bauer. Symptom dafür ist der Erfolg eines Romans von Catalin Mihuleac, "America de peste pogrom" (etwa: Amerika jenseits des Pogroms; Polirom-Verlag), der um ein Pogrom in Iasi am 29. Juni 1941 kreist: Dort waren unter den Augen rumänischer Behörden mehrere tausend Juden von rumänischen Regierungstruppen - mit deutscher Mithilfe - ermordet worden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2016 - Geschichte

Die Historiker Ruth Bettina Birn und Volker Rieß wenden sich in der FAZ gegen ihre Kollegin Wendy Lower, die in ihrem Buch "Hitlers Helferinnen - Deutsche Frauen im Holocaust" den Frauen eine offenbar zu aktive Rolle beim Holocaust zuschreibt: "Die SS war ein Männerverein, ein 'Orden nordisch bestimmter Männer und eine geschworene Gemeinschaft ihrer Sippen', wie Himmler es formulierte. Frauen war die Produktion zahlreicher Kinder aufgegeben. 'Rassische' Überprüfungen im Rahmen der für SS-Männer nötigen Heiratsgenehmigung machten Frauen noch nicht, wie Lower meint, zu 'vollwertigen Mitgliedern einer sich herausbildenden Elite' in Himmlers Hauptquartieren, sondern zielten darauf ab, die Geburt erwünschter Kinder zu sichern."
Stichwörter: Holocaust, Lower, Wendy

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2016 - Geschichte

In der taz erinnert Gabriele Lesser auf einer Seite an das Pogrom im polnischen Kielce vor siebzig Jahren: "Der Mord an mehr als vierzig Überlebenden des Holocaust und Sowjetunion-Heimkehrer läutete den Massenexodus der polnischen Juden ein. In Panik vor dem Hass der Nachbarn packten Zehntausende ihre Koffer und verließen das Land. Die Täter des Pogroms aber waren polnische Arbeiter, Hausfrauen, Passanten, Milizionäre, Soldaten und Agenten des Geheimdienstes."

In einem zweiten Artikel erklärt Lesser die Geschichtspolitik der regierenden Nationalpopulisten in Polen: "Die PiS will per Gesetz verbieten lassen, dass künftig Journalisten, Historiker oder Politiker über die Beteiligung von Polen an Pogromen und anderen Judenmorden sprechen oder forschen... Selbst wenn sich Polen gegen Juden vergangen hätten, sei dies allein auf die vorherigen Verbrechen der Deutschen zurückzuführen."

Es wäre schön, wäre die deutsche Politik bei der Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama durch deutsche Truppen im heutigen Namibia so konsequent wie bei der Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch die Türken, denkt sich Joachim Käppner in der SZ. Und eine Art Wiedergutmachung schlägt er auch gleich vor: Eine "großzügig ausgestattete" Stiftung der Bundesrepublik könnte "würdigen, dass der Vielvölkerstaat Namibia als einer von ganz wenigen in Afrika seit der späten Unabhängigkeit von Südafrika 1990 einen ausgesprochen positiven Weg nahm, bei dem Toleranz und Rechtsstaatlichkeit große Fortschritte gemacht haben. Diese Freiheit bewahren zu helfen, wäre eine späte, aber angemessene Reaktion auf das, was Deutsche diesem Land einst angetan und genommen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2016 - Geschichte

Elie Wiesel ist gestorben. William Totok erzählt in der taz, dass sich der Friedensnobelpreisträger nach der Wende für die Aufarbeitung der Geschichte - und das heißt der auch der Kollaboration - in osteuropäischen Ländern wie Rumänien und Ungarn einsetzte und dafür Orden dieser Länder erhielt: "Aus Protest gegen die aggressiven rechtsextremen Tendenzen in diesen Ländern, die von offiziellen Stellen toleriert werden, gab Wiesel die Orden zurück. 2004 an die Führung Rumäniens, 2012 an die Regierung Viktor Orbáns. Anlass dieser Entscheidung war die Umbettung des ungarischen Blut-und-Boden-Dichters József Nyírő (1889 bis 1953) in Siebenbürgen. An den in Siebenbürgen organisierten Feierlichkeiten war auch der damalige ungarische Kulturminister Szöcs Geza beteiligt."

Weitere Nachrufe in der NZZ, Libération, New York Times, The Daily Beast, FAZ, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Zeit, Welt.

Weiteres: In der Zeit erinnert Hilmar Sack an die Schlacht von Königgrätz vor 150 Jahren. In der FR schreibt dazu Horst Dieter Schlosser.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2016 - Geschichte

In der Welt erinnert Berthold Seewald an die Schlacht bei Königsgrätz vor 150 Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2016 - Geschichte

Die taz bringt ein Dossier zum 22. Juni 1941. Erhard Eppler kritisiert im Gespräch mit Tobias Schulze in der taz die deutsche Geschichtsvergessenheit, was den Bruch des Hitler-Stalin-Pakts und den Feldzug gegen die Sowjetunion angeht: "Wir Deutschen wissen sehr genau, was in Oradour in Frankreich passierte, wo ein Dorf samt Einwohnern ausgelöscht wurde. Wir wissen aber nicht, dass es allein in Weißrussland mehr als 200 solcher Oradours gab. Im Kalten Krieg war es eben nicht opportun, darüber zu forschen. Deshalb hat noch in den neunziger Jahren die Wehrmachtsausstellung von Reemtsma einen solchen Aufruhr erzeugt."

Bernhard Clasen ergänzt ebenfalls in der taz: "Mehr noch als die Russen haben Ukrainer und Belorussen gelitten. Gleich zu Kriegsbeginn wurden Kiew und Sewastopol bombardiert, 250 ukrainische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, das gesamte Staatsgebiet wurde besetzt. 80 Prozent aller nach Deutschland deportierten Sowjetbürger waren laut Internetportal dozor.kharkov.ua Ukrainer. Jeder fünfte habe sein Leben im Krieg verloren. Seit 2000 ist der 22. Juni in der Ukraine staatlicher Gedenktag."

In einem weiteren Artikel schildert der Historiker Wolfram Wette den bestialischen Umgang der Deutschen mit den sowjetischen Kriegesgefangenen. Und Jan Feddersen folgte einer Berliner Diskussionsveranstaltung über "Antikommunismus und die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg in der frühen Bundesrepublik" mit den Historikern Axel Schildt und Peter Steinbach. Auch andere Zeitungen erinnern. Im Gespräch mit der FAZ spricht etwa der norwegische Historiker und Faschismusforscher Terje Emberland über die norwegischen Freiwilligen bei dem Feldzug gegen die Sowjetunion.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2016 - Geschichte

In der Welt ist Sven Felix Kellerhoff leicht fassungslos, dass es in Deutschland noch Leute gibt - in diesem Fall den AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon - die die nachweislich gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion" für echt halten: "Da war sogar Hitlers Propagandaminister Goebbels schon weiter: 'Ich glaube, dass die 'Protokolle der Weisen' von Zion eine Fälschung sind', notierte er am 10. April 1924 in sein Tagebuch."
Stichwörter: AfD, Gedeon, Wolfgang