9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2023 - Geschichte

Ralph Bollmann schreibt in der FAS einen Nachruf auf das Kaufhaus, das zumindest in Deutschland seine letzten Tage zu erleben scheint. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte der deutschen Kaufhausketten, die allesamt aus  der "Arisierung" jüdischer Kaufhäuser unter den Nazis hervorgingen: "Lediglich der Name Karstadt blieb trotz 'Arisierung' erhalten. Trotz aller Anti-Warenhaus-Propaganda entstand 1936 sogar ein ganz neuer Konzern, als der Kaufmann Helmut Horten eine Reihe von Warenhäusern aus einst jüdischem Eigentum günstig übernahm. Hertie und Horten, Kaufhof und Karstadt: So entstand ausgerechnet unter den Nationalsozialisten, die das Warenhaus ursprünglich abschaffen wollten, jenes Konsum-Quartett, das für die Bonner Nachkriegsrepublik der Wirtschaftswunder-Zeit prägend werden sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2022 - Geschichte

Heute auf den Tag vor hundert Jahren wurde die Sowjetunion gegründet, erinnert Arno Widmann in der FR und blickt noch weiter zurück in die russische Geschiche. Frieden gab es nie, auch keinen sowjetischen, schreibt er: "Russland - so hieß es erst seit dem 17. Jahrhundert - führte nicht nur ständig Krieg, sondern es expandierte unentwegt in fast alle Richtungen. Waren die Schweden besiegt, konnte man sich Polen zuwenden, den Völkern im Kaukasus und dann der ganzen mächtigen Landmasse bis Wladiwostok. Das waren keine unbewohnten einsamen Tundren. Dort lebten überall Menschen, die nicht gerade darauf gewartet hatten, sich Russland zu unterwerfen. Russland wurde zu einem Vielvölkerstaat. Nicht alle Stämme überlebten. Riesige Völkerwanderungen begleiteten die Geburten dieser Nation. Sie ging aus Tod und Vernichtung hervor. Und wie wir gerade sehen, ist der Prozess noch lange nicht abgeschlossen.Wir sagen gerne und haben nicht Unrecht damit: Das ist Putins Krieg. Aber es ist auch der Krieg, den Russland seit 500 Jahren führt."
Stichwörter: Russland, Sowjetunion, Der Prozess

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2022 - Geschichte

In Deutschland wurde der weltweit erste Prozess gegen Täter des syrischen Geheimdienstapparates wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt. Jetzt ist es an der Zeit, auch Deutschlands Involviertheit zu beleuchten, fordert Ronen Steinke im SZ-Feuilleton. Von 1948 bis 1954 wurde der Mukhabarat genannte syrische Geheimdienstapparat auch von geflüchteten Nazis mit aufgebaut, später half die DDR gern, indem sie etwa Syriens "Politische Polizei" in Ostberlin für Trainingsstunden empfing oder die Syrer mit Materialien, darunter ein "Anti-Mensch-Serum", versorgten, so Steinke: "Den Stasi-Leuten fiel zwar auf, wie brutal ihre syrischen Zöglinge waren. Letztlich störten sie sich daran aber kaum, 1988 wünschte der Stasi-Chef Erich Mielke dem syrischen Innenminister 'viel Erfolg im Kampf gegen Israel'. Allenfalls mäkelten die deutschen Ausbilder, weil sich Syrien so viele Geheimdienste parallel leistete. So ist es bis heute: Selbst wenn Bürger den Reisepass verlängert haben wollen, müssen sie zu mehreren Diensten pilgern, überall wird ein Tee getrunken, Geld unter dem Tisch zugeschoben. Das hat in Syrien Methode, die Idee ist, dass kein einzelner Dienst allein zu mächtig werden soll. Worüber die Stasi allerdings nur den Kopf schüttelte, das sei ja Arbeitsverschwendung, alles redundant, ineffizient."

Übersetzer haben ein intimeres Verhältnis zu Texten als die Autoren selbst, die oft nicht bedenken, was sie schreiben. Das gilt zumal für Hitler in "Mein Kampf". Olivier Mannoni hat "Mein Kampf" neu ins Französische übersetzt und nun einen Essay darüber veröffentlicht, den Niklas Bender in der FAZ aufschlussreich findet, auch wenn er nicht überall zustimmt. Mannonis Argument etwa, dass "die Schwurbelsyntax bereits die Täuschungsabsicht offenbare, überzeugt nur bedingt. Es ist eher, wie er später schreibt: dass sie 'ein perverses Denken' anschaulich werden lässt, das alles verbiegt, Logik, Sachverhalte, Syntax - 'die pathologische Argumentation folgt dem mäandernden Faden verdorbener Sätze'."

Ebenfalls in der FAZ erinnert Tim Allert an den Soziologen Theodor Geiger, der schon um 1930 die "Panik im Mittelstand" diagnostizierte, welche dann für Hitlers Schwurbelsyntax solche Resonanzräume schuf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2022 - Geschichte

Die Ukraine hat mit Millionen Toten zweifellos am stärksten unter der von Stalin verursachten Hungersnot, dem Holodomor, gelitten, aber ob es sich dabei um einen gezielt gegen das ukrainische Volk gerichteten Völkermord handelte, sei unter Historikern strittig, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ: "Über der Diskussion um den Holodomor geht oft vergessen, dass es in den Jahren 1930 bis 1933 auch in Kasachstan zu einer großen Hungersnot kam, die im Kasachischen als 'Ascharschylyk' bezeichnet wird. Damals kam mit etwa 1,5 Millionen Opfern ein Viertel der kasachischen Bevölkerung ums Leben. Zwar hatte sich der langjährige kasachische Präsident Nasarbajew nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunächst für eine Anerkennung des Ascharschylyk als Genozid eingesetzt. Allerdings verschwand dieses Thema später von der politischen Agenda, weil man die Beziehungen zu Russland nicht belasten wollte." Ähnlich sah es bereits Norbert Frei vor zwei Wochen in der SZ (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2022 - Geschichte

In der FR resümiert die Historikerin Aleida Assmann sehr ausführlich die beiden FAZ-Artikel von Egon Flaig zur postkolonialen Debatte (Unsere Resümees), um dem Kollegen schließlich den Todesstoß des Rechtsextremismusvorwurfs zu versetzen: Flaig stehe für ein Ideal einer "von Wert- und Identitätsfragen gereinigten Form der Geschichtswissenschaft" - wie sein Vorbild, schreibt sie: "Das ist Ernst Nolte, der Jürgen Habermas im ersten Historikerstreit unterlag. Flaig kehrt diese Situation jetzt um: Er rehabilitiert Ernst Nolte als einen Helden, der die Gedächtnispolitik von Jürgen Habermas unerschrocken in die Schranken wies, indem er für eine unparteiische Form der Geschichtsschreibung eintrat. Flaigs Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur ist wesentlich subtiler als der von Björn Höcke, der das Berliner Mahnmal ein 'Denkmal der Schande' nannte, aber er hat dasselbe Ziel: Er spricht dieser Erinnerung jegliche Berechtigung ab. Flaig negiert damit ein normatives Fundament, das im ersten Historikerstreit gelegt wurde und in die demokratischen Strukturen der Gesellschaft eingegangen ist. Und er tut dies im Kontext der kolonialen Debatte des zweiten Historikerstreits, in dem er gegen die 'universitär legitimierten Unwahrheiten' der Tochter Rebekka Habermas zu Felde zieht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2022 - Geschichte

"Wir nicht, die anderen auch" - so hatte der Historiker Robert Heinze in der FAZ auf die Thesen des Kollegen Egon Flaig zur Sklaverei geantwortet (unsere Resümees). Flaig hatte dargelegt, dass auch andere Gesellschaften Sklaverei hatten, aber nicht den Abolitionismus. Heute greift der Althistoriker Burkhard Meißner in die Debatte ein und verliert sich in akademischen Erwägungen zum Historismus, bevor er zur Sache kommt: "Flaigs Thesen hätten es gewiss verdient, historisch-vergleichend genau geprüft zu werden. Heinze hätte, um zu demonstrieren, dass diese Thesen unzutreffend seien, zeigen müssen, dass Sklavenhandel, Kolonialismus und Rassismus europäische Singularitäten darstellen oder dass es umgekehrt eine Abschaffung der Sklaverei und die Ideologie eines zivilisatorischen Kolonialismus auch außerhalb Europas und seiner Moderne gab. Dies hat er nicht gezeigt. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2022 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an das Segelschiff "Santa Anna", das vor 500 Jahren in Nizza vom Stapel gelassen wurde. Sie soll das größte Segelschiff gewesen sein, das bis dahin in Europa gebaut worden war..

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2022 - Geschichte

Der niederländische Premier Mark Rutte hat für sein Land in einer kurzen, aber bedeutsamen Ansprache um Entschuldigung für die jahrhundertelange Praxis der Sklaverei gebeten. Thomas Gutschker berichtet für die FAZ: 600.000 Menschen seien zwischen 1600 und 1814 als Handelsware verschifft worden. "Die staatliche Westindienkompanie transportierte Waren aus Europa nach Westafrika und tauschte sie dort gegen Arbeitskräfte ein. Die wiederum brachte sie als Sklaven nach Südamerika und in die Karibik, wo sie auf den Plantagen der Kolonialherren arbeiten mussten. Mit Kaffee, Baumwolle und Zucker beladen, fuhren die Schiffe wieder zurück nach Europa - ein sehr einträgliches Geschäft, das die Niederlande reich machte und auch von anderen Staaten praktiziert wurde. Jeder fünfte Sklave war noch minderjährig, mehr als jeder zehnte kam schon während der Überfahrt ums Leben." Hier ein Link zum Text und zum Video von Ruttes Rede mit englischen Untertiteln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2022 - Geschichte

Die UN-Menschenrechtserklärung zeigt, dass universelle Werte nicht "westlich", sondern eben universell sind. Verfasst wurde sie 1948 von vielen heute unbekannten Jeffersons, schreibt Christian Staas in einem langen historischen Hintergrund in der Zeit, Männern und Frauen, Inderinnen, Russen und französischen Juden: "Für die westlich geprägten Köpfe ist der Mensch ein Individuum mit Freiheitsrechten. Für die kommunistischen Delegierten existiert er nur als Teil des Kollektivs. In Asien hat man ein anderes Menschenbild als in Europa, in religiösen Gesellschaften ein anderes als in säkularen..." So sei ein "wundersames Parodox" entstanden, so Staas. "Sie ist ein fundamentaler Text ohne festes Fundament, eine schwebende Architektur, die - im besten Fall - auf ganz unterschiedlichem kulturellem und philosophischem Boden stehen kann, ohne einzustürzen. Dass sie Grundsätzliches formuliert, ohne zu grundsätzlich zu werden, ist die Bedingung ihrer Universalität. Aber wie errichtet man ein Haus, das schwebt?"

Vor hundert Jahren erschossen Rechtsextreme den ersten Präsidenten der Zweiten Polnischen Republik, Gabriel Narutowicz. Gabriele Lesser erinnert in der taz an diesen Mord, der in Polen hoch aktuelle Debatten auslöst: "Hundert Jahre später diskutieren polnische Intellektuelle, Historiker und Publizisten, ob Polen sich aus der Spirale von Hass und Gewalt selbst befreien kann. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Buch des in Kanada lebenden Historikers Pawel Brykczynski: 'Gewaltbereit - Mord, Antisemitismus und Demokratie im Polen der Zwischenkriegszeit'. Der linksliberale Thinktank Krytyka Polityczna (Politische Kritik) hat es 2017 in polnischer Übersetzung herausgebracht und damit eine Diskussion über die 'wehrhafte Demokratie' in Gang gesetzt. Eine Debatte, die bis heute anhält. Das hat auch mit dem politischen Mord am Danziger Oberbürgermeister Paweł Adamowicz zu tun, der im Januar 2019 bei einer Benefizveranstaltung auf offener Bühne erstochen wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2022 - Geschichte

In der FAZ schaltet sich der Pariser Historiker Robert Heinze in die Diskussion um die Thesen seines Kollegen Egon Flaig ein, der in Fragen von Sklaverei und Kolonialismus die Europäer vom "Schuldspruch der Vergangenheit" befreien möchte. Flaigs Denken bringt Heinze auf die Formel: "Wir nicht, die anderen auch": "So behauptet Flaig, die Sklaverei sei 'jahrtausendelang legitim' gewesen, ohne dabei zu unterscheiden, wie viele verschiedene Formen von Sklaverei es gab (und gibt). Das historisch entscheidende Distinktionsmerkmal des transatlantischen Sklavereikomplexes bestand im Plantagensystem, welches das Ausmaß des Sklavenhandels und die Formen der Sklaverei grundlegend veränderte. Jürgen Osterhammel machte daran die Unterscheidung zwischen 'Gesellschaften mit Sklaven' und 'Sklavengesellschaften' fest; letztere zeichnen sich dadurch aus, dass die Arbeitsform der Sklaverei im Mittelpunkt der Produktion steht." Und noch etwas betont Heinze: "Dass der Kolonialismus insgesamt ein gewaltvolles, ungerechtes, ausbeuterisches und illegitimes System war, ist kein Werturteil in der Rückschau - es wurde von Zeitgenossen in Europa, aber vor allem in den Gesellschaften, die Kolonisierungsprozessen unterworfen waren, ständig formuliert, nicht zuletzt unter Berufung auf die Ideen der Aufklärung selbst."