SPD, Union, Grüne und FDP wollen im Bundestag den
Holodomor als einen
Völkermord anerkennen.
taz-Redakteur Stefan Reinecke
ist strikt dagegen. Der Bundestag sei keine Historikerkommission: "Es hat etwas Anmaßendes, einer
komplexen historischen Debatte nun den Weg leuchten zu wollen. Das unterscheidet den Holodomor-Antrag von der
Armenienresolution vor ein paar Jahren. Dass die Morde an den Armeniern 1915 geplant und gezielt waren und somit nach der Defintion von 1948 als Genozid gelten, ist ein historischer Fakt. Das ist beim Holodomor anders - und ein zentraler Unterschied."
Die willentlich herbeigeführte Hungersnot richtete sich nicht nur in der Ukraine, aber besonders dort gegen die "Liquidierung der
Kulaken als Klasse",
erläutert der Historiker und Sprecher der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission
Guido Hausmann in einem Hintergrundartikel für die
taz. "Die eigenständige ukrainische bäuerliche Kultur inspirierte eine wachsende Schicht ukrainischer Intellektueller und Kulturschaffender. Stalin und die Bolschewiki blickten außerdem mit
besonderem Argwohn auf die Ukraine, weil sie dem polnischen Einfluss in der Sowjetukraine misstrauten und überall polnische Spione witterten, vor allem in den ukrainischen Parteiorganisationen... Die ukrainischen Bauern leisteten 1930
massiven Widerstand gegen die Getreiderequirierung, flohen aus den Kolchosen, als es kurzfristig möglich war, schlachteten ihr Vieh, bevor sie es abgeben mussten, und wanderten zu Hunderttausenden in die Städte ab." Von Stalin zitiert Hausmann einen Satz aus einem Brief an Parteigrößen: "Wenn wir uns nicht daranmachen, die Lage in der Ukraine in Ordnung zu bringen, dann können wir die Ukraine verlieren." Im Literaturteil
bespricht außerdem Jens Uthoff den vom Holodomor handelnden Roman "Das Zeitalter der roten Ameisen" von
Tanya Pyankova.
Am 30. November erinnert sich Israel an die
Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten und dem Iran. Hierzulande ist diese Geschichte fast unbekannt,
schreibt in der
NZZ der Antisemitismusforscher
Stephan Grigat: "Während im 19. Jahrhundert noch zahlreiche Juden aus Russland und dem Balkan ins Osmanische Reich flohen, kommt es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum
Massenexodus der Juden aus den islamisch geprägten arabischen Gebieten. Flucht, Vertreibung und Emigration der Juden aus den arabischen Ländern waren
nahezu total. ... Zwischen 1941 und 1948 kam es zu zahlreichen antijüdischen Ausschreitungen in Syrien, Libanon, im Irak, auf der Arabischen Halbinsel, in Ägypten und dem sonstigen Nordafrika. Von den fast 900.000 vor 1948 in arabischen Ländern lebenden Juden sind heute
nur wenige tausend übrig geblieben, die Mehrheit von ihnen in Marokko und Tunesien. Im mehrheitlich nichtarabischen
Iran, wo vor der islamischen Revolution zwischen 100.000 und 150.000 Juden lebten, haben nach der Machtübernahme des Ajatollah-Regimes 1979
über 90 Prozent der jüdischen Minderheit das Land verlassen. Fast 250.000
marokkanische und knapp 100.000
tunesische Juden mussten ihre Länder verlassen, und nahezu alle der 75.000
ägyptischen und der 135 000
irakischen Juden waren nach 1948 zur Flucht gezwungen. Das Gleiche gilt für die 60.000 Juden in
Jemen und die 30 000 in
Syrien. In
Algerien und
Libyen, deren jüdische Gemeinden vor 1948 140.000 beziehungsweise 38.000 Mitglieder zählten, finden sich heute überhaupt keine Juden mehr. "
Welt-Autor Thomas Schmid geht in einem gründlichen, in seinem Blog veröffentlichten
Essay der Frage nach, ob der
Völkermord an den Herero eine Vorstufe zum Holocaust sei, eine These, die etwa vom Historiker
Jürgen Zimmerer und den Adepten des Postkolonialismus verfochten wird, und die umgekehrt den Holocaust um Epiphänomen im kolonialen Kontext macht. Mit solchen
konstruierten Kontinuitäten wird man keinem dieser Ereignisse gerecht, so Schmid: "Der Völkermord an den Herero
war singulär. Es wäre eine böswillige Verharmlosung, in ihm eine bloße Episode, einen Einzelfall oder gar einen reichspolitischen Lapsus zu sehen. Falsch wäre es aber auch, ihn
nur als Fallbeispiel einer durchgängigen, zielgerichteten deutschen Gewaltgeschichte zu verstehen. Auch wenn man ihn nicht zum Probelauf für den Holocaust modelliert, bleibt er entsetzlich genug."