9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2022 - Geschichte

Die taz bringt die Grabrede Götz Alys auf die bekannte 68erin Dagmar von Doetinchem, die erste Frau von Klaus Hartung, die Aly in der "Roten Hilfe" kennengelernt hatte. Er schildert ihren gemeinsamen Weg aus der Verehrung der Antisemiten Horst Mahler und Ulrike Meinhof zur Aufarbeitung der Geschichte. Doetinchem hat ein wichtiges Buch über die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses in Berlin geschrieben, das 1989 feierlich präsentiert wurde: "Als Dagmar zum Podium schritt, verhaspelte sich die sonst so selbstbewusst Auftretende, verlor den Faden und fand kein Ende. Aber es wäre falsch zu sagen, sie hätte eine schlechte Rede gehalten. Sie zeigte die tiefe, damals weit verbreitete Unsicherheit. Wir 68er hatten zu mehr als 90 Prozent Väter, die Soldaten der Wehrmacht gewesen waren. Etwa 30 Prozent waren Mitglieder der NSDAP, deutlich mehr hatten dem Führer zugejubelt. Dagmars Stimme versagte immer wieder vor so vielen ihr freundlich und offenherzig zugewandten Juden, die überlebt hatten und nun - dank ihrer Recherchen - nach Berlin gereist waren."

Hitler war sicher kein Sozialist im eigentlichen Sinne, aber er sah sich selbst als solchen und er hasste den Kapitalismus mehr als den Bolschewismus, meint der irische Historiker Brendan Simms im Interview mit der NZZ. "Hitlers Hauptaugenmerk lag auf dem, was er selbst 'Plutokratie' nannte. Diese assoziierte er mit dem sogenannten Weltjudentum, aber auch mit den angelsächsischen Mächten, die er im Vergleich mit der Sowjetunion für deutlich stärker und gefährlicher hielt. Natürlich hatte er auch Angst vor dem Bolschewismus, doch spielte diese eine untergeordnete Rolle. Den Bolschewismus sah er als eines der Instrumente des internationalen Kapitals, um Deutschland und andere Länder willenlos zu machen." Auch Hitlers Politik nach 1933 sei nicht "wirklich sozialistisch" gewesen, "aber sie enthielt sozialistische Elemente, etwa die Einführung neuer Steuern sowie einen Ausbau des Wohlfahrtsstaats und der Arbeitnehmerrechte. Hitler machte einen Unterschied zwischen dem internationalen Kapitalismus und dem, was er den nationalen Kapitalismus nannte, wenn man so will zwischen Wall Street und Krupp. Den nationalen Kapitalismus akzeptierte er. Sozialismus bedeutete für ihn, dass die Unternehmer in erster Linie für die Nation arbeiten müssten und nicht für ihren Profit."

Meron Mendel hatte über Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank", das inzwischen weithin kritisiert wird, in der FAZ zunächst abwartend positiv geschrieben (unser Resümee). Heute betont er im Gespräch Hardy Funk im BR, dass die These von der Schuld eines zum Judenrat gehörenden Notars nicht ausreichend belegt ist. Aber er kritisiert auch die Aufregung um das Buch: "Es werden jährlich sehr viele schlecht recherchierte Bücher publiziert und das verschwindet im Meer der vielen Publikationen, die ständig herausgegeben werden. Wenn man allerdings mit so einer Vehemenz reagiert und gleich von einem 'Antisemitismus-Booster' spricht - wie zuletzt Yves Kugelmann von dem Anne Frank Fonds - und mit so einer Hysterie auf so ein Buch reagiert, dann kann der Eindruck entstehen, als ob es in der Geschichtsforschung Tabus gäbe, als ob es Sprechverbote gäbe. Das ist der Nährboden von Verschwörungstheorien: Wenn man nur den Verdacht ausspricht, dass der Verräter ein jüdischer Notar sei, gehen alle auf die Palme und warnen davor, dass hier Antisemitismus verbreitet wird, dann kann man paradoxerweise genau diesen Effekt erzielen."

Andreas Schlüter erzählt in der FAZ die Geschichte des Kaufhauses am Berliner Hermannplatz, lange ein Karstadt, nun wohl ein Immobilienprojekt, das zu einer ähnlichen (von den Zeitungen kaum thematisierten) Verhunzung wie beim KaDeWe führen könnte. Anders als das KaDeWe, so Schlüter, "war dieses Kaufhaus inmitten der Kreuzberger und Neuköllner Kieze immer auch ein Kaufhaus der kleinen Leute. Das ist bis heute noch so, und diese alltägliche Normalität, gerne auch etwas berlinerisch robust, ist durchaus sympathisch. Die Auswahl an künstlichen Blumen ist bemerkenswert und die Existenz einer Zoo-Abteilung fast schon unglaublich. Unberührt von jeder Pandemie, ziehen hier die Schleierkampffische ihre Runden, die blauen Exemplare zum Preis von 14,90 Euro und die roten für 7,90 Euro."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Geschichte

Der Historiker Benedikt Stuchtey versucht in der FAZ zu erklären, wie komplex die britisch-irischen Beziehungen nach wie vor sind. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Irland auch mit dem Empire tief verflochten war: "Wurde Irland im langen 19. Jahrhundert die Eigenregierung verwehrt, hinderte dies zum Beispiel irische Soldaten und Missionare, Administratoren, Lehrer und Siedler nicht daran, an der Expansion und Festigung des Weltreichs zielstrebig mitzuwirken. Sieben von acht indischen Provinzen wurden in den 1890er-Jahren von Iren verwaltet, das Kommando über die indische Armee lag größtenteils in irischer Hand. An ihrer Spitze befand sich der niedere protestantische Adel, der gesellschaftliche Aufstiegschancen im Empire suchte, die er zu Hause nicht mehr hatte."
Stichwörter: Irland, Brexit, Siedler

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2022 - Geschichte

Auf den Meinungsseiten der SZ verurteilt Meredith Haaf, wie das Thema Antisemitismus in diversen Kolumnen, im weiteren Sinne aber auch im jüngsten Report von Amnesty International für politische Zwecke benutzt wird und warnt vor einer "schleichenden Desensibilisierung für die historische Einmaligkeit des Holocaust": "Sprachliche und historischen Ungenauigkeiten erzeugen einen süffigen Ressentiment-Cocktail, den sich immer mehr Menschen gern genehmigen: Die Zahl antisemitischer Gewaltdelikte und die Zustimmung zu israelfeindlichen Aussagen nimmt weltweit zu." Ebenfalls in der SZ mahnt die Historikerin Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Erinnerungen "vor jedweder politischen Vereinnahmung zu bewahren." In der FAZ erzählt Niclas Müller von einer neuen Generation Ehrenamtlicher, die in der Gedenkstätte Auschwitz nun die Erinnerungsarbeit koordiniert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2022 - Geschichte

In einer Serie der SZ zum Epoche machenden Jahr 1972 erinnert Gustav Seibt an die Debatte um Willy Brandts Ostpolitik vor fünfzig Jahren, die über zwanzig Monate mit unfassbarer Härte ausgetragen wurde und begleitet war von Dauerstreit im Land, Austritten aus den Regierungsparteien und Abweichlern bei der Opposition. Besonders einschneidend sei gewesen, meint Seibt, dass sich Golo Mann als konservativer Historiker für den Grundlagenvertrag ausgesprochen habe: "Dass linke Literaten wie Günter Grass oder Walter Jens sie befürworteten, beeindruckte das Bürgertum, zumal in München, wenig. Aber Golo! Der war ja auch Bismarck-Bewunderer, geadelt durch Familie und Emigration, als Schriftsteller viel populärer als die meisten Romanciers. Im Revoltejahr 1968 hatte ausgerechnet er den Büchnerpreis erhalten, mit Studenten stritt er sich gereizt in Podiumsdiskussionen herum, sein aus der Zwischenkriegszeit mitgebrachter Antimarxismus war unbezweifelbar. Und doch focht er für die Verträge Willy Brandts! Nein, kein freudiges Ereignis seien sie, 'nur der melancholische Schlußstrich unter einen längst geschriebenen Text'."

Die FAZ bringt ein großes Gespräch mit dem Schauspieler und Autor Michael Degen über die Verfolgung seiner Familie im Nationalsozialismus, seine Zeit in Israel und seine Rückkehr nach Deutschland. Das Gespräch ist morgen im Bücher-Podcast der FAZ zu hören.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2022 - Geschichte

Ein kompaktes Schweigen benennen die beiden Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und Rainer Eckert in der taz im eigenen Metier beim Thema Memorial, der Organisation, die die Verbrechen des Stalinismus aufarbeitet und sich aktuell für Menschenrechte einsetzt und die von Wladimir Putin abgeschafft wurde. Einige Organisationen und Akteure wie die Zeitschrift Osteuropa gaben zwar ihrer Empörung Ausdruck. Aber insgesamt sei "das eisige Schweigen der historischen Zunft enttäuschend. Auch die Stimmen der meisten Russlandkenner waren kaum zu hören. Woran könnte das liegen? Geht es vielleicht doch um eine ungestörte Zusammenarbeit mit russischen Einrichtungen, um den Zugang zu Archiven, um die Fortsetzung begonnener Projekte und darum, deren Finanzierung nicht zu gefährden? Wenn dies so wäre, dann käme es einer moralischen Bankrotterklärung gleich und wäre ein Verrat an den Ideen und dem Engagement von Memorial."

Vor einigen Wochen forderte der Historiker Wolfgang Reinhard in der FAZ das "Recht auf Vergessen" und ein Ende einer angeblichen deutschen "Holocaust-Orthodoxie", Widerspruch kam unter anderem von den evangelischen Theologen Peter und Gabriele Scherle, ebenfalls in der FAZ. (Unsere Resümees) Reinhards mit "antisemitischen Klischees gespicktem" Text will heute in der Welt auch der Historiker Michael Wolffsohn nicht beipflichten, Erinnerungskultur dürfe sich aber auch nicht in "Bevormundungen und leeren Phrasen" ergehen, meint er: "Was spräche für die 'Gnade des Verschweigens'? Es bedeutet keinesfalls Vergessen schlechthin, sondern: kein versteinertes, inflationäres und somit entwertetes Erwähnen."

"Der Radikalenerlass von damals war so dermaßen überzogen und verlogen, dass er die Demokratie nicht gestärkt, sondern geschwächt hat. Er war verlogen, weil er (fast) nur Linke aus dem Staatsdienst aussperrte", meint Ronen Steinke in der SZ: "Was es heute braucht, ist ein Staat, der präzise und individuell die eindeutigen, aggressiven Protagonisten wie Björn Höcke oder Jens Maier vor die Tür setzt. Und das rasch - mit einem Disziplinarrecht, das viel zügiger ist, ohne elendig lange Fristen, und in dem Beamte sich nicht den Status eines kaum Antastbaren ersitzen können. Es ist eine blamable Vorstellung: Das nach bisherigem Recht realistischste Szenario, um den AfD-Hetzer Maier in Sachsen von einem Richterstuhl fernzuhalten, sieht so aus: Der ganze Landtag in Dresden müsste zusammenkommen, um eine 'Richteranklage' zu beschließen. Die geht dann ans Bundesverfassungsgericht. Das kann Jahre dauern."

In der FR erinnert heute auch Arno Widmann noch einmal an den Radikalenerlass: "An den Gerichten, die jetzt über die Verfassungsfeindlichkeit linker Demonstranten und Demonstrantinnen zu urteilen hatten, saßen immerhin Menschen, die hier bereits in den Nazijahren Urteile gefällt hatten. Das sollten die Hüter der Verfassung sein? Waren das nicht doch eher die, die sich an den Demonstrationen beteiligten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2022 - Geschichte

Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank" ist  nur "ein kommerzgetriebenes Projekt für die Kulisse und nicht für die Sache", ärgert sich im SZ-Gespräch mit Nils Minkmar heute auch Yves Kugelmann, Sprecher und Stiftungsratsmitglied des in Basel angesiedelten Anne-Frank-Fonds: "Ich war letzte Woche am Tag der Publikation in Amsterdam, und da meldeten sich eigentlich alle wesentlichen niederländischen Experten zu Wort und haben das Buch in der Luft zerrissen. Die Umstände der Verhaftung der Familie Frank sind auch nicht so schlecht erforscht, es gibt da viele Arbeiten, auch jüngeren Datums. Dass man hier mit so einer absurden These und mit einer regelrechten Marketingmaschinerie an die Öffentlichkeit geht, ohne dass etwas dahintersteht, ist vorsätzliche Desinformation einer wohlwollenden Gesellschaft. Solange keine Beweise geliefert werden, bleibt die Hauptaussage des Buches, 'Jude hat Anne Frank verraten', einer der fulminantesten Verschwörungsmythen und wirkungsvollsten Antisemitismus-Booster seit Langem."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2022 - Geschichte

Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank" ist nun erschienen. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, liest es für die FAZ: "Entgegen dem Versprechen der Autorin bleibt eine endgültige Antwort auf die Frage des Verrats auch nach der Lektüre der knapp vierhundert Seiten noch aus. Aber das Buch ist mehr als ein PR-Coup: Es widmet sich einigen vergessenen Aspekten der NS-Geschichte - und lenkt den Blick auch auf das schwierige Thema der jüdischen Kollaboration und der Verstrickungen von Jüdinnen und Juden in den Nationalsozialismus. Nicht zuletzt wirft die Debatte um das Buch die Frage auf, wer eigentlich bei relevanten Fragen rund um Anne Frank das letzte Wort behält."

Auch die niederländische Autorin Jessica Durlacher hat das Buch gelesen - ein jüdischer Niederländer, Mitglied des Judenrats soll es gewesen sein - und findet nur Effekthascherei statt neuer Erkenntnisse: "Möglichkeiten, Konjunktive, Verdächtigungen - nirgendwo Beweise", klagt sie in der SZ. "Von '85 % Wahrscheinlichkeit' ist die Rede. Dennoch werden auf den letzten Seiten des Buches alle diese Wahrscheinlichkeiten zu handfesten Behauptungen. 'Arnold van den Bergh war ein Mensch, der in ein teuflisches Dilemma geriet', wird auf einmal geschlussfolgert. Welches Dilemma? Offenbar sprechen wir nicht mehr von einer 85-prozentigen Wahrscheinlichkeit. ... Vor Gericht sind 85 Prozent Wahrscheinlichkeit gleichbedeutend mit null Prozent. Vor Gericht gilt dann: Freispruch. Aber mitunter reicht viel Rauch, um an Feuer zu denken. Gut für die, die diese 'Nachricht' immer schon gerne hören wollten."

Herfried Münkler rekapituliert in der NZZ noch einmal die Geschichte des Radikalenerlasses, der für ihn der Beginn der Zersplitterung der deutschen Parteienlandschaft war: "Wäre der Radikalenerlass von 1972 auf die alten Nazis angewandt worden, so hätte schätzungsweise die Hälfte der im öffentlichen Dienst Beschäftigten daraus entfernt werden müssen. Ende der 1960er Jahre hatte sich das politische Klima in Deutschland geändert, und es war absehbar, dass der Erlass vorwiegend Linke und nicht Rechte treffen würde. Dementsprechend wurde er als 'parteiisch' kritisiert, nicht zuletzt auch in der Sozialdemokratie und bei den Liberalen der FDP, also in den die Regierung stellenden Parteien. Schon bald war klar, dass man einer Logik des Administrativen auf den Leim gegangen war und nicht politisch gedacht hatte. Es dauerte sieben Jahre, bis man aus der selbst gestellten Falle wieder herauskam, und genau in dieser Zeit verlor die SPD ihre Fähigkeit zur umfassenden Integration der politischen Linken des Landes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2022 - Geschichte

Unabhängig von der Frage, ob ein jüdischer Notar und Mitglied des Judenrats das Versteck der Familie Anne Franks verriet, muss man sich über den Kontext klarwerden, in dem der von den Nazis eingerichtete Jüdische Rat operieren musste, schreibt der Historiker Gerhard Hirschfeld, Autor von Büchern über die Niederlande in der Nazizeit, in der FAZ. Der Jüdische Rat befand sich in einer unmöglichen Mittlerposition, in der er sich nur kompromittieren konnte: "Obgleich beunruhigt über das Schicksal der Deportierten, setzte der Judenrat weiterhin auf eine Kooperation mit den Deutschen. Nur so könne man hoffen, 'wenigstens die wichtigen Leute so lange wie möglich hier zu halten'. Es entstanden zahllose Listen, auf denen jene privilegierten Personen verzeichnet waren, die von den Deportationen künftig ausgenommen sein sollten." Dass in den Niederlanden proportional so viele Juden umkamen wie sonst nur in osteuropäischen Ländern, erklärt Hirschfeld mit der starken Präsenz der SS. Aber es gab auch ein Paradox: "Der Grad an erfahrener Integration förderte bei vielen von ihnen ein nachvollziehbares Gefühl der Zugehörigkeit und der Sicherheit, das sich angesichts einer bislang weder erlebten noch vorstellbaren Verfolgungssituation als fatal erweisen musste."

In der NZZ blättert Hoo Nam Seelmann ein besonders gruseliges Kapitel der japanisch-koreanischen Geschichte auf: Ende des 16. Jahrhunderts beschloss der Kaiser Hideyoshi China zu erobern, um seine Samurai zu beschäftigen. Dafür musste man aber erst mal durch Korea. Der Krieg dauerte mehrere Jahre. Zum Beweis ihrer Tapferkeit schnitten die Samurai ihren Opfern Nasen und Ohren ab: "An Sammelstellen wurden sie abgezählt und registriert, da die Prämien davon abhingen. Nach dem Bericht von Ogawachi Hidemoto sollen während des Krieges Köpfe oder Nasen von 180 538 Koreanern und 29 014 Chinesen in Japan gelandet sein. Da aber die Zahl der koreanischen Soldaten nie so groß war, meint man, dass viele Zivilisten ihr Leben oder ihre Nasen verloren haben. Die japanischen Soldaten hätten, so die koreanischen Zeitzeugen, jedem, dem sie begegnet seien, wahllos die Nase abgeschnitten. Nach dem Krieg habe man lange noch Menschen ohne Nasen auf der Straße gesehen." Es gibt in Japan mehrere Gräber nur für diese abgeschnittenen Körperteile, das Mimizuka von Kyoto zum Beispiel: "Vermutet wird, dass darin die Nasen von gut 100 000 Menschen begraben liegen", erzählt Seelmann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2022 - Geschichte

Klaus Hillenbrand hat für die taz in der Wannsee-Villa eine Tagung zum achtzigsten Jahrestag der Wannseekonferenz verfolgt. Auch über die postkoloniale Infragestellung der Einzigartigkeit des Holocaust und seine Herleitung aus dem Kolonialismus wurde diskutiert. "Gegen solche Vergleiche sei an sich nichts einzuwenden, meinte Dan Diner, solange die richtigen Vergleiche gezogen und nicht Unvergleichliches verglichen würde. Deutlicher wurde Sybille Steinbacher vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt, die die These von der kolonialen Gewalt als Vorgeschichte des Holocaust vehement zurückwies. Diese 'monokausalen Deutungen' ohne Berücksichtigung anderer Faktoren, in der die Holocaustforscher provinzialisiert werden, gingen fehl. Denn weder fänden sich unter den NS-Massenmördern bis auf wenige Ausnahmen solche mit Kolonialerfahrung noch spielte der Kolonialismus im NS-Machtapparat mehr als eine randständige Bedeutung. Im Gegenteil habe der Nationalsozialismus mit Traditionen, darunter kolonialen Vorstellungen, gebrochen."

Schon im 17. Jahrhundert ging es Russland um Rohstoffe und um Befreiung aus einer "Umzingelung", ruft der Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ in Erinnerung: "Verbündet mit Dänemark und Sachsen-Polen, brach Peter I. im Jahr 1700 einen Krieg vom Zaun, der nach mehr als zwanzig Jahren durch den vertraglichen Verzicht Schwedens auf seine Provinzen Estland und Livland beendet wurde. Die Gründung von Sankt Petersburg als Hafenstadt und neuer Kapitale des Zarenreichs symbolisierte den russischen Triumph und die neuen Machtverhältnisse an der Ostsee."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2022 - Geschichte

Die evangelischen Theologen Peter und Gabriele Scherle kritisieren in der FAZ den Text des Historikers Wolfgang Reinhard gegen eine angebliche "deutsche Holocaust-Orthodoxie" (unsere Resümees): "Ganz anders, als es Reinhard erwägt, ist das 'alltägliche Vergessen' des Holocausts nichts, was für die Täter oder, wie er es formuliert, 'das Volk der Täter' eine Hoffnung beinhaltet. Alltägliches Vergessen wäre kein erlösendes Vergessen, sondern eines, das 'auf ewig' an die Taten bindet, die mit dem Holocaust verbunden waren."

Begeistert greift der Historiker und Hohenzollern-Versteher Lothar Machtan den Vorschlag des aktuellen Prinzen Georg Friedrich zu einer Ausstellung zur Verstrickung seiner Familie in den Nationalsozialismus auf. Diese Ausstellung solle durchaus kritisch sein. Beleuchtet werden soll für Machtan, den Tilman Krause in der Welt interviewt, aber auch "der postmonarchische Lebenszusammenhang derjenigen, die eigentlich berufen waren, den deutschen Kaiserthron zu beerben, dieses Erbe aber infolge der deutschen Novemberrevolution nicht antreten durften." Da Machtan das Privatarchiv der Familie kennt, weiß er auch schon, wie er die kritische Ausstellung bestücken könnte, zum Beispiel mit "gedruckten Speisekarten für Gala-Diners auf Cecilienhof; dem royalen Frühstücksservice; Wilhelms Lieblingsuniform als Kommandeur des Leibhusaren-Regiments mit dem Totenkopf auf der Pelzmütze".