Die
taz bringt die
Grabrede Götz Alys auf die bekannte 68erin
Dagmar von Doetinchem, die erste Frau von Klaus Hartung, die Aly in der "Roten Hilfe" kennengelernt hatte. Er schildert ihren gemeinsamen Weg aus der Verehrung der Antisemiten Horst Mahler und Ulrike Meinhof zur
Aufarbeitung der Geschichte. Doetinchem hat ein wichtiges Buch über die Geschichte des
Jüdischen Krankenhauses in Berlin geschrieben, das 1989 feierlich präsentiert wurde: "Als Dagmar zum Podium schritt,
verhaspelte sich die sonst so selbstbewusst Auftretende, verlor den Faden und fand kein Ende. Aber es wäre falsch zu sagen, sie hätte eine schlechte Rede gehalten. Sie zeigte die tiefe, damals
weit verbreitete Unsicherheit. Wir 68er hatten zu mehr als 90 Prozent Väter, die Soldaten der Wehrmacht gewesen waren. Etwa 30 Prozent waren Mitglieder der NSDAP, deutlich mehr hatten dem Führer zugejubelt. Dagmars Stimme versagte immer wieder vor so vielen ihr freundlich und offenherzig zugewandten Juden, die überlebt hatten und nun - dank ihrer Recherchen - nach Berlin gereist waren."
Hitler war sicher kein Sozialist im eigentlichen Sinne, aber er sah sich selbst als solchen und er
hasste den Kapitalismus mehr als den Bolschewismus,
meint der irische
Historiker Brendan Simms im Interview mit der
NZZ. "Hitlers Hauptaugenmerk lag auf dem, was er selbst 'Plutokratie' nannte. Diese assoziierte er mit dem sogenannten Weltjudentum, aber auch mit den angelsächsischen Mächten, die er im Vergleich mit der Sowjetunion für deutlich stärker und gefährlicher hielt. Natürlich hatte er auch Angst vor dem Bolschewismus, doch spielte diese eine untergeordnete Rolle. Den Bolschewismus sah er als
eines der Instrumente des internationalen Kapitals, um Deutschland und andere Länder willenlos zu machen." Auch Hitlers Politik nach 1933 sei nicht "wirklich sozialistisch" gewesen, "aber sie enthielt sozialistische Elemente, etwa die Einführung neuer Steuern sowie einen
Ausbau des Wohlfahrtsstaats und der Arbeitnehmerrechte. Hitler machte einen Unterschied zwischen dem internationalen Kapitalismus und dem, was er den nationalen Kapitalismus nannte, wenn man so will zwischen Wall Street und Krupp. Den nationalen Kapitalismus akzeptierte er. Sozialismus bedeutete für ihn, dass die Unternehmer in erster Linie
für die Nation arbeiten müssten und nicht für ihren Profit."
Meron Mendel hatte über
Rosemary Sullivans Buch "The Betrayal of Anne Frank", das inzwischen weithin kritisiert wird, in der
FAZ zunächst abwartend positiv geschrieben (unser
Resümee). Heute betont er
im Gespräch Hardy Funk im
BR, dass die These von der Schuld eines zum Judenrat gehörenden Notars nicht ausreichend belegt ist. Aber er kritisiert auch die
Aufregung um das Buch: "Es werden jährlich sehr viele schlecht recherchierte Bücher publiziert und das verschwindet im Meer der vielen Publikationen, die ständig herausgegeben werden. Wenn man allerdings
mit so einer Vehemenz reagiert und gleich von einem 'Antisemitismus-Booster' spricht - wie zuletzt Yves Kugelmann von dem Anne Frank Fonds - und mit so einer Hysterie auf so ein Buch reagiert, dann kann der Eindruck entstehen, als ob es in der Geschichtsforschung
Tabus gäbe, als ob es Sprechverbote gäbe. Das ist der Nährboden von Verschwörungstheorien: Wenn man nur den Verdacht ausspricht, dass der Verräter ein jüdischer Notar sei, gehen alle auf die Palme und warnen davor, dass hier Antisemitismus verbreitet wird, dann kann man paradoxerweise
genau diesen Effekt erzielen."
Andreas Schlüter erzählt in der
FAZ die Geschichte des Kaufhauses am
Berliner Hermannplatz, lange ein Karstadt, nun wohl ein Immobilienprojekt, das zu einer ähnlichen (von den Zeitungen kaum thematisierten)
Verhunzung wie beim
KaDeWe führen könnte. Anders als das KaDeWe, so Schlüter, "war dieses Kaufhaus inmitten der Kreuzberger und Neuköllner Kieze immer auch ein
Kaufhaus der kleinen Leute. Das ist bis heute noch so, und diese alltägliche Normalität, gerne auch etwas berlinerisch robust, ist durchaus sympathisch. Die Auswahl an
künstlichen Blumen ist bemerkenswert und die Existenz einer
Zoo-Abteilung fast schon unglaublich. Unberührt von jeder Pandemie, ziehen hier die
Schleierkampffische ihre Runden, die blauen Exemplare zum Preis von 14,90 Euro und die roten für 7,90 Euro."