9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Geschichte

Die Figur des Winston Churchill, den die meisten Engländer nach wie vor als den bedeutendsten Mann ihrer Geschichte ansehen, wird in einigen Bücern neu bewertet, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Unter anderem kommt im September Ian Burumas neues Buch "The Churchill Complex", der vor allem die "Vorstellung, dass die englischsprachigen Völker die Welt vor der Tyrannei gerettet hätten" und das britisch-amerikanische Verhältnis neu beleuchte: "Seine Darstellung dieser vielfach beschworenen, selbst mythisierten 'Sonderbeziehung' ist weniger eine Kritik an Churchill als an all den Präsidenten und Premierministern, die sich aus Angst, wie Neville Chamberlain als Beschwichtiger gebrandmarkt zu werden, verführen ließen von der Aussicht, die Demokratie gegen Despoten zu verteidigen. Dieser gemeinsame Mythos sei zugleich großartig und ein Fluch gewesen, so Buruma."

Wer glaubt, der Westen habe mit seinen Kolonisierungen die Welt bestimmt, möge Jason Sharmans "Empires of the Weak" lesen, empfiehlt Arno Widmann in der FR. Er hat aus dem Buch gelernt, dass China und das Osmanische Reich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert weitaus mehr Einfluss hatten als die Europäer. "Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte es niemals eine Überlegenheit des Westens gegeben. In China wird heute gerne die Demütigung durch den Westen beschworen. Die Revolutionäre von 1911 dachten anders darüber. Sie stürzten die Mandschu-Dynastie als eine Fremdherrschaft, die sich das ganze Land unter den Nagel gerissen hatte und riefen am 1. Januar 1912 die Republik aus. Das älteste Kaiserhaus der Erde war gestürzt. Die 'Großen Mächte', von denen Leopold von Ranke (1795-1886) in seinem sehr schönen Text aus den 1830er Jahren spricht, sind damit verglichen mickrige Zwergstaaten. Es gibt bei Ranke keinen Hinweis darauf, dass die wirklich großen Reiche jener Jahrhunderte die Produkte von Nachkommen nomadischer Reitervölker aus Zentralasien waren. Auch in vielen der heute erscheinenden Globalgeschichten wird das gerne übersehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Geschichte

"Heute spricht niemand mehr vom Atomzeitalter. Dabei leben wir mehr als jemals darin", schreibt Arno Widmann in der Berliner Zeitung mit Blick auf den 75. Jahrestag der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki: "Nicht weil es 13.400 einsatzbereite Sprengköpfe gibt - in den Hochzeiten des Kalten Krieges waren es mehr als doppelt so viel - , sondern weil es heute mehr Staaten gibt, die welche zum Einsatz bringen können. Derzeit hat Russland etwas mehr als 6000 Sprengköpfe, die USA  etwas weniger. Dann folgen China, Frankreich, Großbritannien. Es gibt Beobachter, die als eine der größten Gefahren ansehen, dass Pakistan mit 160 Atomsprengköpfen und Indien mit 150 aufeinander einschlagen könnten."

Deutsche Historiker konzentrieren sich allein auf die deutsche NS-Täter-Geschichte, konstatiert der polnische Holocaust-Historiker Jan Grabowski im Freitag. Das berge die Gefahr der Geschichtsverfälschung, meint er: "Damit nehmt ihr uns Polen, Ungarn, Franzosen, uns Bürgern so vieler anderer Nationen, das Recht und die Pflicht, die Schuld für unsere eigene, problematische und dramatische Geschichte zu übernehmen. Ja, ihr Deutschen, eure Vorväter haben den Masterplan geschaffen, ihr habt die Räder in Bewegung gesetzt und den schrecklichen Plan ausgeführt - daran ist kein Zweifel. Aber könnt ihr uns anderen Europäern das Recht verweigern, uns unserer eigenen Vergangenheit zu stellen? Als Pole habe ich das Recht, nein, die Pflicht, alle polnischen Juden zu zählen und zu berücksichtigen, die mit Hilfe meiner Landsleute ausgeraubt, ermordet, denunziert wurden. Es gehört zu unserer Bürgerpflicht, über die Leute zu reden und nachzudenken, die den deutschen Plan zur Vernichtung bereitwillig, mit Enthusiasmus unterstützten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2020 - Geschichte

Sehr gern wird mit Blick auf die Ukraine über die Kollaboration der dortigen Bevölkerung gesprochen, die es auch gegeben hat - aber weniger wird die russische Kollaboration thematisiert, die im Moment des Hitler-Stalin-Pakts sogar eine sowjetische war, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog: "An die russische und sowjetische Kollaboration zu erinnern, schmälert in keiner Weise die Leiden der russischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg und die ungeheuren Opfer, die sie und die Sowjetarmee bei der Niederschlagung des Nationalsozialismus erbracht haben. Ebenso wenig relativiert es im Geringsten dessen beispiellose Menschheitsverbrechen. Doch gilt es, der unter großrussisch-völkischen Vozeichen erneuerten sowjetischen Geschichtspropaganda entgegenzutreten, die diesen Teil der Historie manipulativ aus dem Gedächtnis löschen will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Florian Coulmas an den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren und die Diskussion danach: "Wie soll Hiroshima in die Geschichte eingehen? Einigkeit besteht darüber bis heute nicht. Krieg ist kein Unglück, das über uns kommt wie eine Flutwelle, unter der alle leiden. Kriege passieren nicht, sie werden gemacht von Akteuren, die dafür verantwortlich sind. Dass Umstände verwickelt sein können und der Ausbruch eines Krieges von Fehlkalkulationen und Dummheiten begleitet sein kann, will man nicht unbedingt wissen. Für ein geordnetes Weltbild ist es besser, wenn es die Guten gibt und die Bösen, wie im Western. Deshalb verhallen die Stimmen derer, die sich nicht damit zufriedengeben, dass 'alles in allem', 'unterm Strich' A gut und B böse war, eher ungehört." In der Berliner Zeitung schreibt Thorsten Wahl und weist auf einige Fernsehsendungen zum Thema hin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2020 - Geschichte

In der NZZ berichtet der Historiker Ulrich Schlie von einem Bericht über die Vorläufer des Bundeslandwirtschaftsministeriums im Nationalsozialismus, den eine unabhängige Historikerkommission erstellt hat: "Es geht um die Frage, warum gerade im deutschen Ernährungsministerium der Nachkriegszeit unter den leitenden Beamten ein besonders hoher Anteil an ehemaligen Parteigenossen der NSDAP und ehemaligen SS-Mitgliedern beschäftigt war - im Jahr 1959 wies man das Allzeithoch aller Bundesministerien aus. ... Noch 1984 wurde mit Walther Florian ein ehemaliger SS-Mann und Angehöriger der 'Kampfgruppe Fegelein' trotz Protesten der jüdischen Opferverbände zum Staatssekretär berufen, der in dem bei seinem Eintritt ins Ministerium eingereichten Lebenslauf seine einstige SS-Mitgliedschaft 'vergessen' hatte. Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte des Hauses war von ihm nicht zu erwarten."

Ebenfalls in der NZZ porträtiert Judith Leister Hugo Marcus vor, einen homosexuellen deutschen Juden, der in den 1930er Jahren zum Islam konvertierte: "Der philosophische Zugriff, mit dem Hugo Marcus den Islam adaptierte, ist ebenso originell wie synkretistisch. Wie viele Aufklärer, insbesondere Lessing, deutete Marcus den Islam als universalistische Toleranzreligion. Von einer Massenkonversion erhoffte sich der Kulturkonservative eine lichtere Zukunft für Deutschland. Den 'Olympier' Goethe, Autor des 'West-östlichen Divans' und der 'Mahomet'-Gedichte, präsentierte er als Schlüsselfigur eines europäischen Islam. Aus Goethes Äußerungen zur Religion las er 'die Worte eines echten Moslems' heraus. Und nicht nur das. Marcus, der seine Homosexualität eher zu verbergen suchte, erblickte in Goethes Leben und Werk ein Vorbild für homosexuell gefärbte Männerbünde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2020 - Geschichte

Arno Widmann liest in der FR Brendan Simms' Hitler-Biografie und kann dessen Thesen einiges abgewinnen: "Die Propaganda des seit Herbst 1919 überaus erfolgreichen Redners erst der Deutschen Arbeiterpartei, dann der aus ihr hervorgegangenen NSDAP, richtete sich - das ist eine der zentralen Beobachtungen von Simms - gegen Großbritannien und die USA. Der frühe Antisemitismus Hitlers war ein Antikapitalismus. Es ging gegen 'den Tanz ums goldene Kalb' in Berlin und an der Wall Street."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2020 - Geschichte

Nach dem Besuch einer Ausstellung über den polnischen Offizier und Widerständler Witold Pilecki im Berliner Pilecki-Institut, die auch die deutschen Besatzung im Osten Europas thematisiert, bekräftigt Jens Bisky in der SZ die Forderung nach einem Mahnmal für die Millionen ermordeten Osteuropäer (unsere Resümees): "Im Juni haben die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Deutsche Polen-Institut Darmstadt einen Vorschlag veröffentlicht, verschiedene Initiativen zusammenzuführen. Vorgesehen ist ein Gedenkort, ein Denkmal, zur Erinnerung an den 1. September 1939, den Beginn des Weltkriegs, die polnischen und anderen Opfer der Besatzungsherrschaft. Ein Dokumentationszentrum soll, so heißt es, 'umfassend und vergleichend die deutsche Okkupation fast des gesamten Kontinents darstellen'. Bildungseinrichtungen sollen sich einzelnen Opfergruppen, Polen, Ukrainern, Weißrussen, Russen widmen, sollen informieren, erinnern." Aber: "In Deutschland fragen Kritiker, ob ein solcher Gedenkort nicht eine Nationalisierung der Geschichtsbilder befördern würde, wogegen andere vor der Einebnung von Unterschieden, der Relativierung von Leid und Verbrechen in einer postnationalen Perspektive warnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2020 - Geschichte

Wie sich die Evangelische Kirche bei den Nazis anbiederte, indem sie versuchte, alles Jüdische aus ihrer Kirche zu entsorgen, lernt Paul Kahl (NZZ) bei einem Besuch der Ausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939-1945" im Lutherhaus Eisenach. Dieses Institut war - ganz ohne Zwang durch die Nazis - gegründet worden, um Christentum und Nationalsozialismus vereinbar zu machen. In Eisenach, weil Luther ein Antisemit war: "Mit seiner Schrift 'Jesus der Galiläer' erzielte [der Leiter des Instituts, der Theologe Walter Grundmann] breite Resonanz. Für Grundmann ergab es sich 'mit Notwendigkeit, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Jesus, da er auf Grund seiner seelischen Artung kein Jude gewesen sein kann, es auch blutsmäßig nicht war'. Mit zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitern aus dem ganzen Reichsgebiet schuf Grundmann eine 'entjudete Bibel', die Jesus zum überzeugten Kämpfer gegen das Judentum machte. Ihre erste Auflage war rasch vergriffen."

Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, und Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, treten in der FAZ mit mit einem gemeinsamen Vorschlag zur Frage eines weiteren Mahnmals in Berlin hervor: Er soll den Streit zwischen jenen, die ein Mahnmal für die polnischen Opfer wollen, und jenen, die des Besatzungskriegs generell gedenken wollen, versöhnen: Und "es soll - Putins Geschichtspolitik zum Trotz - vergegenwärtigen, dass der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 durch das Zusammenwirken Hitlers und Stalins mit der Zerstörung der Republik Polen begann, den bis zu sechs Millionen zivilen Opfern Polens, aber auch den bis zufünfzehn Millionen zivilen Opfern der Sowjetunion gerecht werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2020 - Geschichte

Wo bleibt das Neue? Wo gibt es das Grundstürzende, das durch Covid-19 hervorgebracht werden könnte? In der Welt klagt Manuel Brug über die kreative Ermüdung der Kunst, die in Deutschland zwar mit üppigen Subventionen bedacht werde, aber keine neue Impulse mehr hervorbringe. Wie anders war das 1918: "Da war der Erste Weltkrieg vorbei, die Spanische Grippe, das wissen wir jetzt wieder, forderte weitere Millionen Tote. Aber mehr noch: Eine Gesellschaftsordnung war umgestoßen, weggeputzt, Europa diverser Monarchien beraubt. Demokratie, Sozialismus, Kommunismus - alles war ein sehr realer Experimentierbaukasten. Und die Künste, damals vorneweg, suchten das Neue, Radikale, Noch-nie-Dagewesene."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2020 - Geschichte

Erklärende Tafeln neben Denkmälern, die, oft von der Öffentlichkeit kaum noch reflektiert, krassen Militarismus oder die Unterdrückung von Demokratiebewegungen feieren, reichen nicht aus, meint der Publizist und Autor Ilija Trojanow in der taz: "Was in einem Museum ein Leichtes wäre, funktioniert im öffentlichen Raum kaum. Solange unsere Denkmäler versteinerter Ausdruck von Geschichtlichkeit bleiben, können sie keine andere soziale Funktion erfüllen, als die Selbstgerechtigkeit von Macht zu dokumentieren. (...) Das Störende an den Denkmälern ist die Hybris ihrer vermeintlichen Unvergänglichkeit. Geschichte aber ist ein sich wandelndes Narrativ. Wir sollten lieber provisorische Denkmäler errichten, was technisch durch den 3-D-Druck leicht zu verwirklichen wäre, anhand von Vorschlägen, die aus Diskussionen in Vereinen, Gemeinderäten oder Klubs von lokalhistorisch Interessierten erwachsen."