9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 78 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 - Geschichte

Der Berlin-Teil der taz widmet sich den Reichen der Stadt (natürlich mit dem Ziel der Umverteilung). Interessant ist Susanne Memarnias Gespräch mit dem Historiker Hanno Hochmuth, der die Honoratioren- und Handelsstadt Hamburg mit der einstigen Industriellenstadt Berlin vergleicht: "Ich würde mich sogar zu der These hinreißen lassen, dass in Hamburg Abstammung eine viel, viel größere Rolle spielte als in Berlin. Berlin war schon immer, spätestens aber seit dem 19. Jahrhundert, eine Stadt der Newcomer. Über Generationen gewachsene familiäre Netzwerke waren hier nie so wichtig."
Stichwörter: Hamburg, Berlin, Umverteilung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2020 - Geschichte

Hohenzollern-Streit in der FAZ, dritte Folge. Einige Historiker hatten sich gestern im politischen Teil der FAZ gegen die Behauptungen der Historikerin Eva Schlotheuber (Vorsitzende des Historikerverbandes) und ihres Kollegen Eckart Conze gewandt, der Stand der Forschung sei eindeutig, die Hohenzollern seien Nazi-Fans gewesen. FAZ-Redakteur Patrick Bahners verteidigt heute in der Leitglosse des Feuilletons die Angegriffenen. "Richtig bleibt: Die vier Gutachten beschreiben Handeln und Denkungsart des früheren Kronprinzen Wilhelm übereinstimmend. Gestritten wird nur darüber, ob das juristische Kriterium des 'erheblichen Vorschubs' erfüllt ist." Davon hängt ab, ob die Hohenzollern weitere Entschädigungsansprüche haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2020 - Geschichte

Am 9. September erklärten die Vorsitzende des deutschen Historikerverbandes, Eva Schlotheuber, gemeinsam mit ihren Historikerkollegen Eckart Conze im Feuilleton der FAZ, dass die Debatte um die Hohenzollern eigentlich abgeschlossen und ihr Eintreten für die Nazis (das Kriterium für die Frage, ob sie weitere Entschädigungen erhalten) erwiesen sei (unser Resümee). Der These vom Konsens in dieser Frage widersprechen nun die Historiker Peter Hoeres, Ronald Asch, Jörg Baberowski, Hans-Christof Kraus, Sönke Neitzel, Andreas Rödder, Rainer F. Schmidt, Michael Sommer, Uwe Walter und Michael Wolffsohn, berichtet Reinhard Müller im politischen Teil dieser Zeitung. Müller zitiert aus einem Schreiben dieser Historikergruppe, das der FAZ vorliege. "In der Causa Hohenzollern widersprächen sich die Gutachten, und gerade sei seitens der Historischen Zeitschrift ein Aufsatz angenommen worden, der das Bild weiter differenzieren werde. 'Wir sind nicht der Meinung', so die Historiker weiter, dass der Verband 'hier einfach zugunsten zweier Gutachten Partei nehmen und diese Debatte für entschieden erklären kann'." Conze und Schlotheuber hatte auch kritisiert, dass die Hohenzollern-Familie die Debatte mit vielen Unterlassungserklärungen juristisch beherrschen wolle. Müller schreibt dazu: "Jeder hat das Recht, gegen vermeintlich falsche Aussagen vorzugehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2020 - Geschichte

In der SZ erinnert Heinrich August Winkler an die Gründung der Solidarność in Polen vor vierzig Jahren, deren nationalkonservativer Flügel heute hat das Land regiert: "Die Partei von Jarosław Kaczyński hat sich zielstrebig dem Abbau der Unabhängigkeit der Justiz gewidmet und den Rechtsstaat demontiert, für den die Pioniere der Solidarność wie Wałęsa, Mazowiecki und Geremek mit höchstem Einsatz gekämpft haben. In der polnischen Zivilgesellschaft und der parlamentarischen Opposition aber leben die freiheitlichen Ideen der Ur-Solidarność fort, und sie tun das nicht nur dort. Vieles von dem, was in den letzten Wochen von Maria Kolesnikowa und anderen Sprecherinnen der Anti-Lukaschenko-Opposition in Belarus zu hören war, erinnert stark an die von nüchternem Verantwortungsbewusstsein geprägten Analysen der gemäßigten Solidarność-Intellektuellen von 1980/81. Ein besseres Vorbild könnten Freiheitsbewegungen östlich der polnischen Grenzen auch gar nicht finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2020 - Geschichte

Die Erinnerung an den Holocaust wird mehr und mehr instrumentalisiert, fürchtet Richard Herzinger in der NZZ: Von osteuropäischen Staaten wie Polen oder Ungarn, die von ihrer Kollaboration und ihrem eigenen Antisemitismus ablenken möchten, von westeuropäischen Parteien wie der AfD und dem Front national, die sich israelfreundlich geben, während sie den Nationalsozialismus und den Holocaust als unbedeutendes Detail der Weltgeschichte abtun, und durch Putin, der die Sowjetunion gerne als maßgebliche Kraft bei der Beendigung des Holocaust verstanden wissen möchte: "Im Kontext der sowjetischen Erzählung vom 'Großen Vaterländischen Krieg', welche der Kreml-Herrscher im Dienste seiner großrussisch-nationalistischen Ziele wiederzubeleben versucht, ist die explizite Formulierung des Anspruchs, Retter der europäischen Juden gewesen zu sein, ein Novum. Denn der Holocaust als ein gegenüber dem Kriegsgeschehen gesondert zu betrachtendes Verbrechen durfte der kommunistischen Ideologie gemäß zu Sowjetzeiten öffentlich nicht einmal erwähnt werden. Die ermordeten Juden wurden einfach unter jene 'sowjetischen Bürger' subsumiert, die dem deutschen Überfall zum Opfer gefallen waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2020 - Geschichte

Bei allem guten Willen - der Denkmalstreit ist "geschichtsvergessen bis zum Gehtnichtmehr", meint der Schriftsteller Hans Christoph Buch in der NZZ. Bismarck stand beispielsweise "Kolonialbestrebungen skeptisch gegenüber, bevor Carl Peters und andere ihn durch getürkte Verträge mit afrikanischen Potentaten vor vollendete Tatsachen stellten. Bismarck sind, obwohl befangen in den Vorurteilen seiner Zeit, keine rassistischen Äußerungen nachweisbar (…) Was man Bismarck vorwerfen kann, ist die 1884/85 nach Berlin einberufene Kongo-Konferenz, auf der Afrika unter seiner Ägide wie ein Schokoladenkuchen aufgeteilt worden sein soll. Das stimmt so nicht, aber niemand macht sich die Mühe, die Protokolle der Konferenz nachzulesen, an der außer Europas Kolonialmächten die Vereinigten Staaten, Russland und das Osmanische Reich teilnahmen. Ich bin dieser niemand, und das Ergebnis der Nachprüfung ist widersprüchlicher, als es auf den ersten Blick erscheint."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2020 - Geschichte

Auch der Perlentaucher wurde schon von den Anwälten der Hohenzollern mit teuren Unterlassungsaufforderungen beharkt, nachdem er eine Historikerin aus der FR zitiert hatte. In der FAZ beschreiben die Historiker Eva Schlotheuber und Eckart Conze die Strategie der ehemaligen Herrscherfamilie als Versuch, mit Aberdutzenden Unterlassungsaufforderungen die Debatte zu modellieren, damit man am Ende beim Streit über die Verwicklung in die Nazigeschichte ein besseres Bild abgibt und die ersehnten Entschädigungen bekommt. Schlotheuber und Conze protestieren: "Es ist nicht nur die Aufgabe von Historikern, eine auf Quellen und Forschungswissen gegründete kritische Diskussion zu ermöglichen und zu führen, sondern auch, sich zu Wort zu melden, wenn eine solche öffentliche und freie Diskussion gefährdet ist. Genau das aber zu verhindern, dazu tragen die Abmahnungen und Unterlassungsaufforderungen, auch wenn sie sich nicht auf die im engeren Sinne historischen Sachverhalte beziehen, massiv bei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2020 - Geschichte

Besprochen wird die Ausstellung "Jewish Resistance to the Holocaust" in der Wiener Library for the Study of the Holocaust" in London, die sich neben dem bewaffneten Aufstand auch dem jüdischen kulturellen Widerstand widmet (SZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2020 - Geschichte

Sechzig Jahre Pille, die taz bringt ein Dossier zum Thema. Die Soziologin Susanne Schultz erzählt im Gespräch mit Patricia Hecht von die hässlichen eugenischen Ursprünge der Pille und von ihren frühen Jahren: "Im Expertendiskurs der fünfziger und sechziger Jahre von zumeist männlichen Ärzten und Politikern über die Pille ging es viel darum, globale Überbevölkerung zu bekämpfen, zum Teil auch Abtreibung zu verhindern - Letzteres auch ein Versuch, die katholische Kirche einzubinden. Das hat nicht geklappt: Der Papst gab in seiner Enzyklika 'Humanae Vitae' 1968 vor, dass Sexualität grundsätzlich auf Fortpflanzung ausgerichtet sein müsse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Geschichte

Die Figur des Winston Churchill, den die meisten Engländer nach wie vor als den bedeutendsten Mann ihrer Geschichte ansehen, wird in einigen Bücern neu bewertet, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Unter anderem kommt im September Ian Burumas neues Buch "The Churchill Complex", der vor allem die "Vorstellung, dass die englischsprachigen Völker die Welt vor der Tyrannei gerettet hätten" und das britisch-amerikanische Verhältnis neu beleuchte: "Seine Darstellung dieser vielfach beschworenen, selbst mythisierten 'Sonderbeziehung' ist weniger eine Kritik an Churchill als an all den Präsidenten und Premierministern, die sich aus Angst, wie Neville Chamberlain als Beschwichtiger gebrandmarkt zu werden, verführen ließen von der Aussicht, die Demokratie gegen Despoten zu verteidigen. Dieser gemeinsame Mythos sei zugleich großartig und ein Fluch gewesen, so Buruma."

Wer glaubt, der Westen habe mit seinen Kolonisierungen die Welt bestimmt, möge Jason Sharmans "Empires of the Weak" lesen, empfiehlt Arno Widmann in der FR. Er hat aus dem Buch gelernt, dass China und das Osmanische Reich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert weitaus mehr Einfluss hatten als die Europäer. "Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte es niemals eine Überlegenheit des Westens gegeben. In China wird heute gerne die Demütigung durch den Westen beschworen. Die Revolutionäre von 1911 dachten anders darüber. Sie stürzten die Mandschu-Dynastie als eine Fremdherrschaft, die sich das ganze Land unter den Nagel gerissen hatte und riefen am 1. Januar 1912 die Republik aus. Das älteste Kaiserhaus der Erde war gestürzt. Die 'Großen Mächte', von denen Leopold von Ranke (1795-1886) in seinem sehr schönen Text aus den 1830er Jahren spricht, sind damit verglichen mickrige Zwergstaaten. Es gibt bei Ranke keinen Hinweis darauf, dass die wirklich großen Reiche jener Jahrhunderte die Produkte von Nachkommen nomadischer Reitervölker aus Zentralasien waren. Auch in vielen der heute erscheinenden Globalgeschichten wird das gerne übersehen."