Die Figur des
Winston Churchill, den die meisten Engländer nach wie vor als den bedeutendsten Mann ihrer Geschichte ansehen, wird in einigen Bücern neu bewertet, berichtet Gina Thomas in der
FAZ. Unter anderem kommt im September
Ian Burumas neues Buch "The Churchill Complex", der vor allem die "Vorstellung, dass die englischsprachigen Völker die Welt
vor der Tyrannei gerettet hätten" und das britisch-amerikanische Verhältnis neu beleuchte: "Seine Darstellung dieser vielfach beschworenen, selbst mythisierten 'Sonderbeziehung' ist weniger eine Kritik an Churchill als an all den Präsidenten und Premierministern, die sich aus Angst, wie Neville Chamberlain als Beschwichtiger gebrandmarkt zu werden, verführen ließen von der Aussicht, die Demokratie gegen Despoten zu verteidigen. Dieser gemeinsame Mythos sei zugleich
großartig und ein Fluch gewesen, so Buruma."
Wer glaubt,
der Westen habe mit seinen Kolonisierungen die Welt bestimmt, möge
Jason Sharmans "Empires of the Weak" lesen,
empfiehlt Arno Widmann in der
FR. Er hat aus dem Buch gelernt, dass
China und das
Osmanische Reich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert weitaus mehr Einfluss hatten als die Europäer. "Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte es
niemals eine Überlegenheit des Westens gegeben. In China wird heute gerne die Demütigung durch den Westen beschworen. Die Revolutionäre von 1911 dachten anders darüber. Sie stürzten die Mandschu-Dynastie als eine Fremdherrschaft, die sich das ganze Land unter den Nagel gerissen hatte und riefen am 1. Januar 1912 die Republik aus. Das älteste Kaiserhaus der Erde war gestürzt. Die 'Großen Mächte', von denen Leopold von Ranke (1795-1886) in seinem sehr schönen Text aus den 1830er Jahren spricht, sind damit verglichen
mickrige Zwergstaaten. Es gibt bei Ranke keinen Hinweis darauf, dass die wirklich großen Reiche jener Jahrhunderte die Produkte von Nachkommen
nomadischer Reitervölker aus Zentralasien waren. Auch in vielen der heute erscheinenden Globalgeschichten wird das gerne übersehen."