Polen verdient sehr wohl ein eigenes Mahnmal in Berlin, denn die Vernichtung Polens war für die Nazis ein eigenes Ziel - und die Nazis radikalisierten damit eine traurige Linie deutscher Politik, schreibtWelt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog. Hinzu kommt der Hitler-Stalin-Pakt: "Polen wurden deshalb Opfer der Deutschen Wehrmacht, der Sondereinheiten, der SS und der Roten Armee und des NKWD. Hitler und Stalin haben gemeinsam dazu beigetragen, den multiethnischen Charakter Polens zu zerstören. Unter Historikern ist es strittig, ob Stalin mit diesem Teufelspakt nur Zeit gewinnen wollte, um die Rote Armee für den deutschen Angriff aufzurüsten. Für die Nachkommen der Opfer und für alle Polen dürfte das freilich ohne Bedeutung sein."
Das Foto aus dem Bestand des Musée Eluard, das auch in der Pressemappe des Militärhistorischen Museums abgebildet ist, zeigt die Kommunardin Louise Michel.Im Dresdner Militärhistorischen Museum findet eine Ausstellung zum deutsch-französischen Krieg vor 150 Jahren statt, der bekanntlich - nach den vorausgehenden Kriegen gegen Dänemark und Österreich - zur Gründung des Deutschen Reichs führte. In seiner Besprechung der Ausstellung für die FAZ bemerkt Andreas Kilb: "Diese Gründung wird im laufenden Jahr - und, so weit man sehen kann, auch im kommenden - von den deutschen Geschichtsmuseen mit keiner einzigen Ausstellung gewürdigt. Dieses Versäumnis mag Besucher aus anderen europäischen Nationen erstaunen, ist aber leicht zu erklären, wenn man an die Rolle des Kaiserreichs im hiesigen historischen Gedächtnis denkt. Der alten Bundesrepublik war das Reich peinlich, weil es in den Ersten Weltkrieg mündete. Dem wiedervereinigten Deutschland ist es noch peinlicher, weil es für eine Variante des Preußentums steht, die man aus dem postmodernen, aus Humboldt, Schinkel und Fontane zusammengesetzten Preußenbild gerne heraushalten möchte." Die grottige Website des Dresdner Museums bietet kaum Informationen zur Ausstellung.
Und noch ein 150-jähriges Jubiläum. Im Jahr 1870 ließ sich Papst Piux IX. die "Unfehlbarkeit" zuschreiben. Rudolf Neumaier schreibt dazu in der SZ: "Alles was heute an dieser Institution so weltfremd ist, was so kalt und unbarmherzig wirkt, die gesamte anachronistsche Klerikalhierarchie also wurzelt in abenteuerlichen theologischen Winkelzügen, die im 19. Jahrhundert unter Pius IX. ersonnen wurden. Während in Europa Monarchen an Macht einbüßten, ließ sich der Papst von neuscholastischen Strategen eine Rolle schreiben, deren Titel 'Pastor aeternus' - Ewiger Hirte - Programm war." In Hubert Wolfs Buch "Der Unfehlbare" wird Pius' Geschichte spannend erzählt - mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Islamwissenschaftlerin Agnes Imhof erzählt in der FAZ aus nicht ganz klarem Anlass die Geschichte des Islamismus, gegen den sie eine "islamische Moderne" stärken will. Unter anderem macht sie auf untergründige Beziehungen zwischen Islamismus und den Nazis aufmerksam: "Die panislamische Idee ermöglichte es, unterschiedliche Volksgruppen unter dem Dach des Islams zu einen. Ein Potenzial, das bald auch an einem ganz anderen Ort erkannt wurde, nämlich in NS-Deutschland. Mit der richtigen Propaganda, so schien es, konnte man Muslime gegen eigene Gegner mobilisieren: Juden, Kommunisten, die Alliierten. So entstand das bis heute verwendete arabisch-deutsche Wörterbuch von Hans Wehr für den Zweck, 'Mein Kampf' zu übersetzen."
In der Potsdamer Konferenz vor 75 Jahren wurde Wesentliches nicht geregelt, schreibt Victor Maurer in der NZZ: "Nicht die deutsche Frage; nicht die Reparationspolitik; nicht der Streit um Grenzen; und schon gar nicht die Frage nach einer neuen Ordnung für die Welt. Als Präliminarfrieden sollten die Vereinbarungen dienen, die es den beteiligten Akteuren erlauben würden, sich im Laufe der Zeit Klarheit über die Möglichkeiten einer endgültigen Friedensregelung zu verschaffen. (…) Erst im Herbst 1989, als die Welt über Nacht in Bewegung geriet, stellte man fest, dass die Potsdamer Konferenz über Jahrzehnte für ein Ende ohne Ende gestanden hatte und die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zur Kooperation in der Deutschlandfrage verpflichtete. Wie durch ein umgedrehtes Fernglas wurden die Epochen der Vergangenheit klein und schoben sich ineinander."
Vor 25 Jahren fand in Srebrenica das größte Massaker in Europa nach 1945 statt, 8.300 muslimische Bosniaken - vom Kleinkind bis zum Greis - wurden damals von serbischen Milizen ermordet. Dass die UNOdamals so versagt hat, lag weniger an den niederländischen Blauhelmen als an einzelnen Staaten wie Frankreich, den USA oder den Deutschen, die nicht bereit waren, für Srebrenica einen Krieg zu führen, meint im Interview mit der taz die Historikerin Marie-Janine Calic. Heute wünschte sie sich aber eher weniger Einmischung von außen in Bosnien: "Ich glaube nicht mehr daran, dass Europa die Probleme in Bosnien oder auf dem Westbalkan lösen muss. Das müssen die Menschen dort schon selber - und sie könnten es bestimmt auch. Ich glaube sogar, dass die externen Akteure mit ihrem Überprotektionismus sehr viel Schaden angerichtet haben. Das hat der politischen Klasse und der Bevölkerung vor Ort systematisch die Fähigkeit abtrainiert, selbst Verantwortung zu übernehmen, Kompromisse und Lösungsansätze zu entwickeln. Viele haben sich gut damit eingerichtet, dass andere für die eigenen Probleme zuständig sind."
Auch Caroline Fetscher erinnert sich im Tagesspiegel an die Stimmung 1995 in einem Europa, das von Genozid und Massakern nichts wissen wollte: "Als der Irrsinn von Jugoslawiens destruktiven Zerfallskriegen begann, fand sich das übrige Europa in der Euphorie nach dem Mauerfall, und als Srebrenica fiel, verhüllte Christo den Reichstag, man feierte und tanzte. Krieg? Das passte nicht zur Stimmung. Europa sah zu und verdrängte. Erst nach den Massakern von Srebrenica intervenierte die Nato, und nur auf Drängen von Amerikas Außenministerin Madeleine Albright."
In der NZZerinnert der Historiker Christoph Jahr an den Deutsch-Französischen Krieg, der vor 150 Jahren begann.
Wladimir Putin versucht in mehreren Äußerungen seit Jahresbeginn, das Bild vom Zweiten Weltkrieg und die Rolle der Sowjetunion darin auf den Kopf zu stellen - dies auch in einem Text, den der Kreml auch auf Deutsch jüngst online stellte. Vor allem der Hitler-Stalin-Pakt wird bei Putin kleingeredet - die Schuld schiebt er stattdessen Polen zu, analysiert der Osteuropahistoriker Joachim von Puttkamer in der FAZ: "Polen wird in dieser Sicht zum Sprengmeister seines eigenen Untergangs, der Hitler-Stalin-Pakt zum Akt der Notwehr in einer Situation, in der sich die Sowjetunion auf sich allein gestellt und von einem Zweifrontenkrieg bedroht gesehen habe. Kein Wort davon, dass Stalin mit der Entlassung des jüdischstämmigen Außenministers Litvinov im Mai 1939 einen entscheidenden Wink nach Berlin gab, auch kein Wort davon, dass Ribbentrop und Molotow im August 1939 keineswegs nur über Polen, sondern auch über die baltischen Staaten und über das rumänische Bessarabien, die heutige Republik Moldau, befanden. Es ging beim Pakt zwischen den beiden Diktatoren nicht um Sicherheitsinteressen, sondern um Hegemonialsphären zu Lasten kleinerer Nachbarn." Beim MDR gab es vor einigen Tagen auch ein längeres Gespräch mit Puttkamer zum Thema.
In erster Linie dient Putins Geschichtsklitterung aber dem eigenen Machterhalt, meint Ulrich M. Schmid in der NZZ: "In einem Gastbeitrag für die Gazeta Wyborcza hatte Putin 2009 den Hitler-Stalin-Pakt noch explizit als 'unmoralisch' verurteilt. Mittlerweile ist der selbsternannte russische Chefhistoriker allerdings von der Defensive in die Offensive gewechselt. Der Mythos vom makellosen Sieg über Nazideutschland bildet den legitimierenden Kern seiner Herrschaft. Die Geschichte wird zur entscheidenden Machtressource, wenn die Grundmechanismen der repräsentativen Demokratie nicht mehr funktionieren. Deshalb werden auch in der jüngsten Verfassungsreform die 'Verteidigung des Vaterlandes' und die 'historische Wahrheit' als grundlegende Werte des Staates definiert. Letztlich versucht der Kreml auf diese Weise, den brüchigen Generationenvertrag in Russland zu kitten: Die Heldentat der Väter wird zur Verpflichtung für die Söhne."
Der Migrations- und Medienhistoriker Patrice G. Poutrus ist im Gespräch mit Carl Melchers von der Jungle World durchaus dafür, dass Denkmäler in Frage und zur Not auch mal gestürzt werden. "Welches Denkmal hätten's denn gern?", fragt Melchers. Und Poutrus antwortet: "Ich hätte gerne, dass die monarchistischen Insignien auf der Kuppel des Humboldt-Forums wieder abgenommen werden - Kreuz, Reichsapfel und solche Sachen. Diese Dinge sind nicht aus dem frühen Mittelalter. Friedrich Wilhelm IV. installierte sie bewusst als Symbol gegen die liberal-bürgerliche Bewegung von 1848. Die Art und Weise, wie man diese Symbolik heute für bedeutungslos erklärt, das ist tatsächliche Geschichtsvergessenheit."
Die School of Public and International Affairs in Princeton, war nach dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson benannt, aber damit ist es jetzt vorbei, erzähltClaus Leggewie in der FR. Denn der Mann war zwar eine treibende Kraft bei der Gründung des Völkerbundes und für seine Friedenspolitik mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Er war aber zugleich ein ausgemachter Rassist, der die Rassentrennung in Bundesbehörden und Armee wiedereinführte und den Ku-Klux-Klan verehrte. Da stellt sich Leggewie schon die Frage: "Welches Menschen- und Gesellschaftsbild ließ eine solche Schizophrenie durchgehen, die für die Vorreiternationen der europäischen Aufklärung ebenso typisch war? Wie konnten 'wir', falls dieses Kollektivpronomen für die damals wie heute dominante weiße Mehrheit passend ist, in Wilsons 14 Punkten das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamieren und es zugleich einem erheblichen Teil des eigenen Volkes und den kolonisierten 'Subjekten' (Unterworfenen) verweigern, ohne in eine schmerzhafte Dissonanz zu verfallen?"
Alljährlich wird am 1. Juli in den Niederlanden der Abschaffung der Sklaverei in Surinam 1863 gedacht, erzählt Tobias Müller in der taz, eingebürgert hat sich dafür der surinamische Begriff keti koti (gesprengte Ketten). Rund 550.000 Menschen waren auf niederländischen Schiffen aus Westafrika nach Amerika gebracht worden, erinnert Müller und befragt Aktivisten, die gar nicht mehr so unzufrieden scheinen: "Einerseits, findet Marian Markelo, verändert sich in letzter Zeit die Art, wie in den Niederlanden über Kolonialismus und Sklaverei diskutiert wird. 'Was daran liegt, dass mehr jüngere Intellektuelle dabei allmählich andere Perspektiven aufzeigten und ihren Platz in dieser Debatte einforderten.' Beigetragen hat dazu auch das NiNsee-Institut, als wissenschaftliches Pendant des Monuments im Oosterpark gegründet. Marian Markelo sitzt dort im Vorstand und kümmert sich um die Bereiche Bildung und Gedenken. Auch dass Mark Rutte, der Premierminister, vor einigen Wochen zugab, dass es in den Niederlanden durchaus institutionellen Rassismus gebe, bemerkt sie als einen ersten Schritt. 'Endlich gehen die Ohren auf, denk ich mir dann. Wir sagen das schon lange, aber dann heißt es: 'Das ist nur in eurem Kopf!' Aber für Veränderung braucht es auch Taten. '"
Die Jugoslawienkriege der Neunzigerjahre sind die "Urkatastrophe des 21. Jahrhunderts", schreibt Kai Burckhardt in einem großen Essay in der Welt - auf sie zurückzuführen sei ein "vulgärer Nationalismus, die Aufwertung der Privatsphäre zum politischen Raum für politisch nicht repräsentierte Gruppen und schließlich ein politischer Irrationalismus, dessen offensichtlichster Vertreter Donald Trump ist": "Wir können heute sehen, dass unser Blick auf Flüchtlinge, Muslime, die USA und die Nato, aber auch unsere Einstellung zu Parteien, Medien und Journalismus durch die Jugoslawienkriege umbewertet und im Koordinatensystem von 'gut' und 'böse' erheblich verschoben wurden. Wir können ferner erkennen, dass wichtige politische Gruppen infolge der Bürgerkriege ins Private abgedrängt wurden und Schattenideologien ausformten. Nur dort, im Privaten - ohne das Korrelat einer aufgeklärten Öffentlichkeit und von dieser weitgehend unbemerkt - konnten sich die Denkformen zu dem gefährlichen, politischen Irrationalismus entwickeln, unter dem die Welt heute leidet und die das Internet dann nur noch an die Oberfläche zurückgeholt hat."
Keine Generation muss dankbar sein für die Denkmäler, die ihr hinterlassen wurden, konstatiert Gustav Seibt in der SZ: Walhalla und die Bismarcktürme tun zwar niemandem mehr weh, aber was ist mit den Hindenburgstraßen? Und welche Denkmäler hinterlassen wir außer den Mahnmale und Lernorte eigentlich? "Diese Mahnmalkultur trägt schwerblütig-didaktische, oft tragische Züge. Leichtfüßige Lösungen wie die Glaswand mit den eingravierten Grundrechten am Reichstagsufer, in der die vorbeispazierenden Bürger sich spiegeln können, sind rar. Wie wird die 'Wippe' geraten, das lange geplante Nationaldenkmal am Berliner Schloss? Auch sie ist nicht figürlich, allerdings soll sie auf ihrer Unterseite historische Bilder zeigen. Sie soll als 'soziale Plastik' das Mittun der Bürger stimulieren, die mit ihrem verteilten Körpergewicht immer von neuem zwischen 'Wir sind das Volk' und 'Wir sind ein Volk' wippen können. Stefan Heym nannte die Politkunst der Nachwendezeit einmal 'pfiffig', und er meinte das nicht nett."
Mit dem "Curatoral turn", der aktuell Rathäuser, Stadtparlamente, soziale Netzwerke und Redaktionen erfasst, ist Boris Pofalla in der Welt nicht einverstanden: Denkmäler müssen ja nicht gleich zerstört werden, man kann sie auch in Museen ausstellen, meint er und fordert neue Formen der Erinnerung: "Man muss ja nicht lebenslang mit den Möbeln wohnen, die man mal geerbt hat. Das vielleicht schönste Denkmal der jüngeren Zeit ragt nicht über das Straßenniveau hinaus - es sind die Stolpersteine des Gunter Demnig. 75.000 gibt es mittlerweile, sie erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet oder in den Tod getrieben wurden. Die Stolpersteine sind ein antimonumentales zeitgenössisches Denkmal, das aus seiner formalen Bescheidenheit Größe zieht und weiter wirkt."
Seit längerem wird darüber diskutiert, wie Deutschland der polnischen Opfer an einem gesonderten Ort des Zweiten Weltkriegs gedenken kann. In der FAZ plädiert der Osteuropa-HistorikerMartin Schulze Wessel gegen das von Aleida Assmann oben angesprochene Dokumentationszentrum (mehr hier), auch gegen den Kompromissvorschlag aus Denkmal und Lernort: "Die Spezifik des polnischen Opfers und der mit Preußen-Deutschland tiefgreifend verflochtenen Geschichte lässt es sinnvoll erscheinen, für Polen einen eigenen Ort des Gedenkens und Erinnerns zu schaffen. Aber was ist das dafür geeignete Mittel? Das Denkmal gilt, gerade unter Geschichtsdidaktikern, oft als unzeitgemäß. Keine andere Vermittlungsform verfügt jedoch über eine so starke zeichensetzende Kraft wie das Denkmal. Es verweist auf die Vergangenheit und hat zugleich eine Zukunftsbedeutung."
Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wird Jahr für Jahr im türkischen Fernsehen durch eine große nationalistisch-frömmlerische Show gefeiert, die einiges über das Erdogan-Regime aussagt. Der Berliner Soziologe Aydin Süeruntersucht in geschichtedergegenwart.ch die Bildsprache der Übertragungen aus der Hagia Sophia, die einst bekanntlich die größte Kirche des Christentums war, dann eine Moschee und nun (noch) ein Museum. Aber die Bilder "setzen die Hagia Sophia dezidiert als Moschee in Szene. Stets werden die islamischen Bauelemente in den Fokus gerückt. Die byzantinisch-christlichen Mosaiken im Innenraum des Gebäudes werden bis auf ein einziges Mal im weit entfernten Hintergrund nicht gezeigt. Vor der Hagia Sophia ist eine den byzantinischen Stadtmauern nachempfundene Leinwand aufgebaut, auf der per Videoprojektion deren Einstürzen simuliert wird. Nach einem gigantischen Feuerwerk ertönt schließlich der islamische Gebetsruf."
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