9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2748 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 275

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2025 - Gesellschaft

Michael Moorstedt stellt in der SZ die sogenannten "Prediction Markets", die bekanntesten sind "Polymarket" und "Kalshi", vor: "Hybride aus Wett- und Aktienbörsen", auf denen man online nicht nur auf den Ausgang von Sportereignissen, sondern auch auf politische Ereignisse Geld setzen kann, "wann Israel Libanon bombardieren wird oder wann die USA in Venezuela einmarschieren werden. Kürzlich wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW), Livekarten zu den Frontverläufen im Ukraine-Krieg manipuliert hatte, um den Ausgang einer Wette auf Polymarket zu beeinflussen." Zyniker "haben schon immer vermutet, dass Politik zu einem Großteil nur Show ist. Nun folgt mit den Wahrscheinlichkeitsmarktplätzen die logische und ebenso zynische Konsequenz. Genau wie Sportwetten zu Skandalen um bestochene Schiedsrichter und absichtlich zu Boden gehende Boxer führen, könnte auch die Welt der Politik durch den Einfluss der Glücksspieler korrumpiert werden."

Darauf sind wir erst im Nachhinein gestoßen: In der taz vom Samstag verteidigt Klaus Walter den Anglizismus vor der Sprachpolizei von links wie rechts. Dabei brachten Angloamerikanismen einst mal frischen Wind in die Bude, etwa zu Zeiten der popkulturellen Explosion in den Sechzigern. "Weniger bornierte Linke hatten kapiert, welchen Beitrag Jazz, Rhythm & Blues, Soul & Hollywood zur Zivilisierung soldatischer Körperpanzer und Entnazifizierung der Gesellschaft leisteten, ohne darüber die Verbrechen des US-Imperialismus zu vergessen." Doch heute "haben wir vergessen, wie viele Begriffe, die wir routinemäßig benutzen, importiert wurden: Manager, Trainer, Fitness, Jogging, Party, Service, Drink, Soundcheck, you name it. Auch den Quantensprung zum Digitalk made in Silicon Valley haben wir easy hinbekommen. Mit Laptop und Tablet organisieren wir Chats und Meetings über Zoom und Whatsapp, ertragen Shitstorms und No Go's auf Social Media. Nur harte Boomer demonstrieren kritische Distanz und reden immer noch von 'unsozialen Medien'. ... Neudenglische Begriffe stehen also nicht nur für Veränderungen der Sprache, sondern für die Kritik an und den Bruch mit tradierten Normen."
Stichwörter: AfD, Demokratie, Anglizismen, Sprache

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2025 - Gesellschaft

Im taz-Gespräch denkt die Historikerin Ute Frevert, wann und weshalb die Solidarität in der Gesellschaft während der Pandemie zerbrochen ist und schlägt einen Corona-Gedenktag vor, "verbunden vielleicht mit einer Ausstellung oder Installation, die den Stress, aber auch die Vielfalt der Erfahrungen und Betroffenheiten abbildet." Eine Neubewertung der Maßnahmen begrüßt sie, "denn wir müssen aus den Fehlern lernen, um für die nächste Katastrophe gerüstet zu sein. Trotzdem finde ich es problematisch, rückblickend den Stab über alle damaligen Akteure zu brechen. Als Historikerin lernt man, wenn man sich mit vergangenen Szenarien und Situationen beschäftigt, sich auf den Wissensstand der damaligen Zeit zu begeben. Man kann nicht aus dem, was wir heute zu wissen meinen, das Handeln früherer Generationen be- und verurteilen."

Im Aufmacher des Feuilletons erzählt SZ-Redakteur Jost Kaiser, wie er sich im Alter von 55 Jahren als Reservist der Bundeswehr verpflichten will - und wegen einer Psychotherapie ausgemustert wird: "Ich sage, leicht beleidigt als potenzieller Gulaschkanonier: 'Ich war in Afghanistan, ich habe den Sarajevo-Approach in einer französischen Transall mitgemacht, ich bin Demokrat, ich bin dezidiert NICHT rechts, ich will die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen.' Pause. 'Und Sie wollen mich nicht, weil ich eine Psychotherapie mache?' Aber sie ist Ärztin, ihre Themen sind nicht Putin, Trump und Xi, sondern Lunge, Augen und Knie, die Bundeswehr ist arbeitsteilig und muss es auch sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2025 - Gesellschaft

Man findet an Weihnachten immer wieder palästinensische oder christliche Plakate - oder richtige Krippen - auf denen das Jesuskind in ein Palästinensertuch gehüllt ist und Maria und Joseph - wie auf einem Bild von Banksy - am israelischen Grenzzaun aufgehalten werden. Doch dieser "Trümmer-Christus" ist "ein selektives Symbol", kritisiert in der FAZ der Politikwissenschaftler Ján Kapusňak. "Über Jahrhunderte pflegte das christliche Europa den Mythos 'der Juden, die Christus getötet haben'. Die heutige Krippen-Propaganda aktualisiert die Besetzung, behält aber die Handlung bei. Juden werden nicht mehr beschuldigt, Jesus buchstäblich gekreuzigt zu haben; stattdessen wird der jüdische Staat dargestellt als derjenige, der seine Geburt am Checkpoint verhindert, seine Heimatstadt abriegeln lässt oder ihn 'unter den Trümmern' begräbt. Sobald dieser Herodes-Rahmen gesetzt ist, vollzieht sich der Schritt von tragischen zivilen Todesopfern zum Vorwurf eines gezielten Kindermordes fast automatisch - und er knüpft an ältere europäische Deutungsmuster an, die 'die Juden' als Feinde Christi darstellten, statt sie als Teil seiner Geschichte zu begreifen. Dabei wird die jüdische Identität Jesu und seiner Familie leise ausgelöscht."

Die größten Gefahr für die Demokratie in Deutschland geht derzeit laut Verfassungsschutz von Rechtsextremismus und Dschihadismus aus. Aber man sollte deshalb den Linksextremismus nicht verharmlosen, warnt in der FAZ der Politikwissenschaftler Hendrik Hansen: "Es gibt eine Tendenz, linksextremistische Bestrebungen als legitim anzusehen, wenn sie mit vorgeblich oder tatsächlich guten Zielen verbunden werden wie dem Kampf gegen den Klimawandel. Oft heißt es, wenn es zu linker Gewalt komme, bleibe es ja in den allermeisten Fällen bei Gewalt gegen Sachen. Erstaunlich ist auch, wie naiv und unreflektiert mit dem Begriff Antifaschismus hantiert wird", der vor allem in der Gegenwart eine Relativierung darstelle, "wenn Antifaschisten unterschiedslos vom Nationalsozialismus über die AfD, Konservative und manchmal bis hin zur SPD alles in einen Topf werfen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2025 - Gesellschaft

Buch in der Debatte

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Das Misstrauen in der Gesellschaft steigt immer mehr und gefährdet die Demokratie, hält der Soziologe Aladin El-Mafaalani im NZZ-Gespräch mit Rico Bandle fest. El-Mafaalani hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Die Angst vor Identitätsverlust sei einer großer Faktor für Misstrauen: "Die Forschung zeigt, dass Menschen, die eher zu Vertrauensverlust neigen und anfällig sind für Verschwörungserzählungen und Populismus, eine starke Gemeinsamkeit haben: Sie sehen ihre Identität bedroht. Sie glauben, ihre Vorstellung vom guten Leben werde in Zweifel gezogen und ihr Weltbild abgewertet. Es geht auch um so etwas wie Entfremdung, also das Gefühl, dass sich vieles zu schnell und zu weitreichend verändert. Im Hinblick auf Deutschland kann gezeigt werden, dass wahrgenommene Entfremdung und Identitätsbedrohung einen stärkeren Effekt haben als soziale Ungleichheit. All das begünstigt die Erosion von Vertrauen."

Ein großer Teil der deutschen Intellektuellen scheint im Zeitalter des "Lamentozän" hängen geblieben zu sein, seufzt Hilmar Klute in der SZ und kommt nochmal auf die Konferenz "The Rise and Fall of the BRD" in Zürich zu sprechen, bei der unter anderem Eva Menasse und der Politologe Daniel Marwecki beklagten, man dürfe sich in Deutschland, vor allem zu Israel, nicht mehr frei äußern (unser Resümee). Unsinn, meint Klute: "Es gibt keine Abdruckgarantie, aber auch keine Zensur. Es wird niemand von dickbäuchigen Kapuzenmännern abgeholt, niemand bekommt Polonium verabreicht, niemand verliert seinen Studienplatz oder erhält Schreibverbot, auch nicht die Schriftstellerin Eva Menasse, die in Zürich allen Ernstes vom deutschen Feuilleton als einer 'Wagenburg der Staatsraison' sprach, obwohl dort gerade zur Israel-Debatte ein großes Tableau an Meinungen abgebildet wurde und wird."
Stichwörter: El-Mafaalani, Aladin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2025 - Gesellschaft

Die innersyrischen Konflikte zwischen der sunnitischen, nicht selten islamistisch beeinflussten Bevölkerungsmehrheit und Minderheiten wie Alawiten und Drusen setzen sich auch in Deutschland fort, schreibt in der taz der Autor Yahya Alaous, der selbst drusischer Abstammung ist. "Viele Drusen berichten online von einer spürbaren Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas in Berlin. Einige haben mir auch persönlich davon erzählt. Die Beziehungen zu sunnitischen Landsleuten seien seit den Verbrechen von Suweida angespannt. Zahlreiche sunnitische Familien haben den Kontakt zu drusischen Familien abgebrochen - eine Folge gezielter medialer Hetzkampagnen der neuen islamistischen Regierung, die von ihren Anhängern bereitwillig übernommen werden. Eine Freundin von mir wurde gebeten, einen syrischen Laden in Berlin zu verlassen, nur weil sie Drusin ist: Sie erzählte mir, ein Angestellter in einem Lebensmittelgeschäfts in der Altstadt von Spandau habe sie aufgefordert, den Laden zu verlassen, nachdem er ihren drusischen Akzent erkannt habe."
Stichwörter: Syrien, Drusen, Alawiten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2025 - Gesellschaft

Vor 45 Jahren erschoss ein Neonazi den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Frau Frida Poeschke. Der Täter ist zwar bekannt, aber nicht, ob er im Rahmen einer terroristischen Gruppierung, der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann agierte. Die Grünen-Fraktion im Bundestag hat eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, die mit einer läppischen Antwort alle Fragen offen ließ. In der taz berichtet Konrad Litschko: "Im Fall Shlomo Lewin und Frida Poeschke kämpft auch der Publizist Ulrich Chaussy seit Jahren für Aufklärung, aktuell auch mit einem überarbeiteten Buch zum Oktoberfestattentat, das auch den Doppelmord in Erlangen thematisiert. Das Oktoberfestattentat fand damals nur drei Monate vor dem Mord an Lewin und Poeschke statt und wurde ebenfalls von einem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann verübt. Chaussy beklagt in seinem Buch, wie der Verfassungsschutz 'mit Zähnen und Klauen' seinen Quellenschutz höher rangiere als den Schutz des Lebens von Menschen, die durch Extremisten bedrohten würden. Ermittlungsbehörden hätten in beiden Fällen Einzeltäter präsentiert, statt rechtsextreme Netzwerke zu beleuchten."

Es gibt im rechtsextremen Terror (so wie auch im linksextremen) eine Kontinuität des Schweigens, die auch Theresa Weiß im Leitartikel der FAZ thematisiert. Sie beobachtet Beate Zschäpe im Prozess gegen eine Komplizin, wo sie zwar aussagt, um keine Hafterschwerungen zu riskieren, aber nur Belangloses sagt. Sie ist allerdings nicht die einzige, die schweigt und die Aufdeckung der Wahrheit erschwert, so Weiß: "Auch der NSU hatte Unterstützer. Weit mehr als die vier mit Zschäpe in München verurteilten Männer müssen dem Kerntrio geholfen haben. Auch zahlreiche V-Leute des Verfassungsschutzes hatten in der rechtsextremen Szene Kontakt zum NSU. Was sie wussten und was sie taten, ist kaum zu rekonstruieren: In der 'Aktion Konfetti' vernichtete das Bundesamt 2011 einschlägige Akten, einige Landesämter verweigern den Zugang zu Dokumenten. So ist eine Aufarbeitung erschwert. Und die Frage bleibt: Wie groß ist das Netzwerk, wie verbreitet sind die Sympathien am rechten Rand der Gesellschaft?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2025 - Gesellschaft

Die Kritik Benjamin Netanjahus am australischen Premier Anthony Albanese nach dem Massaker am Bondi-Beach in Sydney mag überzogen gewesen sein, aber dass er den wachsenden Antisemitismus im Land nicht ernst genug genommen hat, stimmt eben auch, meint Thomas Hahn in der SZ: "Ein polternder Machtpolitiker war er noch nie. Seine demütige Art trug dazu bei, dass seine Labor-Partei im Mai ihre Regierung mit einem deutlichen Wahlsieg gegen die konservative Coalition verteidigte. Aber vor allem fehlen Albanese nach der Attacke von Bondi die Argumente. Die Anzahl der antisemitischen Verbrechen ist in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich deutlich angestiegen. Schon im Juli hat die zuständige Sondergesandte Jillian Segal deshalb einen ganzen Katalog an Vorschlägen vorgelegt, darunter: mehr Geld für Sicherheit. Trotzdem gab es keinen Schutz für ein großes jüdisches Fest am berühmtesten Strand Sydneys. Der Widerspruch ist Albanese wahrscheinlich selbst klar."

"Dieses Land ist ein Paradies", sagte der Vater der Schriftstellerin Lily Brett, nachdem er zusammen mit seiner Frau Auschwitz überlebt und nach Australien gekommen. Dort konnten sich Juden, so Brett in der SZ, bis zum Anschlag von Bondi Beach sicher fühlen. "Wir fühlten uns frei in Australien. So frei, wie meine Eltern, vor allem meine Mutter, sich fühlen konnten. Meine Mutter war sich sicher, dass die Nazis jederzeit in Australien auftauchen könnten. Sie bestand darauf, dass ich Deutsch lernte - eine Sprache, die ich fast völlig vergessen hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Nazis auftauchen würden. Ich glaubte, Australien würde das nicht zulassen. Australien, da war ich mir sicher, würde uns beschützen. Die Schüsse in Bondi und der Tod und die Verletzungen so vieler jüdischer Menschen haben dieser Fantasie ein Ende bereitet."

In der Zeit findet Mark Schieritz den Artikel Mathias Döpfners (hier, aber kostenpflichtig) zum Zustand der EU, dem er ein aufblühendes Amerika gegenüberstellt, reichlich unstimmig: "Agonie und Abstieg" diagnostiziere Döpfner nur hierzulande, dass "die Schuldenquote der USA inzwischen 125 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt und die Amerikaner nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds schon 2030 stärker verschuldet sein werden als die Griechen, die ja Konkurs anmelden mussten", sei ihm hingegen keine Erwähnung wert. Noch fragwürdiger findet Schieritz Döpfners Behauptung, "die Bundesrepublik leide 'immer noch' an ihrem 'nationalsozialistischen Trauma'... Das Argument greift eine Logik auf, die bislang vor allem von rechts außen und links außen ins Feld geführt wurde. Sie begreift die deutsche Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt, und die empirischen Belege dafür als dünn zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2025 - Gesellschaft

"Ermordet, 'weil sie Juden waren', lese ich dieser Tage oft", schreibt Dina Riese in der taz über den Terroranschlag in Australien auf Juden, die am Strand Chanukka feierten. "Ich würde sagen: Ermordet, weil die Täter Juden hassen. Die Verantwortung für diese Taten liegt bei den beiden Männern, die entschieden haben, Menschen ihr Leben zu nehmen - nicht im Sein der Opfer. ... Es ist uralter antisemitischer Hass, der sich aber in den vergangenen Jahren ungezügelt Bahn gebrochen hat. 'Globalize the Intifada', rufen Menschen auf Demonstrationen, und meinen, dass sie damit den gerechten Kampf für die Rechte von Palästinensern kämpfen. Ich will glauben, dass die meisten von ihnen sich dabei keinen tödlichen Terror wie den in Sydney wünschen. Doch sie rufen im Chor mit denen, die es tun, verbreiten wissentlich deren antisemitische Botschaft - und ermutigen jene, die am Ende morden. Die Täter von Sydney beriefen sich offenbar auf den IS. Aber sie handeln in einem Klima, in dem Antisemitismus normalisiert ist."

In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut, schreibt er. "Nach dem Massenmord in Sydney ist es nicht nur dringend notwendig, sich der Realität zu stellen - es ist unausweichlich. Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. ... In einem Essay aus dem Jahr 2021 lehnte der prominente antiisraelische Wissenschaftler Steve Salaita diejenigen ab, die 'von Rechten, Demokratie und bürgerlichen Freiheiten sprechen und diese Kategorien dann auf Palästina übertragen. Ihnen kommt nicht in den Sinn, dass Palästina seine eigenen Begriffe von Freiheit hat, die es wert sind, in die amerikanische Debatte eingebracht zu werden.' Es ist hilfreich, ein Lexikon zu besitzen, das erklärt, was mit diesen Begriffen typischerweise gemeint ist. 'Bewaffneter Kampf' bedeutet, Menschen zu erschießen oder mit Bomben in die Luft zu sprengen. 'Mit allen notwendigen Mitteln' bedeutet, die Wehrlosesten ins Visier zu nehmen: Kinder, ältere Menschen, andere Zivilisten. Die 'Intifada zu globalisieren' bedeutet, Menschen in Sydney, London, Paris, Toronto, Los Angeles und New York City ebenso zu erschießen oder zu bombardieren wie in Tel Aviv oder Jerusalem."

"Die Welt hat sich an Judenhass als Alltagsphänomen offenbar gewöhnt. ... Die Gewalt sensibilisiert nicht, sie stumpft ab. Es ist zur Routine geworden, dass Juden beschimpft, bedroht und sogar zusammengeschlagen werden", kritisiert Ninve Ermagan in der FAZ. "Für mich, als orientalische Christin, erinnert das an die Sicherheitsvorkehrungen in Syrien und im Irak, an die permanente Angst vor Islamisten, an eine Realität, in der Christen ihre Gottesdienste nur unter Polizeischutz feiern konnten - eine Realität, von der man glaubte, sie sei weit entfernt. Doch das ist sie nicht. Sie besteht in Australien wie in Deutschland. Der Terrorismusexperte Peter R. Neumann sagt, die größte Bedrohung für die innere Sicherheit in Deutschland gehe wieder vom Islamismus aus. Die Islamisten im Nahen Osten wirken gezielt und organisiert. Ihr Hass richtet sich gegen Juden, alles Westliche und die offene Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2025 - Gesellschaft

Der Antisemitismus-Begriff sei heute zu einem Instrument der Repression geworden, da ist sich die Publizistin Eva Menasse in der FR sicher, und weist hin auf "die schwere Bedrängnis, in die deutsche Unis seit der Anti-BDS-Resolution geraten sind." Gleichzeitig verteidigt sie die Konferenz "The Rise and Fall of the BRD" in Zürich (unsere Resümees): Die Lesart, es habe sich hier um "ein paar radikalisierte Spinner gehandelt, die die wehrlose Bundesrepublik fertigmachten" unterschlage "den 'Offenen Brief' eines 'Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender', der die Gastgeber, die ETH und das Kunsthaus Zürich schon vorab 'mit großer Sorge und Bestürzung' aufgefordert hatte, 'die Kooperation zu überdenken und die institutionelle Unterstützung zu überprüfen' - im Klartext: das Ganze einfach zu abzublasen." Eigentlich geht es ums Geld, glaubt Menasse: "Vermutlich hilft, dass aus einer demokratischen Meinungsverschiedenheit längst ein Millionengeschäft geworden ist - Institutionen wie Volker Becks 'Tikvah-Institut' oder Ahmed Mansours 'Mind', die sich dem 'Kampf' gegen 'israelbezogenes A-Wort', 'A-Wort der Linken' oder 'migrantisches A-Wort' widmen, werden mit öffentlicher Förderung gerade nur so überschüttet."

Felix Stephan schüttelt in der SZ darüber den Kopf, dass die Debatte über Ostdeutschland heute von Figuren wie Holger Friedrich oder Sahra Wagenknecht beherrscht wird, die Diktaturen feiern und Totalitarismus relativieren. Auch die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck bekleckert sich nicht mit Ruhm, was eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit angeht, meint Stephan, zum Beispiel als sie neulich in der Berliner Zeitung die "leider etwas scheinheilige Frage stellte, ob ihr Großvater, der SED-Kulturfunktionär Fritz Erpenbeck, womöglich doch ein Karrierist und Betonkopf gewesen sei." Was "der Text vorsichtshalber auslässt: Im Jahr 1949 hat Erpenbeck eine sensationelle Premiere von Brechts 'Mutter Courage' in der Weltbühne, die heute ebenfalls von Holger Friedrich herausgegeben wird, als Beispiel 'volksfremder Dekadenz' bezeichnet, die der 'notwendigen Gesundung' der deutschen Dramatik hin zu einer neuen 'Volkstümlichkeit' im Wege stehe. Als ihn der Literaturwissenschaftler Wolfgang Harich in einer Entgegnung darauf hinwies, dass es sich hierbei um blitzblankes Nazi-Vokabular handele, erwiderte Erpenbeck sinngemäß, er solle aufpassen, dass es Brecht und ihm nicht ergehe wie dem sowjetischen Regisseur Vsevolod Meyerhold, der zehn Jahre zuvor in der Sowjetunion verhaftet, gefoltert und hingerichtet worden war, weil seine Inszenierungen der KPdSU zu avantgardistisch waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2025 - Gesellschaft

Beamte bilden heute eine Art Staatsadel, schreibt Gunnar Hinck in der taz. Durch Privatisierung von Bahn und Post gibt es viel weniger gering verdienende Beamte als früher - die meisten Beamten tummeln sich in höheren Besoldungsstufen. "Inzwischen tauchen Beamte ganz oben in den Vermögensstatistiken auf. PensionärInnen sind nach der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamts die soziale Gruppe, die im Durchschnitt am meisten besitzt, noch vor Selbstständigen." Hinck wäre für eine Abschaffung des Beamtenstatus, aber er macht sich keine Illusionen: "Heute sind Grüne und SPD die Parteien mit dem höchsten Anteil an Beamten in ihrer Mitgliederschaft. Und im Bundestag sind solche Abgeordneten, die aus dem öffentlichen Dienst kommen, deutlich überrepräsentiert. Die Interessenverflechtungen sind einfach zu stark, als dass aus Parteien und Parlamenten das Beamtentum aus Prinzip zur Disposition gestellt wird."
Stichwörter: Beamte, Beamtenpensionen