Wilfried Kretschmann und
Markus Söder sprechen sich in
einem gemeinsamen Artikel für die
FAZ für eine
Impfpflicht aus. Zunächst geben sie zerknirscht zu, dass in Deutschland nach wie vor weniger als 70 Prozent geimpft sind - sie hätten
auf Vernunft gesetzt und sehen sich enttäuscht. Nun betonen sie, dass eine Impfpflicht die
Idee der Freiheit nicht negiere: "Jeder kann bei uns denken, was er will. Und jeder kann so eigensinnig sein, wie er will. Doch auch hier gibt es eine Grenze, wenn die eigene Weltanschauung anderen Menschen schweren Schaden zufügt. Genau das ist in der Frage der Impfverweigerung der Fall. Eine Impfpflicht ist kein Verstoß gegen die Freiheitsrechte. Vielmehr ist sie die Voraussetzung dafür, dass wir
unsere Freiheit zurückgewinnen."
In der
FAZ analysiert Reinhard Bingener die
Gründe der Impfverweigerung in Europa und berät sich dafür mit dem Soziologen
Malte Thießen (Autor einer
Geschichte des Impfens) und dem
Historiker Heinrich August Winkler. Für die Impfverweigerung in den Neuen Ländern und Osteuropa finden sie folgenden Grund: Die jahrzehntelange
Diktatur der Kommunisten habe "in allen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang das Vertrauen in staatliche Institutionen geschwächt. Weil die marxistische Lehre als wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben wurde, sei zudem der
Wissenschaftsbegriff korrumpiert worden."
Die Baseler SoziologInnen
Nadine Frei und
Oliver Nachtwey untersuchen in einer
Studie die "Quellen des '
Querdenkertums'". In Sachsen seien die Impfgegner eher der extremen Rechten zuzurechnen,
resümiert Matthias Meisner in der
taz. "In Baden-Württemberg seien hingegen unter den Studienteilnehmer:innen auch viele ehemalige Wähler:innen der
Grünen und der Linken - die aber 'eine ähnliche Dissidenz gegenüber der Pandemie-Politik herausgebildet' hätten, heißt es in der Studie. Und das, obwohl in dem Land das Vertrauen in Politik und Institutionen dem bundesdeutschen Durchschnitt entspricht - anders als in Sachsen, wo die Staatsskepsis deutlicher ausgeprägt ist als im Schnitt. In ihrer Selbstwahrnehmung sehen sich die Coronakritiker:innen laut Studie 'als
nüchterne Expert:innen und mutige Widerstandskämpfer:innen'. Von 'Konspirationsdenken' ist die Rede und von drastischen Vergleichen, 'um ihren
widerständigen Mut zu beweisen und ihre politische Praxis zu heroisieren'." Die Anthroposophie sei im Südwesten ein wichtiger Nährboden.
Der Arzt
Sucharit Bhakdi war Bundestagskandidat für die Coronaleugnerpartei "Die Basis". Er hat inzwischen die
üblichen Verdächtigen als Urheber der Krise ausgemacht,
schreibt Michael Thaidigsmann in der
Jüdischen Allgemeinen: "
Israel sei wegen seiner Impfkampagne eine 'living hell', also die 'Hölle auf Erden', behauptete er in einem Interview im Sommer, das vor allem in der Querdenker-Szene große Verbreitung fand. Die Juden seien ein 'Volk, das geflüchtet ist aus diesem Land, aus diesem Land, wo
das Erzböse war, und [sie] haben ihr Land gefunden, haben ihr eigenes Land in etwas verwandelt, was noch schlimmer ist,
als Deutschland war'. Das 'Schlimme an den Juden', meinte Bhakdi in dem Video, sei, dass sie sehr lernfähig seien." Volksverhetzung sei das aber nicht, findet die Staatsanwaltschaft in Kiel, sondern gegen Israel gerichtet, also "nicht per se" antisemitisch.
Und noch eine lieb gewonnene Annahme geht den Bach herunter: Junge Menschen sind
nicht ganz so grün, wie gern behauptet wird, hat
laut Zeit online die Trendstudie "Jugend in Deutschland" herausgefunden. Zwar sorgen sich
56 Prozent um den Klimawandel (und 48 Prozent über ihre Rente), doch sei "laut der Umfrage die Bereitschaft gering, zur Eindämmung der Klimakrise
selbst auf Dinge zu verzichten oder den eigenen Lebensstil anzupassen. So können sich
mehr als 80 Prozent der jungen Menschen ein Leben ohne Auto oder den Konsum tierischer Produkte nicht vorstellen. Rund 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind demnach regelmäßig privat mit einem Auto unterwegs. Auch die Bereitschaft,
auf Flugreisen zu verzichten, sei gering. 'Der größte Gegenspieler von Veränderung ist die
Komfortzone des Wohlfahrtstaats, in der sich die jüngere Generation nach dem Vorbild ihrer Eltern bequem eingerichtet hat', sagte der ebenfalls beteiligte Jugendforscher Klaus Hurrelmann."
Monireh Kazemi ist aus dem Iran geflüchtet, um nicht Kopftuch tragen zu müssen. Bei
hpd.de protestiert sie gegen Verharmlosungen von "
Modest Fashion" in westlichen Medien, etwa hier in dem
Beitrag "Hip mit Hijab" des schweizerischen Fernsehsenders
SRF: "Die Linksliberalen im Westen wollen
mich verschleiert sehen, damit sie um meine Rechte kämpfen können. Ohne Kopftuch bin ich es nicht wert genug, gehört oder in meiner Existenz wahrgenommen zu werden. Auf Veranstaltungen, an denen ich Kritik an den Frauenrechten und Geschlechterrollen im Islam äußere, bin ich nicht erwünscht. Meine Kommentare werden entweder als rechts oder islamophob beschimpft oder gelöscht - so auch mein Kommentar unter dem Beitrag 'Ein Hijab kann so hip sein' des SRF, welcher mehrmals gelöscht wurde."
Die "Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen" (ADAS) hat neulich eine Studie veröffentlicht, die behauptet, dass
religiöse muslimische SchülerInnen in Berlin diskriminiert würden (unser
Resümee). Für diese Studie wurden ausschließlich religiös aktive Jugendliche befragt, sie ist also nicht repräsentativ. Und darum hat sie scharfe Kritik ausgelöst, berichtet Frederik Schindler in der
Welt. Die Studie hat auch Staatsmittel erhalten. Aber die mit dem Thema befassten Stellen in Neukölln scheinen zutiefst zerstritten. So zitiert Schindler die Integrationsbeauftrage des Bezirks
Güner Balci: "'Religiös begründete
Geschlechtertrennung und die Tabuisierung sexueller Selbstbestimmung sind an bestimmten Schulen
alltagsbestimmend', sagt die Integrationsbeauftragte Balci. 'Jede Form von
kritischer Herangehensweise an solche Religionsverständnisse ist ein absolutes Tabu geworden.'"
Weitere Artikel: In der
FR wenden sich Shimon Stein und
Moshe Zimmermann gegen den Wunsch
Josef Schusters, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den
9.
November ausschließlich als Erinnerungstag an den 9. November 1938 zu begehen: An die Judenverfolgung könne man auch an anderen Tagen denken, meinen dagegen die beiden
FR-Autoren. Wichtiger seien zudem "lokale oder zentrale Gedenkorte, die sich 'vor jeder deutschen Haustür' befinden". In der
NZZ kritisiert Sarah Pines die amerikanischen Medien, die versucht hätten im
Fall Rittenhouse "einen Rassismusskandal à la George Floyd zu konstruieren".