9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2021 - Gesellschaft

Erstaunlich, mit welcher Intensität sich das deutsche Feuilleton mit der Frage beschäftigt, ob sich der als jüdisch lesende Max Czollek zurecht so liest. In der Zeit porträtiert ihn Jana Hensel, die sagt, das sie als Ostdeutsche mit Czollek sympathisiere. Czollek hat einen jüdischen Großvater väterlicherseits, der zur höheren DDR-Nomenklatura gehörte und über solche neuerlichen Herkunftsfragen sicherlich gestaunt hätte. Hensels Artikel geht von Sympathie in scharfe Kritik über. Sie kritisiert auch die Unschärfe der Diskussion: "In der Debatte um ihn wurde die Frage des  Umgangs mit Vaterjuden ebenfalls kontrovers diskutiert, was insofern  erstaunlich war, als er selbst keiner ist, sich aber den Anschein gab. In Czolleks Büchern spielt Patrilinearität ebenfalls keine Rolle. Er  spricht darin vielmehr so von sich, dass der Leser annehmen muss, er  komme aus einer matrilinearen jüdischen Familie. Er sagt das zwar nicht  explizit, gibt sich aber den Anschein. Czollek argumentiert stets exakt an der Achse  Jüdisch/Nichtjüdisch, trennt scharf zwischen den beiden Gruppen, betont,  'keine Brücken bauen zu wollen', und inszeniert sich als radikal und  unversöhnlich."

Darüber, dass Max Czollek im Spiegel-Interview die linken kritischen Stimmen - etwa  Micha Brumlik oder Nele Pollatschek - ausblendet (Unsere Resümees), wenn er klagt, die "'Angriffe' auf ihn hätten darauf gezielt, 'linke und progressive Positionen (…) an den Rand zu drängen'", kann Deniz Yücel in der Welt noch hinwegsehen: Czollek wolle die Debatte eben als "Kulturkampf" deuten. Aber Czollek lügt, wenn er behauptet, kein einziger Journalist hätte sich bei ihm innerhalb der Debatte gemeldet, so Yücel, der Czollek über Twitter fragte, ob sie telefonieren können: "Er antwortete, dass es ihm lieber sei, wenn ich ihm schreiben würde, dann könne er überlegen, ob und wie er antworte. Ich skizzierte, welche Art von Text mir vorschwebte - ausdrücklich kein Beitrag zu eigentlichen Themen der Debatte, sondern allein eine Replik auf Inhalt, Form und Sprechposition des offenen Briefes. Darum hatte ich zunächst nur eine konkrete Frage: 'Warum hast du diesen Tweet geschrieben und musst du dir nicht vorhalten lassen, dass du selber diese Debatte, in der es um dich geht, erst provoziert hast?' Er habe eigentlich wenig Lust, 'nochmal' in die Debatte einzusteigen schrieb Czollek zurück - 'erschüttert' klang das nicht, eher genervt. Aber er werde ausführlich antworten, damit ich auch seine Position kenne. Darauf folgte eine Erwiderung von mir und eine weitere Antwort von ihm; am Ende ein Schriftwechsel in etwa der Länge dieses Textes. Zum Schluss wiederholte Czollek seine Bedingung, dass ich seine Antworten off the record behandeln solle."

Das Wort "Triage" findet Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing, im Gespräch mit Karin Truscheit von der FAZ etwas hochtrabend. Aber zu Priorisierungen zugunsten der (meist ungeimpften) Coronakranken kommt es in Bayern jetzt schon jeden Tag: "In Freising konnte ein Patient nicht auf der Intensivstation versorgt werden, er wurde nach Meran ausgeflogen. Und vor Kurzem musste in München ein Notfallhubschrauber samt Patient geschlagene 30 Minuten am Boden warten, bis er über das IVENA-System eine Zuweisung bekam für ein Intensivbett irgendwo in Bayern. Das ist heute leider schon Realität."

Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers hat im Gespräch mit Heinrich Wefing von der Zeit keine Bedenken gegen eine Impfpflicht, wenn der Staat sie gut begründet: "Denn eines muss man sehen, und das ist ganz wichtig: Auch Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren oder ein neuer Lockdown greifen immer massiv in Grundrechte ein und reduzieren Freiheiten. Und wenn man sieht, dass wir mit der Impfung eine Maßnahme haben, die sicher und effektiv ist, dann ist es schon plausibel, zu sagen, dass der Gesetzgeber eine allgemeine Solidaritätspflicht einfordern kann."

Alard von Kittlitz singt bei Zeit online die Wahnsinnsarie des üblichen Radfahrers: "Wissen Sie, natürlich sollten nicht alle Radfahrer unterwegs auf ihr Handy schauen, natürlich nicht, das wäre fatal und würde mich auch selbst ärgern, aber wenn ich das tue, dann ist das in Ordnung so." Und "daher halte ich die StVO im Prinzip für notwendig, in meinem Fall aber für unangemessen."

Max Thomas Mehr hat ein Landhaus weit außerhalb Berlins. Das ist alt, und er heizt es mit Kohle. Ist er nun ein Klimakiller, fragt er im politischen Feuilleton von Dlf Kultur: Oder "ist es nicht viel weniger klimaschädlich, mein 170 Jahre altes Haus solange weiter mit Kohle zu heizen, bis es funktionierende und vor allem bezahlbare klimaneutrale Alternativen gibt? Immerhin, mehr als ein Drittel der CO2-Emissionen gehen hierzulande auf den Gebäudebestand zurück. Der Wärmemarkt ist das Stiefkind des Klimaschutzes."

Außerdem: Die Zeit wollte ein Streitgespräch über den Umgang mit China führen, es sollten ein Vertreter von Huawei und ein Vertreter der deutschen Wirtschaft diskutieren. Huawei war bereit, aber die deutsche Wirtschaft kniff einhellig, berichten Jochen Bittner, Stefan Schirmer und Xifan Yang.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2021 - Gesellschaft

Die Impfdebatte spaltet die Gesellschaft nicht - die Spaltung war schon vorher da, diagnostiziert Andreas Ross in der FAZ mit einem Blick auf Amerika: "In Amerika ist die Impfbereitschaft schwach, wo Donald Trump stark ist. Die Gesellschaft war freilich längst gespalten, als das Virus über sie kam. Schon in der Klimadebatte hatten Republikaner eine teils religiös verpackte Wissenschaftsfeindlichkeit salonfähig gemacht. Da war es zu Trumps 'alternativen Fakten' nicht mehr weit. Bis heute glauben Dutzende Millionen Amerikaner wider alle Tatsachen, dass Trump 2020 der Sieg gestohlen wurde."

Die Triage wird zur realen Perspektive. Klar ist, dass Ungeimpfte in Intensivstationen nicht einfach schlechter gestellt werden kann, das hat auch der Ethikrat bekräftigt, schreibt Joachim Müller-Jung in der FAZ: "Völlig klar ist aber auch nach dem bisherigen Verlauf der Pandemie und der Fülle an traurigen klinischen Erfahrungen, dass der Impfstatus die Überlebenswahrscheinlichkeit tatsächlich massiv beeinflusst. Das Sterberisiko ist für Ungeimpfte dramatisch erhöht, für Hochaltrige liegt es bei fast einem Viertel aller Corona-Infizierten. Das gleiche Bild auf der Intensivstation: Dass heute immer noch zwischen dreißig und fünfzig Prozent der auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten am Ende versterben, liegt ganz eindeutig an dem großen Anteil von Impfunwilligen, die schwer erkranken."

Im SZ-Gespräch mit Alex Rühle erläutert der Religionshistoriker Helmut Zander die Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und den Querdenkern, die die Baseler SoziologInnen Nadine Frei und Oliver Nachtwey in ihrer Studie die "Quellen des 'Querdenkertums'" aufzeigten (Unser Resümee): "Verschwörungstheorien gehören salopp gesagt zur DNA der Schriften Steiners. Das liegt daran, dass er fest davon überzeugt war, dass es wirkmächtige Geheimgesellschaften gebe, im Guten wie im Schlechten, von den Mysterienkulten der Antike bis zu den Freimaurern, die er für eine sehr mächtige Geheimgesellschaft hielt, ein internationales Netzwerk, das sich vor dem Ersten Weltkrieg gegen Deutschland positioniert habe. Solche Thesen kommen jetzt mit Macht wieder hoch. Viele konservative Anthroposophen, die lange dachten, sie könnten mit solchen Positionen nicht mehr hausieren gehen, fühlen sich im AfD- und Pegida-Umfeld berechtigt, endlich wieder sagen zu dürfen, was Steiner immer schon gesagt habe."

In der DDR habe es keine Impfpflicht gegeben, außer für Pocken, sagt der Sozialmediziner und Ex-Gesundheitsstadtrat Heinrich Niemann im Gespräch mit Anja Reich (Berliner Zeitung). Dennoch ließen sich viele Menschen impfen, fährt er fort und ärgert sich darüber, die hohen Corona-Zahlen in Sachsen und Thüringen einfach mit "Ost-West" zu beantworten: "In Sachsen zum Beispiel gab es immer schon Anthroposophen und aktive Heilkundebewegungen. Man muss vielleicht auch den geografischen Blick weiten, auf Tschechien und Österreich. Immer gleich einen Grund zur Hand zu haben, entschuldigt nur, dass man nichts machen muss." Gab es wirklich keine Impfpflicht in der DDR? Frank Pergande stellte das 2015 in der FAZ deutlich anders dar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2021 - Gesellschaft

Wilfried Kretschmann und Markus Söder sprechen sich in einem gemeinsamen Artikel für die FAZ für eine Impfpflicht aus. Zunächst geben sie zerknirscht zu, dass in Deutschland nach wie vor weniger als 70 Prozent geimpft sind - sie hätten auf Vernunft gesetzt und sehen sich enttäuscht. Nun betonen sie, dass eine Impfpflicht die Idee der Freiheit nicht negiere: "Jeder kann bei uns denken, was er will. Und jeder kann so eigensinnig sein, wie er will. Doch auch hier gibt es eine Grenze, wenn die eigene Weltanschauung anderen Menschen schweren Schaden zufügt. Genau das ist in der Frage der Impfverweigerung der Fall. Eine Impfpflicht ist kein Verstoß gegen die Freiheitsrechte. Vielmehr ist sie die Voraussetzung dafür, dass wir unsere Freiheit zurückgewinnen."

In der FAZ analysiert Reinhard Bingener die Gründe der Impfverweigerung in Europa und berät sich dafür mit dem Soziologen Malte Thießen (Autor einer Geschichte des Impfens) und dem Historiker Heinrich August Winkler. Für die Impfverweigerung in den Neuen Ländern und Osteuropa finden sie folgenden Grund: Die jahrzehntelange Diktatur der Kommunisten habe "in allen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang das Vertrauen in staatliche Institutionen geschwächt. Weil die marxistische Lehre als wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben wurde, sei zudem der Wissenschaftsbegriff korrumpiert worden."

Die Baseler SoziologInnen Nadine Frei und Oliver Nachtwey untersuchen in einer Studie die "Quellen des 'Querdenkertums'". In Sachsen seien die Impfgegner eher der extremen Rechten zuzurechnen, resümiert Matthias Meisner  in der taz. "In Baden-Württemberg seien hingegen unter den Studienteilnehmer:innen auch viele ehemalige Wähler:innen der Grünen und der Linken - die aber 'eine ähnliche Dissidenz gegenüber der Pandemie-Politik herausgebildet' hätten, heißt es in der Studie. Und das, obwohl in dem Land das Vertrauen in Politik und Institutionen dem bundesdeutschen Durchschnitt entspricht - anders als in Sachsen, wo die Staatsskepsis deutlicher ausgeprägt ist als im Schnitt. In ihrer Selbstwahrnehmung sehen sich die Coronakritiker:innen laut Studie 'als nüchterne Expert:innen und mutige Widerstandskämpfer:innen'. Von 'Konspirationsdenken' ist die Rede und von drastischen Vergleichen, 'um ihren widerständigen Mut zu beweisen und ihre politische Praxis zu heroisieren'." Die Anthroposophie sei im Südwesten ein wichtiger Nährboden.

Der Arzt Sucharit Bhakdi war Bundestagskandidat für die Coronaleugnerpartei "Die Basis". Er hat inzwischen die üblichen Verdächtigen als Urheber der Krise ausgemacht, schreibt Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen: "Israel sei wegen seiner Impfkampagne eine 'living hell', also die 'Hölle auf Erden', behauptete er in einem Interview im Sommer, das vor allem in der Querdenker-Szene große Verbreitung fand. Die Juden seien ein 'Volk, das geflüchtet ist aus diesem Land, aus diesem Land, wo das Erzböse war, und [sie] haben ihr Land gefunden, haben ihr eigenes Land in etwas verwandelt, was noch schlimmer ist, als Deutschland war'. Das 'Schlimme an den Juden', meinte Bhakdi in dem Video, sei, dass sie sehr lernfähig seien." Volksverhetzung sei das aber nicht, findet die Staatsanwaltschaft in Kiel, sondern gegen Israel gerichtet, also "nicht per se" antisemitisch.

Und noch eine lieb gewonnene Annahme geht den Bach herunter: Junge Menschen sind nicht ganz so grün, wie gern behauptet wird, hat laut Zeit online die Trendstudie "Jugend in Deutschland" herausgefunden. Zwar sorgen sich 56 Prozent um den Klimawandel (und 48 Prozent über ihre Rente), doch sei "laut der Umfrage die Bereitschaft gering, zur Eindämmung der Klimakrise selbst auf Dinge zu verzichten oder den eigenen Lebensstil anzupassen. So können sich mehr als 80 Prozent der jungen Menschen ein Leben ohne Auto oder den Konsum tierischer Produkte nicht vorstellen. Rund 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind demnach regelmäßig privat mit einem Auto unterwegs. Auch die Bereitschaft, auf Flugreisen zu verzichten, sei gering. 'Der größte Gegenspieler von Veränderung ist die Komfortzone des Wohlfahrtstaats, in der sich die jüngere Generation nach dem Vorbild ihrer Eltern bequem eingerichtet hat', sagte der ebenfalls beteiligte Jugendforscher Klaus Hurrelmann."

Monireh Kazemi ist aus dem Iran geflüchtet, um nicht Kopftuch tragen zu müssen. Bei hpd.de protestiert sie gegen Verharmlosungen von "Modest Fashion" in westlichen Medien, etwa hier in dem Beitrag "Hip mit Hijab" des schweizerischen Fernsehsenders SRF: "Die Linksliberalen im Westen wollen mich verschleiert sehen, damit sie um meine Rechte kämpfen können. Ohne Kopftuch bin ich es nicht wert genug, gehört oder in meiner Existenz wahrgenommen zu werden. Auf Veranstaltungen, an denen ich Kritik an den Frauenrechten und Geschlechterrollen im Islam äußere, bin ich nicht erwünscht. Meine Kommentare werden entweder als rechts oder islamophob beschimpft oder gelöscht - so auch mein Kommentar unter dem Beitrag 'Ein Hijab kann so hip sein' des SRF, welcher mehrmals gelöscht wurde."

Die "Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen" (ADAS) hat neulich eine Studie veröffentlicht, die behauptet, dass religiöse muslimische SchülerInnen in Berlin diskriminiert würden (unser Resümee). Für diese Studie wurden ausschließlich religiös aktive Jugendliche befragt, sie ist also nicht repräsentativ. Und darum hat sie scharfe Kritik ausgelöst, berichtet Frederik Schindler in der Welt. Die Studie hat auch Staatsmittel erhalten. Aber die mit dem Thema befassten Stellen in Neukölln scheinen zutiefst zerstritten. So zitiert Schindler die Integrationsbeauftrage des Bezirks Güner Balci: "'Religiös begründete Geschlechtertrennung und die Tabuisierung sexueller Selbstbestimmung sind an bestimmten Schulen alltagsbestimmend', sagt die Integrationsbeauftragte Balci. 'Jede Form von kritischer Herangehensweise an solche Religionsverständnisse ist ein absolutes Tabu geworden.'"

Weitere Artikel: In der FR wenden sich Shimon Stein und Moshe Zimmermann gegen den Wunsch Josef Schusters, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den 9. November ausschließlich als Erinnerungstag an den 9. November 1938 zu begehen: An die Judenverfolgung könne man auch an anderen Tagen denken, meinen dagegen die beiden FR-Autoren. Wichtiger seien zudem "lokale oder zentrale Gedenkorte, die sich 'vor jeder deutschen Haustür' befinden". In der NZZ kritisiert Sarah Pines die amerikanischen Medien, die versucht hätten im Fall Rittenhouse "einen Rassismusskandal à la George Floyd zu konstruieren".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2021 - Gesellschaft

Die taz veranstaltet ein Pro und Kontra zum Thema Impfpflicht, bei dem sich die Kontrahenten eher einig sind. Susanne Kaul schreibt im "Pro": "Im öffentlichen Leben ist für Ungeimpfte nahezu kein Platz mehr. Warum also das Kind nicht beim Namen nennen - nicht zuletzt, um ein Stück verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen." Jan Feddersen will sich im "Kontra" nicht auf eine langwierige juristische Prozedur einlassen und schlägt vor: "Besser als eine Impfpflicht wäre der Verzicht auf Augenzwinkerei bei der 2G-Regel. Dass nötigenfalls Passagiere eines ICE aus dem Zug geworfen werden, wenn sie sich nicht als 2G ausgewiesen haben; in Bussen, U- und S-Bahnen können die impfungeschützten Coronaschleuder*innen dann auch nicht mehr fahren. Wer sich in Züge und Abteile hineinmogelt, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Wer das kontrollieren soll? Ist doch klar: Polizei, Ordnungsämter - und auch die beschäftigungsarmen Leute der Bundeswehr."

Ungeimpfte sind nicht dasselbe wie Impfgegegner, erläutert Elke Bruhn in der taz und zitiert aus Erkenntnissen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung  über das Impfen allgemein: "Unter den Befragten mit formal höherer Schulbildung ist der Anteil der Impfbefürworter höher als unter Personen mit niedrigerem oder mittlerem Bildungsniveau." Und: "Befragte ohne Migrationshintergrund können etwas häufiger als Personen mit Migrationshintergrund als Impfbefürworter bezeichnet werden."

Dass es toxische Männlichkeit gibt, ist für die Kultur- und Sozialanthropologin Ingrid Thurner glasklar. Aber ebenso klar gibt es auch toxische Weiblichkeit, schreibt sie in einem Essay für den Standard. "So arbeiten Frauen mit an der Unterdrückung von Frauen, an der Aufrechterhaltung von Geschlechterasymmetrien - als Mütter, Schwiegermütter, Ehefrauen, Vorgesetzte, Kolleginnen. Sie tun dies aktiv, wenn sie Gewaltregime mitgestalten, etwa im familiären Bereich bei Kindesmisshandlungen, Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie - auch wenn der Anteil von Müttern bei solchen kriminellen Aktivitäten sehr viel kleiner ist als der von Vätern und männlichen Verwandten. Sie tun dies passiv, indem sie die Verhältnisse dulden und schweigen, sich nicht zuständig fühlen, nicht eingreifen. Sie tun dies durch direkte und indirekte Zustimmung zur Höherwertung des Mannes, wodurch sie Privilegien und Anerkennung ernten. Die deutsche Sozialwissenschafterin Christina Thürmer-Rohr hat sich mit der These der weiblichen Mittäterschaft viele Feindinnen geschaffen - Frauen, die sich lieber nur in der Opferrolle wahrnehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2021 - Gesellschaft

Die Quote dient dazu, Frauen bei gleicher Qualifikation zu bevorzugen, nicht das Fortkommen der Herren Feministen zu sichern, stellt Silke Mertins in der taz klar: "So wie manche Frauen unter Emanzipation vorrangig verstehen, für das eigene Weiterkommen zu sorgen und dies als Feminismus zu labeln, nutzen auch Männer die Quote zur Imagepflege. Olaf Scholz etwa hat ein paritätisches Kabinett angekündigt und behauptet von sich, Feminist zu sein. Man darf also gespannt sein, wer die Ministerien für Finanzen, Verteidigung, Inneres und Auswärtiges übernimmt. Jenseits der Quote aber hört man von den Feministen der Spitzenpolitik - zu denen selbstverständlich auch Grünen-Chef Robert Habeck gehört - erstaunlich wenig. Im Wahlkampf wurde ab und zu mal in zwei bis drei Sätzen etwas vom Gender Pay Gap zwischengeschoben, aber ansonsten war nichts Konkretes zu erfahren. Die Feministen glauben, sich mit der Umsetzung der Frauenquote vom übrigen Gedöns befreit zu haben und dabei immer noch als fortschrittlich zu gelten. Das Erstaunliche ist: Auch ein erheblicher Teil der Frauen gibt sich mit der Quote zufrieden. Parität macht den Feminismus übersichtlich, unkompliziert und leicht umsetzbar."

Fast schon war es ruhig geworden in der Debatte um Max Czollek und jüdische Identitäten (unsere Resümees), doch im Spiegel-Interview mit Tobias Becker teilt er wieder ordentlich aus, als ob alle Welt feixend oder mit Popcorn in der Hand seinen Streit mit Maxim Biller verfolgt hätte. Kein Problem sieht er dabei, dass sein Verlag mit dem Satz warb: "Czollek ist dreißig, jüdisch und wütend." Czollek: "Soll ich jetzt vor jeder Veranstaltung und in der Einleitung jedes Buchs einen Disclaimer bringen: 'Übrigens, für religiöse Autoritäten bin ich kein Jude'? Die ganze Debatte zeigt, was eine nichtjüdische Öffentlichkeit mit dem Adjektiv jüdisch verbindet, nämlich den Exoten. Wenn dann klar wird, dass die andere Seite gar nicht so exotisch ist und auch deutsche Verwandte hat, erzeugt das Frustration: 'Oh nein, das Gegenüber ist gar nicht so special.' Spiegel: Sie fühlen sich als Jude? Czollek: Ich bin Jude."

Peter Richter schreibt in der SZ über seine Leidensgeschichte auf dem neuen Berliner Flughafen (eklige Türklinken, kaputte Gepäckbänder) und hat am Ende nur einen Gedanken im Kopf: Abreißen, bitte. Seit der mit neunjähriger Verspätung erfolgten Eröffnung des sieben Milliarden Euro teuren Baus "hatten wir das Superchaos vom Herbstferienbeginn, zweimal Superchaos wegen irrtümlichem Brandalarm, und die Ansage der Lufthansa, bitte vier Stunden vor Abflug auf dem Airport zu sein. Das bedeutet, dass man die meisten Ziele in Deutschland schneller mit dem Auto oder, sofern sie fährt, der Bahn erreicht. Und das wiederum bedeutet, dass Berlin faktisch gar keinen Hauptstadtflughafen hat, weil die größte deutsche Fluggesellschaft in der größten deutschen Stadt weiterhin keine Interkontinentalflüge anbieten mag. Wer wirklich weg will, muss eh umsteigen in Frankfurt, München oder Düsseldorf. Und wer im Gegenzug nach Berlin will, muss überlegen, ob andere Wege da nicht zielführender sind."

Weiteres: Feminismus soll für alle da sein, meint Patricia Hecht in der taz, vor allem auch für Trans-Personen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2021 - Gesellschaft

Miguel de la Riva lehnt in der FAZ eine rigorose Impfplicht zwar ab, aber das heißt nicht, dass man nicht Druck auf die Ungeimpften machen dürfe: "Wer sich einer Impfung aus letztlich irrationalen Motiven verweigert, wird darum nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen. Er hat der Gesellschaft selbst den Rücken gekehrt, indem er begründete Solidaritätserwartungen missachtete. Sowenig wie behauptet werden kann, der Staat bestrafe oder schikaniere Raucher, weil er ihnen untersagt, andere mit ihrem Verhalten zu schädigen, so wenig können Ungeimpfte behaupten, bestraft oder schikaniert zu werden, wenn sie nun im öffentlichen Leben erheblich eingeschränkt werden, weil sie angesichts der aktuellen Entwicklungen eher früher als später eine potenziell tödliche Krankheit übertragen werden."

Die niedrige Impfquote in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat mit dem Föderalismus, aber auch mit der Verbreitung der Anthroposophie zu tun, sagt der Soziologe Oliver Nachtwey im Dlf-Interview mit Philipp May, in dem er auch darauf zu sprechen kommt, weshalb viele Migranten nicht geimpft sind: "Aus zwei Gründen. Erst mal, dass Migranten häufig eine Sprachbarriere haben und sehr stark ihr Leben in ihren eigenen, vornehmlich migrantisch geprägten Netzwerken leben, und auch teilweise eine gewisse Staatsskepsis aus mehr oder minder guten Erfahrungen mit dem Staat haben. Aber das sind Elemente, die man überwinden kann. Es gibt bei den Migranten keine prinzipielle Impfskepsis, zumindest nicht in diesem Ausmaß, sondern das kann man eigentlich über eine gute Aufklärungskampagne ganz gut angehen."

Im NZZ-Interview mit Paul Jandl spricht der österreichische Kabarettist Josef Hader über die Monarchie im Genom der Österreicher und die niedrige Impfquote in seiner Heimat: "Vielleicht hat es damit zu tun, welchen Stellenwert Wissenschaft hat. Oder überhaupt der Fortschritt. Dass die Franzosen einen hohen Fortschrittsglauben haben, weiß man spätestens seit den 'Fantomas'-Filmen der sechziger Jahre. Oder wenn man französische Autos fährt. Große Technikbegeisterung, aber es funktioniert halt nicht immer. Die Heilpraktiker-Idee, dass wir Menschen alle sehr feinstofflich sind und die Schulmedizin dafür viel zu grob, ist schon etwas sehr Deutsches und Österreichisches."

"Warum wurden Impfkampagnen oder strengere Maßnahmen oder wenigstens berechenbare Infektionsverläufe nicht schon dann zur Kenntnis genommen, als die Situation noch weniger bedrohlich war?", fragt Armin Nassehi in der SZ und erklärt die Trägheit der Entscheidungsfindung systemtheoretisch: "Wäre eine 2-G-Regel nicht sinnvoller, bevor man sie unbedingt braucht? Wäre eine Diskussion über berufsspezifische Impfpflichten nicht lösungsorientierter, bevor sogar diejenigen mitmachen, die es so gar nicht wollen - eben weil es nicht anders geht? Ja, Suggestivfragen - aber typisch dafür, dass eben auch politische Systeme, Überzeugungen, Routinen, Erwartungen, Illusionen und Diskurse prinzipiell träge sind. Vielleicht sind biologische und auch soziale Systeme per se konservativ: weil sie das Überleben gelernt haben, indem Anpassung ihre Maxime ist." Hätte man nur auf die Wissenschaft gehört, aber: "Man hat so getan, als sei die Unsichtbarkeit des Problems gleichbedeutend mit seiner Abwesenheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2021 - Gesellschaft

Eine wichtige Meldung des RBB für jeden in Berlin-Mitte: "Auf den Friedhöfen im Berliner Bezirk Mitte können ab Mitte Dezember für drei Wochen keine Bestattungen stattfinden. Grund dafür seien Wartungsarbeiten an einer zentralen Computersoftware bei der Friedhofsverwaltung im Bezirk, teilte das Bezirksamt auf rbb-Anfrage mit. Demnach sollen die Wartungsarbeiten vom 15. Dezember bis 2. Januar dauern."

Auf Zeit Online fährt die Historikerin Marion Detjen nochmal das ganz große Besteck auf, um Nemi El-Hassan gegen den, wie Detjen schreibt, "Rufmord" zu verteidigen (El-Hassan hatte vor Jahren an einer antisemitischen Demo teilgenommen, wofür sie sich entschuldigte, und likete noch vor kurzem antiisraelische Posts bei Twitter): "Nemi El-Hassan wird nicht als Beispiel, als Rollenmodell dafür dienen, dass Menschen, deren Familienerinnerungen und Identitäten quer zum offiziellen deutschen Erinnerungsdiskurs liegen und diesen herausfordern, in Deutschland eine Stimme in einer vom Staat geförderten öffentlich-rechtlichen Sphäre bekommen können. Sie wird vielmehr exemplarisch dafür stehen, dass ganze Bevölkerungsgruppen wegen ihrer Erinnerungen und Identitäten ausgeschlossen waren, ausgeschlossen sind und ausgeschlossen bleiben sollen. (…) Das wird eine ganze Generation prägen, die an ihre Zukunft in Deutschland geglaubt hat. Merk dir das, du junger Mensch!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2021 - Gesellschaft

In der SZ haben Nele Pollatschek und Laura Hertreiter nur begrenzt Sympathie für die Philosophin Svenja Flaßpöhler, aber den Umgang mit ihr während und nach ihrem Auftritt bei "Hart aber Fair" lässt sie nachdenklich werden. Flaßpöhler, die selbst zwei mal geimpft ist, als Impfgegnerin zu bezeichnen, wie es der Tagesspiegel getan hat, ist einfach falsch, finden die zwei. Und eine Querdenkerin sei sie auch nicht: "Vielleicht ist es tatsächlich so, dass sie sich in Talkshows zu Themen setzt, in denen sie kein Experte ist, weil sie es für wichtig hält, dass jemand eine Gegenposition vertritt. Weil das ihrem Demokratieverständnis entspricht. Weil es zurzeit, ganz konkret, schwer ist, jemanden zu finden, der kein Querdenker ist, der geimpft ist, und dennoch bestimmten Maßnahmen gegenüber öffentlich eine kritische Haltung zu vertreten bereit ist - weil die Gefahr lauert, dass auch ein Doppeltgeimpfter als Impfverweigerer bezeichnet wird und Dinge unterstellt bekommt, von denen dann behauptet wird, sie wären nie unterstellt worden."

Im Interview mit der FR wird der Soziologe Heinz Bude kategorisch bei Impfverweigerern: "Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Mario Draghi hat als italienischer Ministerpräsident daraus die Konsequenz einer strengen Verhaltensregulierung zum Nachteil der Ungeimpften gezogen, was offenbar, wenn man auf die Inzidenzen in Italien schaut, zum Wohl der Leute ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2021 - Gesellschaft

Eine Impfpflicht ist legitim, schreibt Felix Lee in der taz: "Es war ein Fehler, eine Impfpflicht von vornherein auszuschließen. Abgesehen davon, dass es nun umso schwerer fällt, von diesem Versprechen abzurücken, hat das bei vielen Leuten überhaupt erst den Eindruck erweckt, Impfen könnte etwas Schlechtes sein. Die Politik suggerierte damit, dass Vakzine kein Heilmittel aus dieser Pandemie sind, sondern eine Gefahr."

Nein, die Lage hat sich nicht verändert, sie war seit dem Sommer klar und wurde seit Wochen vorausgesagt, bescheinigt ein entnervter Gustav Seibt in der SZ all den Politikern, die jetzt zu erklären versuchen, warum sie nichts getan haben, den Wiederanstieg der Corona-Infektionen aufzuhalten. Seibt kann auch das Gerede von der "Spaltung der Gesellschaft" nicht mehr hören, die gehe von den Impfverweigerern aus und niemandem sonst. Für Seibt ist der Widerstand gegen die Impfungen vor allem eine Krise des Liberalismus: "'Freiheit' ist hier auf die Schrumpfform des 'Ich will' oder 'Ich will nicht' reduziert, es ist der abgemagerte Schatten von 'Selbstverwirklichung'. Vor ein paar Tagen twitterte ein junger Liberaler, er habe eigentlich vorgehabt, sich ein drittes Mal impfen zu lassen, doch seit so viel Druck aufgebaut werde, müsse er sich das noch einmal überlegen. Kindischer Trotz als 'Freiheit' - so tief sind Teile selbst des politischen Liberalismus gesunken."

Die Frage, warum keine neue Maßnahmen gegen Corona ergriffen wurden, treibt auf Zeit online auch den Soziologen Armin Nassehi um. Nachdem er die Frage ausgiebig durchleuchtet hat, kommt er zu dem Schluss, dass es offenbar "gerade in Deutschland doch historische Vorbedingungen gibt, die gezielte Führung, die Durchsetzung von Standards und die Autorität von Expertenkulturen verunmöglichen. Das hat auch etwas mit der geradezu extremen Form der Gewaltenteilung in unserem föderalen System zu tun, das die Möglichkeit direktiver Einflussnahme schon strukturell auf ein Minimum begrenzt. Die historische Bedingung dieser strukturellen Form ist bekannt. Und es hat mit jener Form elitenkritischer, naturromantischer und auch trotziger Grundüberzeugung zu tun, sich von Eliten nichts sagen zu lassen. Das alte Vorurteil, wir Deutschen seien obrigkeitshörig, hat sich mangels Obrigkeit eigentlich erledigt. In seiner Abwehr aber lebt es fort, als populistischer Reflex gegen alle Eliten."

Die "Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen" (Website) in Berlin hat eine Studie zu Diskriminierung muslimischer Schüler und Schülerinnen veröffentlicht. Leiterin Aliyeh Yegane Arani erzählt im Interview mit Susanne Memarnia von der taz, dass sie für diese Studie besonders Jugendliche befragt habe, "die wir über die Moscheegemeinden und die muslimische Jugendarbeit angesprochen haben", weil "weil Menschen, die ihre Religion praktizieren wollen, eine besonders vulnerable Gruppe sind". Für sie steht fest, dass es an Berliner Schulen sehr wohl Diskriminierungen gibt, "die im Kontext mit dem Kopftuch stehen oder sich auf die islamische Religion beziehen. Zu uns kommen auch SchülerInnen und Eltern wegen anderer Diskriminierungen. Aber wir haben den Eindruck, dass das Thema Islam in den Schulen zum Teil sehr eskalierend und konfrontativ angegangen wird und es daher sehr schwer ist, die Betroffenen bei diesem Thema optimal zu unterstützen und dagegen vorzugehen." In Berlin-Neukölln gibt es auch eine "Anlauf- und Registerstelle konfrontative Religionsbekundungen". Hier geht es um Fälle, wo SchülerInnen etwa unter Druck gesetzt werden, den Ramadan einzuhalten. Problematisch, findet Aran: "Wie können Lehrkräfte auf Basis so eines schwammigen und stigmatisierenden Begriffs Daten erheben von SchülerInnen - und die sogar an Außenstehende weitergeben?"

Im Interview mit der SZ spricht der Journalist und neue PEN-Präsident Deniz Yücel über die Bedrohung der Meinungsfreiheit, die nicht immer nur von rechts kommt. Beispiel Jasmina Kuhnke, die zum Boykott der Buchmesse aufgefordert hatte, weil dort rechte Verlage ausstellen: "Solange diese Verlage mit ihren Publikationen oder ihrem Verhalten nicht gegen Recht und Gesetz verstoßen", so Yücel, "muss man auch das ertragen. Aus Prinzip, weil die sich über diese Aufregung und Gratis-Aufmerksamkeit freuen. Und weil man so Beispiele schafft. Der Nächste beschwert sich dann über linke Verlage oder die Titanic, der Spanier über die Katalanen oder umgekehrt. Und dann kommt der Türke und fordert: 'Kurden raus!'"

In Frankreich wurde vor vierzig Jahren, nach dem Amtsantritt François Mitterrands die Todesstrafe abgeschafft. Frankreich war das letzte westeuropäische Land, das bis dahin an der Guillotine festgehalten hatte. Maßgeblich zuständig war Mitterrands Justizminister Robert Badinter, mit dem Lucien Scherrer und Claudia Mäder in der NZZ ein episches Gespräch führen. Die Todesstrafe ist weltweit auf dem Rückzug, außer in blutigen Regimes wie dem Iran und China, freut er sich. Und auch in den USA sieht er Hoffnung: "Die Todesstrafe entehrt diese alte Demokratie mehr, als dass sie sie vor blutigen Verbrechen schützen würde. Doch dieses große Land ist eine föderale Republik, die Strafgesetzgebung hängt im Wesentlichen von den Gesetzen der jeweiligen Gliedstaaten ab. Und die Zahl der amerikanischen Staaten, die die Todesstrafe abschaffen, wird laufend größer. Virginia hat die Todesstrafe im Februar 2021 aufgegeben, das war eine Premiere für einen Südstaat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2021 - Gesellschaft

Wir sind alle mehr von Rudolf Steiner beeinflusst, als wir glauben mögen, schreibt Tobias Rapp in einem Spiegel-Essay, und viel Impfskepsis kommt auch aus den zivilisationsfeindlichen Diskursen der Anthroposophie: "Rudolf Steiner glaubte nämlich, dass Krankheiten ihren Sinn im karmischen Geschehen haben. Fieber könnte etwa Kindern helfen, sich in ihrem Körper einzurichten. Wer in früheren Leben, Dinge falsch gemacht habe, müsse sie unter Umständen durch Krankheit wieder ausgleichen - und wer sich impfe, der werde taub für die karmische Botschaft. Daher rührt die Impfskepsis der anthroposophischen Kreise - ihres harten Kerns zumindest. Und wenn sich das verrückt anhört: Das ist es auch."

Dieses Video ist dagegen der Beweis, dass auch Vernunft "viral gehen" kann:


Edo Reents kann es in der FAZ nicht fassen, wie Deutschland die Coronakrise und das Impfen managt: "Als es den Stoff gab, zerbrach man sich, als hätte es darum gleich ein großes Gedränge gegeben, monatelang den Kopf darüber, wer ihn zuerst bekommen sollte, und wehe, jemand drängelte sich vor, scherte aus der schafsgeduldigen Warteschlange aus und kündigte die gesellschaftliche Solidarität auf. Das dürfen nur die Impfverweigerer, deren Befindlichkeiten den gleichen Respekt genießen wie die Leiden der Kranken."

Christian Stöcker kommt in einer Spiegel-online-Kolumne auf eine Umfrage zurück, wonach die Hälfte der Impfgegner AfD und weitere 15 Prozent die "Basis" wählen würden (mehr zu dieser Umfrage hier): "Zwei Drittel der ungeimpften Wählerinnen und Wähler haben ihre Stimmen Parteien gegeben, die die liberale deutsche Demokratie ablehnen. Wir haben es mit Leuten zu tun, die jedes Vertrauen in diesen Staat und seine Institutionen verloren haben. Sicher fehlen in der Umfrage einige, Nichtwähler und Leute ohne deutsche Staatsbürgerschaft zum Beispiel. Aber die Botschaft ist trotzdem erschreckend klar."

Weiteres: In der NZZ staunt Lucien Scherrer, wie leicht man sich heutzutage als Opfer von Verschwörungstheorien inszenieren kann.