Über das chinesische Bewertungssystem dringen beinahe täglich neue Absurditäten zu uns, aber auch im Westen greift der
Bewertungswahn dank Facebook, Yelp, Uber, Airbnb und Co. längst um sich und reduziert den Menschen zur
individuellen Rating-
Agentur und kontrollierten Ort der Rückkopplung,
konstatieren Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschweski in der
NZZ: "Ziel ist es, den Nutzer zum Posten, Sharen und Kommentieren zu motivieren, seine Emotionen zu massieren, ihn so lange als möglich
im Loop zu halten. 'Man kann nicht nicht kommunizieren' ist heute kein kommunikationstheoretisches Axiom mehr, sondern ein Imperativ, eine beständige Aufforderung zum Sichanschließen und
Transparentwerden. Jeder gehobene Daumen, jedes wütende Emoticon bietet dabei lukrative Einsicht in die Konstitution des Einzelnen - vom ökonomischen Status über das
heimliche Begehren bis zur
mentalen Dissonanz."
Wollen wir wirklich so leben?,
fragt die Schriftstellerin
Angelika Reitzer in einem ausgewogenen Essay im
Standard, in dem sie darüber nachdenkt, wie die
Digitalisierung den Alltag beim Kaufen, Wohnen, Kommunizieren und Arbeiten verändert.
Onlinekäufe und
Sharing-
Modelle sind bequem, meint sie, aber: "Wenn mehr und mehr immaterielle Güter, Dienstleistungen, Wissen unsere Welt bestimmen, ist nicht Besitz vorrangig, sondern der Zugriff auf das
Superinternet der Dinge. Was höchstwahrscheinlich nicht die Nivellierung, sondern eine Verschärfung der
Ungleichheiten nach sich zieht. Haben wir uns damit abgefunden, dass die meisten Dienste nur noch via App in Anspruch genommen werden können? Denn das bedeutet ja auch, dass jemand, der kein Smartphone besitzt oder bestimmte Funktionen wie die Nachverfolgung des eigenen Standortes nicht aktivieren möchte, davon ausgeschlossen ist."