9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2018 - Internet

"Im Stahlgezwitscher" heißt eine von Jörg Scheller und Wolfgang Ullrich  sozusagen im Gespräch verfasste "Rezension" des Twitterkontos von Norbert Bolz  bei pop-zeitschrift.de. Interessant an Bolz fanden sie, dass er einer der wenigen Intellektuellen in Deutschland ist, die überhaupt twittern, noch mehr aber, dass "sich in ihm die Geschichte einer Radikalisierung abspielt. Und eben darin ist er wohl symptomatisch. Bolz gehört zu der Generation älterer Männer, aus deren Reihen seit dem Herbst 2015 vielfach scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, namentlich an Angela Merkel geübt wird. Wie etwa auch Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski oder Jörg Baberowski steht Norbert Bolz damit auf einmal in der Nähe von Rechtspopulismus, AfD und Pegida. Seine Tweets erfahren von dort viel Zuspruch, der ihn offenbar nicht nur nicht stört, sondern sogar anspornt, noch polemischer zu formulieren und sich die Reiz- und Kampfvokabeln der rechten Szenen zu eigen zu machen."

Wir stehen am Anfang einer kybernetischen Revolution, schreibt in der SZ der Informatiker, Mathematiker und Physiker Bernhard Schölkopf mit Blick auf die Entwicklung Künstlicher Intelligenz und fürchtet, dass Europa den Anschluss verliert: "Es mangelt an international führenden Zentren, und viele unserer angehenden Doktoranden haben Angebote von amerikanischen Elite-Universitäten. Dort arbeiten Professoren aus Europa, die in den USA zu akademischen Superstars und erfolgreichen Unternehmern geworden sind. Nachwuchswissenschaftler wollen dort lernen, wo die Besten forschen, und im Zeitalter von Google kann jeder Student ganz einfach nachsehen, wer erfolgreich auf den Top-Konferenzen publiziert. Es ist daher entscheidend, Exzellenzzentren in Europa zu stärken, Zugpferde zu halten oder nach Europa zurückzuholen."
 
Und wir brauchen Gesetze für Künstliche Intelligenz, fügt ebenfalls in der SZ Kathrin Werner hinzu: "Autonome Autos etwa dürfen nicht eigenständig entscheiden, Tempolimits zu überschreiten, nur weil Autofahrer um sie herum zu schnell fahren. Es muss Grenzen in Finanzmärkten und der Medizin geben. Künstliche Intelligenz darf keine Gesetze brechen, die für Menschen gelten. Sie darf sie zum Beispiel keine Gespräche im Wohnzimmer ohne Genehmigung aufzeichnen und auswerten. Die Verantwortung muss beim Menschen bleiben. Die Ausrede 'Das war ich nicht, das war meine künstliche Intelligenz' darf nicht gelten. Außerdem muss die KI immer klarmachen, dass sie kein Mensch ist. Zu erwägen wäre auch, dass künstliche Intelligenz andere künstliche Intelligenz beaufsichtigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2018 - Internet

Eingehend setzt sich Marcel Weiß in Neunetz mit Zeynep Tufekcis viel beachtetem New York Times-Artikel über Youtube als Mittel der Radikalisierung auseinander (unser Resümee). Die Dynamik der Hysterisierung, die Tufekci kritisiert, lässt sich allerdings nicht so leicht abschalten, so Weiß, denn es sind "für die Masse einzig die skalierbaren Ansätze, die die gesellschaftlichen Vorteile einer Plattformwelt gegenüber der klassischen Massenmedienwelt erhalten können. Ein wasserdichtes YouTube kann keine 500+ Stunden Videos pro Minute Upload aushalten. Es gäbe dann zwar keinen Missbrauch mehr auf der Plattform, aber es gäbe dann eben auch sonst fast nichts mehr. Plattformen gewinnen gegen die alten Distributoren, weil sie eine - erst durch die im Internet vernachlässigbaren Grenzkosten mögliche - Durchlässigkeit haben, die es so vorher nicht gab."

Außerdem: Die EU-Abgeordnete Julia Reda legt in diesem Twitterthread dar, warum sie fürchtet, dass die EU in der letzten Minute doch noch Uploadfilter, als eine Art Vorzensur, im Internet verabschieden wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2018 - Internet

Kaum etwas ist in den Feuilletons so populär wie die Abwertung der Schwarmintelligenz. Eike Kühl (Zeit online) lernt auf der SXSW-Digitalkonferenz in Austin von dem Entrepreneur Brian Dear, warum das ein Fehler ist. Dear erinnerte in seinem Vortrag an Plato, ein Programm, das Anfang der sechziger Jahre an der Universität von Illinois als computergestützte Lernplattform entwickelt worden war. In den siebziger Jahren begannen Studenten, das Programm nach ihren Bedürfnissen umzuformen - zu einer Plattform für Onlinecommunity: "Schon 1974 waren auf dem Plato-System zahlreiche Funktionen zu finden, die heute zentrale Bestandteile der Onlinekultur sind: Plato enthielt Chatrooms und Instant Messaging (Term-Talk). Es bot Foren wie Plato Notes, dessen Entwickler später übrigens das bis heute erfolgreiche Lotus Notes schuf. ... Es sei ein 'digitales Galapagos' gewesen, das lange Zeit ohne kommerzielle Interessen auskam. Schließlich wurde das Projekt mit öffentlichen Geldern gefördert. Deshalb konnte es von einer Lernplattform zu einer komplexen Onlinecommunity wachsen. Plato war revolutionär - bis es zusammenbrach." Was in dem Moment geschah, als die Rechte an Plato von einer Firma erworben wurden, die gar nicht verstand, was sie da hatte und das ganze Ding an die Wand fuhr.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2018 - Internet

Der Islamismus lernt nie aus. Im Guardian deckt Kate Lamb die Aktivitäten einer "Cyber Muslim Army" auf, die mit Bots, Fake News und Hate Speech die indonesische Öffentlichkeit beeinflussen will: "Die Botschaften sind clever darauf angelegt, Sympathie für den Islam zu erzeugen. Posts über die Verfolgung von Muslimen in Myanmar und Palästina wurden mit heimischer Polemik,  Hass auf die chinesische Minderheit und Unterstützung für indonesische Hardliner gemischt... Die Enthüllung zeigt, wie sich bestimmte Interessengruppen innerhalb der CMA für finstere politische Ziele einsetzten, und sie zeigt, wie leicht es ist, soziale Netzwerke zu überlisten, besonders Twitter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2018 - Internet

Facebook behauptet zwar, es gehe ihm um "Teilen", aber Forschern und Analytikern verwehrt das soziale Netzwerk Daten, die es ermöglichen würden, den Weg von Desinformationen zu verfolgen, schreibt Mark Scott bei politico.eu: "Facebook hält seine digitalen Türen zu und tut damit sich selbst und dem breiteren Publikum keinen Gefallen. Desinformation, die von heimischen und ausländischen Akteurern betreiben wird, ist nun Teil fast aller Wahlen. Politiker in Brüssel, London und Washington  fuchteln ins Leere, wenn sie verstehen wollen, wie sie Desinformation bekämpfen sollen, während das Vertrauen des Publikums in Online-Inhalte verloren geht."

Und Youtube ist natürlich ebenfalls kein Waisenknabe: Zeynep Tufekci erzählt in der New York Times, wie sie bei der Suche nach Inhalten über Donald Trump von dem Dienst sehr schnell in immer dunklere Ecken der Verschwörungstheorien gedrängt wurde. Das gleiche passierte ihr, als sie mit einem anderen Konto über Hillary Clinton recherchierte: "In meiner Irritation versuchte ich es mit unpolitischen Themen. Und das gleiche Muster wiederholte sich. Videos über vegetarische Ernährung führten zu Videos über vegane Ernährung. Videos über Joggen führten über zu Videos über Ultra-Marathons. Es scheint, als könne man nie 'hardcore' genug für den Youtube-Algorithmus sein. Es verbreitet Videos, als müsste die Latte immer höher gelegt werden. Angesichts seiner Milliarden Nutzer muss Youtube eines der stärksten Instrumente der Radikalisierung sein."

Auch Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, das heute 29 Jahre alt wird, macht sich in einem offenen Brief bei seiner Webfoundation Gedanken über dieses Problem. Die großen Plattformen seien so mächtig geworden, dass sie inzwischen Kreativität ersticken und Meinungen kontrollieren könnten: "Wir haben bei den Plattformen selbst nach Antworten gesucht. Sie sind sich der Probleme bewusst und und machen Versuche, sie anzugehen - mit Auswirkungen auf Millionen von Nutzern. Die Verantwortung und Last solcher Entscheidungen liegt bei Unternehmen, die gebaut wurden, Profite zu maximieren, statt Gutes für die Gesellschaft zu tun. Ein gesetzliches oder regulatorisches Rahmenwerk, das gesellschaftliche Ziele festschreibt, mag derartige Spannungen lösen helfen." Seit diesem Jahr, so Berner-Lee, hat übrigens die Hälfte der Weltbevölkerung Internetzugang - was zugleich heißt, dass die andere Hälfte immer noch ausgeschlossen ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2018 - Internet

Laut einer Studie des amerikanischen Magazins Science verbreiten sich Fake News schneller als echte Nachrichten, meldet Andrea Diener in der FAZ. Grund sei die emotionale Manipulation der Leser: "Verifizierte Nachrichten bedienen üblicherweise eine breite Gefühlsklaviatur von Freude, Erwartung, Traurigkeit bis hin zu Vertrauen. Die meisten Fake News hingegen rufen primär Angst, Überraschung und Abscheu hervor. Jene berühmte Gemütslage der Dauerempörung also, die Twitter-Nutzer von politischen Auseinandersetzungen im Netzwerk leider allzu gut kennen und die den gemäßigteren Stimmen die Diskussionen in vielen Foren verleiden. Falschnachrichten bedienen also jenseits jeder Logik eine Gefühlslage, die einige Nutzer besonders anspricht."
Stichwörter: Fake News

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2018 - Internet

Ein sehr instruktives Gespräch führt Katharina Kutsche auf sueddeutsche.de mit dem Software-Unternehmer Rafael Laguna, der mit seiner Firma Open-Xchange auf Open-Source-Code aufsetzt und Behörden und der öffentlichen Hand ins Gewissen redet, sich nicht dem Giganten Microsoft auszuliefern, der mit Behörden in Europa Milliarden-Umsätze macht: "Wenn die öffentliche Hand Geld für Software-Entwicklung investiert, sollte sie es immer so tun, dass am Ende Open-Source-Software rauskommt. Dann können auch andere Behörden in Europa die Ergebnisse nutzen. Und wenn man sensibelste Daten einer Bundes- oder Landesbehörde abspeichert, dann doch bitte in einem System mit vollster Kontrolle - das geht nur mit Open Source. Eine Polizei, die sich auf Microsoft standardisiert, betreibt Daten-Harakiri."

Außerdem: Unter anderem turi2 meldet, dass die Bundesregierung künftig nur noch den Ausbau von Glasfasernetzen fördert, für die Kupferleitungen der Telekom wird kein Geld mehr ausgegeben.
Stichwörter: Open Source, Microsoft, Telekom

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2018 - Internet

Für die FAZ liest Laura Henkel den Transparenzbericht, den Google zum Recht auf Vergessen veröffentlicht hat. Von 650000 Löschanträgen hat Google 57 Prozent ausgeführt, lernt sie, doch leider erkläre sich das Unternehmen nur in Einzelfällen: "Aus Deutschland wurde ein Ersuchen eingereicht, das eine Regierungswebsite mit Akten eines Gerichtsverfahrens betrifft. Die Antragstellerin war dort als minderjähriges Opfer sexuellen Missbrauchs und Menschenhandels aufgeführt, woraufhin Google alle URLs entfernte, die auf die Webseite verwiesen. Ebenso verfuhr der Konzern bei einer Britin, die um die Löschung von Zeitungsartikeln über den Mord an ihrem Ehemann bat. Weil sie ihre Strafe für die Tat abgesessen hatte, löschte Google die Links. Nicht entfernt wurden hingegen Links zu Nachrichtentexten über einen Wissenschaftler, der sein Geschlecht geändert und einen neuen Namen angenommen hatte, mit der Begründung, dass die Artikel weiterhin für dessen berufliches Leben und die Forschung relevant seien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2018 - Internet

Im Zeit-Gespräch mit Elisabeth Kagermeier erklärt der Sicherheitsexperte und Informatiker Hannes Federath die Hintergründe zum Hackerangriff auf das Regierungsnetzwerk - "Hundertprozentige Sicherheit gibt es im Netz nicht" -  und denkt über die Notwendigkeit völkerrechtlicher Regelungen, um vor Krieg zu schützen, nach: "Die Drohnenangriffe der Amerikaner in Pakistan und im arabischen Raum haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass sich Täter und Opfer nicht mehr physikalisch gegenüberstehen müssen. Ebenso ist es bei Cyberangriffen. Die Täter - egal ob Soldaten oder Geheimdienstler - sind quasi Teil eines Geschehens, das sich wie ein Computerspiel anfühlt. Da ist es durchaus naheliegend, solche zwischenstaatlichen Cyberangriffe völkerrechtlich ähnlich zu ächten wie etwa Angriffe mit Landminen. Die werden ausgelegt, ohne dass die Verantwortlichen kontrollieren, wer dadurch später zu Schaden kommt."

Außerdem: Angesichts der einsilbigen Kommunikation der Regierung haben Kai Biermann und Katharina Schuler in der Zeit Zweifel, ob der Hackerangriff schon unter Kontrolle gebracht wurde. Dirk Baecker betrachtet das Thema Künstliche Intelligenz in der NZZ aus systemtheoretischer Sicht und mit Verweis auf Niklas Luhmann, bei dem ja im Grunde schon alles gesagt sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2018 - Internet

Die Chefs von Google, Facebook und Co. müssen heute bei der EU-Kommissarin Vera Jourova vorsprechen, berichtet Tanja Tricarico für die taz: "Nicht nur beim Umgang mit illegalen Inhalten, auch beim Verbraucherschutz droht den IT-Konzernen eine härtere Gangart. Für Jourova sind Facebook, Twitter oder Google+ Werbe- und Verkaufsplattformen. Also müssen sie auch die Verbraucherschutzregeln einhalten, findet Jourova. Und fordert eigentlich Selbstverständliches: 'Wir wollen klarstellen, dass die Geschäftsbedingungen der Internetfirmen dem EU-Recht unterliegen.' Dem ist derzeit nicht so: Immer wieder müssen Kommission oder nationale Behörden die meist aus den USA stammenden Firmen auffordern, EU-Verbraucherschutzregeln einzuhalten."

Ihre Grenzen bekommen die Internetgiganten derzeit auch von ihren Usern aufgezeigt. Der Schüler David Hogg, eins der überlebenden Opfer des Massakers an einer Schule in Florida, wird mit einer massiven Troll-Kampagne auf Youtube und Facebook als Schauspieler dargestellt, der nie bedroht worden sei. Google und Facebook haben zwar versprochen, diese Hasspostings zu entfernen, sie kommen aber nicht hinterher, schreiben Jack Nicas und Sheera Frenkel in der New York Times: "The resilience of misinformation, despite efforts by the tech behemoths to eliminate it, has become a real-time case study of how the companies are constantly a step behind in stamping out the content. At every turn, trolls, conspiracy theorists and others have proved to be more adept at taking advantage of exactly what the sites were created to do - encourage people to post almost anything they want - than the companies are at catching them."