9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2018 - Kulturpolitik

Virginie Bloch-Lainé unterhält sich für Libération mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und dem Ökonom Felwine Sarr, die von Emmanuel Macron mit der heiklen Aufgabe der Restitution afrikanischer Kunstschätze an ihre Ursprungsländer betraut wurden. Unsere Aufgabe", sagt Savoy, "besteht ja nicht darin, die Objekte aus der Vitrine zu nehmen, sie in Kisten zu stecken und abzuschicken. Wir müssen erstmal die allgemeinen Problematiken definieren: Was heißt es, über hundert Jahre seines Erbes beraubt zu sein und nicht einmal zu wissen, was man hat? Lassen sich Formen einer 'geteilten Obhut' ersinnen? Können einige Objekte dort verbleiben, wohin die Geschichte sie verschlagen hat?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2018 - Kulturpolitik

Einen ganz kleinen Haken gibt es bei Monika Grütters' Plänen, Benedicte Savoy an zentraler Stelle für den "Umgang mit Kulturgütern aus kolonialem Kontext" im Humboldt-Forum zu besetzen noch (unser Resümee), weiß Jörg Häntzschel in der SZ: "Savoy weiß davon nichts. 'Ich erfahre es aus der Zeitung und bin auch nicht gefragt worden', erklärt sie gegenüber der SZ. Auch beim Auswärtigen Amt und beim BKM ist von dieser angeblichen Entscheidung nichts bekannt. Und was ihre Rolle als 'Beraterin von Grütters angeht: Die sei ganz 'informell', berichtigt der Sprecher des Bundeskulturministeriums. Grütters und Savoy kennten sich eben schon lange."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2018 - Kulturpolitik

Die Zeit bringt im Feuilleton zwei Seiten zum Humboldt Forum und hat dafür auch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Kulturstaatsministerin Monika Grütters interviewt. Parzinger scheitert bei dem Versuch, dem Leser die Konstruktion der künftigen Hierarchie zu erklären. Monika Grütters macht aus ihrer Unzufriedenheit über diesen "Amtshabitus", der alles verkompliziert und verlangsamt, kein Hehl: "Der Bund investiert immerhin jährlich 130 Millionen in diese Stiftung. Wir fragen uns: wie ist das mit den Besucherzahlen? Wie ist das Angebot an Ausstellungen? Wie gut sind Service und Besucherorientierung?"

In einem nebenstehenden Artikel ist Moritz Müller-Wirth nur mäßig begeistert vom designierten neuen Intendanten Hartmut Dorgerloh, der zudem nur Zugriff auf die Sonderausstellungen habe. Wie soll das Forum da als ganzes funktionieren? Dennoch hofft er auf noch eine neue zusätzliche Ebene, die die schärfste Kritikerin des Humboldt Forums besetzen soll: Benedicte Savoy, die, wenn es nach Grütters geht, für den "Umgang mit Kulturgütern aus kolonialem Kontext" zuständig sein soll. Sollte Grütters es wirklich gelingen, Savoy "'an zentraler Stelle' einzubinden, an einer Stelle also, die zwingend inhaltlichen Zugriff auf alle bespielbaren Flächen haben müsste, dann hätte sie den strukturellen Lapsus der Forums-Struktur mutig korrigiert".

Und in einem dritten Zeit-Artikel plädiert Viola König, ehemalige Leiterin des ethnologischen Museums in Berlin, dafür, peu a peu "den gesamten Bestand zurückzugeben", womit sie auf einer Linie mit Savoy liegt. (615 Millionen Euro wird das Forum mindestens kosten, dazu kommt ein Etat von jährlich 60 Millionen Euro für den Betrieb. Da fragt man sich schon, ob eine gute Internetadresse nicht ausgereicht hätte, das Material für die Rückgabe vorzuführen.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2018 - Kulturpolitik

Der islamistische Kulturvandalismus im Nahen Osten dient nicht nur religiösen Fundamentalisten, das Zerstören archäologischer Kulturgüter ist vom IS auch zur Verteidigung gegen eine "nationalistische Agenda des Westens" stilisiert worden, schreibt Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, in der SZ. Die Argumentation des IS, die dem Westen die kolonialistische Konstruktion nationaler und kultureller Identitäten vorwirft, nimmt er gern auf: "Es wird deutlich, dass die Sprengung assyrischer Paläste und palmyrenischer Tempel in ein Narrativ eingebettet werden kann, das unseren bisherigen Umgang mit dem Kulturerbe anderer Gesellschaften auf den Prüfstand stellt und zugleich drängende Herausforderungen für die Zukunft aufzeigt. Wir werden uns fragen müssen, was wir auf welche Weise tun können, um Kulturerbe im Ausland zu schützen, ohne uns dem Vorwurf neokolonialer Bevormundung auszusetzen; noch konsequenter als bisher müssen wir eine verantwortungsvolle Haltung gegenüber jenen Kulturgütern in unserem Land einüben, die als Ergebnis kolonialer oder imperialer Asymmetrien aus ihren Herkunftsgesellschaften entfernt wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2018 - Kulturpolitik

Das kulturelle Milieu in Deutschland beharrt auf Partizipation, seufzt Monika Grütters im Tagesspiegel-Interview mit Rüdiger Schaper über Berliner Personalpolitik an Volksbühne, Humboldt-Forum und Berlinale: "Manchmal würde auch der Kulturbetrieb eine Autorität gut vertragen. In ihrem Habitus sind das ja viele Intendanten und beispielsweise Dirigenten auch. In dem Expertenkreis mit über 20 Personen, der mich bei der Suche nach einer Nachfolge für den Berlinale-Chef Dieter Kosslick berät, gab es auch prominente Stimmen, die sagten: Man empfehle jemanden für die Zukunft, der 'less smart' und 'not too soft' sei. Jemanden, der mal ansagt, worum es geht, und nicht immer nur versucht, es allen recht zu machen."

Außerdem: Ebenfalls im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einem Gespräch zwischen Ulrike Knöfel (Spiegel) und Benedicte Savoy in der Berlinischen Galerie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2018 - Kulturpolitik

Lorenz Rollhäuser kritisiert in der taz, dass beim Thema Rückgabe illegitim erworbenen Kulturguts im Humboldt-Forum noch so gut wie gar nichts geschehen sei. "Zwar ist die Provenienzforschung Voraussetzung für alles Weitere, es fällt aber auf, dass nie gesagt wird, was aus dieser Forschung logischerweise folgen müsste: Objekte, die illegal angeeignet wurden, auch zurückzugeben, sofern es die Herkunftsgesellschaften so wollen. Dafür müsste man sich vom Anspruch verabschieden, nur die Universalmuseen westlicher Demokratien könnten das kulturelle Erbe der Menschheit angemessen zeigen und bewahren." Druck komme aber unter anderem aus Frankreich, wo Emmanuel Macron Initiativen für französische Museen angekündigt hat.

Jörg Häntzschel unterhält sich für die SZ mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und dem Schriftsteller Felwine Sarr, die von Macron beauftragt wurden, die Restitution von afrikanischen Kunstwerken zu organisieren. Savoy, die zuvor in Berlin wirkte und einen Eklat beim Humboldt-Forum auslöste, spricht einen  Unterschied zwischen französischer und deutscher Museengeschichte an: "Es fängt bei der Vorstellung davon an, was ein Museum ist. In Frankreich weiß jedes Kind, dass ein Museum voller zusammengeraffter Dinge ist. Die Museen hier wurden in der Französischen Revolution geboren. Ihre Sammlungen stammen aus Beschlagnahmungen des Besitzes von Adel, König und Klerus und dann natürlich von den Feldzügen Napoleons. Jedes Label im Louvre erzählt davon. Kein Mensch hier käme auf die Idee, dass Museen 'sauber' sind. In Deutschland glaubt man das."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2018 - Kulturpolitik

Die aktuelle Debatte um Kolonialismus-Aufarbeitung ist wichtig, wichtiger noch für Erhalt und mögliche Restitution ist allerdings eine systematische, transparente Dokumentation aller Objekte in ethnologischen Sammlungen - diese scheitert jedoch an zu wenigen Finanzmitteln und zu viel deutscher Bürokratie, meint der Ethnologe und Politologe Andreas Schlothauer im DLF-Gespräch mit Dina Netz. Das Humboldt-Forum sei nicht mehr als eine Ausstellungsfläche, fügt er hinzu: "Das Depot selber und die Depotflächen sind seit dreißig Jahren in dem Zustand, wie sie gewesen sind. Da wird ein Insektenmanagement betrieben, also täglich werden die Objekte von Insekten vernichtet. Und natürlich gibt es dann Leute, die das kontrollieren, und dann werden die Stücke behandelt gegen die Insekten, kommen in so eine Kältekammer, aber es ändert nichts an dem Umstand, dass das Depot vollkommen ungeeignet ist und das auch allen bekannt ist. Und auch die Verantwortung, die man da nicht erfüllt, die ist auch bekannt, und trotzdem passiert nichts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 - Kulturpolitik

Die zahlreichen Direktoren des Humboldt-Forums sollten sich nicht mit dem Argument, dass Deutschland erst seit 1880 Kolonialmacht gewesen sei, aus der Restitutionsdebatte heraushalten, meint Lorenz Rollhäuser in der taz: "Die Berliner Afrika-Sammlung bestand bis 1880 aus gerade mal 3.361 Objekten. Erst danach wuchs sie exponenziell bis zum Ende der deutschen Kolonialzeit auf das bald Zwanzigfache: 55.079 Objekte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2018 - Kulturpolitik

In der Zeit wehrt Neil MacGregor, Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt Forums, Vorwürfe ab, das Forum gehe zu lax mit Fragen der Raubkunst um. Die Forderung, nur noch ethnologische Objekte zu zeigen, deren tadellose Herkunft ohne jeden Zweifel erwiesen ist, lehnt er jedoch höflich ab: "Fragen der Objektaneignung im kolonialen Kontext sind komplizierter, da die Ereignisse weiter zurückliegen. Die Herkunftsdokumentation ist gewöhnlich fragmentarisch, und selbst bei den vielen gut aufgeklärten Fällen bleibt oftmals strittig, wer heute berechtigt ist, diejenigen rechtlich zu vertreten, die einst enteignet worden waren. In den Herkunftsländern finden sich grundverschiedene Ansichten über Fragen der Restitution. ... Meiner Ansicht nach ist es deshalb umso wichtiger, die fraglichen Gegenstände auszustellen und öffentlich - im Humboldt Forum - zu diskutieren. Das vielleicht nicht zu lösende Problem, wie man im Rahmen unterschiedlicher Rechtssysteme entscheiden soll, wird zentrales Thema der Debatten im Humboldt Forum sein müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2018 - Kulturpolitik

Geplant war mal jemand, "der nicht alt, nicht weiß, kein Mann, kein Deutscher, am liebsten auch kein Europäer ist. Jemand also, der dem Humboldt-Forum kurz vor der Eröffnung noch eine Idee geben könnte", seufzt Jörg Häntzschel in der SZ. Nun nimmt sich dank Monika Grütters' einsam getroffener Entscheidung mit Hartmut Dorgerloh also ein Denkmalpfleger dieses "ethnologischen Kindergartens für Erwachsene", an, fährt Häntzschel fort: "Mit ihrer Personalentscheidung hat sie offenbar auch das inhaltliche Konzept bereits angepasst. Von einem neuen Niveau des kulturellen Dialogs, von Globalisierung, Migration und den Menschheitsthemen, um die es hier einmal gehen sollte, war bei ihr keine Rede mehr."

"Dorgerloh hat bereits eine Institution von höchster, ja von deutscher Komplexität geleitet", sagt Neil MacGregor -  der sich mit deutscher Bürokratie inzwischen selbst bestens auskennt, wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel anmerkt: "Ein bemerkenswerter Satz von MacGregor. Man kann ihn auch so interpretieren, dass eine Persönlichkeit aus den märkischen Untiefen und Abgründen vielleicht sogar besser geeignet ist, das Humboldt-Forum aus der ewigen Legitimationsklemme zu führen, als ein Wundermann oder eine Wunderfrau von außerhalb." In der Berliner Zeitung ist Harry Nutt zufrieden mit der Wahl. Wir sind auf die Verbotsliste des Humboldt-Forums gespannt.