9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2018 - Kulturpolitik

Neben der gelungenen Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum lobt Christian Schröder im Tagesspiegel auch deren Vorbereitung, in der man sich der Herausforderung stellte, rassistische Stereotype nicht weiter zu reproduzieren: "Weil alle mit der Ausstellung beschäftigten Wissenschaftler weiß sind, wurde während der Vorbereitungen ein Beirat gegründet, dem auch schwarze Aktivisten und Künstler angehören."
 
Außerdem: Die Diskussion über die "Einheitswippe" geht in die nächste Runde, meldet Reinhart Bünger im Tagesspiegel. Der Preis für die Grundstücksfläche sei noch unbestimmt, es stehen offenbar auch neue Diskussionen über den Standort an.
Stichwörter: Einheitswippe, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2018 - Kulturpolitik

Leicht amüsiert beobachtet Jörg Häntzschel (SZ) den Wettstreit deutscher Politiker um die Position des eifrigsten Rückgebers von Raubkunst aus der kurzen deutschen Kolonialzeit. Zuletzt tat sich Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt hervor mit einer Konferenz in Hamburg, die vom Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe eröffnet wurde: "Wie schon einige andere in den letzten Monaten forderte er, man dürfe die Objekte aus der Kolonialzeit und die afrikanischen Flüchtlinge der Gegenwart nicht getrennt betrachten. Zustimmendes Nicken. Dann aber verschreckte er die Zuhörer, als er ihr Engagement für die Rücksendung von Objekten an Herkunftsländer mit dem Engagement derer in Verbindung brachte, denen es eher um die Rücksendung von Menschen geht. 'Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder und alles wieder nach Hause zurück muss?' Stattdessen, so Mbembe, sollten wir uns eingestehen, dass die Verstrickung der Welt unumkehrbar sei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2018 - Kulturpolitik

Ein wenig deutlicher als in anderen Gesprächen (Unser Resümee), vor allem mit Blick auf die anstehenden Restitutionsfragen im Humboldt-Forum wird Hartmut Dorgerloh im Interview mit Harry Nutt von der Berliner Zeitung: "Restitution ist eine Möglichkeit, aber das Humboldt-Forum soll auch ein Ort sein, an dem Alternativen ausgelotet werden. (…) Es kann ja nicht die Lösung sein, dass mexikanische Kunst nur noch in Mexico gezeigt wird und italienische nur noch in Italien."

Ein Blick nach Frankfurt könnte sich lohnen, wo sich vier Museen ab Juni in einem Kooperationsprojekt unter dem Ausstellungstitel "Gekauft, gesammelt, geraubt? Vom Weg der Dinge ins Museum" der Erwerbsgeschichte ihrer Objekte stellen. In der taz berichtet Rudolf Walther von der Schau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2018 - Kulturpolitik

Hartmut Dorgerloh auf allen Kanälen. Im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn läutet der designierte Intendant das Ende der Gründungsintendanz ein und erklärt, wie er mit mehr Populismus eine "corporate identity" schaffen will: "Ich habe ein großes Vorbild: Humboldts 'Kosmos'-Vorlesungen. Da strömte ganz Berlin hin, trotz komplexer Themen. Diesen Geist brauchen wir. Wir wollen Geschichten aus vielen Perspektiven erzählen. Es geht nicht, dass einer sagt: 'Das ist meine Ausstellung in meinem Haus, so wie ich sie will.' Ein solches Museumskonzept wird es in Zukunft nicht nur am Humboldt-Forum schwer haben." In jedem Fall soll es kein Ort zum "Wohlfühlen" sein, fügt Dorgerloh im Welt-Gespräch mit Marcus Woeller hinzu.
 
Auch im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel will Dorgerloh lieber noch keine konkreten Ideen für das Humboldt Forum benennen und äußert sich entsprechend zu dem Vorwurf, dass überwiegend Berliner Männer zwischen 50 und 60 Jahren Schlüsselpositionen besetzen: "Es wird noch viel Personal eingestellt werden, und dabei werden Genderbalance und Internationalität wichtige Kriterien sein. Ich muss aber auch sagen: Ein guter Friseur muss nicht viele Haare haben. Das betrifft auch meine Person. Ich kann nichts daran ändern, dass ich ein weißer Mann bin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2018 - Kulturpolitik


Am Mittwoch übergab die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dem Vertreter der indianischen Chugach Alaska Corporation, John Johnson, neun Objekte aus dem Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin, die einst durch Grabplünderungen in den Besitz des Museums gekommen waren, melden Tagesspiegel und Berliner Zeitung. Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) hat sich deshalb den vom Deutschen Museumsbund herausgegebenen "Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (hier)" noch einmal genauer angesehen und stellt Grundsatzfragen: "Was ist überhaupt Afrika? Mit wem muss verhandelt werden? Wessen Herrschaftsansprüche können bestätigt, welche müssen hinterfragt werden? Wer finanziert die nötigen neuen Museen?"

Bislang gab es allerdings kaum offizielle Anfragen nach Restitution von Raubgütern. Das wundert den Ethnologen Karl-Heinz Kohl in der FAZ nicht. Zu zerrissen sind häufig die Staaten, die aus den Kolonialreichen hervorgingen. Es gebe "auch in den unabhängig gewordenen ehemaligen Kolonialstaaten immer noch an den Rand gedrängte und rechtlose ethnische Minderheiten. Das gilt nicht nur für Afrika. Häufig sind es solche Lokalkulturen, die in relativer Abgeschiedenheit ihren jeweils eigenen Kunststil entwickelten, von denen die Glanzstücke ethnologischer Museen stammen. Würden sie selbst Rückgabeforderungen vortragen und so auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen, wäre dies durchaus nicht im Sinne der derzeit Regierenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2018 - Kulturpolitik

Der Tagesspiegel meldet die einstimmige Berufung von Hartmut Dorgerloh zum Generalintendanten des Humboldt-Forums im Schloss. Dogerloh, bisher Generaldirektor der Preußischen Stiftung Schlösser und Gärten, wird als "bestens vernetzt" gelobt, was wohl bedeuten soll, dass er sich exzellent in den komplexen Hierarchien der Institutionen auskennt, die das Humboldt Forum bespielen werden. Damit sind die Leitungsstellen alle besetzt. Einziger Schönheitsfehler: Es "wurden ausschließlich Männer in die Leitung des Humboldt-Forums berufen. Einzige Frau ist Lavinia Frey, die das Programm als Leiterin der 'Humboldt Forum Kultur GmbH' inhaltlich mitgestaltet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2018 - Kulturpolitik

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat in Berlin eine 132 Seiten dicke Broschüre zum Umgang mit Raubkunst aus der Kolonialzeit vorgestellt, berichtet eine zufriedene Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Leitfaden stellt eine praktische Anleitung dar, wie die Herkunftsgeschichte von Sammlungsobjekten erforscht werden kann, welches Recht damals beim Erwerb angewandt wurde, wie sich seitdem die Gebietsverhältnisse verändert haben. Der wichtigste Ratschlag: Statt einseitig Rückgabeangebote zu machen, sollten vielmehr in den Herkunftsländern die Bedürfnisse erfragt werden. Vielfach sind die möglichen Empfänger eher an Digitalisaten statt den originalen Objekten interessiert, um damit weiterarbeiten zu können, sagt Wiebke Ahrndt", die Direktorin des Bremer Übersee-Museums, die "federführend" an der Broschüre mitgearbeitet hat.

"Ein radikaler Kulturwandel wie in Frankreich ist nicht zu erkennen", kritisiert dagegen Jörg Häntzschel in der SZ, vor allem, wenn es um die Frage der Restitution gehe: "Zu prüfen sei, 'ob ein regelrechter Rechtsanspruch auf Rückgabe des (…) Sammlungsstückes besteht.' Wenn nicht, seien öffentlichen Institutionen die Hände gebunden: 'Eine Weggabe von Eigentum (...) darf eigentlich nur dann erfolgen, wenn es hierfür eine gesetzliche Grundlage gibt.' Was die Autoren nicht sagen, ist, dass dieser Anspruch ohne bilaterale Abkommen so gut wie nie besteht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2018 - Kulturpolitik

Neil MacGregor hat einige Gegenstände gesammelt, die für ihn das Humboldt-Forum und den Ort, auf dem es steht, repräsentieren, erzählt er im Tagesspiegel: "Mit einem weißen Gänsefederkiel unterzeichnete Kaiser Wilhelm II. im Sternsaal des Berliner Schlosses die Anordnung zur Mobilmachung. Die Unterschrift besiegelte den Beginn des Ersten Weltkrieges. Weiß und fragil wie die Feder einer Friedenstaube steht sie tatsächlich für den Militarismus des Wilhelminismus, in dem die Armee als beste Schule der Nation galt. Er ist letztlich die Ursache für die Zerstörung des Schlosses. Der Federkiel macht deutlich, wie wichtig es ist, Macht verantwortlich auszuüben, Macht zu hinterfragen. Zugleich verbindet sich der Federkiel mit dem Lautarchiv der Humboldt-Universität, das gemeinsam mit dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums ins Humboldt Forum einziehen wird: die Ansprache Kaiser Wilhelms II., die er am 6. August 1914 vom Balkon des Schlosses gehalten hat, um das deutsche Volk auf den Krieg einzuschwören, wird als historisches Tondokument in Auszügen zu hören sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2018 - Kulturpolitik

Der Ethnologe Fritz W. Kramer ruft die Europäer in der Zeit dringend dazu auf, von dem eitlen Täter-Opfer-Schema abzulassen, in dem nur die raubenden Europäer als Subjekte und die ihrer Kulturgegenstände "beraubten" Naturvölker als Objekte dastehen. Zwar hat es natürlich klare Fälle von Raub gegeben, vielfach wurden die heutigen Objekte ethnologischer Museen aber durch Tausch oder sogar durch Anfertigung erworben: "Dass nicht nur, aber insbesondere Bilder produzierende Gesellschaften das Faible der Sammler zu ihrem Vorteil zu nutzen verstanden, ist für viele Gebiete nachgewiesen worden, etwa für die Nordwestküste Nordamerikas oder für das Mittlere Bantugebiet. So begannen Werkstätten im Kongoreich schon im 15. Jahrhundert, Elfenbeinschnitzereien für Portugiesen und damit für die Wunderkammern europäischer Höfe herzustellen; und um 1900, in der Blütezeit ethnografischen Sammelns, profitierten Kongolesen wie Europäer im Kongo-Freistaat gleichermaßen vom schwunghaften Handel mit Ethnographica."

In Berlin steht der Abriss der Komödie am Kurfürstendamm bevor. Das Theater war in den zwanziger Jahren von Oskar Kaufmann auf Wunsch von Max Reinhardt erbaut worden. Heute ist es eingebettet in ein ziemlich trostloses Einkaufszentrum. Der ganze Komplex wurde vom Berliner Senat 1994 für zwei Millionen D-Mark verscherbelt. In der Berliner Zeitung liefern Gabriela Keller und Kai Schlieter den ersten Teil einer Reportage, die aufzeigt, wie der Berliner Senat durch Schlamperei und systematische Torpedierung verhinderte, dass das Theater unter Denkmalschutz gestellt wurde. Und die Käufer? "Über den Eigentümer möchte offenbar keiner der heute amtierenden Senatoren etwas wissen. Der Investor reißt das Theater nun ab, weil er ein Shoppingparadies bauen möchte. Damit kennen sich die Financiers in Russland aus, führen ihre Spuren doch in ein Paradies der Reichen, an tropische Offshore-Finanzplätze, nach Belize, die ehemalige Kolonie Britisch-Honduras, und bis in die Nähe des Kreml. Das Drama beginnt im Theater selbst, am Kurfürstendamm, Ecke Uhlandstraße."

Ebenfalls in der Berliner Zeitung fragt - reichlich spät, aber immerhin - Nikolaus Bernau, warum der neue Berliner Flughafen irrsinnig teuer, dabei aber architektonisch nicht mehr als eine "Primitiv-Kiste" wird. Selbst in Rostock waren sie ambitionierter! "In Berlin dagegen teilte uns der Geschäftsführer der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH, Engelbert Lütke Daldrup, Ende vergangener Woche mit, dass er für den ersten Erweiterungsbau des noch gar nicht fertigen Flughafens eines auf gar keinen Fall wolle: eine Kathedrale des Verkehrs. Stattdessen soll eine kantige Blech- und Betonkiste mit offen liegenden Leitungen und simpelster Baukonstruktion entstehen, immerhin mit einigen Glasfronten, damit der Anstand gewahrt wird. Das ist Provinz reinsten Wassers."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 - Kulturpolitik

Kirsten Kappert-Gonther, Bundestagsabgeordnete der Grünen, möchte Stadtbibliotheken auch sonntags geöffnet halten und erklärt Dirk Knipphals in der taz, warum: "Die Bibliothek im dänischen Aarhus ist ein gutes Vorbild. Die Bibliothek ist dort erst einmal als ein Ort der Begegnung definiert, und innerhalb dieses Ortes gibt es individuelle Rückzugsinseln. Das kann beides zusammengehen, stille Rückzugsräume, aber auch Tische mit sechs oder acht Stühlen drum herum, an denen Jugendliche, die kein eigenes Zimmer haben, zusammen ihre Referate vorbereiten. Seit viele Geflüchtete nach Bremen gekommen sind, sind die Bibliotheken auch ein Ort, an dem Ehrenamtliche Nachhilfe anbieten."