9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2023 - Medien

Vice, einst als Zukunft der Medien gefeiert, droht pleite zu gehen. Bevor sich der Spott der gut Abgehangenen über das längst nicht mehr glamouröse neue Medium ergießt, erzählt der ehemalige Vice-Reporter Aris Roussinos bei Unherd, wofür Vice auch stand: "Als ich anfing, war ich ein unerfahrener 31-jähriger Reporter und hatte nur nur den Libyen-Krieg, die tunesische Revolution und einen seltsamen monatelangen Aufenthalt bei Stammesrebellen im Sudan hinter mir. Vice gab mir die Freiheit, der malischen Armee in den blutigen Kampf gegen dschihadistische Rebellen zu folgen, den ägyptischen Putsch von der islamistischen Seite aus zu erleben, im Laufe des Krieges immer wieder nach Syrien zurückzukehren und die Geschichte von Isis von ihrem anfangs unterschätzten Aufstieg bis zu ihrem endgültigen Untergang in der Wüste zu verfolgen. Und wie Isis war auch Vice ein Phänomen der 2010er Jahre, das fälschlicherweise dachte, es mit den Giganten aufnehmen und gewinnen zu können."

Bevor er zur Romanfigur wurde, hat Springer-Chef Mathias Döpfner als Hauptlobbyist der deutschen Zeitungsverleger das europäische Leistungsschutzrecht durchgefochten. Die Einnahmen daraus sollen in Deutschland von der Corint Media eingetrieben werden, aber die dümpelt nach der Kündigung ihrer beiden Geschäftsführer führerlos in schwerer See. "Hinter dem Rückzug soll Medienberichten zufolge der Axel-Springer-Verlag stecken", berichtet Friedhelm Greis bei golem.de. "Der Grund für die Eskalation sei die Unzufriedenheit der Verlage über ausbleibende Erfolge bei der Durchsetzung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger." Die Zielvorstellungen klaffen allerdings auch weit auseinander: "Zuletzt hatte die Schiedsstelle beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) entschieden, dass Google für die bisherige Nutzung des Leistungsschutzrechtes vorläufig 5,8 Millionen Euro zahlen soll. Das ist deutlich weniger als die von Corint Media geforderten 420 Millionen Euro."

Die Ukraine hat sich im jüngsten Ranking der Pressefreiheit um ganze 27 Punkte verbessert, schreibt Sonja Zekri in der SZ: "Ausschlaggebend für diesen Sprung seien die wirtschaftliche Stabilisierung der meisten Medien sowie der zurückgedrängte Einfluss der Oligarchen auf den Journalismus gewesen, heißt es in der Begründung von Reporter ohne Grenzen." Dennoch staunt sie, denn "dass die großen staatlichen Sender weiterhin zu einem Einheitsprogramm zusammengeschlossen sind, hat mit Meinungsvielfalt nichts zu tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2023 - Medien

Heute ist Internationaler Tag der Pressefreiheit. Die taz hat eine ganze Ausgabe dazu zusammengestellt. Ali Çelikkan erzählt die Geschichte des syrischen Journalisten Sami, der in der Türkei geblieben war, wo er studierte, als der Bürgerkrieg in seinem Land ausbrach. Doch dann forderte ihn der türkische Geheimdienst auf, andere Journalisten auszuspionieren. Sami floh wieder und sitzt jetzt - fern von seiner Familie - auf den Philippinen fest, wo ihm die Ausweisung droht, wenn demnächst ein Pass abläuft. Die Türkei will ihn nicht verlängern und lässt ihn auch nicht wieder einreisen. "In der Türkei leben derzeit 5,5 Millionen Migranten, etwa 3,5 Millionen stammen aus Syrien, davon sind 200.000 eingebürgert, weitere 100.000 besitzen eine offizielle Aufenthaltsgenehmigung. Alle anderen haben einen Status als 'temporärer Gast'. Migranten können bei rechtswidrigem Verhalten abgeschoben werden. Die Stimmung gegen sie ist rassistisch aufgeladen. Populisten machen sie für die Wirtschaftskrise verantwortlich. Fast alle Oppositionsparteien fordern ihre Ausweisung. ... Für Journalisten kann jegliches Verhalten in der Türkei eine Rechtswidrigkeit darstellen."

Schlecht sieht es auch in Russland aus, wo gerade der Wall Street Reporter Evan Gershkovich vor Gericht steht: Der russische Staat wirft ihm "Spionage" vor, berichtet taz-Korrespondentin Inna Hartwich, "eine Beschuldigung, die zu 20 Jahren Freiheitsentzug führen könnte. 20 Jahre Haft, weil der Journalist in einem Land seiner Arbeit nachgegangen ist, das Krieg führt und diesen offiziell nicht so benennen will. Der Fall Gershkovich trifft alle westlichen Korrespondenten, die in Moskau leben und arbeiten, ins Mark. Es stellt sich wie so oft seit dem 24. Februar 2022 die Frage: 'Gehen oder bleiben?' Ich schreibe seit mehr als fünf Jahren aus und über Russland. Es ist mein zweiter Aufenthalt als Korrespondentin in Moskau. Auch ich stelle mir täglich diese Frage."

In der FR befürchtet Thomas Kaspar, dass Künstliche Intelligenz die Pressefreiheit "extrem bedrohen" wird: "Künftig wird die Schwemme an strategisch erstellten Gratisinhalten mit Hilfe von künstlicher Intelligenz enorm zunehmen. Hinzu kommt eine immer präzisere Kenntnis der Nutzerschaft. Profit bringt hier, was sich schnell verbreitet. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz beschleunigt sich dieser Prozess: Auf Knopfdruck können Texte, Bilder, aber auch Podcasts und Videos zielgenau auf die innere Erregung der Einzelnen zugeschnitten werden. Die Fülle an künstlich erzeugten Texten und Bildern wird die Glaubwürdigkeit der Medien beim Publikum weiter aushöhlen. Die Zahl der Behauptungen ohne Faktengrundlage wird dadurch enorm zunehmen. Wer sieht, wie langsam die Regulierung des Internets vorangeht, kann wenig Hoffnung haben, dass Inhalte, die mit künstlicher Intelligenz erzeugt werden, auch nur ausreichend schnell reguliert werden."

Außerdem: Julian Reichelt hat gegen die ARD-Sendung "Reschke Fernsehen" mit dem Titel "Julian Reichelt und die Frauen: Bumsen, belügen, wegwerfen" eine einstweilige Verfügung bewirkt, Reichelts Anwalt Ben Irle verzierte seine Pressemitteilung mit dem Titel "Landgericht Hamburg untersagt frei erfundenen Vorwurf des Machtmissbrauchs", meldet Laura Hertreiter in der SZ und richet Irle aus: "Das Problem heißt, herzliche Grüße an Herrn Irle, selbstverständlich Machtmissbrauch. Und das Verrückte daran ist, dass Machtmissbrauch auch ganz einvernehmlich, glücklich und harmlos passieren kann. Selbst wenn alle der 13 Frauen, mit denen die Reschke-Redaktion gesprochen hat, pilcherhaft schöne Stunden, Wochen oder Jahre mit Julian Reichelt hatten: Wer unüberschaubare Affären am Arbeitsplatz hat, mit Menschen, die er befördert und entlässt, missbraucht seine Macht. Einfache Faustregel: Der Chef verhält sich bitte wie ein Chef, den er seinen eigenen Töchtern zumuten würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2023 - Medien

"Ist der außergerichtliche Vergleich zwischen Fox News und Dominion … ein Einschnitt in die Meinungsfreiheit?", fragt der Medienrechtler Urs Saxer in der NZZ. Es geht nicht, dem Wahlmaschinenhersteller Fehlungfunktionen wider besseres Wissen zuzuschreiben, aber: "Ein zentrales Anliegen zur Garantie der Meinungsfreiheit ist es, die ungehinderte Kritik an den Regierenden zu ermöglichen. Dies schließt Kritik an Institutionen ein; man darf den Staat oder einzelne seiner Institutionen, zum Beispiel Gefängnisse, auch ablehnen. Es besteht im öffentlichen Diskurs auch keine Verpflichtung zur Wahrheit. Die Verdrehung von Fakten, Polemik und Unterstellungen gehören in Amerika bis zu einem gewissen Grad zum politischen Geschäft."

Der neue Intendant des MDR, Ralf Ludwig, möchte trotz Widerspruch der Belegschaft nicht auf sein Ruhegeld verzichten, meldet Birgit Walter in der Berliner Zeitung. Sparen will er an anderer Stelle: "Nicht beim Ruhegeld. Aber bei Journalistenstellen, da könne er keine Garantie geben, dass es künftig nicht zu Streichungen komme. Zugleich kündigte er eine regionalere Ausrichtung des Senders an, eine Konzentration auf die Digitalisierung, Bildung und Information. Und einen Erzgebirgskrimi wie im ZDF, den wünsche er sich auch für seinen Sender. Klingt das nach Aufbruch in der existenziellen Krise der Öffentlich-Rechtlichen - oder nach 'weiter so'?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2023 - Medien

Die Öffentlich-Rechtlichen brauchen nicht politisch mehr Vielfalt, sondern lebensweltlich, schreibt Peter Frey, der einstige Chefredakteur des ZDFs, in der FAZ: "Mit zwei nur auf den ersten Blick gegensätzlichen Zielgruppen tun sich die Sender schwer: Da sind auf der einen Seite die Verlierer der letzten 30 Jahre, die sogenannten 'Abgehängten', die, meistens auf dem Land lebend, oft im Osten, erst bei Pegida und dann bei der AfD eine Bühne für ihren Protest gefunden haben. Nach vielen Gesprächen vor Ort bin ich der Überzeugung: Der Protest ruft vor allem nach Repräsentation, danach gehört zu werden. Die zweite Gruppe sind Menschen mit Migrationshintergrund. Auch deren Lebenswirklichkeit wird in den Programmen, von den Nachrichten bis zu den Krimis und Unterhaltungsserien, zu wenig abgebildet. Informations- und Nachrichtenprogramme sind für sie häufig einfach zu schwierig zu verstehen. Medial bleiben sie dann bei Sendern in ihren Herkunftsländern hängen, von Russia TV, das sich besonderer Beliebtheit bei Auswanderern aus Russland erfreut, bis hin zu türkischen oder mittelöstlichen Programmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2023 - Medien

Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich, der Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt an Springer verpfiff (Unser Resümee), sagte in einem Interview, er wollte mit der Intervention eine "Debatte anstoßen" über ethische Standards und journalistische Verantwortung, berichtet Laura Hertreiter in der SZ und gibt Friedrich ein wenig Nachhilfe in Medienrecht: "Medienhäuser müssen ihre Informanten schützen, das ist schon laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte eine Grundvoraussetzung der Pressefreiheit, und wenn Medien sich nicht verantwortlich für ihre Quellen fühlen, ist Schluss mit Journalismus. Whistleblower riskieren häufig viel, um für Transparenz zu sorgen und auf Dinge wie Korruption, Menschenrechtsverletzungen oder Datenmissbrauch aufmerksam zu machen. Das Prinzip des Informantenschutzes gelte auch, wenn der Informant nicht heldenhaft in Motivlage und Lebenslauf ist."

Ähnlich sieht es Michael Hanfeld in der FAZ. "Es könnte sich um einen eklatanten Fall von Informantenverrat und einen Verstoß gegen Ziffer 5 des Pressekodex handeln. Unter dieser Ziffer heißt es: 'Die Presse wahrt das Berufsgeheimnis, macht vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und gibt Informanten ohne deren ausdrückliche Zustimmung nicht preis.' Davon abrücken darf man nur, wenn es um Verbrechen geht, die Pflicht zur Anzeige besteht oder 'gewichtige staatspolitische Gründe überwiegen, insbesondere wenn die verfassungsmäßige Ordnung berührt oder gefährdet ist'."

Zumindest Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur der Berliner Zeitung, hat seine Hausaufgaben gemacht. Friedrich habe als Unternehmer gehandelt, schreibt er in einem Statement, um dann klarzustellen: "Die unternehmerische und redaktionelle Perspektive im Fall Julian Reichelt versus Axel Springer sind demnach verschieden. Die Redaktion der Berliner Zeitung bietet Quellenschutz, unabhängig davon, wer die Quelle ist."

Patrick Bahners greift für die FAZ die neuerliche Diskussion um die gefälschten Hitler-Tagebücher auf (unser Resümee). Anlass ist für ihn die Tagung "Die Geschichte des Stern und seiner prägenden Personen", die im Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) stattfand (hier das Progamm als pdf-Dokument). Bahners sieht zwar auch, dass die Fälschung Hitler als einen darstellen, "der den Juden nichts Böses wollte und die Lösung des lästigen Problems, das sie in seiner Wahrnehmung markierten seinen Untergebenen überließ". Darin und in der Tatsache, dass der Stern es verschwieg, sieht er nicht den Skandal, sondern in der NDR-Sendung "Reschke", die daraus einen Skandal habe konstruieren wollen: "Bei der Wiedervorlage des Skandals wiederholt sich ein Muster des Ur-Skandals: die Spekulation auf eine multimediale Verwertungskettenreaktion." In der SZ berichtet Willi Winkler von der Tagung: "Mit seiner Nazi-Begeisterung, das wurde bei der Tagung in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz noch einmal deutlich, war der Stern nicht allein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2023 - Medien

Freitag werden die Öffentlich-Rechtlichen verkünden, wieviel Geld sie ihrer Meinung nach ab 2025 brauchen. Über eine mögliche Erhöhung des Rundfunkbeitrags möchte der KEF-Vorsitzender Martin Detzel sich im SZ-Gespräch mit Claudia Tieschky nicht äußern. Aber Tieschky fragt auch nach, warum die KEF das Skandal-Bonussystem im RBB nicht bemerkte: "Das hat mit der Flughöhe der verschiedenen Kontrollinstanzen zu tun und mit ihrer Aufgabenverteilung. Für die anstaltsspezifische Kontrolle sind in erster Linie deren Gremien zuständig. Die KEF ist keine Controlling-Einrichtung der einzelnen Sender. Das ist Aufgabe der Verwaltungsräte, die auch die Verträge mit den Führungskräften verhandeln. Die KEF prüft hingegen den Finanzbedarf der Sender für die Zukunft."

Ebenfalls in der SZ machen sich Heiko Hilker vom Rundfunkrat im MDR und Ilja Braun Gedanken, wie sich der Rundfunkbeitrag sofort auf 15 Euro senken ließe. Sie schlagen unter anderem eine Deckelung der Intendanten-Gehälter bei zukünftigen Verträgen auf das Niveau von Ministerpräsidenten vor. Außerdem könnte man die Altersversorgung der Anstalten neu aufstellen: "Die Altersversorgung ist eine politische Last, und sie wurde in dieser Form von der Medienpolitik über Jahrzehnte mitgetragen: In allen Gremien zusammengenommen sitzen mehr als 25 Ministerpräsidenten, Medienminister und -staatssekretäre. Der Vorschlag: Die Altlasten der Altersversorgung werden aus den Sendern herausgelöst und von den Ländern übernommen. Im Gegenzug verzichten die amtierenden Intendanten und Direktoren auf die Hälfte ihrer Pensionsansprüche. So werden aus 25.000 Euro monatlicher Pension 12.500, aus 16.000 Euro 8.000. Einmalig würden geschätzte 40 Millionen Euro freigesetzt." Zu den weiteren Vorschlägen gehört ein parzieller Verzicht auf teure Sportrechte, der 135 Millionen Euro im Jahr bringen soll.

Auch bei Anwaltskosten könnten die Sender vielleicht noch ein bisschen einsparen. Die Anwaltskosten des RBB im Kontext der Entlassung von Patricia Schlesinger liegen inzwischen bei 1,9 Millionen Euro, berichtet Aurelie von Blazekovic in der SZ.

Außerdem: Erstaunliche Volte in den Döpfner-Reichelt-Scharmützeln. Der ehemalig Bild-Chef Julian Reichelt soll der Berliner Zeitung weiteres desavouierendes Material aus Döpfner-SMS angeboten haben. Aber der Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, entschloss  sich, das Material nicht zu bringen und informierte statt dessen den Springer Verlag, den er damit in seinem Prozess gegen Reichelt munitioniert, berichten Isabell Hülsen und Anton Rainer im Spiegel. "Einige der Vorwürfe: unerlaubte Weitergabe interner Kommunikation, die nicht erfolgte Löschung sensibler Daten sowie Betrug."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2023 - Medien

Vor vierzig Jahren präsentierte der Stern stolz wie Hacke die gefälschten Hitler-Tagebücher. Andreas Petzold, der nach dem Supergau einer der beiden Chefredakteure des Blattes wurde, erinnert sich in einem Twitter-Thread: "Wir konnten dieses Erbe ja nicht ausschlagen, sondern mussten die Verantwortung für diesen Presse-Skandal weiter tragen." Allerdings scheint es, als hätte der Stern das Erbe sehr wohl ausgeschlagen, denn er verwahrte die Kladden vierzig Jahre lang in einem Panzerschrank und ließ niemanden dran. Nun konnten einige Reporter die Tagebücher lesen, und es stellt sich heraus, dass keineswegs nur Hitlers angebliche Blähungen zum Gegenstand hatten und eine Farce waren, sondern, dass der Fälscher Konrad Kujau eng mit Rechtsextremen zusammenarbeitete und ein krass verharmlosendes Bild von Hitler zeichnete. Der NDR berichtete darüber schon im Februar. 3sat-"Kulturzeit" griff das Thema gestern auf: "So sagen die gefälschten Tagebücher beispielsweise, dass Hitler von der Shoah gar nichts gewusst habe. Im Bild, das Kujau in Hitlers Namen entwirft, ist dieser ein unwissender, bisweilen gar gutmütiger Mensch, der Sorge hat, was denn das Ausland über ihn und sein Land denkt."

Christophe Nobili hat nach seiner Enthüllung über den Canard enchainé (Unser Resümee) von der Chefredaktion das Entlassungsschreiben enthalten, berichtet Stefan Brändle in der FR: "Der Journalist hatte allerdings vorgesorgt, indem er in der Redaktion eine Sektion der Gewerkschaft CGT gründete - als Betriebsrat kann er nicht einfach auf die Straße gesetzt werden. Zudem reichte er Klage gegen Unbekannt ein. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen, eine Verfahrenseröffnung könnte laut Insidern noch in diesem Jahr erfolgen." Und: "Auch jüngere Redaktionsmitglieder werden Nobili zufolge 'eingeschüchtert und terrorisiert'. In der Zeitung Le Monde äußerte sich ein 'Küken' (interner Jargon) aus Angst vor Repressalien anonym: 'Den Schnabel zu öffnen ist verboten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2023 - Medien

Der französische Journalist Christophe Nobili vom Canard enchaîné war berühmt geworden mit der Aufdeckung eines Korruptionsskandals: Der Politiker François Fillon hatte jahrelang seine Ehefrau und zwei Söhne zum Schein als parlamentarische Mitarbeiter beschäftigt. Insgesamt sollen mehr als eine halbe Million Euro geflossen sein. Fillon musste nach der Aufdeckung seine Kandidatur für das Präsidentenamt zurückziehen. Jetzt hat Nobili wieder einen Skandal aufgedeckt, diesmal im Canard enchaîné selbst, der ihn daraufhin freistellte, berichtet Roman Bucheli in der NZZ. Nobili hatte erfahren, dass ein Salär an die Ehefrau eines längst pensionierten, damals 91-jährigen Zeichners des Canard überwiesen wurde, die nie eine Zeile geschrieben hatte. "Was zutage kam, übertraf den Fall Fillon bei weitem. Von 1996 bis zu ihrer regulären Pensionierung 2020 waren Edith Escaro Salärzahlungen von rund 1,5 Millionen Euro überwiesen worden. Zuzüglich Sozialabgaben summierten sich die Kosten für die Zeitung auf rund 3 Millionen Euro. Ohne jede sichtbare Gegenleistung, wie Nobili festhält. Im März des vergangenen Jahres konfrontierte Nobili seinen Arbeitgeber mit den Ergebnissen seiner Nachforschungen. Und nun wiederholte sich das Drehbuch der Affäre Fillon: Die beiden Chefredaktoren bestritten die Unrechtmäßigkeit der Zahlungen und warfen umgekehrt Nobili Verleumdung vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2023 - Medien

Viel ist in jüngster Zeit darüber geredet worden, dass Produkte künstlicher Intelligenz von denen menschlicher kaum mehr zu unterscheiden sind. Besonders gilt das für Bilder. Gerade hat der deutsche Künstler Boris Eldagsen seinen Sony world photography award abgelehnt, weil sein ausgezeichnetes Foto gänzlich von einer KI erstellt worden war - und keiner im Preiskomitee hatte es bemerkt. Eldagsen wollte damit eine Diskussion anregen, erzählt Zoe Williams im Guardian: "Er schlägt in erster Linie eine Art Ampelsystem vor: AMG, bei dem Nachrichtenbilder als 'authentisch, manipuliert oder generiert' gekennzeichnet werden. Die Fakten brauchen so viel Zeit, so viele Menschen. Wir brauchen eine Struktur, um die Presse zu unterstützen, sie kann das nicht alleine tun.' Aber dies ist Teil einer viel größeren Diskussion über die Unterscheidung zwischen Fotografie und KI-generierten Bildern."

Der britische Radio- und Fernsehmoderator Adrian Chiles hat schon aufgegeben, erzählt er im Guardian: "Als ich neulich morgens im Bett lag und Radio hörte, hatte ich eine düstere Erleuchtung; morgens war ich noch nie besonders lustig. Es gab Probleme in Jerusalem, und eine der Konfliktparteien hatte Videomaterial zur Verfügung gestellt, das ihre Behauptung stützte, ihr sei Unrecht geschehen. Mein ganzes bisheriges Leben lang wäre ich geneigt gewesen, mir dieses Video anzuschauen. Aber jetzt dachte ich, warum soll ich mir die Mühe machen? Woher soll ich wissen, dass es das zeigt, was es zu zeigen behauptet?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2023 - Medien

In der SZ berichtet Sonja Zekri, wie ukrainische Behörden Journalisten zunehmend die Berichterstattung erschweren, um diese zu lenken: "Künftig ist es untersagt, den Namen oder das Gesicht eines Soldaten ohne Erlaubnis zu veröffentlichen, so wie es Soldaten von nun an generell verboten ist, mit Journalistinnen oder Journalisten ohne Erlaubnis zu sprechen. Die bislang unbegrenzt geltenden Akkreditierungen für Medienschaffende sind nur noch bis Mai gültig. Danach müssen sie beantragt und alle sechs Monate erneuert werden. Größere Wut als solche bürokratischen Hürden löste allerdings eine neue Einteilung in verschiedene Zonen für die Berichterstattung aus. Eine grüne Zone, in der akkreditierte Reporterinnen und Reporter frei arbeiten können, eine gelbe, in der sie nur in Begleitung eines Presseoffiziers berichten können, und einen roten Bereich, in dem selbst für akkreditierte Journalisten keine Berichterstattung möglich sein soll."

Julian Reichelt
und sein mutmaßliches Opfer lassen sich von der selben Anwaltskanzlei vertreten. Das "ist unverfroren, dreist und rechtswidrig", kommentiert Heribert Prantl im Feuilleton der SZ: "Die Kanzlei vertritt hier widerstreitende Interessen; das gehört zum Schlimmsten, was man einem Anwalt und einer Kanzlei vorwerfen kann. (...) Es ist unverständlich, dass die Berliner Rechtsanwaltskammer in so einem Fall, der nun bundesweit publizistisch hohe Wogen schlägt, nicht eingreift und sich stattdessen mit allgemeinen Erklärungen aus der Affäre zu ziehen versucht. Die Anwaltskammer hat die Erfüllung der Anwaltspflichten zu überwachen. Die Sanktionsmöglichkeiten reichen hier von der Rüge bis zum Widerruf der Anwaltszulassung."

Außerdem: Laura Hertreiter (SZ) resümiert die vom Stern gebrachte Enthüllung über den Kredit über 60 Millionen Euro, den sich Mathias Döpfner im Sommer 2006 bei Christian Olearius, damals Partner und Mitinhaber der Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co., besorgte, um Springer-Verlagsanteile zu kaufen. Als Sicherheit konnte er nur die Aktien bieten, "Olearius gewährte den Kredit dennoch. Der Grund dafür könnte in den Zeilen liegen, die er laut Stern so formulierte: Es sei ein großer Kredit, ja, aber er könnte die Bank an den Springer-Verlag heranführen - mit allen Möglichkeiten."