9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2023 - Medien

In der taz ärgert sich die Schriftstellerin Nora Bossong über die Heuchelei in den Medien, die Mathias Döpfner seine politische Agenda vorwerfen, als hätten sie keine: "Dass die taz ebenso parteipolitisch tendenziös ist wie die Welt, halt links statt rechts, kann nur bestreiten, wer seine eigene Weltsicht für objektiv hält." Und vielleicht sollte man auf Clickbait auch mal verzichten, meint sie in Richtung Zeit. "Ganz abgesehen von der Frage, ob man hier sensationsdoof den Rachefeldzug Julian Reichelts mitspielt, darf man die Verschiebung der Berichterstattung immer weiter in die Privatsphäre hinein nicht zu leicht nehmen. Die Gedanken sind frei, hieß es mal. Das muss dann auch für Leute mit rechtskonservativen und libertären Ansichten gelten. Oder wollen wir jede Bemerkung, die nie für eine Öffentlichkeit, sondern für vertraute Adressaten bestimmt war, einer Gesinnungsprüfung unterziehen? Ich persönlich wünsche mir das nicht. Wenn etwas strafrechtlich relevant wird, muss ermittelt werden, aber nicht, wenn jemand einfach ein Arsch ist. Bei aller Empörung über andere lohnt es sich vielleicht, mal auf sich selbst zu schauen."

Laut einer Studie von Goldman Sachs "sind durch Generative KI weltweit 300 Millionen Vollzeitarbeitsplätze gefährdet", berichtet Adrian Lobe in der Welt: "Vor allem der Verwaltungs- und Rechtssektor ist betroffen, wo fast die Hälfte aller Arbeitsplätze durch KI ersetzt werden könnten. Schon heute ergehen in öffentlichen Verwaltungen Verwaltungsakte automatisiert, in Kolumbien hat ein Richter sogar schon ein Urteil mithilfe von Chat-GPT verfasst. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Sprachmodelle eigenständig Klageschriften oder Urteile verfassen können. Die Modezeitschrift Cosmopolitan hat bereits ein Cover mit der Bild-KI DallE designen lassen, das renommierte Architekturstudio Zaha Hadid nutzt den Bildgenerator Midjourney als Werkzeug, um Häuser zu entwerfen."

In der SZ skizziert Andrian Kreye vor allem die Herausforderungen, die auf den Journalismus durch KI zukommen: "Wie sollen Redaktionen mit der Datenexplosion umgehen, die diese KIs nun verursachen? Wie lässt sich erkennen, ob ein Text ganz oder teilweise von einer KI geschrieben wurde? Wie können Journalisten feststellen, ob ein Bild oder ein Fakt durch eine KI gefälscht oder verzerrt wurde? Wie kann man ein Publikum bei der Stange halten, das sowieso schon chronisch ablenkt ist, wenn die Algorithmen die Nutzer nicht mehr in die Ablenkungsfallen leiten, sondern diese gleich selbst erzeugen? Wie kann man das Vertrauen des Publikums erhalten, wenn die Öffentlichkeit mit Fälschungen und Verzerrung geflutet wird? Wie lassen sich Standards einhalten, wenn Personal reduziert wird, wie in allen Wellen der Automatisierung? Wie kann man seine Marktstellung behaupten, wenn die Konkurrenz nicht so zimperlich ist, was den Einsatz von KI betrifft?"

Wenn ChatGPT geistige Arbeit ersetzt, dann liegt das an unserer Bequemlichkeit, die auf Halbbildung und Kompetenzanschein setzt, meinen in der FAZ der Philosoph Christian Bermes und der Bildungswissenschaftler Andreas Dörpinghaus. "Was macht uns Sorge? Immanuel Kant schlägt in seinem Aufsatz 'Beantwortung der Fragte: Was ist Aufklärung?' eine Antwort vor. Menschen haben einen Hang zur Unmündigkeit, dem philosophisch und pädagogisch beizukommen Urstifterin der Disziplinen wurde. Es sei so bequem, unmündig zu sein. Also warum selbst denken, wenn es doch die Maschine kann. Aber das Fatale ist: Sie kann es, erstens, nicht. Und Denken gehört, zweitens, zu den wenigen Dingen, die sich nicht delegieren lassen. Selbst denken können wir nur selbst. Mit anderen Worten: Nur wenn das Nichtdenken, der Wunsch, unmündig zu sein, zum Normalfall wird, ist ChatGPT ein Problem. Und dennoch: Lassen wir uns verführen von ChatGPT. Das dürfen wir. Das müssen wir. Was durch die Maschine trotz aller Organisation von Zeichen nicht gesagt werden kann, macht Nachdenken aus und Sprache interessant."

Fox News hat sich mit dem Wahlmaschinenhersteller Dominion außergerichtlich auf eine Schadenersatzzahlung von 787,5 Millionen US-Dollar (knapp 720 Millionen Euro) geeinigt (Unser Resümee), meldet unter anderem der Tagesspiegel: "Fox erklärte sich zu der Schadensersatzzahlung möglicherweise auch deshalb bereit, um weitere peinliche Enthüllungen zu vermeiden." "Der Wert, den dieser Prozess gehabt hätte, lässt sich mit Geld nicht beziffern", kommentiert Johanna Roth auf ZeitOnline: "Will das Land irgendwann überwinden, welchen Schaden der Trumpismus an der Demokratie der USA angerichtet hat, dann müssen nicht nur die direkt Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, wo sie gegen Gesetze verstoßen haben könnten. Auch Trumps willfährige mediale Helfer haben Schuld auf sich geladen, indem sie Unwahrheiten verbreitet haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2023 - Medien

Wenige Tage nach den von der Zeit geleakten Nachrichten von Springer-Chef Mathias Döpfner, die laut Michael Hanfeld in der FAZ im Wesentlichen aus Mails und Chats an beziehungsweise mit dem Ex-Chefredakteur der Bild, Julian Reichelt, bestanden, hat sich Reichelts Anwalt Ben Irle zu Wort gemeldet: Reichelt wurde vorgeworfen, seine Position missbraucht zu haben, um Frauen bei der Bild zum Sex zu ködern. Der geleakte Chatverlauf belege jetzt, dass der Sex mit der wichtigsten Zeugin einvernehmlich war, behauptet Reichelts Anwalt laut einem Bericht von Thomas Borgböhmer in Meedia. In der FAZ erklärt Hanfeld die komplizierte Gemengelage unter anderem mit den Besonderheiten eines Compliance-Verfahrens, wie es gegen Reichelt angestrengt worden war: "Das Eigentümliche eines Compliance-Berichts wiederum ist, dass er Hinweisgebern Anonymität versichert, was bedeutet, dass dem Beschuldigten Ross und Reiter nicht bekannt gemacht werden. In der Öffentlichkeit aber machen die Vorwürfe die Runde. Dass sich jemand wie Julian Reichelt damit nicht zufriedengeben kann, ist verständlich. Er flog vom Platz, bekam von seinem Chef und - damals - engen Vertrauten Mathias Döpfner die Rote Karte und ist sich keines Fouls bewusst. Die Hinweisgeberinnen schützt die Anonymität, zugleich sind Wahrheit und Lüge ob der fehlenden Transparenz nicht voneinander zu trennen."

"Schlechten, unfairen Journalismus" wirft indes Marc Felix Serrao in der NZZ der Zeit vor: Wo bleibt der kritische Blick auf die Quellen, fragt er: "Ist Reichelt die Hauptquelle des Artikels? Der Verdacht liegt nahe. Die Zeit schweigt dazu, was ihr gutes Recht ist. Doch der Quellenschutz rechtfertigt keine naive Berichterstattung. Er entbindet Journalisten nicht von der Pflicht, kritische Distanz zur Quelle zu wahren und eigene Wissenslücken zu benennen. Die Zeit tut in diesem Fall weder das eine noch das andere. In ihrer Darstellung ist Döpfner einer, der mit Europas größtem Boulevardblatt 'Politik machte', der 'Manifeste' verschickte und der Journalisten, allen voran seinem früheren Chefredaktor Reichelt, knallharte Anweisungen gab. Dem Geschassten, der Springer heute mit seinem eigenen, zusehends erfolgreichen Boulevard-Startup zusetzt, dürfte diese Darstellung ausgesprochen gut gefallen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2023 - Medien

In akademisch frisierter Diktion sagt der Soziologe Nils C. Kumkar in der FAZ nochmal, was die Döpfner-Enthüllungen enthüllt haben, nämlich eigentlich nichts. "Es ist wie bei Poes entwendetem Brief: Die organisationsintern kommunizierte Position überrascht gerade dadurch, dass sie nicht verborgen ist."
Stichwörter: Kumkar, Nils C.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2023 - Medien

In der New York Times kehrt Kolumnist Thomas Friedman von einer Reise nach China zurück, wo er einen völlig unerwarteten und verstörenden Mix aus Überwachungsstaat, ökonomischem Fortschritt und gesellschaftlichem Wohlbehagen erlebte. Diese Fremdheit ist das Problem: "Die Rückkehr nach Peking erinnerte mich an meine oberste journalistische Regel: If you don't go, you don't know. Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern haben sich so schnell so gravierend verschlechtert und unsere Kontakte so stark reduziert - es gibt nur noch sehr wenige amerikanische Reporter in China, und unsere Politiker sprechen kaum noch miteinander -, dass wir jetzt zwei riesigen Gorillas ähneln, die einander durch ein Nadelöhr betrachten. Daraus wird nichts Gutes entstehen."

In der FAZ huldigt Marc Zitzmann dem Pariser Kunstmagazin La Tribune de l'Art von Didier Rykner, das sehr erfolgreich als reines Onlinemedium mit engagierten, oft investigativen Recherchen gegen Unverstand und Ausverkauf im Kunstbetrieb angeht: "Rykner geißelt rechte wie linke Kulturminister; er schilt die 'Kaprize' des rechtszentristischen Präsidenten Macron, Notre-Dame so übereilt wiederaufbauen zu wollen, dass darob archäologische Grabungen vernachlässigt werden, trotz sensationeller Funde; er ist aber auch die Nemesis der sozialistischen Bürgermeisterin von Paris, deren Raubbau am Bauerbe er in Dutzenden von Artikeln anprangert. Kraft profunder Recherche, solider Quellen und stringenter Argumentationsführung ist La Tribune de l'Art inhaltlich kaum je angreifbar."

In der Welt porträtiert Mara Delius die britische Journalistin Hella Pick, die 1939 mit einem jüdischen Kindertransport nach London gerettet wurde und als Erwachsene zum Guardian ging: "Als eine der ersten Frauen überhaupt berichtet sie aus den um ihre Unabhängigkeit verhandelnden Kolonien in Afrika, von der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, spät er von den Umschwüngen in Osteuropa."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2023 - Medien

Caroline Schwarz liest für die taz mit Genuss die privaten SMS und Whatsapp-Mitteilungen Mathias Döpfners, die in der Zeit geleakt wurden (Unser Resümee), und das, obwohl sie voller "Rechtschreibfehler" stecken. Aus ihrem Resümee ergibt sich die überraschende News, dass der Springer-Boss der Springer-Boss ist: Die Recherche offenbare "das Bild eines mächtigen Mannes, der die Bundespolitik beeinflussen, Angela Merkel absägen und die Ostdeutschen fertigmachen will. Ein Mann, der den Klimawandel eigentlich ganz gut findet, in Trump einen geeigneten US-Präsidenten sieht und die Wahl Kemmerichs zum thüringischen Ministerpräsidenten mithilfe der Stimmen der AfD unproblematisch findet." Schwarz sagt es dann auch selbst: "Die Enthüllungen der Zeit dürften niemanden überrascht haben."

"Döpfners Denke war schon lange offenkundig", winken auch Laura Hertreiter und Cornelius Pollmer in der SZ ab - und viel zu befürchten habe Döpfner auch nicht: "Um sich herum, so kann man es auch dem Zeit-Artikel entnehmen, hat Döpfner Vorstände versammelt, die ihm letztlich am liebsten zustimmen. Über Vorstandsmitglied Jan Bayer heißt es in der Zeit, auf die Frage, ob Reichelt die Affäre überstehen könne, habe er geantwortet: Das stehe und falle mit Döpfner, 'mit keinem anderen'. Im warmwässrigen Aufsichtsrat sitzen kaum unabhängige Menschen."

Es ist eben nicht nur Döpfners Privatgesinnung, die hier offenbar wird, hält auf ZeitOnline der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen dagegen. Denn seine Gesinnung werde "publizistisch wirksam": "Fakt ist in jedem Fall, eben darin besteht der Reputationsschaden für Springer, dass die Urteile von Journalistinnen und Journalisten aus dem Hause nun mitunter wie bestellt wirkende Ansagen von oben wirken, die der Chef in einer fiebrigen elektronischen Botschaft eingefordert hat. Auch und obwohl dies überhaupt nicht stimmen muss."

Und in der Berliner Zeitung ist wegen Döpfners Äußerungen gegen Ostdeutsche die Hölle los: Er sollte gesellschaftlich geächtet werden, fordert Maritta Adam-Tkalec - seine Aussagen sieht sie nahe an der "Volksverhetzung": "Das Ansinnen, 'aus der ehemaligen DDR eine Agrar- und Produktionszone mit Einheitslohn zu machen' weist in die dunkelsten Ecken der Zivilisation: Reservate, Apartheit-Zonen, Gulags, Gettos - wo Minderwertige, Arbeitsvölker, Aussätzige vom guten Teil der Bevölkerung ferngehalten werden und sich noch etwas nützlich machen." Ebenfalls in der Berliner Zeitung fordert Gregor Gysi Döpfners Absetzung als Verlagschef.

Und Stefan Niggemeier fragt in einem Tweet: Ist der Leak Reichelts Rache an Döpfner? Dasselbe fragt Michael Hanfeld in der FAZ: "Ist es die kalte Rache des Julian Reichelt? Danach könnte es aussehen, eingedenk der Tatsache, dass etliche der zitierten Chats solche zwischen ihm und Döpfner sind."

Der Guardian ist eine uralte Zeitung und hat jüngst die Verwicklung des ehemaligen Manchester Guardian in den Sklavenhandel offengelegt (mehr hier) und will nun einen Fonds von zehn Millionen Pfund zur Bekämpfung heutiger Formen der Sklaverei auflegen. Außerdem rühmt sich der Guardian, er habe König Charles ein Bekenntnis zur Aufarbeitung entrungen. Gina Thomas kann das in der FAZ nicht ganz ernst nehmen, denn der König habe schon seit Jahren seine Offenheit für das Thema bewiesen. Was der Guardian über seine Gründer herausfand, ist auch nicht unbedingt ein Skandal, findet sie: "Nur einer der elf Geldgeber war durch Partnerschaft an einer Firma, die Sklaven besaß, direkt verwickelt. Zusammengenommen sind diese Männer symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich für liberal und aufgeklärt hielt, jedoch genauso wenig auf die in fernen Ländern zu ihrem Nutzen verübten Untaten achteten, wie wir heute darüber nachdenken, unter welchen Umständen unsere billigen Kleidungsstücke oder Einzelteile von Smartphones produziert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2023 - Medien

Die Zeit bringt mit großem Brimborium eine epische Recherche über Mathias Döpfners skandalöses Wirken im Springer Verlag. Offenbar wurden der Zeit Dokumente zugespielt, die Döpfner im ungefilterten O-Ton zitieren. Es stellt sich heraus, dass er mit Bild Politik macht, Angela Merkel nicht mag und schlimme Dinge über den Klimawandel sagt. Und auch über Markus Söder, als es scheint, dass dieser Kanzlerkandidat werden könnte: "Er wird es. Aber es wird noch viel schlimmer für Deutschland. Es ist ein ständiges downgrading. Schröder. Merkel. Söder. Das sind Leute die hätten früher nicht mal ne Sparkasse führen dürfen. Ich Wander aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2023 - Medien

Seit vier Jahren sitzt Julian Assange in einem Hochsicherheitsgefängnis in London ein. "Ohne verurteilt worden zu sein. Und auch im Vereinigten Königreich wurde er noch nicht angeklagt. Er ist in Auslieferungshaft, die von den USA beantragt wurde. Ohne Enddatum", erklärt seine Frau Stella Assange im Interview mit der taz. Und das geht alle an, denn Assange sitzt nicht im Gefängnis, weil er des Whistleblowings beschuldigt wird, erinnert sie. "Er ist als Verleger angeklagt worden. Aus diesem Grund haben Le Monde, The Guardian und The New York Times vor kurzem eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Darin erklären sie, dass das Verfahren gegen Wikileaks ein Verfahren gegen die Presse und die journalistische Tätigkeit ist. Die US-Regierung betrachtet die Kommunikation mit solchen Hinweisgebern als Verschwörung."

"Radio Free Europe hat heute womöglich eine noch größere Bedeutung als in seinen besten Zeiten", schreibt Willi Winkler, der dem Sender für die Seite 3 der SZ einen Besuch in Prag abgestattet hat: "Das Nachrichtengeschäft ist wieder gefährlich geworden, Radio Free Europe wird wie Radio Liberty wieder als fremde Macht und als Bedrohung wahrgenommen. Schon vor dem Überfall auf die Ukraine wurden die RFE-Mitarbeiter in Moskau offiziell zu 'ausländischen Agenten' erklärt. In Aserbeidschan wurde die Journalistin Khadija Ismayilova eingesperrt und erst nach internationalen Protesten nach eineinhalb Jahren Haft freigelassen. Wie in der besten Zeit des Kalten Krieges steht Strafe auf den Empfang von als westlich verstandenen Nachrichten. Wer in Belarus mit Material von RFE auf dem Handy erwischt wird, dem drohen mehrere Tage Gefängnis."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2023 - Medien

Wie eine "heiße Kartoffel" wurde Christine Richter als Chefredakteurin der Berliner Morgenpost fallen gelassen, schreibt Anna Ernst in der SZ. Gründe für die plötzliche Entlassung wurden nicht genannt, aber sie wurde "bereits im vergangenen Jahr schrittweise entmachtet. Das Online-Portal morgenpost.de wurde vom Sommer an von der Zentralredaktion mitbetrieben. Auch der traditionelle Sitz am Ku'damm wurde aufgegeben, die Morgenpost musste in die Nebenräume der Zentralredaktion an der Friedrichstraße einziehen. Intern vermuten manche Journalisten seitdem bereits, dass die Morgenpost eine Art 'Sterbekandidat' ist, der zum diesjährigen 125. Geburtstag nur noch am Tropf der Zentralredaktion hängt. Chefredakteurin Richter aber soll nach SZ-Informationen stets Rückgrat gezeigt und auch der Geschäftsführung mehrfach die Stirn geboten haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Medien

Der Lokalrundfunk in NRW ist in der Krise und beklagt sich auch in einem entsprechenden Papier, berichtet Michael Voregger bei den Ruhrbaronen. Die Radios gehören meist den großen Zeitungskonzernen in der Gegend, erläutert er und skizziert nebenbei die Situation in manchen Städten: "Gelsenkirchen ist die ärmste Stadt Deutschlands mit einem Durchschnittseinkommen von 17.015 Euro und einer Arbeitslosigkeit von 14,1 Prozent. Da bleibt nicht viel Geld für ein Zeitungsabo übrig. Die Lokalausgabe der WAZ verkauft in der Stadt mit rund 260.000 Einwohnern jeden Tag 17. 400 Ausgaben. Seit 2015 gingen 10.000 Leser verloren. Eine Stadtteilredaktion wurde bereits geschlossen und die Zukunft der Zeitung ist ungewiss. Gesellschaftliche Debatten finden hier kaum statt und erreichen immer weniger Menschen. Die Wahlbeteiligung lag bei der Kommunalwahl 2020 bei dem historischen Tiefstwert von 41,5 Prozent. Der Lokalsender Radio Emscher Lippe setzt in dieser Situation auf Unterhaltung, Nachrichten und Information. Journalistische Beiträge und Reportagen sind die Ausnahme."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2023 - Medien

Im Bundeswirtschaftsministerium liegt zwar eine Studie vor, die eine Zustellförderung für darbende Zeitungen befürwortet. Aber die kommt noch aus der vorigen Legislaturperiode, und heute erklärt sich das Ministerium als nicht zuständig, muss Helmut Hartung in der FAZ konstatierten: "Damit liegt der Ball anscheinend bei Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien. Doch auch aus ihrem Haus gibt es keine Aktivitäten, die Presse zu unterstützen."

Unerwartete Hilfestellung könnten die bedrängten deutschen Zeitungsverleger von amerikanischen Gründervätern bekommen. Steven Waldman erzählt bei Politico, dass James Madison und Thomas Jefferson  für eine portofreie Zustellung von Zeitungen waren - zugegeben, damals war es noch etwas schwieriger, an Informationen zu kommen. Aber "es ist bemerkenswert, dass selbst die Stimmen, die sich gegen Madison und Jefferson wandten (und sich letztlich durchsetzten), eine massive Subventionierung forderten. In der Tat spielte die Postbeihilfe eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung unserer freien Presse. In Anbetracht des plötzlichen Interesses an einer öffentlichen Politik zur Unterstützung von Gemeindemedien - Gesetzesentwürfe zur Förderung lokaler Nachrichten tauchen sowohl im Kongress als auch in den bundesstaatlichen Gesetzgebungen des ganzen Landes auf - lohnt es sich, die bedeutenden staatlichen Eingriffe in Zeitungen, die in der Gründerzeit begannen und bis Mitte des 20. Jahrhunderts dauerten." Dann wäre nur noch die Frage, ob deutsche Zeitungen ihre Förderung mit lokalen Blogs teilen würden.