9punkt - Die Debattenrundschau

Intensive Er-fahrung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2020. Der Streit um Achille Mbembe geht immer noch weiter. Nach einem Brief von 700 afrikanischen Intellektuellen an Angela Merkel insistiert Tobias Rapp bei Spiegel online, dass der Holocaust nicht nur in Deutschland als singulär angesehen werde. Daniel Bax sieht in der taz durch einen Boykott Mbembes die Meinungsfreiheit gefährdet. Wer sich künftig als  Experte im Fernsehen äußern will, sollte sich in seiner Wohnung schon mal eine Ecke abteilen, meint Anton Schaller in der NZZ. Warum ist der Deutsche Ethikrat mehrheitlich religiös, fragt hpd.de. Und in der FAZ rät Simon Strauss, mit schlagendem Herzen durch die Bundesländer zu reisen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2020 finden Sie hier

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Der vor einigen Tagen annoncierte offene Brief von 700 afrikanischen Intellektuellen pro Achille Mbembe ist nun auf der senegalesischen Seite seneplus.com erschienen: "Sehr geehrte Frau Kanzlerin, sehr geehrter Herr Präsident, wir  Intellektuellen, Denker, Künstler, Schrifsteller und Künstler Afrikas verurteilen mit allem Nachdruck die falschen Beschuldigungen des Antisemitismus gegen Professor Achille Mbembe, die von Grüppchen der extremen und der konservativen und fremdenfeindlichen Rechten in Deutschland vorgebracht wurden."

Spiegel-Autor Tobias Rapp wendet sich gegen die Behauptung, die Einzigartigkeit des Holocaust sei so etwas wie eine deutsche Marotte der Vergangenheitsbewältigung: "Nichts an dieser These ist deutsch. Menschen aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Polen, Frankreich, Israel und allen möglichen anderen Ecken der Welt haben versucht zu verstehen, wie die industrielle Ermordung der europäischen Juden möglich werden konnte. Das macht andere Verbrechen nicht kleiner. Aber wer, wie viele deutsche Verteidiger Mbembes, das wegwischt und dieses Nachdenken zu einer Art deutschem Provinzphänomen erklärt, zeigt erstaunliche Unkenntnis."

Die BDS-Bewegung besteht selbst im wesentlichen darin, Auftritte von Forschern und Künstlern zu boykottieren, weil sie Israelis sind - damit soll gegen die israelische Politik in besetzten Gebieten protestiert werden. Die Bewegung übt auch großen Druck auf KünstlerInnen aus, nicht in Israel aufzutreten. Achille Mbembe, der selbst aktiv für den Boykott israelischer Forscher eintrat (unser Resümee), ist attackiert worden, weil er eine Keynote bei der Ruhrtriennale über sein Thema "Versöhnung" hallten sollte. Sein Auftritt fiel auch Beschlüssen der deutschen Politik zum Opfer, der BDS-Bewegung keinen Raum zu geben. Fatal für die Meinungsfreiheit, meint Daniel Bax in der taz: "Die BDS-Beschlüsse haben Folgen. Jede Akademie und jedes Festival, jedes Theater, jede Universität und jeder kleine Verein, der öffentliche Gelder erhält, muss nun im Zweifel nachweisen können, keinen Israelboykott zu unterstützen. Verantwortliche müssen schon im Vorfeld jeder Veranstaltung hre Gäste überprüfen, um kein Risiko einzugehen. Unterlassen sie es, droht ihnen das, was der Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp widerfahren ist: Weil sie nicht alle Schriften und Äußerungen von Achille Mbembe kannte, bevor sie ihn einlud, heißt es nun, sie sei vertrauensselig und naiv gewesen. Das schüchtert ein." Israelische Künstler und Forscher werden es nachvollziehen können.

David Ranan sieht es bei Dlf Kultur ähnlich wie Bax: "Wieso kann in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit im Grundgesetz verankert ist, ein preisgekrönter Intellektueller wie der Ruhrtriennalen-Referent mundtot gemacht werden? Der Mechanismus dahinter heißt: 'Antisemitismusbeschuldigung'."
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