9punkt - Die Debattenrundschau

Aus der Angststarre lösen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.09.2022. Die Zeit bringt neue Details über den gewaltsamen Tod von Mahsa Amini, die sterben musste, weil ihr Kopftuch locker saß. Auch in Russland wurde gestern Abend demonstriert. Die taz und Timothy Snyder auf Twitter lesen die Nachricht von der Teilmobilisierung als Putins Eingeständnis einer Schwäche: Auf dem Terrain ist die Ukraine eindeutig überlegen, analysiert die FAZ. In der Zeit beschweren sich Harald Welzer und Richard David Precht, dass der Mainstream nicht ihrer Meinung folgt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2022 finden Sie hier

Politik

Iran gestern Abend:

Lea Frehse hat für die Zeit (wohl telefonisch) mit einigen Bewohnern der kurdisch iranischen Stadt Sanandadsch gesprochen, wo die 22-jährige Mahsa Amini starb, nachdem die Sittenpolizei sie verhaftet hatte, weil ihr Kopftuch zu locker saß. Die Behörden behaupten, sie sei an einem Herzinfarkt gestorben. Aber "da sind die Aufnahmen aus dem Krankenhaus, in das die Polizei Amini gebracht hat, und die Hacker erbeutet haben wollen: Sie deuten auf ein Schädeltrauma, womöglich nach Schlägen auf den Kopf, als Todesursache. Da sind die Berichte von Augenzeugen, nach denen Amini bei ihrer Festnahme von Polizisten geschlagen wurde. Da sind all die Videos aus den vergangenen Monaten in den sozialen Medien, die die Sittenwächter bei der Arbeit zeigen: Eine Moralpolizistin, die eine junge Frau an den Haaren über den Boden schleift; eine Mutter, geklammert an einen Kastenwagen der Wächter, ruft nach ihrer Tochter, der Wagen prescht los. Und da ist bei vielen der Gedanke: Mahsa Amini, das hätte ich sein können. Meine Schwester, Mutter, Frau."
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Stichwörter: Iran, Kopftuchzwang, Amini, Mahsa

Europa

Russland gestern Abend:

Putins Mobilmachung ist eine Paniktat, schreibt Inna Hartwich in der taz: "Die Ukrainer*innen haben längst jegliche Angst und jegliche Achtung vor dem einst gefürchteten Russland verloren. Putins Panik ist ein Momentum für Kiew. Moskau wird auf die Schnelle keine Hunderttausende Soldat*innen stellen können. Die Reservist*innen müssen erst einberufen, geschult und zu Brigaden zusammengestellt werden. Das kostet Zeit. Zeit, die die Ukraine nutzen muss - mitsamt ihren Partnern, die sich aus der Angststarre lösen sollten." Hier Hartwichs Bericht zur Mobilmachung.

Timothy Snyder schreibt in einem Twitter-Thread: "Die Tatsache, dass Putins Rede nicht live gehalten wurde und aufgezeichnet werden musste, deutet auf Unordnung und vielleicht Krankheit im Kreml hin. Ich für meinen Teil interpretiere Putins Verzweiflung als ein Symptom eines verlorenen Krieges, aber nicht als eine Kraft, die ihn beenden wird."

Im SZ-Feuilleton merkt Kurt Kister an: "Eine Mobilmachung trägt den Krieg, den man eigentlich in einem anderen Land führen wollte, immer auch ins eigene Land."

Die bisherige russische Armee in der Ukraine ist nach Verlusten auf 100.000 Mann geschrumpft, schätzt Thomas Gutschker in der FAZ. Ihnen gegenüber stehen 600.000 mobilisierte Ukrainer. "Üblicherweise sagt man, dass ein Angreifer mindestens im Verhältnis drei zu eins überlegen sein sollte. Davon ist Russland denkbar weit entfernt, auch wenn bald frische Kräfte nachkommen. Außerdem sind die Ukrainer nun weit besser gerüstet."

Der Tagesspiegel resümiert Wolodimir Selenskis per Video übertragene Rede vor der UN-Vollversammlung gestern Abend: "Wir können die ukrainische Flagge auf unser gesamtes Territorium zurückbringen, wir können das mit Waffen schaffen, aber wir brauchen Zeit."

Der russische Lokalpolitiker Nikita Juferew gehört zu den Initiatoren eines Aufrufs, der Wladimir Putin zum Rücktritt auffordert. In der Zeit fleht er die westliche Öffentlichkeit geradezu an, die Russen nicht über einen Kamm zu scheren und macht auf die Repression aufmerksam: "Wir sind lediglich eine Gruppe von lokalen Abgeordneten. Putin ist ein erbarmungsloser Autokrat, der zum Blutvergießen bereit ist. Er verfügt über genügend Gewaltressourcen, um an der Macht festzuhalten. Während er die Ukraine mit einer Armee von etwa 200.000 Mann überfiel, stützt sich seine Macht in Russland auf 4,5 Millionen Silowiki, wie wir hier die Mitglieder der Sicherheitsapparate nennen. Großzügig gibt der Präsident die Petrodollar für sie aus. Und natürlich auch die Euro, die ihm der Gasverkauf einbringt."

Gestern recherchierte Correctiv zum Einfluss von Gazprom in Deutschland (unser Resümee). Heute kommentieren Georg Mascolo und Jörg Schmitt im SZ-Feuilleton: "Deutschland stellte sich beim russischen Geld lange so blind wie beim russischen Gas." Jetzt hat die Polizei die legendären Anwesen des Oligarchen Alischer Usmanow am Tegernsee durchsucht, berichtet die SZ im vorderen Teil. Die Kritik bleibt. "Keiner hat genau hingesehen - beziehungsweise: Lange wollte keiner so genau hinsehen. Nicht die Beamten in den Grundbuchämtern, die als Eigentümer millionenteurer Villen keine Menschen, sondern fantasievoll klingende Namen von Firmen in Steueroasen eintrugen. Nicht die Werft, die die Verträge für ihre Millionengeschäfte mit ebensolchen Briefkastenfirmen abschloss. Nicht die Banker, über deren Institute sechsstellige Summen für Handwerker, Köche, Fahrer und Feten von Offshore-Firmen auf den Britischen Jungferninseln überwiesen wurden. Diese Russen waren viel zu lange ein viel zu gutes Geschäft."
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Medien

Harald Welzer und Richard David Precht sind immer noch beleidigt, dass die öffentliche Meinung ihren Appellen zu einem "Kompromiss" mit Putin nicht gefolgt sind und haben jetzt sogar ein Buch darüber geschrieben. Sie fühlen sich vom Mainstream in die Ecke gedrängt, sagt Precht in einem Gespräch mit den beiden, das Alexander Cammann und Martin Machowecz für die Zeit geführt haben: "Die typische Besetzung einer Talkshow ist: eine Journalistin - für Waffenlieferungen. Jemand, der bei einem im Zweifel transatlantischen Thinktank arbeitet - für Waffenlieferungen. Dann ein Kühnert oder Klingbeil, die für Waffenlieferungen sind, aber die Gegenseite etwas verstehen können. Und ein Moderator oder eine Moderatorin, häufig mit klar erkennbarer Tendenz. Wissen Sie, wie hart es ist, in einer Talkshow gegen diese Wand anzureden?"

Ihr Kollege Armin Nassehi hat auf Twitter schon auf das Gespräch geantwortet: "Ich schäme mich selten fremd, aber hier schon. Eigentlich sollte ich schweigen, aber sie stilisieren es, als gehe es um eine Balance zwischen pro und contra Waffenlieferungen, statt um ein Gegeneinander guter und schlechter Argumente."

SZ-Redakteur (und Ehemann einer hohen ZDF-Funktionärin, mehr hier) Nils Minkmar ist ein Fan der Öffentlich-Rechtlichen. Auf der Medienseite verteidigt er heute die Intendantengehälter: "Die Senderchefs sind nicht in der Politik tätig, wo man in einer anderen Kapitalform, nämlich Macht, entlohnt wird, sondern sie sind Medienverantwortliche, deren Entlohnung sich nach dem Medienmarkt richtet. Da sie aus Gebühren finanziert werden, belegen sie in der Entlohnung von Medienmanagern fairerweise die unteren Ränge - private Sender zahlen ein Vielfaches."

Außerdem: In der Zeit kommt Götz Hamann auf die Affären beim NDR in Schleswig-Holstein zurück (unser Resümee). Die Vorwürfe politischer Einflussnahme hätten sich nicht bestätigt, schreibt er. Der ganze Ärger erkläre sich aus Stress und schlechter hausinternerner Kommunikation: "Die Tatsache, dass sich die Journalisten des NDR seit mehr als zwei Jahren fast ausschließlich in Videokonferenzen begegnen, hat aus Sicht vieler zu einer Entfremdung zwischen einem Teil der Redaktion und ihren Führungskräften beigetragen."
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Religion

Die kubanische Regierung will das Familienrecht liberalisieren und unter anderem die Homoehe zulassen, berichtet Eileen Sosin Martínez in der taz. Dagegen wehren sich evangelikale Gruppen, die auch auf Kuba erstarken. Ihre Proteste haben für den Soziologen Pedro Álvarez Sifontes, mit dem Martínez gesprochen hat, eine neue Qualität: Aber "die Merkmale und Ursprünge des kubanischen christlichen Fundamentalismus sind ähnlich wie andernorts in Lateinamerika. Gemeinsam ist ihnen laut Álvarez Sifontes der Einsatz von Informationstechnologien, das dogmatische Lesen heiliger Texte, die sogenannte Theologie des Wohlstands und die Heilung, die spirituelle Gaben als den einzigen Weg zur Erlangung körperlicher Gesundheit preist."
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Stichwörter: Evangelikalismus, Kuba