9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 39 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2018 - Religion

Die Zeit veröffentlicht erste Ergebnisse einer von der katholischen Kirche beauftragten Studie über sexuelle Gewalt in ihren Reihen: "Sie zeigen: 1670 Kleriker wurden zwischen 1946 und 2014 als Missbrauchsbeschuldigte innerhalb ihrer Kirche aktenkundig. 3677 Kinder und Jugendliche wurden nach Lage der Akten mutmaßlich zu Opfern. 4,4 Prozent aller Kleriker sollen im genannten Zeitraum Minderjährige sexuell missbraucht haben. 'Diese Zahl stellt eine untere Schätzgröße dar', heißt es in einer offiziellen Zusammenfassung der Studie. Mit anderen Worten: Hinter den wichtigsten Zahlen, die hier erhoben wurden, steht ein unsichtbares 'mindestens'." Dieses "mindestens" ergibt sich aus der Tatsache, dass die Forscher Hinweise darauf fanden, dass Akten vernichtet wurden. Und: "Das Forschungsprojekt hatte keinen Zugriff auf Originalakten der katholischen Kirche. Alle Archive und Dateien der Diözesen wurden von Personal aus den Diözesen oder von diesen beauftragten Rechtsanwaltskanzleien durchgesehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2018 - Religion

Die Humboldt-Uni besteht offenbar auf einem islam-theologischen Institut, in dem nur die drei konservativen Verbände Zentralrat der Muslime in Deutschland, Islamische Föderation Berlin und Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) im Beirat sitzen - Proteste haben nichts gebracht, schreibt Rita Breuer bei emma.de: "Dabei stehen alle drei Verbände für ein erzkonservatives, von Ungleichheit geprägtes Frauenbild und die Pflicht der Frauen zur Verhüllung. Unverschleierte Frauen haben in keinem der Islam-Verbände ein Mitspracherecht. 'Gleichbehandlung ist nicht immer Gleichberechtigung', so die entlarvende Antwort des Zentralrats zur Frage des Gleichheitsgrundsatzes."

Katholische oder evangelische Krankenhäuser werden keineswegs aus Kirchensteuern bezahlt. Sie gehören zu den Unternehmen der Kirchen, die aus Sozialabgaben finanziert werden und nebenbei aber als "Tendenzbetriebe" ein ganz eigenes Arbeitsrecht haben. Ein Chefarzt eines katholischen Krankenhauses hat nun vor dem Europäischen Gerichtshof Recht bekommen - er hatte geklagt, weil er wegen einer zweiten Heirat gefeuert werden sollte (mehr hier). Diese Fälle sind nicht isoliert, schreibt Tanja Tricarico in der taz: "Immer wieder müssen staatliche Gerichte durchsetzen, dass Angestellte christlicher Institutionen sich als Belegschaft überhaupt organisieren dürfen. Und wer bewusst Nein zur Kirche sagt, hat in manchen Gegenden kaum Chancen auf einen Job im Sozialbereich. Etwa in der Region Köln, wo 'weltliche' Träger rar sind."

Beim Humanistischen Pressedienst begrüßt die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier - eine der wenigen Kirchenkritikerinnen in der Partei - das Urteil als "Anfang vom Ende des kirchlichen Arbeitsrechts in Deutschland": "Die Politik hat sich seit Jahren davor gedrückt, die 1,2 Millionen Beschäftigen von Diakonie und Caritas vor religiöser Diskriminierung zu schützen. Stets hieß es in Berlin, dies müsse die Kirche selbst lösen, doch dieses Argument hat spätestens durch das heutige Urteil seine Gültigkeit verloren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2018 - Religion

"Wenn es sich von Kindheit an zeigt, kann man noch viel tun, durch Psychiatrie, um zu sehen, wie die Dinge sind", riet Papst Franziskus katholischen Eltern, deren Kinder "homosexuelle Tendenzen" aufweisen. (Unser Resümee und das Zitat im Wortlaut bei huffpo.fr). Das haben die Medien ganz falsch verstanden, winkt im FR-Interview der Sprecher der AG "Homosexuelle und Kirche", Michael Brinkschröder, die Kritik an der Äußerung ab: "Es ging um Eltern, die nicht wissen, wie sie mit ihrem schwulen Sohn oder ihrer lesbischen Tochter umgehen sollen. Dafür können Psychiater eine kompetente Adresse sein, um sich zu informieren. Er hat also die Eltern zum Psychiater geschickt, nicht die Kinder." Und wieso glaubt der Papst, das bei Kindern noch was zu machen sei, bei Erwachsenen aber nicht? In slate.fr erzählt Alesandre Masson, was sogenannte "Konversionstherapien" bei schwulen und lesbischen Jugendlichen, die zu "Psychiatern" geschickt werden, anrichten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2018 - Religion

Hier und dort wird in der deutschen Presse gemeldet, dass Papst Franziskus eine Äußerung zu Homosexualität zurückzieht. Die Äußerung selbst ist aber selten zitiert. Wer sie sich mit AFP (hier bei huffpo.fr) durchliest, fragt sich allerdings, was genau der Papst da zurückziehen will - allzu eindeutig liegt zutage, dass der Papst Homosexualität als "heilbar" ansieht: "'Es ist notwendig, das Alter der Menschen zu berücksichtigen', erklärte der Papst auf die Frage, was er zu den Eltern sagen würde, die die homosexuellen Orientierungen ihres Kindes bemerkten. 'Wenn es sich von Kindheit an zeigt, kann man noch viel tun, durch Psychiatrie, um zu sehen, wie die Dinge sind. Etwas anderes ist es, wenn es sich nach zwanzig Jahren manifestiert', sagte Jorge Bergoglio."

Papst Franziskus hatte sich zu dem Thema im Flugzeug auf der Rückkehr von seinem Irland-Besuch geäußert, der für die Kirche laut Hela Camargo y Martin von hpd.de eher enttäuschend ausfiel: "Knapp vierzig Jahre lang hatte kein Papst Irland besucht. Als Johannes Paul II. 1979 auf die Insel kam, konnte er beim Massengebet noch über eine Million Gläubige um sich scharen. Beim Besuch von Franziskus am vergangenen Wochenende waren es etwa 130.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der Vatikan rundete großzügig auf 300.000 Gläubige auf. Von 500.000 interessierten Gläubigen war nach der Bestellung der Tickets im Juli dieses Jahres ursprünglich ausgegangen worden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2018 - Religion

In der taz rekapituliert Rald Sotschek vor dem Papstbesuch in Dublin, wie die katholische Kirche ihren Einfluss auf die irische Gesellschaft verloren hat: Homosexualität und Scheidungen, die Ehe für alle und Abtreibungen wurden legalisiert, die Kinder werden nicht mehr alle Mary getauft: "Und im Herbst wird in einem weiteren Referendum der Blasphemieparagraf aus der Verfassung gestrichen, daran bestehen kaum Zweifel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2018 - Religion

Wenn Papst Franziskus am Wochenende nach Irland reist, wird er stark dezimierte Gemeinde finden und eine völlig diskreditierte Priesterschaft. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen durch Geistliche und der verlogene Umgang damit, haben die Katholische Kirche in Irland stark beschädigt, schreibt Finlan O'Toole im Guardian. "Diese Horrorgeschichte, die in den 1990er Jahren begann, wurde seither durch drei Faktoren verstärkt. Erstens ist Kindesmissbrauch durch Priester in Pfarreien nur ein Teil einer breiteren Geschichte des institutionellen Missbrauchs, in der Frauen und Kinder in Industrieschulen, Wäschereien und Mutter-und-Baby-Häusern eingesperrt wurden. Diese noch im Entstehen begriffene Geschichte wirft einen krank machenden Rückblick auf das heilige katholische Irland - es wird immer deutlicher, dass es seine 'Reinheit' durch systematischen Terror bewahrt hat. Zweitens hat sich, was viele irische Katholiken für ein lokales Problem hielten, als internationales Phänomen herausgestellt und ist somit implizit in der Natur der institutionellen Kirche selbst enthalten. Das wurde vom Vatikan global vertuscht. Drittens, die Antwort des Vatikans war erbärmlich."

Auf ihrer Glauben und Zweifeln Seite bringt die Zeit die wichtigsten Passagen aus dem 884-Seiten-Bericht über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Pennsylvania. Um die Vertuschungsstrategien der Bistümer, die stets nach dem gleichen Muster handelten, aufzudecken, bedurfte es FBI-Experten des National Center for the Analysis of Violent Crime, lesen wir: "Ein Diözesanpriester wurde erst verhaftet und angeklagt, nachdem die Kirche jahrzehntelang Missbrauchsberichte ignoriert hatte. Als der Schuldspruch bevorstand, handelte der Bischof endlich. Er schrieb einen Brief an den Richter, mit der Bitte, den Angeklagten an ein katholisches Behandlungszentrum zu überstellen. Er betonte die Kosten einer Inhaftierung. In einem anderen Fall vergewaltigte ein Priester ein Mädchen, und als sie schwanger wurde, organisierte er die Abtreibung. Der Bischof drückte per Brief sein Mitgefühl aus: 'Dies ist eine schwere Phase in Ihrem Leben, und ich verstehe Ihre Enttäuschung. Ich teile auch Ihren Schmerz.' Leider war der Brief nicht an das Mädchen adressiert, sondern an ihren Vergewaltiger."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2018 - Religion

Schlicht zum Kotzen zumute ist Hannes Stein in der Welt nach der Lektüre des 884 Seiten umfassenden Berichts über den Missbrauch an tausend Kindern durch 300 Priester in Pennsylvania, von denen Stein den Fall des Priesters George Zirwas herausgreift, dessen Taten der Diözese seit 1987 bekannt waren, der aber dennoch bis 1994 im Amt blieb: Zirwas lud einen 14-jährigen Jungen namens George gemeinsam mit anderen Priestern in eine Pfarrwohnung ein: "Sie befahlen George, sich auf ein Bett zu stellen, sein Hemd auszuziehen und die Pose von Jesus am Kreuz einzunehmen. Dann sagten sie dem Jungen, er solle seine Hose und Unterhose ausziehen. Dann machten sie mit einer Polaroidkamera Fotos von ihm - und legten sie auf einen Stapel mit Nacktfotos, die sie von anderen minderjährigen Jungen gemacht hatten. Dabei kicherten sie. Es handelte sich bei diesen kichernden Priestern um eine Bande von Pädophilen, die sich ihre Opfer sorgfältig heranzogen. Sie vergewaltigten, sie schlugen, sie höhnten, sie waren grausam. Und sie hatten sich etwas Besonderes ausgedacht: Um den anderen Mitgliedern der Bande zu signalisieren, dass ein Junge als Opfer zur Verfügung stand, schenkten sie ihm ein großes, goldenes Kreuz, das er sich um den Hals hängte. Auch George trug ein solches Kreuz."

Papst Franziskus hat zwar bereits Reue bekannt und um Vergebung gebeten, schreibt Friedhard Teuffel im Tagesspiegel - nun müssen Taten folgen, "indem er Akten zugänglich macht, die zur Aufklärung beitragen, die eigenen Untersuchungskommissionen personell aufrüstet und all jene suspendiert, die sich schuldig gemacht haben. Gerade weil es, wie er selbst geschrieben hat, nicht nur um die Täter geht, sondern auch um die Vertuscher. Er muss selbst mit dem Nachdruck handeln, den er von seiner ganzen Kirche einfordert." Und das Zölibat überdenken, meint Teuffel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2018 - Religion

Vor vier Wochen warf der Historiker Oliver Jens Schmitt in der NZZ der rumänischen Orthodoxen Kirche vor, aus Kalkül stets mit den faschistischen und kommunistischen Diktaturen zusammengearbeitet zu haben und bis heute die Aufarbeitung zu verweigern. (Unser Resümee). Ein Blick auf Fakten und Quellen wäre hilfreich gewesen, erwidert der evangelische Pfarrer und ehemalige Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, Jürgen Henkel, nun ebenfalls in der NZZ: "Mit der kommunistischen Machtergreifung ab 1944 setzte eine brutale Verfolgung auch der ROK ein. Bistümer wurden aufgelöst, theologische Zeitschriften verboten, Theologie-Fakultäten geschlossen, Publikationen zensiert. Lediglich die Fakultäten in Hermannstadt und Bukarest durften - zu kirchlichen Hochschulen degradiert - weiter fungieren. Orthodoxe Bischöfe, Theologen und Laienchristen kamen zu Tausenden in Haft und ums Leben. Sich der Macht andienen sieht anders aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2018 - Religion

Weitere Artikel: Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, wirft der Katholischen Kirche in Deutschland mangelnde Aufklärung vor, meldet Zeit Online: "Für eine entsprechende Studie der Deutschen Bischofskonferenz hätten leider nicht alle Bistümer ihre Archive geöffnet, sagte Rörig der Funke Mediengruppe. Aufarbeitung werde wohl noch zu oft als Gefahr für die eigene Institution gesehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2018 - Religion

Seit der Aktivist Amed Sherwan beim Berliner Christopher Street Day ein T-Shirt mit der Aufschrift "Allah is gay" trug, erhält er Morddrohungen von strenggläubigen Muslimen. (Unser Resümee) Im Dlf-Kultur erzählt er, wie er als Jugendlicher im Irak tagelang gefoltert wurde, nachdem er einen Koran anzündete: "Das allerschlimmste für mich war noch im Gefängnis, dass ich jeden Tag mit denen beten musste. Mit Vergewaltigern, Mördern, für die mein Verbrechen noch viel schlimmer war: Ich glaub' nicht mehr."