9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2018 - Religion

Meldungen über sexuellen Missbrauch in religiösen Stiftungen, die immer mehr Einfluss auf das türkische Bildungssystem bekommen, schockieren die Türkei (wenn sie von den Medien nicht gleich wieder unterdrückt werden), berichtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Und nebenbei feiert die religiöse Heuchelei weiterhin fröhliche Urständ: "AKP-Mitglieder in der für Radio- und Fernsehsendungen zuständigen staatlichen Institution forderten eine Strafe für eine Tanzaufführung von Mädchen zwischen sieben und elf Jahren in Shorts mit folgender Begründung: 'Das reizt die Leute auf.' Den letzten Punkt unter die Woche der Scham setzte dann wieder einmal Ankara. Die staatliche Religionsbehörde erklärte, mit neun Jahren seien Mädchen heiratsfähig!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2018 - Religion

Der Pastor der Berliner Gedächtniskirche, Martin Germer, verteidigt im Gespräch mit Claudius Prösser in der taz, dass er einen Abgesandten der umstrittenen "Neu-Köllner Begegnungsstätte" zum Gedenken an das Weihnachtsmarkt-Attentat eingeladen hat: "Engagierte Muslime aus arabischen Kontexten leben in einer komplizierten Welt. Dass da jemand auch mal etwas sagt oder tut, was er hinterher als Fehler bezeichnet oder hinter das man ein Fragezeichen setzen kann, wird kaum zu vermeiden sein. Aber kann die Konsequenz sein, dass wir mit Muslimen, die sich für das gute Miteinander in unserer Gesellschaft und den Dialog mit anderen Religionen aussprechen, nicht mehr reden?"
Stichwörter: Interreligiöser Dialog

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2017 - Religion

Ganz eindeutig spricht sich der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt von den Grünen im Interview mit Jan Thomsen von der Berliner Zeitung für eine Aufhebung des Neutralitätsgebots an Berliner Schulen aus: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts auch in Berlin umgesetzt wird. Die sagt eindeutig, dass pauschale Kopftuchverbote verfassungswidrig sind, weil sie das Recht auf freie Berufswahl und eine pluralistisch verstandene Religionsfreiheit unzulässig einschränken. Eingreifen darf man nur im konkreten Fall einer Störung des Schulfriedens. Ich bin der Meinung, dass wir es in der multireligiösen Stadt Berlin aushalten sollten, wenn an den Schulen junge Frauen mit Kopftuch unterrichten."

Volker Beck, ebenfalls von den Grünen, sieht es genauso:

Unser Vorschlag zur Güte: Alle Berliner Lehrerinnen sollten künftig mit Kopftuch lehren. Als Hommage an den Gedanken der Vielfalt sollte es aber als Regenbogen gestaltet sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2017 - Religion

Angesichts geschützter Weihnachtsmärkte und einzelner juristischer Fälle, etwa den des Mannheimer Verwaltungsgerichtshofs, der einem Syrer, der eine deutsche Frau geheiratet und bei seiner Einbürgerung eine in Syrien geschlossene Ehe nicht angegeben hatte, nicht die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt hatte, warnt Henryk M. Broder in der Welt vor einer fortschreitenden Islamisierung: "Gehört der Islam zu Deutschland, gehört auch die Islamisierung dazu. Beides gibt es nur im Doppelpack. Das Weihnachtsfest ist nicht bedroht. Es wird weiter gefeiert werden. Bedroht ist eine säkulare Ordnung, in der Religion Privatsache ist und das Recht auf freie Religionsausübung ebenso garantiert wird wie das Recht auf Religionskritik. Das gibt es im Islam nicht."

Der rot-rot-grüne Senat in Berlin hat dem Humanistischen Verband, größte Vereinigung von Gottlosen, den Status der Körperschaft öffentlichen Rechts verliehen und damit den Kirchen rechtlich gleichgestellt, meldet Maritta Adam-Tkalec in der Berliner Zeitung. Ein revolutionärer Schritt, meint sie, denn so erhalte erstmals in der Geschichte des Landes Berlin eine Weltanschauungsgemeinschaft diesen privilegierten Status: "Nun muss man hoffen, dass die frisch bewehrten Humanisten ihre Energie statt in alberne, potenzielle Mitglieder abschreckende Binnen-Unterstrich-Schreib-Moden in reale Fortschritte investieren. Ein zentrales Projekt muss das Erlangen von Sitz und Stimme im Rundfunkrat Berlin-Brandenburg sein - im Grunde ist es angesichts des gesellschaftlichen Wandels schon lange ein Skandal, dass zwar Kirchensendungen ausgestrahlt werden, aber die Ethik der Humanisten keinen eigenen Platz hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2017 - Religion

Evelyn Finger, Religionsredakteurin der Zeit, kritisiert den evangelischen Pfarrer der Berliner Gedächtniskirche, Martin Germer, der immer wieder - und zuletzt beim Gedenken an den islamistischen Anschlag in Berlin - mit umstrittenen Abgesandten der "Neu-Köllner Begegnungsstätte" (NBS) und der Berliner Dar-as-Salam-Moschee kooperiert hat: "Dialog heißt mehr als nur miteinander zu reden. In Zeiten des militanten Fundamentalismus gehört dazu die klare Distanzierung von fundamentalistischer Theologie. Es genügen nicht Besuche und Freundschaftsfloskeln. Es gehören dazu kritische Fragen, es gehört dazu der Streit darüber, wo die Grenzen der Religionsfreiheit verlaufen. In diesem Streit haben sich die deutschen Kirchen noch zu wenig hervorgetan."  Die Sektenexpertin Sigrid Herrmann-Marschall hat in ihrem Blog mehfach über die NBS recherchiert (alle Links hier).

Philipp Peyman Engel, Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, kritisiert gleichzeitig in einem Gastbeitrag in der Welt, dass sich Islamverbände in Deutschland kaum von den antisemitischen Ausschreitungen bei antiisraelischen Demos in den letzten Wochen distanziert haben.

Das Christentum ist keineswegs auf dem Rückzug, sondern im Gegenteil ein wichtiger Faktor im Erstarken der Religionen, das man nicht aus Eurozentrismus übersehen sollte, schreibt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der NZZ: "Viel europäische Borniertheit gegenüber ganz anderen Christentümern lässt sich auch mit Blick auf die Tausende von Pfingstkirchen in Afrika, Lateinamerika und Asien beobachten. Diese erst um 1900 entstandenen neoprotestantischen Glaubensgemeinschaften sind gegenwärtig die am schnellsten wachsende, dynamischste religiöse Kraft weltweit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2017 - Religion

Helene Hegemann empfiehlt in der NZZ zur Neujustierung unseres Ökonomiebegriff den Potlatch statt eingeübter Geschenkrituale: "Beim 'Potlatch' will man mehr geben, als man gekriegt hat. Und zwar so lange, bis am Ende alles futsch ist." Denn, so hat sie es von ihrem Vater gelernt: "Weihnachten ist ein Fest, an dem aus Überfluss und Armut Liebe entsteht."

Weiteres: Heribert Prantl stilisiert in seinem Leitartikel in SZ recht modisch Maria zu einer Umstürzlerin, gar zu einer Pionierin von #MeToo (ohne sie allerdings auch zum Opfer eines Übergriffs zu erklären). In der FAZ erzählt Jesuitenpater Nikodemus Schnabel, warum er trotz allem gern unter den religiösen Hooligans von Jerusalem lebt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2017 - Religion

In der SZ skizziert Paul-Anton Krüger verschiedene Fälle der Strafverfolgung gegen Schriftsteller, Sängerinnen und Homosexuelle in Ägypten, denen Verstöße gegen konservative Moralvorstellungen und gegen Vaterlandsliebe vorgeworfen wird und die meist zu Haftstrafen verurteilt werden - mit Zustimmung von islamischen und christlichen Würdenträgern, so Krüger: "Der Großimam der Al-Ashar-Universität, Scheich Ahmed al-Tajjeb, von der ägyptischen Regierung als Vorreiter eines toleranten Islam vermarktet, im Bundestag und von Kanzlerin Angela Merkel als solcher hofiert, wetterte auf einer internationalen Konferenz gegen 'Aufrufe, Homosexualität als Menschenrecht zu erlauben'. Dies sei unverschämt und 'östlichen Männern völlig fremd'. Auch die Gleichberechtigung von Frauen sei abzulehnen. Die koptische Kirche unter Papst Tawadros II. ist in diesen Fragen nicht weniger reaktionär, große Teile der Gesellschaft allerdings ebenso. So oft die Ägypter auch über das Versagen der Behörden klagen: Wenn der Staat gegen Homosexuelle vorgeht, ist er sich des Beifalls sicher."

Es gibt keinen spezifisch muslimischen Antisemitismus, meint der Islamwissenschaftler Michael Kiefer in der FR in Antwort auf einen FR-Artikel Abdel-Hakim Ourghis: Der Antisemitismus sei "längst zu einem 'flexiblen Code' geworden, der ohne Probleme mit einer Vielzahl von Ideologiefragmenten oder religiösen Erzählungen verbunden werden kann. Anders formuliert: Heutige Antisemiten gebrauchen antisemitische Argumentationsmuster aus verschiedenen religiösen, kulturellen und historischen Kontexten, die in ihrer Neuanordnung oft inkohärent und widersprüchlich erscheinen. Den Erzählern ist die Herkunft der Stereotype oft nicht bekannt oder wird falsch verortet (zum Beispiel 'Die Juden haben unseren Propheten Mohammed umgebracht')."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2017 - Religion

Pater Tobias Zimmermann, Leiter des Berliner Canisius-Kollegs in Berlin, erklärt im Interview mit SZ online (in dem nicht einmal das Wort "Mädchen" fällt), warum er eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch für den Matheunterricht einstellte: "Schule ist für mich auch Versuchslabor. Hier haben wir die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und wenn die Gesellschaft wie hier in Berlin von unterschiedlichen Weltanschauungen geprägt ist, muss sich das in der Lehrerschaft wiederspiegeln." Das Berliner Neutralitätsgesetz, das staatlichen Schulen strikte Neutralität verordnet, hält er für verfassungswidrig: "Religion und Staat komplett zu trennen, das ist französischer Laizismus - und der funktioniert nicht, weil er für den öffentlichen Raum eine Säkularität propagiert, die selbst eine Weltanschauung ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2017 - Religion

Noch einmal Necla Kelek. In einer Kolumne, die das Redaktionsnetzwer Deutschland der Madsack-Gruppe publiziert, attackiert sie den Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Jesuitenpater Tobias Zimmermann, der erklärt hat, eigens eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch einzustellen, um gegen das Berliner Neutralitätsgesetz zu protestieren, das eine Trennung von Staat und Religion und keine religiösen Symbole an staatlichen Schulen will. "Der deutsche Staat hat der Kirche das Wohlverhalten durch eine Jahrhundertrente und Gewährung von Privilegien abgekauft. Dass ein katholischer Pater meint, er könne für seine Schule diesen Vertrag aufkündigen und sich dafür mit dem politischen Islam gemein macht, ist einfach reaktionär. Dass er die ihm anvertrauten Schüler für eine politische Demonstration benutzt, ein Fall von politischem Missbrauch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2017 - Religion

Der Papst ist mit der Bibel unzufrieden und möchte den Satz "und führe uns nicht in Versuchung" aus dem Vaterunser ändern, weil der Liebe Gott so etwas sowieso nicht tun würde. Der Althistoriker Hartmut Leppin fährt dem Papst im FAZ-Feuilleton (das für Franziskus nicht viel übrig zu haben scheint) in die Parade: "Interkonfessioneller Präsentismus hat aus der Bibel die schlichte Welt der 'Guten Nachricht Bibel' geschaffen. Sie übersetzt beim Vaterunser betulich: 'Und lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden.' Päpstlicher Präsentismus werkelt jetzt ebenfalls an der Übersetzung des Satzes. Man muss nicht gläubig sein, um sich an dem unhistorischen Charakter dieser gefälligen Übersetzungen zu stören."