9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 45 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2018 - Religion

Geradezu zwiespältig äußert sich der katholische Autor Martin Mosebach im FR-Gespräch mit Michael Hesse zu dem Köpfungsvideo, das er in seinem Buch "Die 21 - Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer" beschreibt: "Ein koptischer Bischof sagte mir sogar, wir müssten dem IS für dieses Video dankbar sein. Es ist ein Dokument, das wir von anderen Martyrien nicht besitzen. Dem IS ist es nicht geglückt, die Getöteten verächtlich erscheinen zu lassen. Im Gegenteil. Sie erscheinen in ihrer Individualität, in ihrer Gefasstheit, in ihrem Gebet. Dann, als ihnen der Kopf abgeschnitten wird, der gemeinsame Ruf: Herr Jesus!, das Bekenntnis im Angesicht des Todes. Dieses Video hat ganz und gar nicht die Wirkung, die den Tätern vorgeschwebt haben mag."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2018 - Religion

Marco Stahlhut verfolgt in Indonesien, wie eines der wenigen Länder, die als muslimische Demokratie galten, zusehends im schwarzen Loch des Islamismus verschwindet: Nun werden außereheliche sexuelle Beziehungen - natürlich vor allem homosexuelle - unter Strafe gestellt. Nach einer tour d'horizon durch andere muslimische Länder zieht er im Feuilletonaufmacher der FAZ eine bittere Bilanz: "Statt das Spiel weiterzuspielen, muslimische Länder als 'moderat' zu bezeichnen, die tatsächlich nur weniger menschenfeindlich als Iran und Saudi-Arabien sind, ist es an der Zeit, der Realität ins Auge zu sehen. Nach Jahrzehnten ungehinderter Geld- und Ideologieströme aus den ebenso reichen wie reaktionären arabischen Golf-Staaten wird der Islam nun weltweit von Auslegungen dominiert, die auf andere Religionen verächtlich herabsehen, Frauen als Wesen zweiter Klasse betrachten und gegenüber Juden und Homosexuellen eine Haltung einnehmen, die von ausgesprochen intolerant bis eliminatorisch reicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2018 - Religion

Den Kirchen geht's prächtig. So viel Kirchensteuer wie jetzt hatten sie noch nie, trotz aller Austritte, denn Deutschland brummt. Und dennoch ist die katholische Kirche in zahllose Finanzskandale und Mauscheleien verstrickt, konstatiert Daniel Deckers im Leitartikel der FAZ: "Vor wenigen Monaten hat Erzbischof Stefan Heße in Hamburg das gigantische Ausmaß an bilanzieller Verschuldung realisiert, das ihm seine beiden Vorgänger hinterlassen haben: achtzig Millionen Euro. Als Erstes will er sich von bis zu acht Schulen trennen - ausgerechnet. Laien wollen nun eine Genossenschaft gründen, damit Kinder und ihre Familien nicht länger die Opfer klerikaler Misswirtschaft sind."

Und auch das Bistum Eichstätt hat 50 Millionen Euro verbraten. Im Zeit-Gespräch versucht sich Ulrich Hemel, Präsident des Bundes Katholischer Unternehmer, an einer Erklärung: "Wieso ist ein Bischof Bischof geworden? Weil er vorher Priester war und auch Priester bleibt. Warum ist er Priester geworden? Weil er Seelsorger sein wollte. Für viele Bischöfe ist die finanzielle Verwaltung, die ihnen auferlegt wird, eine große Last. Ich finde: eine ungerechte Last. Denn aus dem Lehramt oder der Bibel geht nicht hervor, dass Finanzen in der Hand des Bischofs liegen müssen. Der Bischof leitet seine Ortskirche. Wer sagt, dass Finanzverwaltung eine bischöfliche Aufgabe sein muss?"

Theologe  Jan-Heiner Tück hat im FAZ-Feuilleton dann aber keine andere Sorge als diese: "In Wien sollen die Theologen künftig in Hörsälen ohne Kreuz lehren. Ist das richtig?" Sollte man nicht eher fragen, ob es richtig ist, Theologie, also eine Dogmatik, die mit Wissenschaft nicht viel zu tun hat, an Universitäten zu lehren?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2018 - Religion

Karl Marx sah Religion zwar als Aberglauben, aber sein berühmtes Zitat zum Thema wird meist falsch wieder gegeben, sagt Gerd Koenen in einem längeren, von Raoul Löbbert und Louisa Reichstetter geführten Gespräch über Marx und Religion bei Christ und Welt, der religiösen Beilage der Zeit: "Korrekt heißt es bei Marx, Religion sei 'Opium des Volkes', nicht fürs Volk, und zugleich ein 'Seufzer der bedrängten Kreatur'. Da schwingt ein Verständnis mit, das sich vom Atheismus der Kommunisten des 20. Jahrhunderts doch deutlich unterscheidet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2018 - Religion

Im Tagesspiegel sieht die Lehrerin Fereshta Ludin, die als erste gegen das Kopftuchverbot in der Schule klagte (unser Resümee),  angesichts des "sozialen, gesellschaftlichen, politischen, medialen und kulturellen Drucks", nicht das sein zu dürfen, was sie sein will, einen Angriff auf ihre "Menschenwürde": "Wir sind Menschen. Keine Fälle und verstaubten Akten, die ein Neutralitätsgesetz beseitigen und schreddern kann. Wir sind Menschen mit einem hohen Anspruch an Emanzipation, Würde und Liberalität. Wir glauben an die Demokratie. Wir glauben an die Verfassung. Und wir glauben an die Grundrechte darin, die auch uns zustehen und auch für uns, für dich und mich geschaffen sind. Unser Körper gehört uns. Wie oft müssen Frauen wie ich es noch sagen, bis man uns glaubt: Wieviel Körper und Kopfhaar wir sichtbar werden lassen wollen oder nicht, wollen wir selbst bestimmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2018 - Religion

An der Humboldt-Uni soll ein Institut für islamische Theologie gegründet werden, das der Ausbildung von Imamen und von Lehrern für den Religionsunterricht dienen soll. Seyran Ates hat gegen die Besetzung des Beirats aus ausschließlich konservativen Islamverbänden in einem offenen Brief protestiert. Mit dabei, so Regina Mönch in der FAZ ist auch "die von der türkischen Religionsbehörde Diyanet gesteuerte und von allen Reformern gesäuberte Ditib, die gerade erst wegen des Vorwurfs, kritische Muslime bespitzelt zu haben, im Mittelpunkt eines Skandals stand. Im Sommer 2017 hatte die Berliner CDU das Beharren der Humboldt Universität und des rot-rot-grünen Berliner Senats, liberale Stimmen aus dem Beirat auszuschließen, ebenfalls scharf, aber folgenlos kritisiert."

Martin Niewendick erläutert in der Welt zum Thema: "Die Besetzung des Beirates ist deshalb pikant, weil dieser ein Vetorecht bei der Besetzung der vier Professuren haben soll. Zwar hat er keinen Einfluss auf die Ausschreibungen, kann aber später aus religiösen Gründen bei Anwärtern Einspruch einlegen." (Religiöse Gründe? Und wir dachten immer, die Unis dienten der Wissenschaft!)

Im Gespräch mit Hasnain Kazim von Spiegel online beleuchtet der pakistanische Nuklearphysiker (und Kritiker der pakistanischen Atomrüstung) Pervez Hoodbhoy die Psychologie des religiösen Rollbacks in den meisten muslimischen Ländern: "Eine Burka ist ja nichts anderes als ein Etikett, um sich abzugrenzen. Dadurch wird in aller Deutlichkeit gezeigt: Meine Identität ist islamisch. Diese Identität ist eng verknüpft mit dem Gefühl, ein Opfer der Geschichte zu sein. Tief versteckt empfinden Muslime, dass sie gescheitert sind. Diese Mischung von Befindlichkeiten flößt mir Angst ein, denn sie führt zu einem Verhalten, das sehr ungesund ist."

Außerdem: In der NZZ schreibt der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub über Religion im Silicon Valley.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2018 - Religion

Der Althistoriker Volker Menze antwortet in der NZZ auf den Kirchenrechtler Martin Grichting, der beklagt hatte, Christen ergehe es in den heutigen säkularen Gesellschaften genauso übel wie einst im alten Rom. Aber erstens, so Menz, wurde das Christentum in Rom zur Staatsreligion und zweitens: "Die Verquickung von Kirche und Staat, die mit Konstantin begann, kann kaum als eine besonders glückliche Fügung für religiöse Minderheiten angesehen werden: Nichtchristen, Juden, aber auch Christen, die nicht den staatlich sanktionierten Glaubensdoktrinen folgten, wurden diskriminiert und verfolgt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2018 - Religion

Stefan Laurin porträtiert bei den Salonkolumnisten Lamya Kaddor, die Gründerin des "Liberal Islamischen Bundes" - und stellt eine der Hauptfragen bezüglich solcher Verbände: Wen repräsentieren diese bei Politikern so beliebten Figuren eigentlich? "Die Mitgliederzahlen sind nicht nur beim LIB ernüchternd, der nicht über die Größe eines kleinen Tischtennisvereins hinauskommt. Der Zentralrat mit seinen 21 Mitgliederorganisationen vertritt gerade einmal gut 20.000 Gläubige. Auch da stellt sich die Frage, warum Mayzek ein wichtiger Ansprechpartner für Medien und Politik ist - 20.000 Mitglieder, die hat auch der Turngau Südoberfranken und sein Vorstandsmitglied Edi Stark ist nie in Talkshows zu sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2018 - Religion

"Dem deutschen Weg steht seine härteste Bewährungsprobe wohl noch bevor", tremoliert die Unterzeile des Artikels. Aber die Bewährungsprobe beschreibt der Rechtsprofessor Hans Michael Heinig auf der Gegenwartsseite der FAZ kaum, wenn er unter dem Titel "Säkular, aber nicht säkularistisch" das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen in Deutschland als die beste aller hierzulande möglichen Welten beschreibt, inklusive Lehrerin mit Kopftuch: "Wo Islamkritiker zum Beleg ihrer Position eine Sure zitieren, ohne sich für entstehungsgeschichtliche und textliche Kontexte oder die tatsächlichen sozialen Praktiken zu interessieren, hat der religiös-weltanschaulich neutrale Staat auf solche Remedur zu verzichten. Wo der Stammtisch 'den' Islam zu einer politischen Ideologie erklärt, die generell nicht unter die Religionsfreiheit falle, handhabt der religiös-weltanschaulich neutrale Staat freiheitsgewährende Begriffe wie die durch Artikel 4 Absatz 2 des Grundgesetzes geschützte 'Religionsausübung' in der gebotenen Unparteilichkeit, ergo in Offenheit für unterschiedliche religiöse Selbstverständnisse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2018 - Religion

Kritik an Religion wird auch in deutschen Medien inzwischen als "Rassismus" angesehen. Einige Zuschauer waren irritiert, dass die ARD-Korrespondentin Natalie Amiri die Bilder über die neuesten Proteste im Iran mit Kopftuch kommentiert. Das muss sie tun, wenn sie dort arbeiten will, ist ihre nachvollziehbare Begründung. Aber was wäre, wenn sie es freiwillig trüge, fragt in Spiegel online die Journalistin und Sprecherin einer Orghanisation für "Vielfalt", Ferda Ataman - und kommt mit dem Rassismus-Vorwurf: "Noch einmal fürs Protokoll: Ein paar Zuschauer verlangen, eine Frau vom Dienst abzuziehen, um gegen die Unterdrückung der Frau vorzugehen. Das ist das perfide an der Debatte über das Kopftuch: dass sich hier oft antimuslimischer Rassismus mit Sexismus paart. Und ja: Eine Journalistin mit Kopftuch im deutschen Fernsehen abschaffen zu wollen, hat - gelinde gesagt - rassistische Züge."

Die Kirchen hofieren die Islamverbände, schreibt Necla Kelek bei main-spitze.de, und sie tun es aus Eigeninteresse: "Die Kirchenvertreter erhoffen sich offenbar von der Unterstützung eines konservativen Islamverständnisses eine Aufwertung des religiösen Lebens in Deutschland. Sie selbst sind mit ihrem Selbstverständnis der Kirchen als Milieuverein mehr oder weniger gescheitert und leiden unter Mitgliederschwund. Sie erhoffen sich offenbar durch die Unterstützung der Muslime eine spirituelle Renaissance und auf der politischen Ebene an Gewicht zu gewinnen. Dabei verwischt die Trennung von Staat und Kirche zumindest in den politischen Positionen immer weiter."

Nina Apin porträtiert für die taz die beiden ehemaligen "Regensburger Domspatzen" Magnus Meier und Koljar Wlazik, die über Gewalt und sexuellen Missbrauch an der ehrwürdigen Institution berichten: "'Das war keine Schule, sondern die Hölle. Ein Kinder-KZ', sagt Meier. Der sadistisch und pädophil veranlagte Präfekt Johann Meier, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, quälte die Kinder mit militärischem Drill, Prügelritualen und sexueller Gewalt, die bis zur Vergewaltigung ging. Die Kinder waren im System gefangen, hatten kaum Kontakt zur Außenwelt, unter den Schülern herrschte eine brutale Hackordnung. 'Wir waren verroht wie die Tiere', sagt Magnus Meier."