9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2024 - Wissenschaft

Für die akademische Welt in Israel hat eine "Phase der Isolation" begonnen, stellt Ronen Steinke besorgt in der SZ fest. Mehr und mehr israelische Wissenschaftler werden von internationalen Universitäten ausgeladen, Kooperationen mit israelischen Instituten werden beendet, 60 Erfahrungsberichte hat Haaretz in einem Artikel zusammengefasst, auf den Steinke Bezug nimmt: "Im Bericht ist etwa die Rede von einer Forscherin an der Universität Haifa, Ravit Alfandari, die erzählt, wie ihr ein Kollege aus Nordirland, mit dem sie an einem Projekt zu häuslicher Gewalt gearbeitet hatte, kurz vor der Abgabe eines Fachartikels die Zusammenarbeit aufgekündigt habe. Er habe eine Petition für einen Boykott israelischer Universitäten unterschrieben, soll er zur Erklärung gesagt haben. 'Ich schätze dich sehr, aber ich will nie wieder mit dir zusammenarbeiten. Das ist auch nicht nur vorübergehend. Ihr begeht einen Völkermord in Gaza.' Eine "düstere Zukunft" droht den israelischen Forschern, die vom Rest der Welt abgeschnitten werden, so Steinke, aber genauso "dem akademischen Leben in Europa, wenn es sich von seiner bisherigen Offenheit verabschiedet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2024 - Wissenschaft

In der FAZ zeigt Claus Leggewie wenig Sympathie für den BDS, dessen Forderungen ihn stark an das "Kauft nicht bei Juden"-Schild der Nazis erinnern. Besonders entsetzt ihn aber die Forderung, auch israelische Universitäten und Wissenschaftler zu boykottieren: Das sei "entweder eine Riesendummheit oder ein kühl kalkulierter Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Und der beginnt in vielen westlichen Universitäten schon bei einem Bachelor-Kurs, an dem jüdische Studenten und deren Unterstützer (oder Beschützer) teilzunehmen physisch gehindert oder abgeschreckt werden. Dass dergleichen von palästinensischen Aktivisten kommt, die nicht allein Israels Wissenschaftskommunikation unterbinden wollen, sondern das Existenzrecht des Staates bestreiten, ist so bedauerlich wie erwartbar. Dass es von westlichen Wissenschaftlern in einer völlig falsch verstandenen Solidarität mit dem ominösen Global South gefordert wird, ist ein Skandal, der scharfen Widerspruch verdient."

Antisemitismus kommt vor allem von rechts, beharren in der FAZ Stefanie Schüler-Springorum und Uffa Jensen, die das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin leiten und "stolz darauf" sind dazu beizutragen, die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus zu verbreiten, die Israelkritik nur unter sehr engen Annahmen als antisemitisch verstanden wissen will. Wie genau diese Annahmen zu definieren sind, bleibt allerdings auch in diesem Text vage: "Es ist evident, dass sich Israelfeindschaft leicht mit antisemitischen Bestandteilen und Motiven aufladen lässt - wie es allenthalben auch geschieht. Dieses Mischungsverhältnis in konkreten Fällen abzuwägen ist eine gegenwärtige Aufgabe der Antisemitismusforschung, wie sie auch von der JDA gefordert wird: Wer hat eine Äußerung mit welchen Motiven und Stereotypen getätigt? Was ist mit ihr intendiert? Was ist ihr Kontext?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2024 - Wissenschaft

Fragmente der sogenannten Herculaneum-Papyri, die Details über Leben und Sterben Platons enthalten, sind lesbar gemacht worden. Die Gräzistin Gyburg Uhlmann erklärt im Welt-Gespräch, weshalb das so spektakulär ist: "Dieses Fragment aus der 'Geschichte der Akademie' sagt nun eindeutig, dass Platons Grab im Garten neben dem Museion zu verorten ist, also innerhalb der Akademie. Das ist spektakulär, wie es eigentlich immer spektakulär ist, wenn man neue antike Texte entdeckt. Das geschieht ja jetzt immer häufiger, dank der verschiedenen, auch mich begeisternden neuen Methoden - Röntgen schon länger, jetzt auch KI - mit denen man verkohlte, zusammengebackene und nicht mehr entrollbare Papyrusrollen lesbar machen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2024 - Wissenschaft

"Die Freiheit der Wissenschaft ist in Gefahr. Das ist keine überzogene Befürchtung ängstlicher Standesvertreter, die sich vor Kritik scheuen, sondern eine Tatsache", konstatiert in der FAZ Bernd Ahrbeck, der selbst Psychoanalytische Pädagogik in Berlin lehrt. Bestätigt fühlt er sich durch den ersten Band des Jahrbuchs des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, das dies exemplarisch belege. Ahrbeck nennt u.a. das Beispiel einer gesprengten Lehrveranstaltung in Leipzig, auf der das von den Demonstranten als transfeindlich eingestufte Buch von Christoph Türcke ("Natur und Gender") Thema sein sollte. "Die protestierenden Leipziger Studenten erklärten allen Ernstes, sie verteidigten damit die Wissenschaftsfreiheit. Der Protest richte sich nicht gegen Wissenschaftsfreiheit, die von den Studierenden für unerlässlich gehalten werde. Beanspruchten aber 'Demagog*innen' diese Freiheit, handele es sich bloß um einen rhetorischen Trick. Erkenntnis werde nämlich gar nicht angestrebt." So gesehen wird Wissenschaftsfreiheit erst wiederhergestellt, wenn das inkriminierte Buch aus der Bibliothek entfernt ist. Gefährlich findet Ahrbeck diese Haltung: "Verfassungsmäßig verbriefte Rechte dürfen unter keinen moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden. Vor einer Subjektivierung des Rechtsempfindens, wie es der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier beklagt, kann deshalb nur gewarnt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2024 - Wissenschaft

Angesichts des wachsenden Antisemitismus nicht nur an amerikanischen, sondern auch an deutschen Universitäten begrüßen die Soziologin Karin Stögner und der Politikwissenschaftler Lars Rensmann auf den Geisteswissenschaften der FAZ den im Dezember 2023 verabschiedeten Aktionsplan gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit der Kultusministerkonferenz, der Universitäten zu einer klaren Positionierung gegen jegliche Form des Antisemitismus aufruft und sich dabei auf die IHRA-Definition bezieht: "Die KMK sollte beim Wort genommen werden, dem auch Taten zu folgen haben. Um Antisemitismus an Hochschulen bekämpfen zu können, braucht es vermehrt Forschungen zu jenen modernisierten Formen des Antisemitismus im Kontext rabiater Israelfeindschaft, die an Universitäten und im künstlerischen Milieu zuvörderst relevant sind. Tatsächlich gibt es in Berlin mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung eine hoch dotierte wissenschaftliche Institution, die sich genau dem widmen sollte. Stattdessen lehnt der amtierende Direktor Uffa Jensen die IHRA-Definition seit Jahren ab, gerade weil mit ihr Formen der Israelfeindschaft als Antisemitismus benannt werden können. Damit redet er jenen Wegbereitern eines universitären Antisemitismus das Wort, die wie Judith Butler behaupten, die Opfer des Hamas-Pogroms seien nicht Juden, sondern Israelis gewesen, weshalb dies keine antisemitischen Gewalttaten seien."

Eine Koalition aus jüdischen Studierendenverbänden fordert die Aberkennung des Adorno-Preises für Judith Butler nach ihren Aussagen zu Israel (unser Resümee). Butler will die Hamas unter anderem nicht als Terrororganisation ansehen und hält das Massaker vom 7. Oktober nicht für antisemitisch. Die FR druckt ein kurzes Statement Butlers, in dem diese auf die Vorwürfe reagiert und beteuert, die Gewalt gegen israelische Zivilisten nicht legitimieren zu wollen: "Ich bin gegen alle sexuellen Gewalttaten, Verletzungen und Morde, die seit dem 7. Oktober stattgefunden haben, einschließlich der grausamen Taten der Hamas, die ich unmissverständlich verurteilt habe und weiter verurteile."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2024 - Wissenschaft

Über die israelische Regierung möchte Asher Cohen, Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem, im Zeit-Interview nicht sprechen. Deutlichere Worte richtet er hingegen an die amerikanischen Universitäten: "Wir dachten, in der wissenschaftlichen Community hätten wir Verbündete, aber die Statements der Unipräsidenten klangen furchtbar kalt. Ich hatte ein langes Zoom-Gespräch mit Claudine Gay, der damaligen Harvard-Präsidentin. Ich glaube ihr, dass sie das alles nicht böse gemeint hat. Und dennoch ... Bis heute hat keine einzige Unileitung aus den USA mich oder die anderen israelischen Universitäten besucht. Mich hat das sehr getroffen. Die Deutschen waren da übrigens ganz anders."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2024 - Wissenschaft

Schlechte Nachrichten für junge Wissenschaftler: Nachdem Postdoktoranden unter dem Hashtag #ichbinHanna die Arbeitsbedingungen unter befristeten Verträgen offenlegten, wollte die Ampelkoalition das "Wissenschaftszeitvertragsgesetz" durch Dauerstellen für Daueraufgaben reformieren, erinnert Lothar Müller in der SZ. Nur: "Von Dauerstellen war aber wenig die Rede, als 2023 der Entwurf zur Reform des WissZeitVG vorgestellt wurde. Umso mehr von der neuen Höchstbefristung, die nun für die Postdoc-Phase vorgesehen ist. Sie folgt einer 4+2-Formel, der zufolge nach der Promotion die Verträge befristet Beschäftigter bereits nach vier Jahren nur verlängert werden können, wenn der Vertrag eine verbindliche Anschlusszusage enthält. Es ist offenkundig, dass diese Regelung überall dort, wo die Knappheit unbefristeter Stellen nur durch heftige Verteilungskämpfe in den Wissenschaftsinstitutionen selber behoben werden könnte, faktisch zur Verknappung der bisherigen sechs auf vier Jahre bei befristeten Verträgen in der Postdoc-Phase führen wird."

Nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin durch einen Kommilitonen stellt sich die Frage, wie die Hochschulen auf Antisemitismus antworten sollen. Die FU Berlin hat jetzt einen Beauftragten für Antisemitismus ernannt, will dessen Namen aber nicht nennen, staunt Gerald Wagner in der FAZ und hat Fragen: "Muss man als Antisemitismus-Beauftragter der FU damit rechnen, selbst Opfer von Antisemitismus zu werden? War Anonymität die Bedingung dafür, dass die Vertrauensperson das Amt überhaupt übernommen hat? Hat sie Grund zu der Annahme, dass man in Berlin als Antisemitismus-Beauftragter der größten Universität der Stadt besser unerkannt bleibt? Will das Präsidium der FU die Antworten auf diese Spekulationen schuldig bleiben, böte sich als Titel dieses Amtes besser 'Geheimrat der FU für Antisemitismus' an. So bleibt der Kampf gegen den Antisemitismus an der Freien Universität Berlin leider gesichtslos. Das ist überraschend und schockierend. Und beschämend ist es auch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2024 - Wissenschaft

Petra Ahne muss in der FAZ berichten, dass zuständige Geologengremien es jüngst abgelehnt haben, das "Anthropozän" offiziell zur Erdepoche zu erheben - "manche Geologen halten es für ausreichend, die 'Menschenzeit' als 'Ereignis' zu bewerten, wie es auch beim Auftreten der Cyanobakterien der Fall ist, die vor 2,4 Millionen Jahren begannen, die Atmosphäre mit Sauerstoff anzureichern, mit folgenschweren Konsequenzen".
Stichwörter: Anthropozän

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2024 - Wissenschaft

Am Freitag verlieh das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit Bernhard Kempen, der bis vergangenes Jahr Präsident des deutschen Hochschulverbandes war, den erstmals gestifteten Preis für Wissenschaftsfreiheit. Gefeiert wurde auch der eigene Erfolg, weiß Thomas Thiel auf den "Forschung und Lehre"-Seiten der FAZ: "Seine liberale Grundidee verpflichtet das Netzwerk zur Anerkennung eines breiten Meinungsspektrums. Wie weit dieses reichen sollte, machte Kempen in seiner Preisrede klar. An einer Universität müsse die Meinung, die Gesellschaft sei von strukturellem Rassismus durchzogen, genauso geäußert werden können wie die Ansicht, das Genderparadigma sei pure Ideologie. Die Grenze setze in beiden Fällen das Strafrecht. Diese Grenze wurde in den vergangenen Jahren vielfach überschritten: durch Mobs, die Wissenschaftler auf brüchiger Faktenbasis als Unmenschen diffamierten. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Aktivisten nicht auf den Rückhalt von Wissenschaftlern und Theorien zählen könnten, welche die Welt entlang simpelster Vorstellungen in gut und böse einteilen, worauf die zweite Vorsitzende des Netzwerks, Susanne Schröter, in ihrer Laudatio hinwies."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2024 - Wissenschaft

In der Theorie sind die Wissenschaften frei, in der Praxis ist das anders, da wollen Leitung, Kollegenschaft oder Studenten lieber die "unangenehme Situation vermeiden, mit anderen Positionen konfrontiert zu werden und sich moralisches Unbehagen zuzumuten", meint die Philosophie-Professorin Maria-Sibylla Lotter im Interview mit Zeit online. Auch mit Blick auf die Berliner Antidiskriminierungsklausel fodert sie mehr Courage zur Auseinandersetzung: "Rein theoretisch finde ich die Idee, Antisemitismus nicht mit öffentlichen Geldern zu fördern, richtig. Ich hoffe aber, dass diese Empfehlung in der Praxis vor Ort nicht zu schematisch umgesetzt wird, denn es ist wichtig, auch mit israelkritischen Intellektuellen und Künstlern im Gespräch zu bleiben. Hier ist vor Ort Augenmaß und auch etwas Mut gefragt. ... Wir dürfen das Problem aber nicht auf die Frage reduzieren, wer wo ausgeladen wird. Wichtiger ist die Frage, wie es gelingen kann, dass man an der Universität auch heikle Themen von vielen Seiten betrachten und ohne Feindseligkeit und moralische Überheblichkeit über sie diskutieren kann. Es kann sinnvoll sein, eine kontroverse Einladung zu ergänzen, indem man weitere Personen einlädt, die andere Positionen vertreten, aber intellektuell offen sind. Ich würde immer in Richtung der Vielstimmigkeit gehen."