Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Flächendeckende Gesinnungsschnüffelei

01.09.2012. Wird das Leistungsschutzrecht von seinen eigenen Verfassern sabotiert?, fragt sich Sascha Lobo. In der taz bekräftigen Horst Meier und Claus Leggewie die Forderung nach der Auflösung des Verfassungsschutzes. Judith Butler wehrt sich in der FR gegen den Vorwurf des Antisemitismus. In der SZ beurteilt Drehbuch-Guru Robert McKee die narrativen Qualitäten des US-Wahlkampfes. Die NZZ sieht im Internet eine nachkapitalistischen Wissensordnung am Werk. FAZ und NZZ porträtieren John Cage zum bevorstehenden 100. Geburtstag.

Klickstrecken mit Zitaten

31.08.2012. Die FAZ erzählt die sensationelle Geschichte eines von einem Nazikonkurrenten versteckten und nun wieder aufgefundenen Manuskripts Erwin Panofskys. Beim Thema Beschneidung lässt sich Ludger Lütkehaus in der NZZ von Kant inspirieren: "Handle stets so, dass du deine Kinder nicht ohne Not religiös determinierst!" Stefan Niggemeier findet in seinem Blog noch eine Menge anderer Applikationen für ein Leistungsschutzrecht. Die Welt ist gefesselt von Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann. Die taz schickt eine erste Kolumne vom Filmfest Venedig: über Xavier Giannolis kulturkritischen Film "Superstar".

Das Internet war eine Episode der Freiheit

30.08.2012. Der Perlentaucher verzichtet heute zum ersten Mal auf seine Presseschau, weil wir glauben, dass Internetmedien gegen die Berichterstattung der Printmedien zum Leistungsschutzrecht die Idee einer freien Zirkulation von Informationen hochhalten müssen. Das von der Bundesregierung angedrohte Gesetz ist ein Einschnitt in der Geschichte der deutschen Öffentlichkeit.

Unabhängigkeit und so Gedöns

29.08.2012. Die FAZ bringt ein ureuropäisches Stimmengewirr von Autoren zur Krise: Da gibt's die spirituelle Fraktion, die revolutionäre Fraktion, die indifferente Fraktion. Aber nur einer spricht von Selbstverantwortung. In der SZ ärgert sich Liao Yiwu über westliche Sinologen, die immer wieder das Regime in China verteidigen.  FR und SZ fragen, ob Judith Butler trotz ihrer Unterstützung für die Israel-Boykott-Bewegung den Adorno-Preis bekommen soll und finden: ja beziehungsweise nein. Irights.info stellt den neuesten Entwurf für ein Leistungsschutzrecht vor: Aggregatoren brauchen wieder eine Lizenz zum Zitieren.

Einfach nur so ein Lied

28.08.2012. In der NZZ schreibt Osteuropa-Historikerin Monica Rüthers über den neuen Feminismus in Russland und der Ukraine. Die Welt erzählt von der feindlichen Übernahme eines Films über die Treuhand. In der FR fragt Götz Aly, warum der von den Nazis ermordeten Behinderten nur so schüchtern gedacht wird. Laut FAZ geschah in Weimar ein Wunder: das Wunder der Aria. In der SZ erklärt der Harvard-Professor Jeffrey F. Hamburger, warum ihm die Pläne für die Berliner Gemäldegalerie ein solches Unbehagen bereiten.

Die sich so erholsam räkelt

27.08.2012. Für die taz spricht Gabriele Goettle mit der Frau von der Fürsorge. In der NZZ jongliert  Martin Walser wieder mit Hölderlin-Zitaten. Diesmal geht's aber nicht um Europa, sondern um Religion. Atheisten in Amerika geht's schlecht, stellt good.is fest: Sie sind die einzige Gruppe, die jeder in diesem Land noch offen verabscheuen darf. Die Welt ging nach Baden-Baden und fand dort Luxe, calme et volupté: allerdings nur im Museum. Das Niemanlab stellt fest: Die Zeitungen sind noch gar nicht tot, da geht's den Homepages an den Kragen. Außerdem betten wir die Berliner Rede von Tim Berners-Lee ein.

Ich dementiere energisch

25.08.2012. In der NZZ wirft Christian Saehrendt der Documenta intellektuelle Verlogenheit vor. Die Welt sieht Simon Rattle verloren für blaugespülte amerikanische Sponsorenwitwen. In der FR widerspricht die Comic-Künstlerin Marie Marcks ihren Laudatoren. Vielleicht könnten die Feuilletons zur Abwechslung einfach mal mal einen guten Krimi besprechen, schlägt Thomas Wörtche in der taz vor. In der SZ hält der Jurist Reinhard Merkel fest: Es gibt keine juristische Rechtfertigung für die Beschneidung von Kindern, höchstens eine politische. In der FAZ erzählt Alexander Kluge eine Arztgeschichte. Laut New York Times ist Apple der Weltherrschaft einen Schritt näher gekommen.

Verhängnisvolle Interaktion

24.08.2012. In der Welt unterstützt Richard Herzinger den Vorschlag, den 23. August  - den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts - zum Gedenktag für alle Opfer des Totalitarismus zu machen. Die SZ freut sich, obwohl es ja auch irgendwie traurig ist: die beste Jazzplatte des Jahres stammt aus dem Jahr 1979. In der FAZ geht die Debatte über den Westen und Syrien weiter. Die taz wirft einen Blick auf die Theaterszene in Argentinien. Die NZZ wirft dem Internet Feuilletonismus vor. 

Im Schneckengehäuse der trudelnden Medieneffekte

23.08.2012. In der NZZ vermisst Kurt Drawert eine Kultur des Scheiterns. Buzzfeed enthüllt, wie Google mit jenen Mitarbeitern umgeht, die für die Firma Tag für Tag finsteren Content wie Kinderpornos und islamistische Snuff  Movies löschen. Thomas Steinfelds Krimi "Der Sturm" muss sich jetzt vor dem unbestechlichen Auge der Literaturkritik bewähren, findet Hans-Ulrich Gumbrecht im Freitag. Was werden die Leser die FAZ und SZ denken, die über diese Geschichte noch gar nicht informiert wurden?, fragt die FR. In der Zeit träumt Sibylle Lewitscharoff vom großen Europa-Roman.

Selbst der Lärm ist kontrolliert

22.08.2012. Welt, SZ und FAZ sind hin und weg von Zimmermanns "Soldaten" in Salzburg, die Ingo Metzmacher kongenial dirigiert: wunderfein wie Mondscheinmusik, rühmt die Welt. Geht immer bis an die Ränder des Stimmumfangs, schwört die SZ. Diese Musik brüllt uns an, freut sich die FAZ. Außerdem: In Rumänien kann man wieder offen seine Liebe zu Ceausescu bekennen, berichtet die NZZ. In der Abendzeitung probt Joseph von Westphalen korrekte Umgangsformen im Zeitalter von Multikulti.