Vorgeblättert

"Wie konnte das geschehen?" Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen

Ausgewählte Leseproben.
19.08.2025. Der Mord an Zivilisten und Kriegsgefangenen wurde in der Wehrmacht schnell zur Normalität. Da sich sehr viele Soldaten von ihren politischen Führern schnell gegen jede "Humanitätsduselei" immunisieren ließen, betrachteten sie gegnerische sowjetische Soldaten, Juden, sowjetische Kommissare und Zigeuner als "Untermenschen und Bestien. Die wenigstens Soldaten dachten sich etwas dabei, vor allem dann, wenn ein gefangener Rotarmist schöne warme Stiefel besaß.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel IX. 3, Seiten 423-425 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.

Feldwebel Werner Viehweg (1912 – 1942) wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Sein Vater Erich Viehweg (1880 – 1950) war 1923 sächsischer Schulrat geworden, wurde 1933 als Erster entlassen und 1945/46 als Ministerialdirektor im Dresdener Kultusministerium reaktiviert. Das Kriegstagebuch, das sein Sohn Werner 1941/42 in Polen und Russland führte, dokumentiert, wie regimekonform die drei Söhne Viehwegs geworden waren – trotz sozialistischer Erziehung.

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Wie Rüter nimmt Viehweg vor dem Einmarsch in die Sowjetunion, gewissermaßen zur Eingewöhnung, am Jugoslawienkrieg teil. Auf dem bald folgenden Marsch durch Ostpolen Richtung Ukraine notiert er: »Auffallend die vielen Juden. Ich lernte sie in ihrem Dreck so richtig kennen, als ich unverhofft ins Judenviertel kam. Überall saßen die ekelhaften Gestalten vor ihren von Dreck starrenden Läden und mauschelten jiddisch.« Aus der Ukraine berichtet er: »In der Nähe hatte vor einigen Stunden ein Überfall versprengter Russen auf einen Trupp Flaksoldaten stattgefunden; sechs Mann waren dabei ermordet worden. Bei der Gegenaktion schnappte man an die 100 Russen, die größtenteils erschossen wurden. Nur einige hatten eine Gnadenfrist erhalten, um verhört zu werden.« Am 13. August 1941 protokolliert er diese Szene:

Dann bummelte ich durch die trostlose Stadt, als dauerndes Schießen verriet, dass eine Erschießung im Gange war. Ich kam gerade hin, als die beiden letzten Raten drankamen. Jedes Mal wurden sechs Mann an die Grube geführt; sie mussten niederknien. Ein Ukrainer gab ihnen Anweisungen Kopf hoch – mehr links oder rechts, dann kommandierte ein SS -Mann und die Schüsse knallten. Lautlos sackten die Leute zusammen und fielen in die Grube. Wer sich noch regte, bekam einige Schuss mit der MP. So wurde noch die letzte Rate erledigt, dann etwas Erde über die Leichen geworfen, die wie Heringe in dem Loch lagen. Ein ekelhafter Blutgeruch drang von dort heraus.

Neben der beifällig-passiven Teilnahme an weiteren Massenmorden schildert der Neunundzwanzigjährige, wie er das Abbrennen halber Dörfer bewerkstelligt, wie »das Organisationskommando« Schweine und Hühner einfängt, Honig, Getreide und Gemüse requiriert oder wie man sich in einer kühlen Oktobernacht in der Nähe von Kiew behilft: »Schnell wurden die Schulbänke zerkloppt und in den Ofen gesteckt, so hatten wir es herrlich warm.« An anderer Stelle redet er zu sich selbst: »Nur gut, dass ich mir gestern ein paar wundervolle Stiefel von einem Gefangenen besorgt hatte.«

Werner Viehweg war am 1. Mai 1937 in die NSDAP eingetreten; am 8. Februar 1942 fand er den sogenannten Heldentod. Die Familie hätte im Nachkriegsdeutschland bequem die seinerzeit hochbeliebte Erzählung verbreiten können: »Unser Großvater Erich wurde 1933 als SPD-Schulrat entlassen: Wir waren Opfer – durch und durch antifaschistisch!« Aber Werner Viehwegs Vater Erich entschied sich früh gegen ein solches Märchen. Er bewahrte das für ihn gewiss beklemmende Tagebuch seines Sohnes auf – zur mahnenden Erinnerung. So konnte später eine Abschrift für die Familie entstehen.

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Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht

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