Vorgeblättert

Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Ausgewählte Leseproben.
11.08.2025. "Wie konnte das geschehen?" ist eine Kinderfrage und zugleich die ambitionierteste Frage, die man im Blick auf die Nazizeit stellen kann. Wir werden in den nächsten Tagen einige kurze Abschnitte aus Götz Alys Buch gleichen Titels vorveröffentlichen. Es ist seine Summe, 700 Seiten dick. Und es wird Debatten auslösen.
"Wie konnte das geschehen?" ist eine Kinderfrage und zugleich die ambitionierteste Frage, die man im Blick auf die Nazizeit stellen kann. Götz Alys neues Buch "Wie konnte das geschehen?" ist seine Summe, aus der er dem Perlentaucher einige Passagen zum Vorabdruck überlässt. Die Frage ist auch im wörtlichen Sinn eine Kinderfrage: Gleich in der Einleitung erzählt Aly: "Auf das Thema gebracht hat mich vor bald dreißig Jahren meine jüngste Tochter. Sie war damals 16 Jahre alt und fragte von sich aus, ob wir gemeinsam die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen besuchen könnten. Das taten wir. Gegen Ende meinte sie: 'Sag' mal, und bei all dem war Opa irgendwie dabei?!' Ich antwortete: 'Ja – irgendwie auch.'" Mit "Auf das Thema gebracht" meint Aly das Thema, das er nun seit über vierzig Jahren in allen möglichen Facetten und in vielen Büchern, Aufsätzen und Reden beleuchtet.

Das eigentliche fragende Kind in dem Buch ist Götz Aly selbst. Er recherchiert manches Neue in dem Buch, aber er kommt auch auf bekannte Quellen zurück, Goebbels' Tagebücher, Thomas Manns Rundfunkreden, Viktor Klemperers Beobachtungen, Wilhelm Röpkes unerhörte Prophezeiungen. Vor allem aber stellt er die Kinderfrage immer neu, indem er immer wieder auch auf seinen Vater zurückkommt: "Hin und wieder erzähle ich auf den folgenden Seiten auch von ihm, nicht um mich von meinem Vater zu distanzieren, sondern um an einigen Stellen zu zeigen, wie sich das Große im Kleinen spiegelte." So erleben wir seinen Vater in der Hitlerjugend und als Soldat, als einen, der den Horror miterlebt, nicht in erster Linie anrichtet, aber mitmacht, sich nicht dagegen stellt, und der Jahrzehnte braucht, ihn zu Bewusstsein kommen zu lassen. Das Zurückkommen auf den Vater ist intermittierend, nicht das Thema des Buchs. Das Große im Kleinen spiegelt Aly ohne Sentimentalität, aber nicht ohne Mitleid: Er erzählt auch, wie der Arzt seinen Vater an den Füßen aufhängte, damit der Eiter literweise aus seiner kriegsverletzten Brust fließen konnte. So wurde Ernst Aly gerettet. Und hat bis zum Schluss durchgehalten.

Das Spiegeln des Großen im Kleinen ist es, das die Lektüre so ungemütlich und zugleich so geradezu rauschhaft macht. Es ist tatsächlich noch immer nicht alles gesagt. Es gibt vieles zu erkennen.

Götz Aly hat dem Perlentaucher schon im Jahr 2002 seinen ersten Text zur Verfügung gestellt, wir sind stolz, nun auch "Wie konnte das geschehen?" präsentieren zu dürfen. Aly selbst hatte die Idee, von dem üblichen längeren Vorabdruck abzusehen und stattdessen Schlaglichter auszuwählen, kurze Abschnitte von etwa zwei Buchseiten, die zeigen, wie er bestimmte Aspekte neu beleuchtet: Ja, der Kunstwelt ging es prächtig unter den Nazis, und war es nicht gerade die kulturlinke Schickeria aus der Weimarer Zeit, die von Goebbels so betüddelt wurde? Wussten Sie, dass die Protestanten doppelt so oft für die Nazis gestimmt haben wie die Katholiken? Und wussten Sie auch, wie Hitler, der die Katholische Kirche mehr fürchtete als die Gewerkschaften, die Priester in Schach hielt? Nun, mit "Sittlichkeitsprozessen", die die Kirche ihm durch den weit verbreiteten sexuellen Missbrauch in der Institution ermöglichte. Und übrigens: Mit der Arbeiterschaft hatte Hitler geradezu ein Tête-à-Tête.

Um all diese Aspekte geht es in den Passagen, die wir in den nächsten Tagen ein bisschen wie eine Kolumne vorabrucken werden, auch um das instrumentelle Verhältnis der Nazis zum Antisemitismus - hier könnte es Widerspruch und Feuilletondebatten geben - und um das frühe Bewusstsein von der Niederlage.

Das Buch erscheint am 26. August. Wenn Sie es bei eichendorff21 bestellen, unterstützen Sie auch ein bisschen den Perlentaucher. Wir danken Götz Aly und dem Verlag S. Fischer für die großzügige Genehmigung zur Publikation.

Thierry Chervel


Götz Aly: Wie konnte das geschehen?
Deutschland 1933 bis 1945

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025, gebunden, 768 Seiten, 34 Euro.

Erscheint am 26. August 2025

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Mehr Informationen beim S. Fischer Verlag

Klappentext: Warum stimmten 1932/33 so viele Deutsche für eine entschlossene Führung? Götz Aly zählt zu den bekanntesten Autoren zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust – hier stellt er die zentrale Frage: Wie konnte das geschehen?
In einer schweren Krise wurde die NSDAP 1932 zur mit Abstand stärksten Partei gewählt. Bald konnte sie die Macht übernehmen und auf wachsende gesellschaftliche Zustimmung bauen. Hitler brauchte den Krieg – das Volk fürchtete sich davor. Dennoch terrorisierten schließlich 18 Millionen deutsche Soldaten Europa. Wie kam es dazu? Warum beteiligten sich Hunderttausende an beispiellosen Massenmorden?
Die Antwort ist vielschichtig. Die NSDAP versprach den Deutschen Aufstieg und Wohlstand, zugleich hielt man die Menschen in Bewegung, keine Atempause, keine Zeit zum Nachdenken, so ging es Richtung Krieg. Als der Glaube an einen Sieg nachließ, wurde aus der Volksgemeinschaft eine Verbrechensgemeinschaft. Jeder konnte wissen, welche Schuld die Deutschen auf sich luden, die Angst vor dem, was nach einer Niederlage geschehen würde, wurde bewusst geschürt.
Götz Aly schildert die Herrschaftsmethoden, mit denen die NS-Machthaber Millionen Deutsche in gefügige Vollstrecker oder in vom Krieg abgestumpfte Mitmacher verwandelten – und von denen nicht wenige beängstigend aktuell sind.

Zum Autor: Götz Aly, geboren 1947 in Heidelberg, ist Historiker und Journalist. war Redakteur bei der taz und bei der Berliner Zeitung. Mehrere Jahre war er Gastprofessor für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main. Heute arbeitet er als freier Autor. Er hat wichtige Veröffentlichungen zur Sozialpolitik und zur Geschichte des Nationalsozialismus vorgelegt, darunter 2015 "Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus", 2011 "Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933", 2008 "Unser Kampf. 1968" sowie 2013 "Die Belasteten. 'Euthanasie' 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte". Im Februar 2017 erschien seine große Studie über die europäische Geschichte von Antisemitismus und Holocaust "Europa gegen die Juden 1880-1945". Für dieses Buch erhielt er 2018 den Geschwister-Scholl-Preis. Zuvor war er 2002 mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet worden, 2003 mit dem Marion-Samuel-Preis und 2012 mit dem Ludwig-Börne-Preis. Aly ist außerdem Mitherausgeber der Quellenbände zur "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945".

Zu den Leseproben:

Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht

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