"Wie konnte das geschehen?" Teil 3: Priester einschüchtern
Ausgewählte Leseproben.
13.08.2025. "Wir haben weder Ruh noch Rast, bis der Bischof hängt an einem Ast." Die Katholiken waren wesentlich weniger begeistert von den Nazis als die Protestanten. Die Widerspenstigkeit der Katholischen Kirche fürchtete Hitler darum mehr als die manch anderer Gruppen. Aber die Kirche bot eine fantastische Angriffsfläche: Sexuellen Missbrauch.
Im Rückblick bezeichnete Hitler nicht etwa Sozialdemokraten, Liberale und Kommunisten als diejenigen, die ihm 1932/33 die meisten Schwierigkeiten bereitet hätten, sondern die katholische Zentrumspartei, schreibt Götz Aly im Kapitel IV, Seite 199. Wie schon in Teil 1 dieser Vorschau angemerkt war die Begeisterung der Protestanten für die Nazis wesentlich größer als die der Katholiken. Zum Glück für die Nazis bot die Kirche eine Angriffsfläche: Massenhafter sexueller Missbrauch durch Priester. Die Nazis lancierten 1935 eine erste Welle von "Sittlichkeitsprozessen". 1937 ging es mit Hilfe einer in Koblenz eingerichteten Sonderstaatsanwaltschaft weiter.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel IV. 3, Seiten 202-204 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.
Hitler hatte diese zweite, propagandistisch wesentlich intensiver genutzte Welle der »Pfaffenprozesse« genehmigt. Er unterbrach sie im Sommer 1937 dauerhaft, nachdem er den katholischen Oberhirten hatte bedeuten lassen, dass man die noch schwebenden Verfahren jederzeit weiterführen könne, falls sich der Klerus weiterhin in die Staatsgeschäfte einmischen würde.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gestützt auf Geständnisse und oftmals gut beweisbare sexuelle Missbrauchstaten, zielen die Vernehmungen und Haftbefehle, die Durchsuchungen in den bischöflichen Ordinariaten Köln, Trier und Aachen sowie die Serie öffentlicher Prozesse und schlüpfrig-andeutungsvoller Presseberichte allein darauf, »die Klerisei ganz mundtot« zu machen, wie Goebbels mehrfach und geradewegs beglückt schreibt. Die Bischöfe und Generalvikare von Mainz und Trier müssen sich hochnotpeinlichen Verhören unterziehen. Praktisch erfolgt der Angriff auf die katholische Kirche von zwei Seiten, wie Goebbels präzisiert: »Wir machen die Pfaffen nun mit Prozessen und durch Wirtschaftsdruck tot. (...) Das zieht auf die Dauer. Und wenn nun noch die Koblenzer Prozesse neu aufleben, na prosit.«
Im Gegensatz zu den 1935/36 geführten Prozessen verhandeln die Gerichte jetzt öffentlich. Angefeuert von ihrem Minister, entfalten Dutzende willige Journalisten eine furiose Kampagne. Sie organisieren Tonaufnahmen aus den Prozessen, schreiben Hunderte Berichte und Reportagen, die mit vielen, von den Tatopfern bezeugten Details die voyeuristische Lust des Publikums reich bedienen. Trotz starker Verkürzungen, Übertreibungen und gelegentlich grober Verfälschungen von Aussagen enthalten die Zeitungsberichte in aller Regel einen wahren Kern.
Am Abend des 28. Mai 1937 hält Goebbels in der Berliner Deutschlandhalle die zentrale, im Rundfunk übertragene Rede über die »sittliche Verkommenheit« des katholischen Klerus. Sie beginnt mit wohlgesetzten Worten: »Wie eine schwere Wolke lastet in der letzten Zeit die Kirchenreaktion über dem inneren Frieden und der Einheit Deutschlands. Die beispiellosen Zustände sittlicher Verkommenheit, die schon durch den geringen Teil der bisher durchgeführten Prozesse gegen katholische Geistliche und Mönche zutage gefördert wurden, haben die Nervosität und den Hass des katholischen Klerus aufs Höchste gesteigert.«
Während die katholische Kirche »bedauerliche Einzelfälle« einräumt, wettert Goebbels gegen »Tausende und Abertausende von kirchlichen Sexualverbrechern«. Ertappt und eingeschüchtert verschanzen sich die Kirchenmänner hinter der angeblichen Befürchtung, die Zeitungsberichte über die sexuellen Praktiken ihrer angeklagten Brüder gefährdeten »die Sittlichkeit der Jugend«. Wortmächtig kontert Goebbels, wer tatsächlich »das leibliche und seelische Wohl der Jugend auf das Ernsteste« bedrohe, und kündigt an: »Ich kann mit allem Nachdruck vor dem deutschen Volk, das in dieser Stunde mein Zuhörer ist, betonen, dass diese Sexualpest mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden muss und wird.«
Er brandmarkt die Praxis, jene Priester, die bekanntermaßen sexuelle Straftaten an Jugendlichen begangen haben, immer »von neuem in andere Pfarreien« zu versetzen oder sie abseits vom pastoralen Gemeindedienst ausgerechnet in Erziehungsanstalten für Jugendliche unterzubringen. Des ungeachtet, so Goebbels, denunzieren die Kirchenoberen die staatliche Jugenderziehung in der Hitlerjugend, »die frisch, unmuffig und unprüde ist«, als »angeblichen Sittenverfall«. Die Geistlichen würden sich nicht genieren, spottet er, »die Länge der Badehosen spielender und turnender Knaben und Mädchen« nachzumessen, um »zentimeterweise den sittlichen Tiefstand unserer Zeit anzuzeigen«. Derart heuchlerisches Getue müsse man sich trotz »der himmelschreienden sittlichen Verwilderung« anhören, »die sich, wie die Prozesse es dartun«, in den Klöstern »und in weiten Kreisen des katholischen Klerus breitgemacht« habe. Dem feurigen Auftakt folgt die kühle, durch und durch heuchlerische Ansage Goebbels’, die überführten Täter würden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen: »Man kann nicht widernatürliche Unzucht vor dem Gesetz mit Strafe belegen und dann Tausende von Geistlichen und Ordensbrüdern trotz ihrer Verbrechen straffrei lassen; sonst hört das Recht auf, Recht zu sein, und die Justiz wird zu einer parteiischen Institution im Dienste der Kirche.«
Goebbels’ Auftritt zeigt auch, wie leicht sich mit Hilfe einer agitatorisch aufgepeitschten Öffentlichkeit pogromartige Ausschreitungen der »kochenden Volksseele« erzeugen lassen. Unmittelbar nach der Rede ziehen in Mainz Demonstranten zum bischöflichen Palais, unterwegs erhalten sie weiteren Zulauf, am Ziel angekommen schmähen sie bis kurz vor Mitternacht den Bischof als Schwein und verständigen sich schnell auf den Sprechchor: »Wir haben weder Ruh noch Rast, bis der Bischof hängt an einem Ast.«
Norbert Gstrein: Im ersten Licht Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes… Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit Judith Hermann folgt den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner… Jana Hensel: Es war einmal ein Land In ihrem neuen Buch erzählt die Bestsellerautorin Jana Hensel vom Ende eines großen Traums. Denn das, was vor über 35 Jahren als Aufbruch in eine neue Ära begann, wird nun… Robert Menasse: Die Lebensentscheidung Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89.…