Vorgeblättert

"Wie konnte das geschehen?" Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung

Ausgewählte Leseproben.
21.08.2025. Allen Hasstiraden zum Trotz wollte Joseph Goebbels 1942 keine toten Ostarbeiter, sondern lebende, die noch arbeiten konnten. Wie sonst hätte man sich den Krieg und daneben eine allgemeine Rentenerhöhung für die Deutschen leisten können, ohne dass diese auch nur einen Pfennig höhere Beiträge dazu zahlen mussten.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel IX. 5, Seiten 452-454 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.

Im Goebbels-Tagebuch lässt sich nachlesen, wie wenig sich der prominente Schreiber um die sogenannte Weltanschauung scherte. Am 12. September 1942 bemängelte er zum Beispiel, »die schlechte Ernährung und schlechte Behandlung, die man den Ostarbeitern im Reichsgebiet zuteilwerden« lasse, womit ein Mangel an Arbeitskräften und Arbeitswillen heraufbeschworen werde. Völlig unideologisch, allein von praktischen Erwägungen getrieben, wandte sich Goebbels gegen einen »unangebrachten« völkischen Doktrinarismus, gegen Funktionsträger, die sich blindlings »damit beschäftigen« würden, »unsere Weltanschauung zu exerzieren« – gerade so, »als gehe sie der Kriegsausgang gar nichts an«. Offenbar folgten derartige Parteigenossen dem Satz: »Lieber (mag) das Reich zugrunde gehen, als dass die nationalsozialistische Weltanschauung in ihrer Durchführung eine Einbuße erleide.« Wenn es nach ihm ginge, fuhr Goebbels fort, »würde man jetzt nicht so viel fragen, wie und wieso, dieses oder jenes mit unserer Weltanschauung in Übereinstimmung gebracht werden könne«, sondern endlich einsehen, »der Weltanschauung des Nationalsozialismus« diene »man am besten dadurch, dass man jetzt für den Sieg arbeitet«. Dafür verlangte er vor allem »Elastizität«.

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Wie elastisch es dabei zuging, lässt sich auch an der Rentenpolitik zeigen. Wie im Umkreis Hitlers war die Stimmung und Siegeszuversicht der älteren Deutschen bereits im Sommer 1941 rapide abgesackt. Sie erinnerten sich nur zu gut an die verheerenden Folgen des Zweifrontenkriegs im Ersten Weltkrieg, an den Hunger, die Niederlage und die Inflation. Hitler konnte darauf weder mit weltanschaulicher Ertüchtigung noch mit massenhaften Todesurteilen wegen Heimtücke gegen Staat und Partei reagieren. Stattdessen besann er sich auf ein allgemein bekanntes und in sehr viel kleinerem Maßstab von Politikern fast jeder politischen Couleur gerne angewandtes Gegengift: Gemeinsam mit Göring verfügte er eine allgemeine Rentenerhöhung um durchschnittlich 15 Prozent. Wobei für die wenig bemittelten Rentenempfänger – insbesondere für Witwen und Waisen – die ausbezahlten Sozialleistungen um bis zu 30 Prozent zulegten. Trotz der massiven Erhöhung mussten die lohnabhängigen deutschen Erwerbstätigen nicht einen Pfennig mehr an die Rentenkassen entrichten. Laut Gesetz erhöhten sich dadurch die Reichszuschüsse an die Rentenversicherungsanstalten und Krankenkassen.

Auch das war gelogen. In Wirklichkeit bezahlten andere dieses Geschenk an die deutschen Senioren und Seniorinnen sowie an die Witwen und Waisen, nämlich die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der deutschen Industrie. Für sie mussten die Unternehmen die Löhne auf Sperrkonten bezahlen, aber zuvor verdoppelte Sozialabgaben an die Sozialversicherungsträger überweisen. Infolgedessen sank der Reichszuschuss für die Rentenversicherung trotz der erheblich gestiegenen Leistungen.

Außerdem tilgte die Rentenreform einen wichtigen sozialpolitischen Mangel, der dem 1883 eingeführten System der gesetzlichen Krankenversicherung für Industriearbeiter, Bergleute, Beschäftigte in Handwerks- und Gewerbeunternehmen aller Art bis dahin angehaftet hatte: Bis 1941 schieden die Versicherten am Ende ihres Arbeitslebens automatisch aus der Krankenkasse aus. Bis dahin hatten in Deutschland die Familien oder Wohlfahrtseinrichtungen für die Arzt- und Krankenhauskosten der vielen nicht versicherten Alten aufzukommen. Da diese wichtige Reform in der gängigen sozialgeschichtlichen Literatur, wenn überhaupt, dann nur widerwillig gestreift wird, sei zum Beleg, der entsprechende Passus aus einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 2014 zitiert:

Das Recht der Krankenversicherung der Rentner ist erst seit 1941 im System der sozialen Sicherung verankert. Ursprünglich sah die Sozialversicherung eine Krankenversicherung der Rentner nicht vor; der Schutz der erkrankten Rentenbezieher, die nicht selbst für sich sorgen konnten, fiel in den Bereich der öffentlichen Fürsorge. 1941 wurde dann die Krankenversicherungspflicht auf alle Invaliden- und Angestelltenrentner erstreckt.

In einer gewaltigen Propagandaoffensive verkündeten die Zeitungen am 30. Juli 1941 das neueste Sozialgeschenk unter der einheitlichen Überschrift »Große Verbesserungen in der Rentenversicherung – Einführung der Krankenversicherung für Rentner« und wiesen ebenso einheitlich darauf hin, dieses »wichtige Gesetz« sei soeben vom »Führer unterzeichnet« worden. Es trat am 1. August in Kraft. Welchen Nebeneffekt das Gesetz hatte und haben sollte, meldete die Gauleitung Magdeburg-Anhalt am 15. August 1941 an die Parteikanzlei Hitlers: Die großzügige Rentenreform fördere das Vertrauen jener Kreise zum Führer, in denen »häufig geäußert« werde, der Nationalsozialismus habe »für die alten und schwachen Volksgenossen nichts übrig« und wünsche deren »schnelle Vernichtung«.

Diejenigen, die in dieser kritischen Phase das Volk im Auftrag der Führung aushorchten, beschrieben »die stimmungsmäßigen Auswirkungen« der deutlich verbesserten Rentengesetzgebung als »eine ganz große Freude«. Die Kundschafter des Sicherheitsdienstes betonten, »dass sich ein greifbarer Erfolg, wie diese Rentenerhöhung, viel günstiger auswirke als Aufsätze und Reden über zukünftige Pläne«. Die allermeisten Leute zeigten sich positiv überrascht. Mitten im Krieg hatten sie ein solches Sozialgeschenk nicht entfernt erwartet.

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Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht

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