Vorgeblättert

"Wie konnte das geschehen?" Teil 5: Konkursverschleppung

Ausgewählte Leseproben.
15.08.2025. "Denkt daran, dass es verhängnisvolle Quacksalberei gewesen ist, mit der Hitler das deutsche Volk getäuscht hat", schrieb Carl Friedrich Goerdeler drei Tage vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945. Wie der Ökonom Wilhelm Röpke hatte auch er früh erkannt, wie Hitler wirtschaftete: mit halsbrecherischen Krediten, dann durch Raub an den Juden und den Völkern in den eroberten Gebieten.
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Immer wieder zitiert Götz Aly in "Wie konnte das Geschehen?" auch die Hellsichtigen. Zu ihnen gehörten etwa der 1933 ins Exil getriebene Ökonom Wilhelm Röpke oder Carl Friedrich Goerdeler, bis zum Januar 1937 Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, der später in Plötzensee hingerichtet wurde. Beide benannten früh ein Prinzip der Hitlerschen Politik: Kredite, die später durch Raub refinanziert werden sollten. Um die finanziellen Größenordnungen besser zu verstehen, sei gesagt: Die Reichseinnahmen betrugen 1933 sechs Milliarden Reichsmark, bis 1938, auf dem Höhepunkt der Vollbeschäftigung und des Rüstungsbooms, waren sie auf 18 Milliarden Reichsmark angestiegen.

Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel VI. 2, Seiten 288-290 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.


Die infolge der Aufrüstung und der enormen laufenden Kriegskosten ständig wachsenden Staatsschulden ließen sich auch nach dem Sieg über Frankreich, Belgien und die Niederlande im Sommer 1940 nicht entfernt aus der dort herauszupressenden Kriegsbeute decken. Das wusste Hitler. Auch das motivierte ihn zum Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, wie er im Frühjahr 1942 mehrfach in seinen Gesprächen betonte: »Seit Wiedereinführung der Wehrpflicht hat unsere Rüstung bisher (!) völlig ungedeckte Beträge verschlungen.« Wenn diese immer noch bestehenden und täglich anwachsenden Schuldenberge »nicht auf die Deutschen abgewälzt« werden sollen, dann müssen sie »aus den möglichen Gewinnen der besetzten Ostgebiete bezahlt« werden. Da im Fall der Niederlage ohnehin alles verloren sei, müsse man »rücksichtslos auf die Parole ›Sieg‹ setzen«. Dann, und nur dann, spielten »die für Wehrmachtszwecke ausgegebenen Milliarden« angesichts der Rohstoffvorräte im russischen Raum »überhaupt keine Rolle« mehr. Zudem würden die 20 Millionen billigen ausländischen Arbeitskräfte, die in den deutschen Wirtschaftsprozess einzuschalten seien, einen Gewinn erbringen, »der die durch den Krieg entstandenen Reichsschulden bei weitem übertreffen« werde.

Als Oberbürgermeister von Leipzig und – mit kurzer Unterbrechung von 1931 bis 1935 – Reichskommissar für Preisüberwachung kannte sich Carl Friedrich Goerdeler in den öffentlichen Finanzen bestens aus. Ähnlich wie Röpke erkannte er, wie Hitler über die kriegerische und beutebasierte Restrukturierung der Reichsfinanzen dachte. Von Röpkes wirtschaftsliberalem Denken trennten ihn Welten, ebenso vom ungebremsten Deficit spending der NS-Regierung. Diese hatte Goerdeler zunächst im Amt belassen und versucht, ihn als Bindeglied zum wertkonservativ-nationalen Bürgertum zu nutzen. Weil aber sein Handlungsspielraum mehr und mehr eingeschränkt wurde, reichte Goerdeler 1936 seinen Rücktritt ein. Hinfort machte er sich als wohlinformierter Privatier Gedanken über Deutschlands Zukunft und fasste sie in Denkschriften zusammen, die er einem kleinen Kreis von Lesern zukommen ließ.

Früh bezeichnete er das staatliche Ausgabengebaren als »finanziellen Wahnsinn«. Mitte 1943 schätzte Goerdeler die Bombenschäden auf mehr als 100 Milliarden und die täglich anwachsenden Staatsschulden auf 250 Milliarden Reichsmark. Im Frühsommer 1944 summierte er die Reichsschuld auf mindestens 400 Milliarden Reichsmark, »zu denen noch die Summe der im Krieg zerstörten Werte« hinzugerechnet werden müsse. Die ins Astronomische gewachsenen Bombenschäden und Verluste infolge von Verschleiß der Maschinen und der Infrastruktur notierte er nicht mehr.

Nachdem Goerdeler wegen der führenden Mitwirkung am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 verhaftet und zum Tode verurteilt worden war, verfasste er am 31. Januar 1945, drei Tage vor der Hinrichtung, sein an lernbereite Nachgeborene gerichtetes Politisches Testament: »Denkt daran, dass es verhängnisvolle Quacksalberei gewesen ist, mit der Hitler das deutsche Volk getäuscht hat.« Von 1933 bis 1939 habe er 40 Milliarden Reichsmark Schulden gemacht »und dafür Kasernen, Prunkgebäude, Waffen und Straßen geschaffen«.

Diese Schulden, deren Vorteile das Volk blindlings genossen habe, führten in den Krieg. Denn sie »entwerteten die deutsche Mark«. Hitler »musste die Grenzen gegen immer teurere Einfuhren sperren, zu Ersatzstoffen, zur Autarkie, zur Rationierung von Fett und Fleisch, zur Zwangswirtschaft greifen«. Zurückbezahlt werden konnten die Schulden von diesem Staat nicht. Deshalb zogen es die Führer des nationalsozialistischen Deutschland vor, den seit 1938 absehbaren Zusammenbruch der Staatsfinanzen »durch Krieg zu verschleiern«. Ausdrücklich schrieb Goerdeler in sein Politisches Testament, mit seiner beispiellosen Schuldenpolitik habe Hitler »den Krieg unvermeidlich für sich selbst gemacht«. Schon 1939 hatte Hans Schlange-Schöningen geschrieben: »Selbst die brutalsten Plünderungen, die jedem anständigen Deutschen die Schamröte ins Gesicht treiben müssen«, werden nicht ausreichen, um die einmal aufgerissenen Löcher zu stopfen, und fragte sich: »Wohin des Wegs? Irgendwer bezahlt.«

Hitler verursachte mit dem allein von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg die mörderischste Konkursverschleppung der Menschheitsgeschichte. Seine konservativen und ordoliberalen zeitgenössischen Kritiker Goerdeler, Schlange-Schöningen und Röpke erkannten das sehr schnell. Die entsprechenden, bereits 1960 veröffentlichten und gut dokumentierten Einsichten Wolfgang Sauers fielen, kaum dass sie publiziert worden waren, für mehrere Jahrzehnte dem Vergessen anheim. Sie passten nicht zu den lange Zeit vorherrschenden, wenig erklärenden Paradigmen »Nazi-Ideologie«, »Weltanschauungskrieg«, »Rassenwahn«, »Kapitalismus führt zum Faschismus«. Vom primitiven Raub, an dem so viele Deutsche partizipiert hatten, wollten die allermeisten Zeithistoriker bis zur Jahrtausendwende nur selten etwas wissen.

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Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht

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