"Wie konnte das geschehen?" Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Ausgewählte Leseproben.
18.08.2025. Zahllose in den Weimarer Jahren ganz überwiegend in linken, liberalen und freigeistigen Kreisen verortete Künstler spielten fröhlich und privilegiert bis zum Schluss mit. Manche, wie Erich Kästner, bauten kleine Botschaften gegen die Herrschenden in ihre Werke ein, die das nicht kratzte. Ob sie nun Wilhelm Furtwängler hießen oder Heinrich George, Marika Rökk, Emil Jannings oder Johannes Heesters: Ihnen ging's prächtig.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel VII. 2, Seiten 322-324 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.
Nachdem Goebbels den Zweiten Weltkrieg im August 1939 mit dem Schlager „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ eingeläutet hatte, schwor er sein Volk seit 1941 auf den totalen Krieg ein. Dabei half 1942 der weit über das Kriegsende hinaus populäre, von Zarah Leander (1907 – 1981) schmiegsam gesungene Schlager »Davon geht die Welt nicht unter« – »Sieht man sie manchmal auch grau. / Einmal wird sie wieder bunter / Einmal wird sie wieder himmelblau«. Solche lässig intonierten Merksätze schmückten den Film »Die große Liebe« (eine Frau, zwei Männer). Die Premiere zelebrierte man am 12. Juni 1942 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt stieß Erwin Rommel (1891 – 1944) in Nordafrika fast – eben nur fast – bis zum Suezkanal vor; sich zu Tode siegend erstürmten Hitlers Gebirgsjäger wenig später den höchsten Gipfel des Kaukasus. Nach der internen Erstvorführung urteilte Goebbels: künstlerisch nicht anspruchsvoll, jedoch »ein sehr starker Publikumsreißer«. Gemeinsam mit Göring machte er sich über die Herren vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) lustig, die mit moralischer »Zimperlichkeit« daherkamen. Den Stein des Anstoßes bildete eine Szene, in der ein deutscher Fliegerleutnant mit einer berühmten Sängerin eine angenehme Nacht verbringt. Das OKW: »Ein Fliegerleutnant handelt nicht so.« Göring und Goebbels im Chor: Wer »eine solche Gelegenheit« nicht nutzt, ist »kein Fliegerleutnant«!
Bestellen Sie bei eichendorff21!Rund 27 Millionen Zuschauer strömten in diesen Film, der vage und wohlgemut in der Kulisse einer dezent geschönten Gegenwart spielte: mit Luftschutzbunkern, verwundeten Soldaten, knappen Lebensmitteln usw. An einigen Stellen wurden wohlbekannte aktuelle Szenen aus den Wochenschauen in den ansonsten fiktionalen Ablauf hineingeschnitten. Ein Beispiel ist die Szene am Brandenburger Tor, als der reale Führer dort am 22. Juni 1941 aus einem der vielen öffentlich postierten Lautsprecher in aller Verlogenheit erklärte, warum Deutschland die Sowjetunion überfallen und zerschlagen müsse: »(Weil) Moskau die Abmachung unseres Freundschaftspaktes nicht nur gebrochen, sondern in erbärmlicher Weise verraten (hat). Ich habe mich deshalb entschlossen, das Schicksal und die Zukunft des Deutschen Reiches und unseres Volkes wieder in die Hand unserer Soldaten zu legen.«
Kriegerisch gestimmt, jedoch lustvoll-lustig, bereitete die Liebesklamotte mit dem zweiten Zarah-Leander-Couplet auf den Winter von Stalingrad vor: »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n / Und dann werden tausend Märchen wahr« – am Ende gereimt auf »wunderbar«. Gedichtet hatte diesen Schlager, wie schon den »Seemann«, der wegen seiner Homosexualität mehrfach drangsalierte Bruno Balz (1902 – 1988); Komponist war Michael Jary (1906 – 1988). Beide verstanden sich nicht entfernt als Unterstützer des Nationalsozialismus, aber ihre Werke amüsierten Goebbels königlich, und der hielt seine Hand über sie. Während der Winterkrise 1941/42 an der Ostfront befasste sich Goebbels kurz mit den von ihm mitgelenkten Musiksendungen des seit dem 1. Januar 1939 so bezeichneten Großdeutschen Rundfunks. Sie erfreuten »Jung und Alt und Stadt und Land«, allerdings seien angesichts der Kriegslage »hier und da schon Stimmen zu vernehmen, denen zu viel Musik, vor allem leichte Musik gesendet« werde. Von solchen Einreden ließ sich Goebbels nicht beirren. Er setzte weiterhin auf Gute-Laune-Programme statt auf getragene, schicksalsgrüblerische ernste Musik oder gar Trauermärsche in b-Moll.
Ähnlich wie im Fall von Bruno Balz verhielt es sich mit dem Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens (1899 – 1963). Ihn hatte Goebbels 1934 »unter seine Fittiche« genommen. Am 29. Juli 1937 bemerkte er über seinen Schützling, »diese 175er sind ja alle hysterisch wie die Weiber«; ein paar Monate später, am 25. Dezember 1937, meinte er: »Gründgens zum Generalintendanten ernannt. Der wird noch Kaiser.« Dabei sei »der ganze Gründgens-Laden vollkommen schwul«. Am 13./14. Juni 1938 begeisterte sich Goebbels: »Wir verbringen Mittag und Nachmittag in lustiger Künstlergesellschaft. Gründgens ist zum Platzen komisch.« Zwar empfand er seinen Hamlet als »hin und wieder etwas dekadent; aber im Ganzen (als) Höhepunkt der deutschen Theaterkunst«. Der Führer mochte ihn, weil »zu unmännlich«, überhaupt nicht. Goebbels interessierte das nicht. Er brauchte Leute wie Gründgens oder auch Heinz Rühmann (1902 – 1994) für »kriegswichtige« Heiterkeit im Alltag, Freude an den neuesten Witzen, ein paar Zoten und eingängige, vom Bedrohlichen des Krieges ablenkende Melodien.
Zahllose in den Weimarer Jahren ganz überwiegend in linken, liberalen und freigeistigen Kreisen verortete Künstler spielten fröhlich und privilegiert bis zum Schluss mit. Ob sie nun Wilhelm Furtwängler hießen oder Heinrich George (1893 – 1946), Marika Rökk (1913 – 2004), Emil Jannings (1884 – 1950), Johannes Heesters (1903 – 2011) oder Caspar Neher (1897 – 1962), den mit Bertolt Brecht eine für zwölf kurze Jahre unterbrochene lebenslange Zusammenarbeit und Freundschaft verband.
Die in den 1920er Jahren vergessenen Melodien des Komponisten Paul Lincke (1866 – 1946) machte erst Goebbels wieder populär, so zum Beispiel den Schlager »Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft«, erstmals 1904 gespielt, dann in der Versenkung verschwunden und seit den 1930er Jahren wieder sehr beliebt. Im November 1941 ließ Goebbels die nicht besonders regimefromme Unterhaltungskanone zum Ehrenbürger Berlins ernennen; 1956 erhielt Lincke seine Straße, das Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg. Selbst der politisch engagierte Schriftsteller Erich Kästner (1899 – 1974), dessen Bücher im Mai 1933 demonstrativ verbrannt worden waren und der anschließend Publikationsverbot bekommen hatte, erhielt 1942 die Aufforderung, das Drehbuch zu dem opulenten Film »Münchhausen« zu schreiben, und das war nicht der einzige Auftrag. Kästner nahm an, schrieb unter Pseudonym. In dem Film warnt Casanova die schöne Isabella: »Seien Sie trotzdem vorsichtig! Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme. Und sie hat die Macht, recht und unrecht zu tun, ganz wie es ihr beliebt.« Das war längst nicht der einzige politisch anzügliche Satz, den Kästner seinem Skript beigab. Gestrichen wurde er nicht. Niemand störte sich daran. Goebbels kommentierte nach der Mustervorführung: Der Farbfilm »befriedigt sehr«, und pries ihn mehrfach als filmische »Großleistung« für Jung und Alt.
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