Vorgeblättert

"Wie konnte das geschehen?" Teil 12: Kraft durch Furcht

Ausgewählte Leseproben.
25.08.2025. Im Januar 1943, als die 6. Armee im Kessel von Stalingrad kapitulierte,  war allen klar, dass die Niederlage unvermeidlich war. Im galoppierenden Untergang blieb nur ein Gefühl: eine überwältigende Angst vor der Rache der Alliierten.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel XI. 5, Seiten 545-548 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.

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Zu der infolge der Flächenbombardements gut gedeihenden inneren Hornhaut gesellte sich die zentimeterdicke moralische Verhornung infolge des vagen oder ziemlich konkreten und von der Regierung immer wieder deutlich-undeutlich mitgeteilten Wissens von den deutschen Verbrechen. Im zweiten Halbjahr 1942 ermordeten Deutsche täglich etwa 5500 Juden in den Gaskammern Belzec, Sobibor und Treblinka im Generalgouvernement, zudem ermordeten sie Juden in der besetzten Sowjetunion und in Auschwitz oder erschossen sie auf jüdischen Friedhöfen, in nahen Waldstücken und Schluchten. Während dieser Zeit – im Zenit des Massenmordens – kam Göring am Ende seiner im vorangegangenen Kapitel vorgestellten, dort aber erst teilweise zitierten Erntedankrede vom 4. Oktober 1942 auf die angebliche »Rachsucht« und den angeblichen Willen »der Juden« zu sprechen, alles zu »vernichten, was deutsch ist«.

Und darin mag sich keiner täuschen und nachher ankommen und sagen: »Ich bin immer ein guter Demokrat gewesen, ich habe nur notdürftig unter diesen gemeinen Nazis ... « ( ... ) Ha, der Jude wird euch die richtige Antwort geben. Ganz egal, ob ihr ihm vorwinselt, ihr seid der größte Judenverehrer oder der größte Judenhasser, er wird den einen wie den anderen behandeln. Denn seine Rachsucht gilt dem deutschen Volke. Und da kann der eine erklären, er wäre Demokrat oder Plutokrat oder Sozialdemokrat oder Kommunist oder Nazi, das ist ganz wurscht. Der Jude sieht nur den Deutschen. Und darüber macht euch nur keine falschen Vorstellungen.

Am 30. Januar 1943 fiel der normalerweise gefeierte zehnte Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung exakt und symbolträchtig mit der Kapitulation der 6. Armee im Kessel von Stalingrad zusammen. »Welchen Lärm würde man geschlagen haben«, kommentiert Hans Schlange-Schöningen, »wenn die Situation nicht allzu sehr die hektischen Züge des galoppierenden Untergangs trüge!« Die Katastrophe an der Wolga und die nunmehr schier unabwendbare Niederlage ließen sich nicht länger verheimlichen. Eigentlich hätte Hitler an diesem Tag sprechen müssen. Der aber, angeblich »bei seinen Soldaten weilend«, erwies sich als zu feige. Also sprang Goebbels in die Bresche und verlas im Berliner Sportpalast eine angeblich von Hitler verfasste Proklamation.

Als Hitlerdarsteller plädiert Goebbels für »siegen oder untergehen«, brandmarkt »die Juden« als jenes Volk, »das durch seinen Hass seit Jahrtausenden die Menschheit immer wieder aufs Neue zerfleischt, im Inneren zersetzt, wirtschaftlich ausplündert und politisch vernichtet«. Jetzt komme es darauf an, sich dieses »Krankheitserregers zu entledigen«. Folglich müsse »der gewaltigste Kampf aller Zeiten« nun bis zum Ende durchgefochten werden, um das Land für immer vor den »Barbarenhorden des Ostens« zu schützen. Aber wie? Darauf hatte Goebbels-Hitler eine probate Antwort: »Angesichts der Erkenntnis, dass es in diesem Krieg nicht Sieger und Besiegte, sondern nur Überlebende und Vernichtete geben kann«, werde der nationalsozialistische Staat den »wilden und fanatischen« Kampf ausrufen. Derartige Sätze rechtfertigten innenpolitisch den Tod von Millionen deutschen Soldaten und militärisch die von allen völkerrechtlichen Normen freie Wahl der Vernichtungsmittel.

Just in dieser Woche werfen britische Flugzeuge Millionen Flugblätter ab, die mit der fett und rot gedruckten Überschrift »Kraft durch Furcht« beginnen und die Frage stellen: »Warum will Adolf Hitler die Juden, nachdem er sie ausgeplündert und dezimiert hat, mit Hunger und Gas, Feuer und Schwert ausrotten?« Die Antwort der Verfasser des Flugblatts trifft den Kern: »Diese beispiellosen Massenmorde« sollen eine »ungeheuerliche Blutschuld« auf alle Deutschen laden und »den Hass der ganzen Welt absichtlich gegen das ganze deutsche Volk entzünden«. Damit will Hitler, schreiben die Verfasser, »jeden einzelnen Deutschen in die Untaten der SS verstricken«, um dann sagen zu können: »Die Welt wird euch Gleiches mit Gleichem vergelten. Wenn ihr nicht ausgerottet werden wollt, wie wir die anderen ausrotten, dann müsst ihr für Hitler kämpfen.«

Goebbels nimmt das Flugblatt sofort zur Kenntnis, zumal die britische Presse in Anspielung auf das längst eingestellte NS-Urlaubs- und Freizeitprogramm »Kraft durch Freude« spottet, die deutsche Führung betreibe mittlerweile »Kraft-durch-Furcht-Propaganda«. Goebbels, der stets in seiner dreidimensionalen Funktion als oberster Volksverhetzer, Volksirreführer und Volksberuhiger denkt und handelt, dementiert das nicht.

Geradezu geschmeichelt schreibt er in seinem Tagebuch, ihm werde in London nachgesagt, »das deutsche Volk in Furcht zu versetzen, um damit neue Kraft hervorzubringen«, und bestätigt: »Was ja zweifellos auch in gewisser Hinsicht der Fall sein mag.« Er bezeichnet das als »härtere Berichterstattung« über den Krieg und die Gefahren einer Niederlage und will auf diese Weise verhindern, dass »das Volk wieder etwas in Lethargie zurücksinkt«. Die von Goebbels erwünschten Wirkungen dieser Propaganda schildert Helmuth James Graf von Moltke im März 1943 seinem britischen Freund Lionel Curtis (1872 – 1955) in einem auf komplizierten Wegen verschickten Brief: Nicht wenige Deutsche glaubten jetzt, »wenn wir diesen Krieg verlieren, werden wir von unseren Feinden lebendig aufgefressen«.

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Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht

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