"Wie konnte das geschehen?" Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Ausgewählte Leseproben.
20.08.2025. Die meisten Deutschen ahnten schon im Herbst 1941, dass der Krieg verloren war. Warum haben sie trotzdem weitergekämpft? Inzwischen waren so viele Kriegsverbrechen begangen worden, dass die Angst vor einer Niederlage und der von den Nazis in Aussicht gestellten Rache der Sieger größer war als die Angst, im Kampf zu fallen.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel IX. 4, Seiten 441-443 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.
Die bedrohliche militärische Situation verstärkte den von Anfang an gewollten, nun bald gnadenlosen Terror. Am 23. Juli ergänzte der Hitler besonders willig ergebene Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Keitel, die Weisung Nr. 33a um einen neuen Passus. Dieser ermunterte dazu, die von deutschen Soldaten und Angehörigen der Sicherheitspolizei bereits seit viereinhalb Wochen mit selbstverständlicher Routine begangenen Kriegsverbrechen nur als Vorübung anzusehen. Unter Punkt 6 verfügte Keitel: Wegen der Weite der neu eroberten Räume könnten Widerstände nicht mit kriegsrechtlichen Mitteln geahndet werden, vielmehr müsse »die Besatzungsmacht denjenigen Schrecken verbreiten, der alleine geeignet ist, der Bevölkerung jede Lust an Widersetzlichkeit zu nehmen«. Statt Sicherungskräfte zu fordern, hätten die örtlichen Befehlshaber mit »drakonischen Maßnahmen« Ordnung zu schaffen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wie er die Folgen solcher Weisungen in Charkow unter deutscher Herrschaft erlebt hatte, bezeugte 1943 ein sowjetischer Professor aus der kurz zuvor von der Roten Armee befreiten Stadt: »Ein Deutscher kommt die Straße entlang, mit einem wichtigen steinernen Blick. Alle müssen ihm den Weg frei machen. In der ersten Zeit, als sie mit ihren Autos herumfuhren, machten sie sich nicht einmal die Mühe zu hupen. Daher wurden viele Menschen von Autos totgefahren.« In Charkow hatte man im November 1941, ohne besonders weit zu gehen, mehr als 60 erhängte Menschen sehen können: »Ihre Füße schwebten anderthalb, zwei Meter über dem Boden. Die meisten waren Männer, doch waren auch Frauen unter den Gehenkten. Ein grausiger Anblick.«
Die 1943 von sowjetischen Komitees zur Untersuchung deutscher Kriegsverbrechen aufgezeichnete Aussage findet ihre Bestätigung in einem Brief, den der Soldat Anton Böhrer im November 1941 seiner Schwester Adolphine schrieb: »Ab und zu geht eben noch ein Gebäude in die Luft«, in das die abziehenden sowjetischen Soldaten Minen mit Zeitzündern gelegt hatten, »aber dafür werden dann immer«, so Böhrer, »eine Anzahl Juden oder sonstiges Gesindel öffentlich erhängt. Das ist die einzige Strafe, die noch hier Wirkung hat«. Zur Praxis, in besetzten Städten mit Absicht Zivilisten totzufahren, berichtete Generalmajor Neuffer im Juli 1943 seinem Gesprächspartner Generaloberst Bassenge (1892 – 1977) in einer britischerseits abgehörten Unterhaltung: General Veit Fischer (1890 – 1966) »hat seinem Fahrer gesagt, wenn er größeren Menschenmengen in Smolensk begegnet ist: ›Ach, fahren Sie da zu, ist ja ganz Wurst, fahren Sie auch ein paar tot!‹ und so«.
Innenpolitisch kam es für die deutsche Führung darauf an, der eigenen Bevölkerung sämtliche Friedens- und Kompromissgelüste auszutreiben und die Angst vor der Niederlage zu schüren. Dazu eigneten sich die in den besetzten Gebieten Osteuropas von Deutschen begangenen Kriegsverbrechen. Sie ermöglichten es, auf großkrimineller Basis eine neue und feste Verbindung zwischen Volk und Führung zu schmieden. Das gelang schnell, und nach überstandener Winterkrise konnte Goebbels im April 1942 befriedigt feststellen: »Es gibt jetzt niemanden mehr, der nicht einsähe, dass es um Sein oder Nichtsein geht.« Von nun an stärkten die von Deutschen verübten, gebilligten und weithin geduldeten Verbrechen den kriegerischen Fatalismus, den dumpfen Durchhaltewillen bis zum letzten Tag. Mit den Massenmorden in Polen und in der Sowjetunion und dann mit dem Mord an den europäischen Juden erzwangen die NS-Führer das weitere Mitmachen sehr vieler Deutscher.
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