Im Kino
Mit hintergründigem Glamour
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
14.01.2026. Ganz gegenwärtig und wenig nostalgisch: In Paul Feigs Erotikthriller-Wiederbelebung "The Housemaid" wird Sidney Sweeney in abgewetzter Lederjacke auf eine Tradwife losgelassen.
Als angehendes Dienstmädchen könnte man schon misstrauisch werden, wenn die Hausherrin, Nina (Amanda Seyfried), beim Rundgang durch das luxuriöse, mehrgeschossige Haus die Man Cave ihres Ehemannes Andrew (Brandon Sklenar) mit anerkennenden Worten kommentiert: wer dort Zeit verbringen wolle, müsse sich auf endlose Belehrungen darüber gefasst machen, was für ein unterschätztes Meisterwerk Stanley Kubricks Film "Barry Lyndon" sei. Aber Millie (Sydney Sweeney) kann es sich nicht leisten, solchen alarmierenden Zeichen Beachtung zu schenken. Tatsächlich kann sie sich gar nichts leisten: Selbst die Brille, die sie beim Bewerbungsgespräch auf dem Anwesen der Winchesters trägt, ist eine schicke Attrappe, mit der sie lediglich einen seriösen Eindruck vermitteln möchte. Seit Kurzem ist sie nach zehnjähriger Haftstrafe auf Bewährung draußen, lebt in ihrem Auto und braucht einen Job.
Sofort bei Erscheinen avancierte Freida McFaddens Roman "The Housemaid" 2022 dank BookTok-Schützenhilfe weltweit zu einem Bestseller. Die gefinkelte Mischung aus psychologischem Reißer und wohldosierten Softsexpassagen, clever durchkomponierten Twists und eher leicht wiedererkennbaren Erzählformeln schien gebrauchsfertig für eine filmische Adaption verfasst worden zu sein. Dass sich mit Paul Feig ein ausgewiesener Komödienregisseur dieses Stoffes angenommen hat, erstaunt wenig: Seit seinem Durchbruchserfolg mit "Bridesmaids" gräbt er sich süffisant in wohlbekannte Genremuster, um sie maliziös und pointenbewusst auf links zu drehen. Seine Verfilmung von "The Housemaid" inszeniert er mit Lustspielsensibilität nach Art eines modernisierten Erotikthrillers - jener längst historisch gewordenen Spielart des durch Suspense vermittelten Sexfilms, die einst im Fahrwasser von Paul Verhoevens Meisterwerk "Basic Instinct" eine die gesamten 1990er-Jahre andauernde Blütezeit erlebte.
Ganz gegenwärtig und wenig nostalgisch wirkt der Film allein schon aufgrund seiner großartigen Hauptdarstellerin Sydney Sweeney, einer Ausnahmeerscheinung im momentanen Hollywoodbetrieb. Wo die ums Überleben bangende Branche seit Jahren eine harmonisch funktionierende, wenig Freiraum fürs Exzentrische und Eigensinnige bietende Gemeinschaft beschwören und vermitteln möchte, polarisiert Sweeney mit hedonistischen Social-Media-Auftritten und Werbekampagnen (u.a. dem mehrdeutig gelesenen Slogan "Sydney Sweeney has great Jeans" für American Apparel). Kulturkämpferische Online-Auseinandersetzungen um ihre Person sitzt die Schauspielerin betont gleichgültig ohne Kommentierungsbedarf aus: Ihr in Interviews eingesetzter "blank stare" ist längst zu einem vieldeutigen Meme geworden, der manchen als probate Antwort der Generation Z auf die emotionalisierende Aufregung der damit angezählten Millenials-Altersgruppe gilt.

Der Plot des Filmes orientiert sich dabei selbst an kulturkämpferischen Begriffen: Durch "baggy" getragene Jeans und eine sackig liegende, abgewetzte Lederjacke widerspricht Millies Hausmädchen-Äußeres nur allzu offensichtlich den Tradwife-Ansprüchen, zu deren Verkörperung Nina im Laufe vieler Ehejahre unwillentlich geworden ist - eine Rolle, die Amanda Seyfried mit hintergründigem Glamour und exzessiver Lust an der Überbetonung interpretiert. Zwischen beiden Frauen beginnt ein Prozess der gewaltvollen Umerziehung, dessen zahlreiche, an David Finchers ähnlich gelagerter Thriller-Posse "Gone Girl" gemahnenden Twists und falsche Fährten in einen Taumel aus auferzwungenen Psychosen und ausschweifenden Bestrafungen münden.
Allzu leicht ist man so versucht, den enormen Erfolg von "The Housemaid" in den USA als reine Begleiterscheinung zeitgeistiger Debatten und Social-Media-Aufregung zu lesen. Gleichwohl steht der Film in seiner genüsslichen Gier nach beherzt-exploitativ gesetzten Pointen und Wendungen eher selbst für einen langsam erkennbaren Vibe Shift innerhalb Hollywoods: weg vom allgemeinverbindlichen, familientauglichen Entertainment und hin zum zielgruppenorientierten Vergnügen für ein betont jüngeres Publikum, das die amerikanische Alterseinstufung R (potenziell jugendgefährend) als Gütesiegel zu lesen versteht.
Kamil Moll
The Housemaid - Wenn sie wüsste - Wikipedia - USA 2025 - Regie: Paul Feig - Darsteller: Sydney Sweeney, Amanda Seyfried, Brandon Sklenar, Michele Morrone, Elizabeth Perkins u.a. - Laufzeit: 132 Minuten.
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