Im Kino

Wo die Monster hausen

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
21.01.2026. Eine zerbrechliche Weltraumprinzessin im garstigen Normie Space: Emma Hough Hobbs und Lella Varghese arbeiten sich in ihrem Animationsfilm "Lesbian Space Princess" an gängigen kulturkämpferischen Diskursen ab. Schön wird es stets, wenn jemand zu singen anfängt.


Schmal und zerbrechlich schaut die lesbische Weltraumprinzessin aus. Und nicht nur sie. Auch die anderen Figuren, alle, denen die royale Saira, wallendes schwarzes Haar ums braune Gesicht, im Laufe des Films begegnet, zeichnen sich durch einen grazilen Körperbau aus. Die dünnen, gebogenen Beine vor allem verankern sie nicht allzu solide auf dem Boden welches Planetens auch immer sie sich gerade befinden. Ein wenig windschief wirken sie durchweg, sogar Kiki, Sairas toughe, butch Ex.


Wobei Kiki womöglich nicht gar so tough ist, wie sie sich gibt. Jedenfalls wird sie früh im Film entführt, und zwar von den Straight White Maliens, die nun allerdings auch nicht gerade ausschauen wie die muskelbepackten Tunichtgute, als die ein anderer Film sie womöglich imaginiert hätte. In "Lesbian Space Princess" sind die Bösewichter buchstäblich unbeschriebene beziehungsweise kaum beschriebene Blätter: drei blütenweiße Rechtecke, mit aufgezeichneten Gesichtern äußerst notdürftig individualisiert, haben Kiki in ihre Gewalt gebracht. Saira schickt sich an, sich ihnen entgegenzustellen und die Frau, die sich ihr gegenüber während der kurzen Beziehung nicht gerade astrein verhalten hat, zu retten.


Clitopolis heißt der Planet, auf dem Saira zu Filmbeginn mit ihren beiden sexuell maximal befreiten Müttern ein einigermaßen plüschig-behütetes Leben führt. Die Suche nach Kiki führt sie in den Normie Space: dahin, wo die Monster hausen. Die vermeintliche queerfeministische Abweichung als Selbstverständlichkeit, die vermeintliche Norm als garstig-lächerliche Abweichung setzen: Das ist das poetische Programm der Regisseurinnen Emma Hough Hobbs und Leela Varghese und die Waffe ihrer Wahl ist "limited animation" - eine vor allem im Fernsehen weit verbreitete Spielart des Animationsfilms, die mit weitgehend statischen Hintergründen und vergleichsweise detailarm ausgestalteten Figuren arbeitet.



Einen immersiven Disney-Kinohit kann man mit limited animation eher nicht landen, für satirische Breitseiten wider den Mainstream ist die kostengünstige und in der visuellen Anmutung oft plakative, der Karikatur wesensverwandte Technik wie geschaffen. Siehe etwa "South Park", limitierter geht Animation kaum. Siehe auch Spartensender wie Comedy Central oder Adult Swim - eben an deren nerdigen Portfolio orientiert sich "Lesbian Space Princess" recht deutlich. Nicht nur visuell, sondern mindestens genauso sehr im Tonfall.


Im Modus des Witzeerzählens vor allem. Nicht auf lautes Lachen, eher auf wissendes, möglicherweise auch bekifftes Kichern ist "Lesbian Space Princess" ausgerichtet. Auf ein Publikum, das die fleißig herbeizitierten Filme und pop-, beziehungsweise netzkulturellen Diskurse (zwischendurch schlägt der Film schon mal in einschlägigen Wikipedia-Artikeln nach) nicht nur kennt, sondern auch einzuordnen versteht. Das zum Beispiel weiß, warum man auf eine Erwähnung der Sexszenen in Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner "Blue Is the Warmest Color" heutzutage nur noch mit einem Augenrollen reagieren kann.


Der Film adressiert, anders gesagt, offensiv und selbstbewusst eine In-Group. Woran erst einmal nichts auszusetzen ist. Das Problem besteht eher darin, dass die geschlechter- und generationenpolitischen Kulturkämpfe, an denen sich "Lesbian Space Princess" abarbeitet, längst Eingang in den Mainstream gefunden haben. Ganze Dialogstrecken des Films, die sich um Themen wie Alltagsrassismus oder weinerliche Maskulinisten drehen, könnten fast eins zu eins auch in einem Sönke-Wortmann-Film auftauchen. Und wären da unter Umständen sogar ein bisschen lustiger ausgefallen, weil bei Wortmann nicht immer von Anfang an feststeht, wer die Zielscheibe der jeweiligen satirischen Attacke sein wird.



Zum Glück ist zwischen all den - teils fast schon ein bisschen angestaubt anmutenden: damals, als x noch twitter hieß - Witzeleien noch ein anderer, schönerer Film versteckt. Einer über eine selbstunsichere junge Frau, die nah am Wasser gebaut ist, die in ihrem markigen "Sexy Bitch"-Sweater verloren wirkt, die erfahren muss, dass Ansprüche, die Subkulturen an die Einzelne stellen, sie genauso erbarmungslos niederdrücken können wie die Forderungen der Mainstreamgesellschaft - und deren Heldinnenreise durch den Normie Space nie ganz in der eindimensionalen Selbstermächtigungserzählung aufgeht, die "Lesbian Space Princess" an der textuellen Oberfläche freilich schon ist.


Toll ist "Lesbian Space Princess" immer dann, wenn jemand zu singen anfängt. Meist ist das Willow, ein ausgesprochen enthusiastisches Blauhaar-Girl, das Saira unterwegs aufgabelt. Willow, eine Musikerin mit Bubblegumpop-Vergangenheit, die nun in der Indieszene nur mit Gitarre und ihrer Stimme zu reüssieren hofft, ist die beste Figur des Films. Wenn ihre zarten, ironiefreien Lieder über die Liebe, das Leben und das Alleinsein erklingen, wird das im restlichen Film ein wenig zu aufgeräumt, beziehungsweise vorsortiert wirkende Weltall, durch das Sairas Raumschiff schwebt, plötzlich wieder weit und geheimnisvoll und romantisch.


Lukas Foerster


Lesbian Space Princess - Australien 2025 - Regie: Emma Hough Hobbs, Lella Varghese - Laufzeit: 87 Minuten.