Im Kino
Wie Glühwürmchen
Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
06.08.2025. Mit recht kaltem Blick schaut Óliver Laxe in "Sirāt" auf seine Figuren. Bildgewaltig ist diese autorenfilmerische Odyssee durch marokkanische Wüsten und steinig staubige Technofestivals allerdings durchaus geraten.
Der Titel des Films füllt erst nach einer guten halben Stunde das Bild aus: "Sirāt". Das steht für die Brücke, die laut islamischer Lehre von den Verstorbenen hin zum Paradies überquert werden muss - und sie ist so dünn wie ein Haar, so scharf wie ein Messer. Begleitet von diesem nicht gerade wohligen Wort fahren drei Fahrzeuge, ein PKW und zwei zu Wohnwagen umgebaute Lastwagen, durch eine Steppenlandschaft. Die Kamera folgt ihnen aus einiger Distanz in ruhiger Parallelfahrt. Eine endlose, menschenleere Weite. Was für sich genommen, als Natureindruck, einen meditativ entrückten Eindruck macht, markiert in der Logik des Films nur ein dazwischengeschaltetes Ruhebild, ein dramaturgisches Durchschnaufen zwischen einem hektischen Beginn und dem existentialistischen Parkour, der für die Karawane nun ansteht.
Der neue, bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführte Film des spanischen Arthouse-Regisseurs Óliver Laxe setzt vorab auf Eslakation, beginnt mit dem Treiben auf einem Techno-Rave irgendwo in der südmarokkanischen Einöde. Riesige Boxen werden angekarrt, aufgebaut, angestöpselt. Die Kamera fährt dicht an die Lautsprecher heran, die rhythmisch pulsieren und zittern, zugleich wie ein bedrohlicher schwarzen Schlund wirken. Sogleich füllt sich die Tanzfläche inmitten der Berge mit europäischen Gästen, die ihre Körper zu Beats und tiefen Bässen in Bewegung setzen. Der Kameramann Mauro Herce, der in den letzten Jahren bereits filigran komponierte und für bildgewaltige Naturphänomene sensible 16mm-Filmbilder zu Miguel Gomes' "Eureka" (2023) und Laxes vorangegangenen Film "Fire Will Come" (2019) beisteuerte, setzt uns mitten hinein in die tanzende Masse.
Dann tauchen Luis und sein Sohn Esteban auf. Sie verteilen Zettel mit dem Bild Mars, Luis Tochter in den Zwanzigern, die vor einem halben Jahr von zuhause ausriss, oder, wie es ihr kleiner Bruder beschreibt, einfach in die Welt ging. Angeblich könnte sie auf diesem Rave zu finden sein. Eine Gruppe von Ravern, die sich als spanische Landsleute der beiden herausstellen, geben ihnen einen Hinweis: Falls sie Mar hier nicht finden, gäbe es in einer ähnlich abgelegenen Region Marokkos demnächst einen weiteren Rave - vielleicht haben sie dort Glück. Als nun das Event von der lokalen Militärpolizei wegen eines verhängten Kriegszustands im Land aufgelöst wird, schalten Luis und Esteban schnell und düsen der Gruppe um Bigui, Josh, Tonin und Jade - im Übrigen allesamt von Laiendarsteller:innen aus der Techno-Szene verkörpert - hinterher, die sich über die Razzia hinweg- und in die Wüste absetzen.
Der im Land wütende Krieg ist nur ein Phänomen von vielen, welches in "Sirāt" letztlich undurchsichtig bleibt, bewusst nicht auserzählt wird. Auch die Geschichte und Motivation der Figuren, sieht man vielleicht vom rastlosen Vater Luis ab, bleiben Skizze. Óliver Laxe interessiert sich augenscheinlich nicht für einen psychologischen Naturalismus oder für Authentizität, sondern verfrachtet sein vielstimmiges Ensemble lieber in ein steinig staubiges, von jedem greifbaren Zeitbezug enthobenes Versuchslabor. Das heißt: Gemäß dem Filmtitel mehr in einen mystischen, denn in einen realen Raum.

Zur physischen Konkretheit der Wüste gesellt sich die Abstraktheit des Drehbuchs - einmal ist gar im Autoradio von einem neuen Weltkrieg die Rede, ohne dass wir je klaren Zeichen dafür sähen. So wie sich das Konkrete und Abstrakte vermengen, so auch in der Folge die Referenzen des Films auf Gegenwart mit filmgeschichtlichen Traditionen, der Autoren- mit dem Genrefilm. Sobald die Gruppe in der Wüste auf sich gestellt ist, gerät das Hier und Jetzt, in dem "Sirāt" - dem anfänglichen Techno-Rave nach zu urteilen - spielen soll, zusehends aus dem Blick. Stattdessen nähert sich der Film mehr und mehr einem Western an.
Denn wie dieser - man denke an John Fords "The Wagonmaster" (1950) oder aus jüngerer Zeit an Kelly Reichardts "Meek's Cutoff" (2010) - interessiert sich "Sirāt" für die Dynamiken einer zusammengewürfelten Gruppe Reisender, die im Angesicht der erbarmungslosen Natur um sie herum eine Schicksalsgemeinschaft bilden und ihre Differenzen hintanstellen müssen. Es gilt, von A nach B zu kommen, was es auch koste. Tagsüber brennt die Wüstensonne, nachts schweben die Scheinwerferlichter der Automobile wie Glühwürmchen durch die Landschaft. Dabei wird das Ziel der Karawane immer unklarer, die Suche nach Mar zur Nebensache. Die Strapazen sind zu dominant.
Wenn sich die Lastwagen gefährlich nah am Abgrund einer Serpentinenstraße entlangschlängeln, erinnert das an einen anderen Klassiker der Kinokinetik: An William Friedkins "Sorcerer" (1977), ein minimalistischer, haptisch erzählter Vehikel-Actionfilm aus der Schmiede New Hollywoods. Doch während dieser in jeder Minute emotional bei seinen verzweifelten, Nitroglyzerin durch unwägbare Urwaldwege manövrierende Männer bleibt, blickt Laxes Film zunehmend abgeklärt, ja kalt auf seine Figuren. Entsprechend werden sie geopfert wie Bauern auf dem Schachbrett. Das mag dramaturgisch kühn, hie und da auch mit der Verve eines unkonventionellen Autorenfilms inszeniert sein. Womöglich ist der Abgang einer Figur, die fatal auf eine Landmine tritt und dabei ausgerechnet "Lasst es krachen!" in Richtung ihrer Musikfreunde ruft, aber auch zynisch? Mich konnte jedenfalls dieses "Gottspielen" des Scripts an diesem Punkt nicht mehr erreichen. Das mag anderen anders gehen. Ein bildgewaltiges, allerlei ungewohnte Pfade abschreitendes Wüsten-Roadmovie ist "Sirāt" allemal.
Tilman Schumacher
Sirāt - Frankreich, Spanien 2025 - Regie: Óliver Laxe - Darsteller: Sergi López, Bruno Núñez, Jade Oukid, Stefania Gadda u.a. - Laufzeit: 120 Minuten.
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