Im Kino

Der Splatterfilm lauert

Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
28.01.2026. Die Mauerblume und das Nepo-Baby: Sam Raimi inszeniert in "Send Help" einen Geschlechter- und Klassenkampf in der thailändischen Wildnis. Zum Glück vergisst der Regisseur dabei nicht, dass er nach wie vor am allerliebsten Horrorfilme dreht.

Die Mauerblume ist in Wahrheit sehr schön. In der Welt der Botanik heißt sie Zimbelkraut und wächst meist in den Felsspalten alter Denkmälern und Ruinen. In "Send Help" heißt sie Linda Liddle (Rachel McAdams) und verkümmert in einem Großraumbüro, eingeklemmt zwischen jungen, aufstrebenden American-Psycho-Finanz-Bros. Die Welt, in der sie gelandet ist, ignoriert ihre Talente, verhöhnt ihr Äußeres und verhindert jede ihrer Möglichkeiten, zu gedeihen.

Auch der neue Präsident, Nepo-Baby Bradley Preston (Dylan O'Brien), will nichts von ihr hören, konzentriert sich stattdessen auf den Sandwich-Rest, der ihr am Mundwinkel klebt. Aus seiner Perspektive wird das kleine Malheur zu einem mit dem Makroobjektiv auf Leinwandgröße gezogenem Affront gegen die ästhetischen Normen der Bro-Kultur. Der Gegenschlag lässt nicht lange auf sich warten: nicht Linda wird, wie vom alten Präsidenten, Bradleys Vater (der nur noch als Bruce-Campbell-Porträt im Film existiert), verlangt, zur Vize-Präsidentin des Fortune-500-Unternehmens befördert, sondern der gerade eingestellte Dulli Donovan (Xavier Samuel).

Immerhin darf Linda, als einzige, die sich wirklich mit den Finanzen des Unternehmens auskennt, mit nach Bangkok fliegen, um die nächste Firmenfusion einzutüten. Bevor der Privatflieger Thailand erreicht, zerschellt die Vormachtstellung der Bro-Clique, zusammen mit einem Großteil ihrer Mitglieder, an der Außenwand des Privatjets - die Maschine stürzt über dem Golf von Thailand ab. Nur Linda und ihr Chef überleben.


Linda zumindest lässt es bleim bloßen "Überleben" nicht bewenden. Die einsame Insel ist für sie nicht tödliche Wildnis, sondern Paradies. Linda blüht auf, baut Häuser aus Palmen, verarbeitet Flora und Fauna zu Sushi auf Palmenblättern, bastelt und füllt Obstkörbe, designt ihr eigene Möbelgarnitur aus Palmen und setzt sogar ihrer eigenen Bananen-Knastwein auf. Linda blüht auf. Auch körperlich. Die Sonne bäckt ihr Straßenköterhaar golden, Klima und Ernährung zaubern ihr die Unreinheiten aus dem Gesicht und die deutlich reduziert Garderobe steht der ungeahnten Survival-Expertin, wie sie selbst bei einem Blick in die Pfütze neben dem zum Badezimmer umfunktionierten Wasserfall feststellt, äußerst gut.

Noch viel besser für Linda: Die soziale Hierarchie steht auf dem Kopf. Beim Überleben zählt plötzlich Kompetenz. Das muss selbst Bradley einsehen, auch wenn es für diese Einsicht eine erfolgreiche Wiederbelebung und zwölf ungeschützte Stunden in der tropischen Sonne braucht. Im Anschluss ist der noch verletzte und gänzlich hilflose Chef plötzlich ganz handzahm.

Es ist diese schlichte Dynamik, die dem Film seine Form gibt: Bradley will die Kontrolle zurück, Linda verweist ihn auf seinen Platz, Bradley lenkt beleidigt ein und so weiter und so fort. Der Machtwechsel in der Wildnis führt nicht zur Harmonie. "Send Help" will freilich nicht (nur) auf eine zynische Morallektion hinaus, sondern legt sein Hauptaugenmerk darauf, den zunehmend aus den Fugen geratenen Klassenkampf genretechnisch zu vertiefen. Was auf dem Papier nach eben jener satirischen Robinsonade klingt, die schon Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" unternahm, ist in erster Linie ein Sam-Raimi-Film. Sprich: "Send Help" funktioniert ebenfalls mit dem Holzhammer, teilt allerdings in einem ganz anderen Genre aus. Raimi macht Horrorfilme, auch wenn er mal keinen Horrorfilm macht. Wenn Bradley also nach einiger Laufzeit (und einigen langen Minuten dazwischen) den nächsten Anlauf zurück zur Zivilisation und damit zurück zur Chefrolle unternimmt, nur um eine weitere Retourkutsche jenseits aller zivilisatorischen Übereinkünfte zu kassieren, ist das nur so lange fade Satire, bis Raimi einen Anlass findet, die Register und mit ihnen das Genre zu wechseln.

Ob dabei jemand reanimiert wird, während die Retterin ihm ins Gesicht kotzt oder der wohl garstigste Eber Südostasiens mit einem Holzspeer durchbohrt, aufgespießt und enthauptet wird: wenn "Send Help" über die Stränge schlägt, dann nicht in seiner Klassenkampf-Allegorie, sondern dort, wo hektoliterweise Körperflüssigkeit spritzt, närrische Match Cuts Erzählmotive verschnüren und ein Crash Zoom oder eine über den Dschungelboden gleitenden Kamera Unheil verkünden. Der Splatterfilm lauert an jeder Ecke. Zumindest dort, wo er zuschlägt, ist "Send Help" ein so spaßiges wie energetisches Stück Mid-Budget-Studiokino.

Karsten Munt

Send Help - USA 2026 - Regie: Sam Raimi - Darsteller: Rachel McAdams, Dylan O'Brien, Edyll Ismail, Dennis Haysbert, Xavier Samuel - Laufzeit: 114 Minuten.