Essay
Ohne Freiheit keine Kunst
Von Claus Leggewie
19.02.2025. Im Pariser Institut du Monde Arabe fand gestern ein Solidaritätsabend für Boualem Sansal statt. Der Schriftsteller Erik Orsenna gab seiner Enttäuschung Ausdruck, wie Algerien seine Befreiung in neue Unfreiheit eintauschte. Die heftigsten Angriffe gegen die algerischen Betonköpfe und ihre "postkolonialen" Komplizen, die Sansal selbst die Schuld an seiner Verhaftung zuschieben, fuhren Pascal Bruckner und Emmanuel Carrère auf. Europa muss vor dem Berliner Solidaritätsabend am 7. März seine Anstrengungen für die Freilassung des erkrankten Schriftstellers intensivieren.Nach vier Monaten Inhaftierung des krebskranken algerischen Schriftstellers Boualem Sansal gibt es weiter keine Anzeichen für seine baldige Freilassung oder wenigstens den Beginn eines ordentlichen Prozesses. Dem französischen Verteidiger, Maître François Zimeray, wird nach wie vor ein Besuchervisum verweigert, um mit Sansals Pflichtverteidigern Kontakt aufzunehmen. Bezichtigt wird Sansal des Angriffs auf die staatliche Integrität und Sicherheit Algeriens. Nichtiger Anlass war ein Interview des Autors mit dem rechtslastigen Medium Frontières, in dem er die präkoloniale Existenz einer algerischen Nation bezweifelte und einen Teil seines heutigen Territoriums Marokko zuschlug. Das ist historisch bestreitbar, fällt jedoch in einem Rechtsstaat selbstverständlich unter die Meinungsfreiheit und darf auf keinen Fall der Anlass sein, Sansal, der sein Land liebt und den Menschen dort in all seinen Romanen und Essays zugeneigt ist, als Hochverräter anzuklagen. Man kann nicht sicher sein, dass die algerische Justiz diese Rechtsauffassung teilt und dem Druck der Regierung, ein Exempel zu statuieren, standhalten wird. Und wenn in Algerien etwas das Volk und Regime bei allen Differenzen und Repressionen eint, dann der Nationalstolz.
Was man da tun kann? Die Solidaritätsveranstaltung des Pariser Unterstützungskomitees am Dienstagabend stand unter dem von Albert Camus geprägten Motto: "Sans liberté, point d'art ; l'art ne vit que des contraintes qu'il se donne à lui-même, il meurt des autres" ("Actuelles", IV) (Ohne Freiheit keine Kunst; sie lebt nur unter den Zwängen, die sie sich selbst auferlegt, unter denen anderer stirbt sie). Am 7. März findet im Deutschen Theater ein analoges Event in Berlin statt, bei dem die Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (den Sansal 2011 verliehen bekam) Aleida Assmann, Daniel Kehlmann, Wolf Lepenies, Liao Yiwu, Herta Müller und Irina Scherbakowa aus Texten des Inhaftierten lesen werden - der Perlentaucher gehört zu den Partnern des Ereignisses, mehr hier. Auf beiden Veranstaltungen tritt auch Sansals Freund Kamel Daoud auf, der ebenfalls Nachstellungen des algerischen Regimes ausgesetzt ist, weil er in seinem Roman "Houris" das Tabuthema des blutigen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren behandelt.
Der Literaturkritiker François Busnel führte durch den Abend ("pour Boualem, pas contre l'Algerie") und adressierte die "Republique des lettres", die Gemeinschaft der Leser und Schreiber ohne geopolitische Macht, aber mit Botschaftern allüberall. In guten französischen Buchläden findet man seit Wochen "Sansal-Ecken", in denen seine Bücher ausgestellt sind; und sie werden gekauft und gelesen, was der beste Dienst an einem bedrängten Schriftsteller sein dürfte. Jack Lang, als Präsident des Institut du Monde Arabe Gastgeber des Abends, erinnerte an die Algerien-Solidarität seiner Generation, der Schriftsteller Erik Orsenna gab seiner Enttäuschung Ausdruck, wie Algerien seine Befreiung in neue Unfreiheit eintauschte. Die heftigsten Angriffe gegen die algerischen Betonköpfe und ihre "postkolonialen" Komplizen, die Sansal selbst die Schuld an seiner Verhaftung zuschieben, fuhren Pascal Bruckner und Emmanuel Carrère auf.
In Gestalt der vielen anwesenden oder eingeblendeten Preisträger, die Erinnerungen an Sansal teilten, seine Text lasen und seine Freiheit als Voraussetzung ihrer eigenen beteuerten, kam gewissermaßen eine Rushdie-Gemeinde zusammen, bevor erneut etwas noch Schlimmeres passiert. Dem Pariser Comité de soutien gehören rund tausend Personen aus zwanzig Ländern an, die sich die Mediatisierung dieses Anschlags auf die Meinungsfreiheit zur Aufgabe gemacht haben, die Internationalisierung des Protests und seine Politisierung, wie jüngst in der fast einstimmigen Resolution des Europäischen Parlaments für die unverzügliche Freilassung Sansals. Drei Zeitungen - Libération, Le Point und Le Figaro tragen die Veranstaltungen.
Sansal wurde an diesem Abend nicht nur als Gefangener des Regimes, sondern als eine Geisel bezeichnet. Hört er uns, weiß er um die Solidarität? Sein Anwalt meint ja, aber er hat keine Hoffnung auf eine Freilassung ohne Prozess und muss die Wut über die Dummheit der algerischen Regierung für sich behalten. "Was auch geschieht, Boualem, du hast schon gewonnen." Florence Aubenas, die Journalistin, die 157 Tage lang als Geisel im Irak gehalten wurde, versicherte, wie wichtig Solidarität ist, auch wenn man sie nur ahnen und erhoffen kann. Häufiger noch fiel der Name Albert Camus, des früheren Bewohners des Stadtviertels Belcourt in Algier, dem Sansal in der "Rue Darwin" neuen literarischen Ruhm verliehen hat. Der umstrittene Journalist Franz-Olivier Giesbert bekannte, solche Veranstaltungen lieber zu meiden, wenn sie vorgezogenen Begräbnissen gleichen. Doch auch er strich Vorzug des gelungenen Abends heraus: Dass Boualem Sansal nicht zuletzt dem eindringlichen Foto, das den ganzen Abend über zu sehen war, lebendig wurde.
So wichtig es ist, dass er nicht in Vergessenheit gerät, so bitter ist das bisherige Scheitern aller offenbar im Hintergrund laufenden diplomatischen Bemühungen um Sansals Freilassung. Er ist wohl zum Spielball der nie versöhnten, oft auch nach der Unabhängigkeit konfliktreichen Beziehungen Algeriens zu seiner ehemaligen Kolonialmacht geworden. Heute unterhält Frankreich ein weit besseres Verhältnis zu Marokko, mit dem sich Algerien in einem latenten Kriegszustand befindet. Das ist eskaliert, seit Frankreich die faktische Annexion des größten Teils des Westsahara-Gebiets anerkannt hat, und da war es wenig hilfreich für Sansal, wenn sich die französische Kulturministerin Rachida Dati vergangenen Montag zu einem offiziellen und wie sie es nannte "historischen" in die von Marokko sogenannten "Südprovinzen" begeben hat, um ein Kulturinstitut in der Stadt Laayoune einzuweihen. Jahrzehntelang hatte Frankreich die Unabhängigkeitsforderung der von Algerien unterstützten Frente Polisario mitgetragen, die Vereinten Nationen verlangen weiter eine Volksabstimmung über die Zukunft der ehemals spanischen Kolonie. Ein solcher Affront verschlechtert die Aussichten Boualem Sansals und verschärft den algerisch-französischen Konflikt, der durch regierungstreue Influencer in der algerischen Migranten-Community angeheizt wird. Die Fraktion des linken Blocks La France Insoumise (LFI), die um Stimmen der jungen Einwanderer wirbt, kann sich nicht dazu durchringen, Freiheit für einen Schriftsteller zu verlangen. Es fragt sich nun, ob eventuell andere EU-Staaten, die zu Algerien weniger angespannte Beziehungen pflegen, diplomatisch aktiv werden können. Wenn Europa schon vor Algerien Angst hat, wie soll es dann Donald Trump und Wladimir Putin die Stirn bieten?
Claus Leggewie
Was man da tun kann? Die Solidaritätsveranstaltung des Pariser Unterstützungskomitees am Dienstagabend stand unter dem von Albert Camus geprägten Motto: "Sans liberté, point d'art ; l'art ne vit que des contraintes qu'il se donne à lui-même, il meurt des autres" ("Actuelles", IV) (Ohne Freiheit keine Kunst; sie lebt nur unter den Zwängen, die sie sich selbst auferlegt, unter denen anderer stirbt sie). Am 7. März findet im Deutschen Theater ein analoges Event in Berlin statt, bei dem die Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (den Sansal 2011 verliehen bekam) Aleida Assmann, Daniel Kehlmann, Wolf Lepenies, Liao Yiwu, Herta Müller und Irina Scherbakowa aus Texten des Inhaftierten lesen werden - der Perlentaucher gehört zu den Partnern des Ereignisses, mehr hier. Auf beiden Veranstaltungen tritt auch Sansals Freund Kamel Daoud auf, der ebenfalls Nachstellungen des algerischen Regimes ausgesetzt ist, weil er in seinem Roman "Houris" das Tabuthema des blutigen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren behandelt.
Der Literaturkritiker François Busnel führte durch den Abend ("pour Boualem, pas contre l'Algerie") und adressierte die "Republique des lettres", die Gemeinschaft der Leser und Schreiber ohne geopolitische Macht, aber mit Botschaftern allüberall. In guten französischen Buchläden findet man seit Wochen "Sansal-Ecken", in denen seine Bücher ausgestellt sind; und sie werden gekauft und gelesen, was der beste Dienst an einem bedrängten Schriftsteller sein dürfte. Jack Lang, als Präsident des Institut du Monde Arabe Gastgeber des Abends, erinnerte an die Algerien-Solidarität seiner Generation, der Schriftsteller Erik Orsenna gab seiner Enttäuschung Ausdruck, wie Algerien seine Befreiung in neue Unfreiheit eintauschte. Die heftigsten Angriffe gegen die algerischen Betonköpfe und ihre "postkolonialen" Komplizen, die Sansal selbst die Schuld an seiner Verhaftung zuschieben, fuhren Pascal Bruckner und Emmanuel Carrère auf.
In Gestalt der vielen anwesenden oder eingeblendeten Preisträger, die Erinnerungen an Sansal teilten, seine Text lasen und seine Freiheit als Voraussetzung ihrer eigenen beteuerten, kam gewissermaßen eine Rushdie-Gemeinde zusammen, bevor erneut etwas noch Schlimmeres passiert. Dem Pariser Comité de soutien gehören rund tausend Personen aus zwanzig Ländern an, die sich die Mediatisierung dieses Anschlags auf die Meinungsfreiheit zur Aufgabe gemacht haben, die Internationalisierung des Protests und seine Politisierung, wie jüngst in der fast einstimmigen Resolution des Europäischen Parlaments für die unverzügliche Freilassung Sansals. Drei Zeitungen - Libération, Le Point und Le Figaro tragen die Veranstaltungen.
Sansal wurde an diesem Abend nicht nur als Gefangener des Regimes, sondern als eine Geisel bezeichnet. Hört er uns, weiß er um die Solidarität? Sein Anwalt meint ja, aber er hat keine Hoffnung auf eine Freilassung ohne Prozess und muss die Wut über die Dummheit der algerischen Regierung für sich behalten. "Was auch geschieht, Boualem, du hast schon gewonnen." Florence Aubenas, die Journalistin, die 157 Tage lang als Geisel im Irak gehalten wurde, versicherte, wie wichtig Solidarität ist, auch wenn man sie nur ahnen und erhoffen kann. Häufiger noch fiel der Name Albert Camus, des früheren Bewohners des Stadtviertels Belcourt in Algier, dem Sansal in der "Rue Darwin" neuen literarischen Ruhm verliehen hat. Der umstrittene Journalist Franz-Olivier Giesbert bekannte, solche Veranstaltungen lieber zu meiden, wenn sie vorgezogenen Begräbnissen gleichen. Doch auch er strich Vorzug des gelungenen Abends heraus: Dass Boualem Sansal nicht zuletzt dem eindringlichen Foto, das den ganzen Abend über zu sehen war, lebendig wurde.
So wichtig es ist, dass er nicht in Vergessenheit gerät, so bitter ist das bisherige Scheitern aller offenbar im Hintergrund laufenden diplomatischen Bemühungen um Sansals Freilassung. Er ist wohl zum Spielball der nie versöhnten, oft auch nach der Unabhängigkeit konfliktreichen Beziehungen Algeriens zu seiner ehemaligen Kolonialmacht geworden. Heute unterhält Frankreich ein weit besseres Verhältnis zu Marokko, mit dem sich Algerien in einem latenten Kriegszustand befindet. Das ist eskaliert, seit Frankreich die faktische Annexion des größten Teils des Westsahara-Gebiets anerkannt hat, und da war es wenig hilfreich für Sansal, wenn sich die französische Kulturministerin Rachida Dati vergangenen Montag zu einem offiziellen und wie sie es nannte "historischen" in die von Marokko sogenannten "Südprovinzen" begeben hat, um ein Kulturinstitut in der Stadt Laayoune einzuweihen. Jahrzehntelang hatte Frankreich die Unabhängigkeitsforderung der von Algerien unterstützten Frente Polisario mitgetragen, die Vereinten Nationen verlangen weiter eine Volksabstimmung über die Zukunft der ehemals spanischen Kolonie. Ein solcher Affront verschlechtert die Aussichten Boualem Sansals und verschärft den algerisch-französischen Konflikt, der durch regierungstreue Influencer in der algerischen Migranten-Community angeheizt wird. Die Fraktion des linken Blocks La France Insoumise (LFI), die um Stimmen der jungen Einwanderer wirbt, kann sich nicht dazu durchringen, Freiheit für einen Schriftsteller zu verlangen. Es fragt sich nun, ob eventuell andere EU-Staaten, die zu Algerien weniger angespannte Beziehungen pflegen, diplomatisch aktiv werden können. Wenn Europa schon vor Algerien Angst hat, wie soll es dann Donald Trump und Wladimir Putin die Stirn bieten?
Claus Leggewie
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