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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2006. Michael Thalheimers Inszenierung der "Orestie" am Deutschen Theater stellt einen Bühnenblutrekord auf - und stößt auf zwiespältige Reaktionen. Die FAZ wandelt über die Popkomm und stellt fest: Der Pop überlebt nur dank "Long Tail". Die NZZ berichtet über scharfe theologische Kontroversen in Ägypten. Die taz beklagt die missliche Lage der Muslime in den USA.

NZZ, 25.09.2006

Fakhri Saleh berichtet von einer heftigen Auseinandersetzung in Ägypten über die Statthaftigkeit einer Koraninterpretation. Der Islamwissenschafter Hassan Hanafi hatte bei einem Symposium die Religionsgelehrten aufgefordert, "ihre Lesart des Korans nicht auf den Wortsinn zu beschränken". Dieser Appell, so Saleh, "traf auf taube Ohren. Stattdessen verschaffte sich Abd as-Sabur Shahin Gehör, ein Dozent an der Universität Kairo, der bereits 1990 bei der Hetzjagd gegen den progressiven Religionsgelehrten Nasr Hamid Abu Zaid eine Rolle gespielt hatte. Er teilte ägyptischen Zeitungen und Fernsehsendern mit, er kenne den Text von Hanafis Vorlesung zwar nicht, aber was er darüber gehört habe, sei hinreichend, um den Tatbestand der Blasphemie zu erfüllen und Zweifel in den Herzen der Gläubigen zu säen. Er klagte Hanafi an, Kritik am Koran zu üben und eigenmächtig die Attribute Gottes aus dem heiligen Text zu reißen. Ins selbe Horn stieß Scheich Yussuf al- Badri, ein weiterer Kontrahent Abu Zaids, der seinerzeit dessen Zwangsscheidung von seiner Ehefrau gefordert hatte; er gab seinem Bedauern Ausdruck, dass das entsprechende Gesetz nicht mehr in Kraft sei, sonst hätte man es auch auf Hanafi anwenden können."

Weitere Artikel: Vom 27. bis 29. September findet an der Universität St. Gallen ein Kongress der World Demographic Association statt. Aus diesem Anlass skizziert der Demografie-Experten Franz-Xaver Kaufmann auf einer ganzen Seite die problematische Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und in der Schweiz. Und Christoph Jahr berichtet vom 46. Deutschen Historikertag in Konstanz.

Besprochen werden die Erstaufführung von David Greigs Stück "Entlegenen Inseln" in Basel, eine Ausstellung über Walt Disneys künstlerische Quellen im Pariser Grand Palais, eine Aufführung von Jacques Offenbachs Operette "Perichole" in St. Gallen und ein Konzert mit zeitgenössischer chinesischer Musik, gespielt vom des Collegium Novum in der Tonhalle Zürich.

TAZ, 25.09.2006

Muslime in den USA leiden zunehmend unter dem Krieg gegen den Terror, stellt der New Yorker Englischprofessor Moustafa Bayoumi auf der Meinungsseite fest. Die Stimmung sei frostig. "39 Prozent aller Amerikaner geben laut einer Umfrage zu, Vorurteile gegen Muslime zu hegen. Die gleiche Zahl der Befragten ist der Meinung, dass Muslime - einschließlich von US-Bürgern - spezielle Personalausweise tragen sollten. Und mehr als einer von fünf möchte keine Muslime als Nachbarn haben. Zugleich bleibt das Wissen über den Islam diffus - trotz löblicher Versuche lokaler und landesweiter Muslim-Verbände, Aufklärungsarbeit zu leisten. Beinahe 60 Prozent aller Amerikaner haben noch nie einen Muslim getroffen. Einer von zehn denkt, Muslime glaubten an einen Mondgott."

Im Feuilleton-Gespräch mit Jörg Magenau gesteht der Soziologe Wolf Lepenies mit Blick auf Osteuropa den Intellektuellen nur eine kurze politische Halbwertszeit zu. "Dass die 'Moralisten', mit Ausnahmen, so schnell wieder von der politischen Bühne, auf der sie Hauptrollen gespielt hatten, verschwanden, hat etwas damit zu tun, was Max Weber 'die Veralltäglichung des Charismas' genannt hat. Die intellektuellen Helden konnten sich in der Regel nur für eine Legislaturperiode in der Politik halten. Dann setzte Routine ein. Mit der 'Normalität' kehrten vielerorts auch die Kommunisten, wenn auch in Verkleidung und mit frischen Parteinamen, an die Macht zurück. Man musste pragmatisch werden. Aus den 'Helden' wurden 'Händler'. Damit war die Zeit der Moralisten vorbei."

Weiteres: Wolfgang Müller sucht nach Christoph Schlingensiefs Haltung, findet nichts und hält fortan alles für möglich, sogar die CDU. Eine einsame Besprechung widmet sich Oliver Maria Schmitts Altpunkroman "AnarchoShnitzel schrieen sie".

Die von Wolfgang Schäuble für Mittwoch anvisierte "Deutsche Islamkonferenz" leidet unter Zeitmangel und der Ungleichbehandlung der Gesprächspartner, meint Cigdem Akyol auf den Tagesthemenseiten, und hält auch den Termin im gerade anlaufenden Fastenmonat Ramadan sowie den vom Innenministerium am Nachmittag vorgesehenen "gemeinsamen Imbiss" für kein gutes Zeichen.

Und Tom.

Welt, 25.09.2006

Reinhard Wengierek mag seine Stücke blutig und hält deshalb Michael Thalheimers "grandios skeptische" Version von Aischylos' "Orestie" am Deutschen Theater Berlin für angemessen grausam. "Constanze Becker kippt sich erst mal - ein abscheuliches Ausrufezeichen - einen Kanister Blut über den Kopf, das Blut ihrer Tochter Iphigenie, die der Vater und Gatte Agamemnon geopfert hatte, als er vor zehn Jahren gegen Troja in die Schlacht zog und mit dem Opfer die Götter um gut Wetter bat. Dann raucht Klytaimestra zerfressen von Mutterleid eine Zigarette, dämpft ihr Kopfrasen mit einer Büchse Bier. Und empfängt in verlogener Freude den siegreichen Kriegsführer (Henning Vogt), der mit Kassandra heimkehrt, jener unseligen Seherin als Trophäe im Schlepptau (Katharina Schmalenberg unvergesslich mit gellend schrillen wie gellend stummen Schreien der Verzweiflung). Das waidwunde Muttertier, die längst erloschene und doch noch eifersüchtige Gattin ermordet beide."

Weiteres: Der Schauspieler und Regisseur Vadim Gowna erzählt Antje Hildebrandt im Interview von seinem Film "Das Haus der schlafenden Schönen" und wie er seinen Zeh dabei verlor. Manuel Brug ruft zum hundertsten Geburtstag Dimitri Schostakowitsch zum "rätselhaftesten" Komponisten des vergangenen Jahrhunderts aus und zu einer Neubewertung von dessen "wertvoller" Kammermusik auf.
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FAZ, 25.09.2006

Richard Kämmerlings wandelte über die Berliner Popkomm und sah die Popmusik zum Nischenmarkt und lebenden Beispiel für die von Chris Anderson beschworene Ökonomie des "Long Tail" werden. Und er sah Tendenzen, die nicht nur die Musikbranche betreffen: "Die Krise der Musikindustrie ist so etwas wie ein Dauerschmerz im Kopf geworden, den man schon gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Die Umsatzzahlen des physischen Tonträgerhandels sinken im fünften Jahr in Folge, während die Onlineverkäufe zwar rasante Zuwachsraten haben, aber immer noch auf sehr geringem Niveau. Dass man selbst im Programmheft von 'physikalischen' statt von 'physischen' Tonträgern, vulgo Platten, spricht, ist vielleicht nicht nur ein einfacher Fehler: Irgendwie erscheint das Internet den Branchenvertretern als etwas Übersinnliches und Nichterklärbares."

Weitere Artikel: Oliver Jungen resümiert den deutschen Historikertag in Konstanz. Robert von Lucius schreibt zum Tod Volkmar von Zühldorffs, der eine führende Figur des "anderen Deutschland" war. Andreas Rosenfelder gratuliert dem Germanisten Erich Kleinschmidt zum Sechzigsten. Michael Gassmann schreibt zum Tod des britischen Komponisten Malcolm Arnold.

Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit dem WDR-Intendanten Fritz Pleitgen, der auch jenseits der Altersgrenze weiterregieren will, falls sich kein würdiger Nachfolger findet. Gemeldet wird, dass der Fernsehfilm "Wut" über die Gewalttätigkeit eines türkischen Schülers von der ARD ins Nachtprogramm verschoben wird.

Auf der letzten Seite schildert Jordan Mejias eine Veranstaltung von Bill Clintons "Clinton Global Initiative", in der der Ex-Präsident bedürftige Länder mit superreichen Spendern zusammenbringt. Andreas Rossmann hörte einer Preisrede auf das Kölner Opernhaus, einen Bau der fünfziger Jahre von Wilhelm Riphahn, durch den Schweizer Architekten Peter Zumthor zu. Und Christian Schwägerl porträtiert den 38-jährigen Vorsitzenden der Berliner Grauen Panther, Norbert Raeder, der bei den jüngsten Berliner Wahlen einen beträchtlichen Erfolg (7 Prozent in Reinickendorf und Einzug in einige Bezirksverordnetenversammlungen) erreichte.

Besprochen werden Choreografien des Wettbewerbs um den "Place Prize" in London, Michael Tahlheimers Inszenierung der "Orestie" am Deutschen Theater (trortz Blutrausch manchmal trocken, aber trotzdem gut, meint Irene Bazinger), Ibsens "Rosmersholm" in Bochum, Brigitte Maria Mayers Videoinstallation "Der Tod ist ein Irrtum" in der Nähe der Walhalla Ludwigs I., Rain Johnsons Film "Brick" und Sachbücher, darunter ein Gesprächsband mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der FAZ am Sonntag ein Interview mit György Konrad über die Budapester Unruhen.

FR, 25.09.2006

Ströme von Blut hat Peter Michalzik in Michael Thalheimers Inszenierung der "Orestie" des Aischylos fließen sehen. Tief fand er die Aufführung trotzdem nicht: "Thalheimer zeigt eine Atridenerschöpfung. Aischylos' Trilogie, in der Prosaübersetzung von Peter Stein, ist ein leer geleiertes Stück geworden. Das Gründungsmanifest der europäischen Demokratie, als das man die Orestie verstehen muss, schnurrt zusammen auf ein ausgelaugtes Blutbad. Thalheimer belebt das Stück nicht, sondern entsorgt es."

Weiteres: Hans-Klaus Jungheinrich schreibt zum hundertsten Geburtstag des Komponisten Dmitri Schostakowitsch. In Times mager lästert Daland Segler über Rabattaktionen örtlicher Möbelhändler. Besprochen wird Cora Frosts "überwältigend gefühlvolle" Theaterinszenierung von Fassbinders "Angst essen Seele auf" in Aachen.

SZ, 25.09.2006

Christine Dössel vergibt in der Eröffnungsrunde der Hamburger Theatersaison einen Punktsieg an das Thalia Theater, das Thomas Bernhards Riesenroman "Auslöschung" als eine "Existenzbeschreibung von schlagender Wucht und bitterer Komik" inszenierte. Tschechows "Kirschgarten am Schauspielhaus war ihr dagegen zu gediegen. Franziska Augstein resümiert den Historikertag in Konstanz und erklärt den neuen Trend zum Bild für Kokolores. In seinem indischen Tagebuch schreibt Martin Mosenbach von der Gefängnisreformerin Kiran Bedi.

Martina Knoben spricht mit Regisseur Andres Veiel über die Verfilmung seines Theaterstücks "Der Kick". Oliver Fuchs hat "wieder ein bisschen buntere, größere, höhere Stände" auf der Popkomm erlebt und ganz "zauberhaften Krawall" von Johanna Zeul. Harsche Worte verliert Norbert H. Ott über die Pläne der Markgrafen von Baden, zur Sicherung ihres Schlosses Salem die Karlsruher Handschriftensammlung zu verkaufen: "Hoheit und ihr willfähriger Vasall auf dem Stuhl des baden-württembergischen Ministerpräsidenten werden sich noch sehr wundern, wenn sie auf ihrer der öffentlichen Nutzung entwendeten Beute sitzen bleiben."

Auf der Medienseite berichtet Thorsten Schmitz von der Kritik, mit der Konkurrenzblätter Israels liberale Tageszeitung Haaretz belegen, weil der Kölner DuMont-Verlag bei Haaretz einsteigt.

Besprochen werden Brigitte Maria Mayers auf der Walhalla gezeigte Video-Installation "Der Tod ist ein Irrtum", eine neue DVD-Reihe zum lateinamerikanischen Kino, Mozarts "Entführung aus dem Serail" in einer Version "alla turca" am Schauspielhaus Wien und Bücher, darunter zwei Studien zum neuentdeckten Judas-Evangelium, Felisberto Hernandez' Erzählungen "Die Frau, die mir gleicht" und Geza von Cziffras Erinnerungen an Joseph Roth "Der heilige Trinker" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).