Magazinrundschau

Farbe aus dem All

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
17.09.2019. Vanity Fair porträtiert den pakistanischen Premier Imran Khan. The Atlantic fragt, was die äthiopische Bundeslade im British Museum zu suchen hat. Im Merkur setzt sich Eva Geulen dem kosmischen Grauen H.P. Lovecrafts aus. Die Washington Post schwärmt für Rieslinge mit Umlaut. Der Guardian sucht ein Kopftuch in türkischen Fernsehserien. Der New Yorker kann sich nicht entscheiden, ob Edward Snowden ein Verräter oder ein Whistleblower ist.

Vanity Fair (USA), 30.09.2019

Aatish Taseer porträtiert den früheren Cricket-Star und Playboy und amtierenden pakistanischen Premier Imran Khan und benennt dessen Herausforderungen: "Wenn Khans Person fasziniert, dann weil er so gut die Moral und die kulturelle Schizophrenie seiner Gesellschaft reflektiert. Wie die Evangelikalen in den USA, bei denen ein politisierter Glaube ein schwieriges Verhältnis zur Moderne und zur Versuchung offenbart, sind Khans Widersprüche nicht zufällig, sondern der Schlüssel zu seiner Person - und vielleicht zu Pakistan. Wie andere Populisten auch weiß Khan viel besser, gegen was er ist, als wofür er steht. Sein Hass auf die Elite, zu der er selbst zählt, ist die Kraft hinter seiner Politik. Er kritisiert Reformer wie Atatürk und Reza Pahlavi für ihren Irrglauben, 'ihre Länder durch äußere Westernisierung voranzubringen'. Khan mag Recht haben, wenn er eine Moderne kritisiert, die so nichtssagend ist, das sie als synonym gilt für die Insignien westlicher Kultur. Aber er trägt selbst mit Schuld daran, den Westen auf Freizügigkeit und Materialismus zu reduzieren. Wenn es um die Erfolge des Westens geht, Demokratie und Sozialstaat, so rechnet Khan sie der Geschichte des Islam zu. 'Demokratische Prinzipien gehörten während des goldenen Zeitalters des Islams zur islamischen Gesellschaft dazu', erklärt er … Im Juli bei seinem Treffen mit Trump in Washington landete Khan einen Coup. Die Dynamik der beiden Narzisstem war elektrisch. Trump nannte den Gast einen 'großen Führer' und bot an, als Mediator in Sachen Kaschmir zu agieren. Das führte zu Protesten in Indien, zur Aufhebung von Kaschmirs Autonomie und zu indischen Truppenbewegungen in der Region. Die größte Herausforderung in Khans Amtszeit ist allerdings, ob er sein Land aus der ökonomischen Krise steuern kann. Während seine Regierung sich anschickt, einen 6-Milliarden-Rettungspaket des Weltwährungsfonds anzunehmen, einer Organisation von der Khan nichts erbetteln wollte, dreht sich alles um die massive Inflation täglicher Güter wie Benzin, Zucker, Butter."
Archiv: Vanity Fair
Stichwörter: Pakistan, Khan, Imran

Mérce (Ungarn), 14.09.2019

Am vergangenen Wochenende starben zwei bedeutende Persönlichkeiten der Wendezeit: László Rajk, Architekt und Bühnenbildner sowie Mitbegründer der Liberalen Partei (SZDSZ), und der Schriftsteller György Konrád. Die Zeitschriften hatten noch keine Gelegenheit zu reagieren. Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, selbst eine prägende Figur der Wende schrieb über die zwei Persönlichkeiten auf dem unabhängigen Online-Portal Mérce: "Als ich leidend und unsicher versuchte, etwas über meinen Freund, den vor einigen Tagen verstorbenen László Rajk zu schreiben, erreichte mich die Nachricht, dass auch György Konrád gestorben war. In letzter Zeit gingen viele aus unserer intellektuellen Generation, die so oder so gegen das 'realsozialistische' diktatorische System vor 1989 gestanden hatten, oder seelisch, weltanschaulich, in ihrem gedanklichen Stil davon unabhängig geblieben waren - Zoltán Kocsis, Esterházy, Tandori, Ágnes Heller und andere -, jene, die in schweren Zeiten Licht und Trost spendeten für diejenigen, die auch moralisch unter dem Fehlen der Freiheit litten. (...) Laci Rajk blieb auf dem Feld als ehrlicher Mensch, talentierter Künstler und Meister - ohne Verrat, Abtrünnigkeit, Prinzipienlosigkeit - und hielt selbst in der Hoffnungslosigkeit an seinem Glauben fest. Er pfiff auf die Losungen der Minutenmännchen. Im letzten Schutz der Perfektion des Handwerks und der Kunst lebte er als bedeutender Künstler mit Frau und Freunden bis zum Ende ein produktives und erfülltes Leben. Der zum stoischen Weisen gealterte Konrád hielt sich ebenfalls an die goldenen Regel des 'nulla dies sine linea' und schrieb ununterbrochen, gleichgültig, ob man ihn las oder nicht - so wie es sein soll. Dies ist kein Nekrolog. Nur ein Lamento zum Tod zweier bedeutender Menschen - der sich mit einer tiefen Krise kreuzt - wenn wir zurückschauen und darüber nachdenken, ob es sich gelohnt hat. Ob es einen Sinn hatte. Was wohl bleibt."
Archiv: Mérce

The Atlantic (USA), 09.09.2019

Während kontinentaleuropäische Museen beginnen, sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen und über Rückgaben und Kooperationen nachdenken, bewegt sich im Mutterland des Kolonialismus in dieser Hinsicht gar nichts, berichtet Daniel Trilling. Die Briten geben nichts zurück, höchstens mal eine Haarlocke. So sitzt das British Museum auf einer Kollektion von elf Tabletts aus Holz und Stein, die nie jemand zu sehen bekommt, erzählt Trilling. "Es sind christliche Tafeln oder Tabots, die die Bundeslade darstellen, und sie gehören - obwohl das in diesem Fall ein umstrittener Begriff ist - der äthiopisch-orthodoxen Kirche, die glaubt, dass nur ihre Priester sie sehen sollten. Die Tabots wurden zusammen mit Hunderten anderer kostbarer Gegenstände - Prozessionskreuze, Gold- und Silberschmuck, illustrierte Manuskripte - von der britischen Armee 1868 beschlagnahmt, nachdem sie den äthiopischen Kaiser Tewodros II. in der Schlacht von Maqdala besiegt hatte. Es gibt kaum einen klareren Fall von offiziell genehmigter Plünderung: Als Tewodros Selbstmord beging, plünderten Soldaten seine Schatzkammer und versteigerten dann ihre Funde in ihrem Umfeld, um die Expedition zu bezahlen. Sie hatten sogar einen Experten des British Museum mitgebracht, um für einige der ausgesuchtesten Gegenstände zu bieten." Trotz mehrfacher Anfragen will das British Museum die Artefakte nicht zurückgeben, das beste Angebot bisher war, "dass es die Möglichkeit einer langfristigen Leihgabe in Betracht ziehen würde". Begründet wird dies unter anderem mit dem Hinweis, dass Britannien heute eine multikulturelle Gesellschaft sei und darum eine kulturelle Ressource für alle sein müsse. Für den äthiopisch-amerikanischen Autor Maaza Mengiste klingt das ziemlich lahm. Die Briten brauchen eine ehrliche Konversation über ihre Geschichte, meint er: "Wenn Britannien diese geraubten Gegenstände zurückgibt, dann muss es sich selbst neu erfinden. Ist es dafür stark genug?"
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Archiv: The Atlantic

Merkur (Deutschland), 02.09.2019

Einen großen Roman hat der amerikanische Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft nie geschrieben, sein vor allem aus Kurzgeschichten und Novellen bestehendes Werk erschien in den Zwanzigern und Dreißigern in Pulpmagazinen auf billig-grauem Papier. Dennoch erweist es sich als erstaunlich vital und erfreut sich immer wieder neuer Kontextualisierungen vor allem auch der Theorie, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Eva Geulen in einem Essay aus dem aktuellen Merkur, den ZeitOnline zugänglich gemacht hat. Lovecrafts Konzept des kosmischen Grauens, das den Budenzauber von Spinnweben und wallenden Gewändern durch ein Gefühl des Verloren-Seins inmitten des indifferenten Kosmos ersetzt, erweist sich bis heute als anregend: "Hyperobjekte sind Dinge, deren Ausmaß unsere Fassungskraft übersteigt, die keine verlässliche Form haben und sich der Unterscheidung von Natur und Kultur entziehen. Das Klima ist ein solches Hyperobjekt. Und 'Die Farbe aus dem All' ist auch eins. Unter diesem Titel hat sich Lovecraft in einer seiner vielleicht besten Erzählungen einem Gegenstand zugewandt, der schon die noch von keinem theoretischen Selbstzweifel angenagte Philosophie von Leibniz über Kant und Goethe bis Wittgenstein irritiert hat. Ist Farbe eine Sache subjektiver Wahrnehmung, oder hat sie objektive Substanz? Farbe ist gewiss kein Begriff, sondern eher ein Ding, das aber erst an anderen Dingen überhaupt ein Ding zu werden scheint. Farbe ist eigentlich ein Unding beziehungsweise ein Hyperobjekt. In Lovecrafts Erzählung kommt die Farbe als sich rasch in nichts auflösende heiße und verformbare Blase mit einem Meteoriten auf die Erde und sorgt dann auf unheimliche Weise für die 'Vergrauung' aller normalen Vegetation im Umkreis des Einschlags. ... Auch die Menschen fallen den Veränderungen zum Opfer und sind zum Todeszeitpunkt nicht mehr als menschliche Wesen erkennbar... Minus den Überbietungsfuror ist das der Stoff, aus dem auch die neuen Ökologien gemacht sind. Donna Haraway, Verfasserin des berühmten 'Cyborg Manifests' (1985), das Bruno Latour wiederholt in seinen 'Gaia-Lectures' (2017) zitiert, fordert in Anspielung auf Lovecrafts tintenfischartige Monster 'tentacular thinking'. Sein Cthulhu-Mythos wird in ihrem jüngsten Buch 'Unruhig bleiben - Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän' (2018) zum Epochenbegriff erhoben."
Archiv: Merkur

Times Literary Supplement (UK), 16.09.2019

Noch besteht kein Grund zur Panik, meint Gabrielle Walker, rät aber dringend die neuen Bücher von Bill McKibben und Nathaniel Rich zur Klimakrise zu lesen: McKibben, der Gründer von 350.org, beschreibt in "Falter" ("Die taumelnde Welt") nicht nur den Klimawandel, sondern auch Genmanipulation und Künstliche Intelligenz als große Gefahren für die Menschheit: "McKibben tappt nicht in die Falle, uns mit einer Vielzahl erschreckender Fakten zu bombaridieren und uns dann damit benommen allein zu lassen. Er hat einen charmanten Stil - einnehmend, witzig, intelligent, klar. Er ist ein wunderbarer Reisegefährte, so reizend, dass er die schrecklichen Erkenntnisse einsticht wie mit einem Taschenmesser, rein und raus noch bevor man es merkt. Er schafft das mit Informationen, die etwas schräg, aber recht eindrücklich sind: McKibben sagt uns zum Beispiel, dass die Hitze, die wir bis zu diesem kritischen Punkt in die Atmosphäre gepumpt haben, vier Hiroshima-Bomben jede Sekunde entspricht. Und dass der Hurrikan Harvey so viel Regen nach Houston gespült hat, dass die gesamte Stadt um einige Zentimeter sank." Nathaniel Richs Buch "Losing the Earth" basiert auf einem Report für die NYTimes und rekonstruiert bisherige Versäumnisse: "Auch wenn Rich die achtziger Jahre als die Dekade identifiziert, in der wir den Klimawandel hätten stoppen können, gab es auch in den neunziger Jahren viele verpasste Möglichkeiten, von denen er etliche im Nachwort behandelt. Wichtigster Aspekt war der Aufstieg der Klimaleugner, jener Wissenschaftler, die von interessierter Seite in Wirtschaft und Politik bezahlt wurden, um die Öffentlichkeit abzulenken und zu verwirren. McKibben hat noch mehr Details zu diesem Thema, sie zu lesen erfordert einen starken Magen. Letzten Endes gibt er die Schuld jener unheilvollen Philosophie, die zuerst von der Autorin Ayn Rand verbreitet wurde, nach der 'Regierung böse ist und das Volk aus ihren Klauen befreit werden muss'."

Magyar Narancs (Ungarn), 15.08.2019

Der Politologe András Bozóki (CEU) veröffentlichte vor kurzem ein neues Buch über die Rolle der Intellektuellen in Ungarn bei der Wende. (Gördülő rendszerváltás - az értelmiség politikai szerepe Magyarországon, Rollende Systemwende - die politische Rolle der Intelligenzija in Ungarn, L´Harmattan, Budapest 2019, 536 Seiten). Im Interview mit Zoltán Barotányi spricht er u.a. über die letzte Phase der Wende und den Rückzug der Intellektuellen aus dem öffentlichen Leben. "Zwar spielten Intellektuelle bei der ungarischen Wende eine führende Rolle, aber es ging ihnen nicht darum, an die Macht zu kommen. Sie wurden zunächst mangels anderer gesellschaftlichen Akteure (wie eine starke Bourgeoisie oder eine organisierte Arbeiterklasse) durch das entstandene politische Vakuum eingesogen - zu dessen Entstehung sie selbst viel beigetragen hatten. Die Intellektuellen waren die Verkünder der Demokratie, der Marktwirtschaft und der europäischen Integration. Und bis die Kapitalisten tatsächlich angekommen waren, halfen die Intellektuellen das alte System abzubauen, sie gründeten Parteien, verhandelten und schufen die Institutionen des neuen Systems mit. All dies dauerte bis 1994. Am Ende dieser Periode veränderte sich die Rolle der Intellektuellen. Auf jeden Fall gab es in den letzten einhundert Jahren keine Ära, in der Intellektuelle einen so großen Einfluss auf die Politik hatten, wie in dieser Zeit."
Stichwörter: Ungarn, Wende, Integration

Washington Post (USA), 17.09.2019

Weinanbau an der Mosel

Jason Wilson hat eine Schwäche für deutschen Weißwein, Riesling insbesondere, mit schönen "Umlauts" im Namen. Und so reist er an die Mosel um das Piesporter Goldtröpfchen und mehr zu kosten. Staunend berichtet er über eine junge, lebendige Weinszene, die mit organischen Weinen experimentiert und exzellente trockene Weine produziert (wie zum Beispiel die Gruppe "Message in a bottle"). Dabei hat sie einen kleinen Helfer: den Klimawandel. 'Die letzte Ernte 2018 wurde von Weinkritikern weltweit für nahezu perfekt erklärt, viele glauben, dass sie eine goldene Ära trockener deutscher Weine ankündigt. 'In vielerlei Hinsicht hat uns der Klimawandel geholfen', sagt mir der Winzer Johannes Haart. 'Ich experimentiere damit, und schaue, wohin es uns führt.' Haart wählt, wie andere auch, seine Worte sorgfältig aus. Diese Situation ist ganz neu und ein wenig verwirrend. Deutschland gilt seit Jahrhunderten als eine Region mit kühlem Klima, in der die Trauben um ihre Reife  und ihre Gärung kämpften und alkoholarme Weine mit viel Restzucker entstanden. Jetzt, angesichts des unvorhersehbaren Wetters der Welt, ernten die Winzer hier früher im Herbst, mit einem höheren Traubenvolumen und der Herstellung von Wein mit einem höheren Alkoholgehalt - und vor allem trockener. In einigen Ecken der Weinwelt gibt es unbehagliches Flüstern, dass Teile Deutschlands bald bekanntere Gebiete Spaniens, Italiens oder Frankreichs herausfordern könnten, die immer heißer und heißer werden. Wie lange wird es dauern, bis jemand sonnig eine deutsche Weinregion zur 'neuen Toskana' erklärt?"

Le Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 16.09.2019

Es kann gut sein, dass Boliviens Präsident Evo Morales bei den kommenden Wahlen sein Amt verliert, berichtet Marielle Mariette, und ausgerechnet die Indigenen, denen seine Politik zum Aufstieg verholfen hat, verweigern ihm die Gefolgschaft: "Selbst in Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, entstand eine neue Mittelklasse, die die Wahlaussichten der Parteien auf den Kopf stellt. Obwohl sich diese Klasse erst dank der Umverteilungspolitik progressiver Regierungen herausbilden konnte, profitiert davon nicht unbedingt die Linke. 'Nach einer gewissen Zeit setzen die neuen Mittelschichten eher auf Marktwirtschaft statt auf eine staatlich gelenkte, protektionistische Politik', freute sich 2010 der leitende Lateinamerika-Redakteur der Wochenzeitung The Economist. Raúl García Linera, Bruder und Berater des amtierenden Vizepräsidenten Álvaro Linera, diagnostiziert denn auch einen 'gesellschaftlichen Trend zum Konservatismus'. Mit wachsendem Lebensstandard mache sich das Gefühl breit, man brauche die herrschende Ordnung nicht mehr zu verändern. Ist es das Schicksal linker Regierungen, dass sie ausgerechnet von den Menschen, die von ihrer Politik am meisten profitiert haben, schließlich aus dem Amt gejagt werden?"

Weiteres: Hongkongs Regierung wird die tiefe politische Krise nicht mit ein paar finanziellen Wohltaten überdecken können, meint Martine Bular, zu tief sind die Hongkonger über ihre Zukunft verunsichert: "Diese Identitätskrise geht mit einer sozialen Krise einher. Hongkong zählt zu den reichsten Städten der Erde, was auch die Rekordzahl von 67 Milliardären zeigt (laut US-Magazin Forbes). Andererseits sind die Ungleichheiten besonders krass ausgeprägt: 20 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsschwelle." Mickael Correia blickt auf den überhitzten Wohnungsmarkt in Lissabon, wo reiche Angolaner und Touristen die Immobilienpreise in die Höhe schießen lassen: "Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der Ferienwohnungen um 3000 Prozent gestiegen. Seit Ende 2018 führt Lissabon die Rangliste der europäischen Städte mit den meisten Airbnb-Wohnungen pro Einwohner an, noch vor Barcelona und Paris."

Aktualne (Tschechien), 17.09.2019

Im Oktober startet in den tschechischen Kinos der Film "Die Prager Orgie" der tschechischen Regisseurin Irena Pavlásková (Trailer) nach dem Roman von Philip Roth, der darin seine Tschechoslowakei-Besuche in den kommunistischen 70er Jahren verarbeitete. Pavlásková, die sich vor seinem Tod mit Roth traf, erzählt im Interview mit Tomáš Maca: "Philip Roth hat die Situation in unserem Land sehr feinfühlig wahrgenommen. Er sah, wie die tschechoslowakische Gesellschaft nach dem Schock von '68 in die Resignation rutschte und wie die Leute jeweils unterschiedlich mit der Situation umgingen. Einige zogen sich in sich selbst zurück, manche kollaborierten und andere besuchten ausschweifende Feiern, mit denen sie die gestohlene Freiheit kompensierten (…) Von Zeitzeugen erfuhr ich, dass die Partys in der 'Prager Orgie' inspiriert waren von einer Gesellschaft, die sich bei dem Schriftsteller Jiří Mucha traf, dem Sohn des Malers Alfons Mucha. Dorthin kamen aber weniger Dissidenten als Künstler (einschließlich der regimekritischen) und Diplomaten." Die unverbindlichen erotischen Beziehungen jener Zeit sieht Plavásková nachträglich als Ausdruck der Frustration angesichts der Totalität. Philip Roth betreffend, ging sie in den Archiven der Staatssicherheit nachschauen, ob über ihn eine Akte geführt wurde. "Tatsächlich hatten sie einige Leute auf ihn angesetzt, die in dieser schauerlichen Amtssprache Bericht erstatteten: 'Das Objekt wurde beobachtet und suchte das Haus eines anderen beobachteten Objekts auf. Wir werden fürs Erste nicht reagieren.' Eine unklare Rolle spielte in der Vergangenheit auch eine Dame, die nach Meinung von Zeitgenossen das Vorbild für die zweitwichtigste Figur des Romans, der klugen, aber eigenwilligen Olga, war. Es ist möglich, dass man sie wegen ihrer regimekritischen Ausfälle und Partys zur Mitarbeit und zum Aushorchen von Roth zwang. Mir fiel auf, dass der StB ihre Materialien gleich Anfang Dezember 1989 vernichtet hat. Ich muss allerdings betonen, dass ich mit Philip Roth nicht darüber gesprochen habe, wer ihn zu der Figur der provokativen Olga inspiriert hat."
Archiv: Aktualne

La vie des idees (Frankreich), 16.09.2019

Ein faszinierendes Schlaglicht wirft laut Clémentine Fauconnier die Politologin Galia Ackerman in ihrer Studie "Le Régiment Immortel - La Guerre sacrée de Poutine" auf das putinistische Russland. Unter dem "unsterblichen Regiment" versteht man eine Form des Gedenkens, die in Russland spontan entstand und dann vom Staat vereinnahmt und manipuliert wurde. Inzwischen gehören die Defilees mit den Bildern gefallener Vorfahren zu den großen Jahrestagen des sowjetischen Siegs zu den populärsten Formen des Gedenkens. Ackerman sehe sie als Symptom eines "Sowjetismus ohne Kommunismus" und einer Remilitarisierung, schreibt Fauconnier. Der Kult des russischen Sieges bestehe auch darin, dem russischen Volk einzureden, dieser Sieg zeige eine "immanente Eigenschaft des russischen Volks". Der Siegeskult "dient zugleich innenpolitischen Zielen - Konsolidierung eines homogenen und patriotischen Diskurses, der sich in der Persönlichkeit Wladimir Putins bündelt - und einer geopolitschen Strategie der Expansion eines Russlands, das dem Westen immer feindlicher gegenübersteht. In diesem Kontext erlaubt 'das unsterbliche Regiment' eine Verkörperung der  'inneren Überlegenheit des siegreichen Volkes' (Seite 265) , deren Gegner - vor allem die Ukrainer seit der Majdan-Revolution von 2014 - sich de facto den Faschisten gleichgesetzt sehen."

Guardian (UK), 16.09.2019

Nahezu unbemerkt haben die amerikanischen Streamingdienste einen großen Gegenspieler auf dem internationalen Fernsehmarkt bekommen: Die Türkei. Türkische Serien verkaufen sich wie verrückt, berichtet Fatima Bhutto, von Russland über China und Saudi-Arabien bis nach Lateinamerika. Auf keinen Fall darf man sie Seifenopern nennen. Es sind Dizi: "In Dizi geht es um alles, von Gruppenvergewaltigungen bis zu den Intrigen osmanischer Königinnen, sie sind Dickens und die Bronte-Schwester in einem, sagt Eset, ein junger Istanbuler Drehbuchautor und Regisseur: 'Pro Jahr erzählen wir im türkischen Fernsehen mindestens zwei Aschenputtel-Versionen. Mal ist Aschenputtel eine 35 Jahre alte alleinerziehende Mutter, mal ist sie eine 22-jährige verhungernde Schauspielerin.' Eset arbeitet für die vielleicht berühmteste Dizi, 'Das osmanische Imperium', und er fasst die immer befolgten Grundzüge der Geschichten  so zusammen: Der Held darf keine Waffe in die Hand bekommen. Der Mittelpunkt des Dramas ist die Familie. Ein Außenseiter betritt ein gesellschaftliches Setting, das seinem eigenen entgegengesetzt ist, jemand kommt zum Beispiel vom Land in die Stadt. Der Schwarm hat ein gebrochenes Herz und will nichts mehr von der Liebe wissen. Nichts geht über ein Beziehungsdreieck." Aber warum trägt eigentlich keine einzige Frau Kopftuch? "'Es wurde versucht', sagt Eset, 'aber nicht einmal die Konservativen wollen konservative Frauen im Fernsehen. Sie dürfen nicht küssen, nicht gegen ihren Vater aufbegehren, nicht weglaufen, nichts von dem tun, was ein Drama ausmacht.'"

Ian Urbina führt uns am Beispiel der koreanischen Reederei Sajo die ungeheure Rechtlosigkeit auf hoher See vor Augen. Er erzählt die Geschichte des Trawlers Oyang 70, eines wahren Seelenverkäufers, der von seinem betrunkenen Kapitän zum Kentern gebracht wurde: Fünf Seeleute ertranken, die Überlebenden berichteten von systematischer Ausbeutung und Misshandlung durch die tyrannischen Offizieren. "An Land hätte ein solches Desaster das Ende des Unternehmens bedeutet, nicht so auf hoher See", berichtet Urbina weiter. Die berüchtigte Reederei schickte einfach die Oyang 75 los, als neues Modellschiff. In Neuseeland gelang 32 Seeleuten die Flucht: "Als die Indonesier morgens um vier Uhr aufwachten, schlichen sie von Bord, während der Kapitän noch schlief. Weil sie Muslime waren, zogen die Männer durch die Straßen auf der Suche nach einer Moschee; weil sie keine fanden, nahmen sie stattdessen Zuflucht zu einer Kirche. Einer nach dem anderen beschrieben sie den Kirchenmitarbeitern und später Regierungsvertretern ihre Gefangenschaft auf dem Horrorschiff. Ein Chefingenieur brach einem Deckmann die Nase, weil dieser versehentlich mit ihm zusammengestoßen war. Ein anderer Offizier schlug ein Besatzungsmitglied so heftig, dass dieser einen Teil seines Augenlichts verlor. Wer Befehlen nicht Folge leistete, wurde in den Kühlraum gesperrt. Andere wurden gezwungen, verdorbene Fischköder zu essen. An guten Tagen dauerte eine Schicht zwanzig Stunden. Manchmal arbeiteten sie 48 Stunden durch. 'Ich dachte oft daran, um Hilfe zu bitten', sagte Andi Sukendar, einer der indonesischen Seeleute laut Gerichtsprotokoll, 'aber ich wusste nicht, wen'."
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.09.2019

Am Ende vergangener Woche trat der verantwortlicher Chefredakteur der Wochenzeitschrift 168 óra, Ákos Tóth wegen unüberbrückbarer Konflikte mit der Eigentümerin der Zeitschrift von seinem Posten zurück. Mit ihm gingen auch seine zwei Stellvertreter, der Politologe Zoltán Lakner und Gyula Krajczár. Eigentümerin der Zeitschrift ist die Firma Brit Media, die wiederum mit dem ungarischen Ableger der orthodoxen Chabad Lubawitsch Gemeinde und insbesondere mit Rabbi Slomó Köves in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Die Gemeinde von Köves wurde von der gegenwärtigen Regierung als offizielle Kirche anerkannt und im Gegensatz zu der traditionellen jüdischen Gemeinde, der eher regierungskritischen MAZSIHISZ wird sie großzügig vom Staat unterstützt. Rabbi Köves fungierte in den vergangenen Jahren des Öfteren als Apologet der Orbán-Regierung, zumal bei umstrittenen Kampagnen wie die gegen Georg Soros. Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom fragt sich, in welche Richtung sich 168 óra wohl entwickeln wird: "Wie aus der veröffentlichten Abschiedsrede des scheidenden Chefredakteurs Ákos Tóth ersichtlich wurde, hatte er unüberbrückbare Konflikte mit den Eigentümern der Wochenzeitschrift, doch über Einzelheiten und Inhalt wurde nichts gesagt. Wie es informell hieß, wurde die Köves-Linie erdrückend. Wohin all dies führt, kann noch nicht gesagt werden. (…) Die wichtigste Frage ist, ob es inhaltliche Veränderungen geben wird, ob die politische Linie der Zeitschrift bleibt, und ob sie das, was die Leser am meisten mochten, nämlich niveauvolle Interviews und ideenreiche Publizistik verlieren wird. Oder all dies bleibt, nur das, was informell angedeutet wurde, noch stärker wird, dass die Zeitschrift sich zunehmend zum religiösen Traktat wandelt. Auch das kann passieren, nur dann soll nicht so getan werden, als ginge es um etwas Anderes."

New Yorker (USA), 23.09.2019

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins las Jill Lepore Edward Snowdens Autobiografie "Permanent Record", die sie mit wenig Sympathie, um nicht zu sagen Herablassung, bespricht: "'Permanent Record' bietet dem Leser wenig von dem John-le-Carré-trifft-Jason Bourne-Zeug: wieso er als Angestellter im Verteidigungssektor mit 28 beschloss, streng geheime Daten der US-Regierung an den Guardian und die Washington Post weiterzugeben, wie er es anstellte und wie sein Leben seitdem aussieht. Kritiker werfen ihm Ausflüchte und Verzerrung vor, Unterstützer erkennen Ehrlichkeit und Integrität. Die Lesermeinungen werden auseinandergehen, ohne viel Neues zu erfahren, außer über den Geist eines Spielers. Ein Großteil des Buches dokumentiert nicht die Veröffentlichungen und ihre Konsquenzen, sondern Snowdens Kindheit, Jugend und frühe Zeit als Erwachsener, Spiel für Spiel, von Nintendo bis NSA … Snowden ist ein Anhänger der Es-war-einmal-das-Internet-Theorie von einer Techno-Utopie für freie, anonyme, unregierbare Menschen. 'Damals bedeutete online zu sein in ein anderes Leben einzutreten', schreibt er. 'Das Virtuelle und Tatsächliche waren noch nicht eins, und es war Sache des Einzelnen zu bestimmen, wo das eine aufhörte und das andere begann. Genau das war das Inspirierende: die Freiheit, sich etwas ganz und gar Neues vorzustellen, neu anzufangen.' Das war das anarchistische, von Leuten der Gegenkultur wie Stewart Brand (Whole Earth Catalog) und John Perry Barlow (Grateful Dead) betriebene Internet. Es wurde von Liberalisten und Antiantimonopolisten und Konservativen wie Newt Gingrich und George Gilder weitergeführt. Deren Internet ist nicht das, welches wir verloren haben, sondern welches wir heute haben, in Form von Gingrich-Gilders Telekommunikationsgesetz von 1996, das Clinton verabschiedete und das das Internet vor Regulationen durch den Staat abschirmte und zu einem kommerziellen Jahrmarkt machte. Google, Facebook und Amazon wissen viel mehr über US-Bürger als die NSA. Aber Snowden hatte die Vorstellung, dass die Mächte, die das Internet seiner Kindheit ruiniert hatten, nicht so sehr die liberalen waren, die Unternehmen unkontrolliert ließen und der Datengewinnung, dem Tracking und der Manipulation Tür und Tor öffneten, sondern die Regierung, die das Internet mit dem Patriot Act von 2001 zu einem Ort machte, an dem es nun unmöglich war, unbeobachtet und ohne Einfluss der Regierung zu sein. Dieses Spiel wollte Snowden beenden. Reset, neues Spiel." Google weiß mehr über amerikanische Bürger als die NSA? Hier und hier nochmal eine Erinnerung daran, welches Ausmaß an staatlicher Überwachung (nicht nur amerikanischer Staatsbürger) Edward Snowden enthüllt hat. Google, Facebook und Co besitzen auch nicht das Gewaltmonopol.

Außerdem: Jonathan Blitzer erklärt, warum die Stimmen der Latinos in Florida für Trump Chefsache sind. Ben Taub porträtiert den Kriegsjournalisten und Utopisten Jonathan Ledgard. Janet Malcolm stellt Benjamin Mosers Biografie über Susan Sontag vor, die Sontags Tagebücher als wesentliche Quelle nutzt. Hilton Als erinnert an den Fotografen Roy DeCarava und seine Porträts schwarzer Künstler. Peter Schjeldahl feiert die afroamerikanische Künstlerin und Michelle-Obama-Porträtistin Amy Sherald. Anthony Lane sah im Kino James Grays "Ad Astra".
Archiv: New Yorker