Magazinrundschau - Archiv

Vanity Fair

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Magazinrundschau vom 07.10.2025 - Vanity Fair

Es gibt - neben seinem jugendlichen Charme - zwei Gründe, warum Zohran Mamdani tatsächlich die Wahlen zum Bürgermeisteramt in New York gewinnen könnte: sein politisches Programm (Steuererhöhungen für die Reichen, Mietpreisbremse, kostenlose Busse, kostenlose Kinderbetreuung), schreibt James Pogue, und "seine Rolle bei der Organisation der New Yorker Muslime als Block mit politischem Selbstbewusstsein und Wahlmacht -, der aus religiöser Solidarität, Migrantenerfahrung und Unterstützung für die palästinensische Sache entstanden ist. Mamdanis Sieg war Teil einer viel größeren organisatorischen Anstrengung, die weit weniger effektiv gewesen wäre, wenn der Israel-Palästina-Konflikt nicht ein so brisantes Thema gewesen wäre, das sich auf nationaler Ebene widerspiegelte. Auf allen Kontinenten hat die Palästina-Frage dazu beigetragen, muslimische Kandidaten und Wähler für die linke Politik zu gewinnen, zum Teil als einziger plausibler Weg, um das politische Establishment zu stürzen, das nach wie vor kompromisslos pro-israelisch ist. Palästina entwickelt sich derzeit rasch, wie zuvor Vietnam, zum zentralen Thema einer breiteren linken Anti-Establishment-Bewegung. Was Mamdani repräsentiert, ist ein subtilerer und potenziell viel bedeutenderer Bruch mit der Babyboomer-Demokraten wie Bill Clinton... Er teilt die Weltanschauung einer ganzen Generation junger Linker, die Themen wie Einwanderung, Polizeiarbeit und Außenpolitik als einen miteinander verknüpften Kampf zur Unterstützung der Unterdrückten betrachten. Mamdani sagte mir später, dass er der Meinung sei, seine Kampagne, die vielleicht bedeutendste in der amerikanischen Politik, die eine so pro-palästinensische Position einnimmt, habe 'die Widersprüche und Heucheleien aufgezeigt', wie er es ausdrückte, 'in diesen vermeintlich tief verwurzelten Überzeugungen, die wir über Universalität haben'. Er meinte damit, dass diese Frage ein böswilliges Versprechen offenbart habe, das selbst im Kern der liberalen amerikanischen Politik steckt - dass alle Leben den gleichen Wert haben, unabhängig davon, wo sie gelebt werden." Und seine Ankündigung für Steuererhöhungen? Könnte Unternehmen aus der Stadt vertreiben, aber vielleicht wäre das okay, meint ausgerechnet der US-Finanzminster Scott Bessent zu James Pogue: "Er glaubte nicht, dass Mamdanis Umverteilungsprojekt tatsächlich funktionieren würde. Aber eine Kapitalflucht und einen Crash auf dem Immobilienmarkt zu provozieren, könnte durchaus ein echter Weg sein, um das Problem der Bezahlbarkeit anzugehen, auch wenn das niemand so direkt sagen würde. 'Ich fände es irgendwie gut, wenn Mamdani gewinnt', sagte Bessent. 'Denn das Schlimmste wäre in gewisser Weise, wenn Cuomo wieder ins Amt käme. Dann würde man einfach vier oder acht Jahre lang weiter an Höhe verlieren, sie würden es irgendwie zusammenhalten, aber noch mehr Menschen würden wegziehen. Man könnte statt dessen auch sagen: Okay, er ist ein Schock für das System, aber es besteht die Chance, dass man sich davon erholt.'"

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Vanity Fair

Janine di Giovanni bereist nach dem Fall des Assad-Regimes Syrien, unterhält sich mit ehemaligen politischen Gefangenen und macht sich Gedanken darüber, wie - juristisch, politisch, sozial - ein Weg in eine bessere Zukunft möglich sein könnte: "Die Herausforderung besteht darin, Recht und Gerechtigkeit in Einklang zu bringen, ohne dabei in eine Spirale aus Rache und Gewalt zu geraten - wie es etwa im Irak geschehen ist. Die HTS-Regierung hat den zwangsrekrutierten Soldaten des früheren Regimes Amnestie gewährt, was darauf hindeutet, dass sich die neuen Machthaber möglicherweise nur auf ranghohe Funktionäre konzentrieren, wenn es um Strafverfolgung geht. Doch dieses Modell bringt Probleme mit sich - wie in Bosnien, wo Opfer noch immer Seite an Seite mit ihren Folterern leben müssen, was den Heilungsprozess verzögert. Es gibt noch viel zu tun. Nationale Gesetze müssen verabschiedet, neue Gerichte eingerichtet werden. Derzeit findet eine Reform des Justizwesens statt. Die syrische Zivilgesellschaft arbeitet intensiv daran, Beweise zu dokumentieren und zu sammeln. Flüchtlinge beginnen, in ihre Heimat zurückzukehren. Doch Rechenschaft bedeutet weit mehr, als nur Assads Handlanger ins Gefängnis zu bringen. Wie kann eine neue Regierung eine so gewaltige Aufgabe übernehmen? Vor allem in einer Zeit, in der die Demokratie auf dem Rückzug ist, Diktaturen im Aufwind sind und Autokraten sich gegenseitig den Rücken stärken? In den Wohnungen und Cafés Syriens entgeht es niemandem: Heute nacht schläft Baschar al-Assad in aller Ruhe im Land Wladimir Putins - jenes Mannes, dessen Angriff auf die Ukraine und deren Präsidenten von Donald Trump gegenüber Wolodymyr Selenskyj so kommentiert wurde: 'Du hättest niemals damit anfangen dürfen.'"

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - Vanity Fair

Elsa Keslassy erzählt in ihrem Porträt von Efe Cakarel, wie es dem türkischen Informatiker und Stanford-Absolventen gelungen ist, den kleinen, 2006 noch als The Auteurs gegründeten Nischen-Streaminganbieter Mubi zu einem profitablen Arthouse-Netzwerk auszubauen, dessen Wert jüngst auf eine Milliarde Dollar geschätzt wurde. Längst schickt sich Mubi an, neben dem ebenfalls für einigen Buzz sorgenden Studio A24 zum großen Filmkunstplayer zu werden, Eigenproduktionen samt Cannes- und Oscar-Erfolgen inklusive. Dass er sein Unternehmen sorgfältig und Stück für Stück aufgebaut hat, ist das eine. Dass die Pandemie 2020 dem Streamer einen massiven Millionenschub verpasst hat, das andere. "Aber Cakarel interessiert sich nicht dafür, an der Spitze der Box Office zu stehen. Er will lieber die Kultur, gezielt in einen Film zu gehen, wiederbeleben - indem er ein Biotop schafft, das von Streaming über Veröffentlichungen bis hin zu Arthouse-Kinos reicht, um Filmliebhabern zu ermöglichen, jene Sorte von ungewöhnlichen, visionären Werken zusehen, vor denen andere Studios zurückschrecken. ... Im Gegensatz zu anderen Streamingdiensten hat es sich als Mubis vorrangige Strategie herausgestellt, die Abonnenten davon zu überzeugen, Filme im Kino zu sehen. Während das Basisabo bei 14,99 Dollar liegt, hat Mubi auch ein Premium-Abo für 19,99 Dollar eingerichtet, bei dem ein Service namens Mubi Go inklusive ist. Dieser beinhaltet pro Woche ein gratis Kinoticket in den USA, in UK oder auch in Deutschland. ...Während Mubi sich immer weiter in die Welt von Distribution und Produktion begibt, möchte Cakarel streng kontrollieren, wie viele Filme sie jährlich auf den Markt bringen und welches Budget sie haben. Mubi hofft, jährlich einen Schwung von 15 Filmen auf den Markt zu bringen, die je zwischen fünf und 25 Millionen kosten sollen - eine relativ bescheidende Investitionssumme. 'Können wir das für das richtige Projekt, den richtigen Filmemacher ein bisschen erweitern? Ja, absolut', sagt er. 'Frag mich im nächsten Jahr nach dieser Nummer. Sie wird größer sein. Aber wir wollen wirklich fokussiert beiben auf diesen speziellen Raum und dieses Budget. Wenn man einen Film für 100 Millionen dreht, sind die Erwartungen, was dieser Film alles leisten muss, viel höher.'"

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - Vanity Fair

Wie hat J.Crew es geschafft, in den Olymp der amerikanischen Preppy-Marken aufzusteigen und den Kund*innen aus dem Milieu der wohlhabenden Amerikaner an der Ostküste Natürlichkeit und Spontaneität vorzutäuschen? Durch kunstvoll orchestrierte Katalogfotografien, für die allerhand aufgefahren wird, weiß Maggie Bullock nach ihrer Recherche. Das Markenimage-Mastermind dahinter ist Emily Cinnader, mit 21, frisch von der Uni, schon eine unbeirrbare, manchmal gnadenlose Geschäftsfrau. Sie sorgt dafür, die Marke mit lässigem Lifestyle und mit wie zufällig entstandenen Signaturlooks in Verbindung zu bringen, die intensiven Arbeiten hinter den Kulissen soll man ihnen nicht ansehen: "Der krasse 80er-Zwiebellook von J.Crew, verehrt und schließlich verlacht - wer nicht gerade eine dünne Gräte ist, an dem sehen vier Hemden übereinander einfach eher wenig schmeichelhaft aus - wurde aus Praktikabilitätsgründen geboren: weniger Outfitwechsel beim Shooting. Zieh die Jacke aus, weiter geht's. Die Fotografin und ihr Team haben dafür gesorgt, die Kleidung gebraucht aussehen zu lassen: Neue Kleidung kam sofort in die Waschmaschine, manchmal mehrfach, bis sie angemessen aufgetragen ausgesehen hat. Die Gürtel wurden in Wasser getaucht, die Stiefel in Pfützen gestampft. Requisitenhäuser und Verleihfirmen wurden nach dem perfekten Wohnwagen, einem Haufen Surfbretter, einem Wurf Hundewelpen, dem Treibgut der Reichen und Schönen durchforstet." Die Kundenbindung junger, hipper, modebewusster Prep-School-Absolvent*innen erfolgt, fast wie bei Influencern heute, dadurch, dass die Marke durch aufwendig konstruierte Bilder mühelos elegantes Leben vorgaukelt: "Der Lackmus-Test für ein J.Crew-Foto war immer: Fühlt es sich echt an? Kann es als spontaner Schnappschuss durchgehen?"
Stichwörter: Influencer, Stiefel

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - Vanity Fair

Auch für Tom Kludt ist die Fußball-WM in Katar ein absolutes Desaster. Allerdings ein hausgemachtes, zu dem auch die Medien beitragen: "Die Organisatoren haben Beschränkungen auferlegt, wo und was Medienvertreter dokumentieren können, und verbieten das Filmen oder Fotografieren von Wohnhäusern, Privatunternehmen und Regierungseinrichtungen. Die harte Haltung der Regierung hat bereits zu Zwischenfällen geführt. Letzte Woche unterbrachen katarische Sicherheitsbeamte die Live-Aufnahmen eines dänischen Fernsehteams in den Straßen von Doha und drohten, die Kameraausrüstung zu zerstören; die Organisatoren der Fußballweltmeisterschaft entschuldigten sich später und erklärten, es habe sich um einen Fehler gehandelt. 'Es herrscht eine echte Feindseligkeit zwischen den Medien, den Fans und dem Gastgeberland, wie ich sie noch nie erlebt habe', sagt Guardian-Reporter Barney Ronay, der in diesem Jahr zum dritten Mal über die Fußballweltmeisterschaft der Männer berichtet. 'So sollte es eigentlich nicht sein.' Ronay ist besorgt, dass es zu weiteren Zwischenfällen zwischen Journalisten und den katarischen Behörden kommen könnte, aber er glaubt auch, dass die angespannte Atmosphäre es den Medien unmöglich macht, über das Ereignis ausschließlich durch das Prisma des Sports zu berichten. 'Es gibt nur eine Geschichte', sagte Ronay, 'und die lautet: Was zum Teufel machen wir alle hier?'" Die Antwort wäre: Geld und Quoten sichern. "Andere Fans des Fußballs sind zu einer ähnlichen Abwägung gezwungen, da der globale Fußball in diesem Jahrhundert durch den Eintritt einer Reihe von Petro-Staaten aus dem Nahen Osten auf den Kopf gestellt wurde. Manchester City ist dank der Großzügigkeit seines Besitzers, Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, zum dominierenden Verein in England geworden. Ein weiterer englischer Verein, Newcastle United, wurde letztes Jahr vom Public Investment Fund Saudi-Arabiens gekauft. Die Katarer, die über eines der größten Erdgasvorkommen der Welt verfügen, haben auch an dieser Front mitgemischt. Die staatliche Beteiligungsgesellschaft Katars ist Eigentümerin von Paris Saint-Germain, einer galaktischen Mannschaft mit Lionel Messi, Kylian Mbappé und Neymar an der Spitze. [Der Vollständigkeit halber sei hier auch Bayern München erwähnt, die von Katar laut Bild-Zeitung (via Fußball News) mit um die 17 Millionen Euro jährlich gesponsort werden] Diese Übernahmen werden weithin als Lehrbuchfälle von 'Sportswashing' angesehen, bei denen ein Land mit einem angeschlagenen Image einen geliebten Sport nutzt, um sein Image aufzupolieren. Die Fußballweltmeisterschaft 2022 könnte der ultimative Ausdruck dafür sein."

Die Kushners, Trumps Tochter Ivanka und ihr Mann Jared, sind als ehemalige Berater von Donald Trump in den besseren Kreisen von Washington und New York heute unmöglich, in Florida, wohin sie mit ihrer Familie gezogen sind, geht es ihnen glänzend - auch dank der engen persönliche Beziehung Kushners zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und zu Katar, berichtet Emily Jane Fox in einer Reportage, die einen würgen lässt. "Etwa sechs Monate nach der Vereidigung Joe Bidens gab Kushner in Florida bekannt, dass er die Investmentfirma Affinity Partners gründen würde. Bis zum Ende des Jahres hatte Affinity 3 Milliarden Dollar eingesammelt, davon 2 Milliarden Dollar von einem Fonds unter der Leitung von Mohammed bin Salman ... Kushner baute ein Team von etwa 30 Personen auf, darunter erfahrene Private-Equity-Experten und eine Reihe von Mitarbeitern aus Trumps Weißem Haus, darunter dessen langjährigen Berater Avi Berkowitz als Partner. Andere hatten im Nationalen Wirtschaftsrat, im Rat der Wirtschaftsberater und im politischen Team des Weißen Hauses gearbeitet. Miguel Correa, ein pensionierter Zwei-Sterne-General, der dem Nationalen Sicherheitsrat angehörte, kam als Mitglied des Geowirtschaftsteams hinzu. Sie bezogen die gesamte neunte Etage eines 12-stöckigen Gebäudes, zu einer Zeit, als Büroräume überall spottbillig waren, und während der Bauarbeiten mieteten sie einen Platz im 12. Sobald man die Tür zum Büro aufschwingt, schlägt einem der Ozean ins Gesicht, vom Boden bis zur Decke, so dass das Meer aus Stehpulten und Betonböden und die sonstige Nüchternheit des Raums verschwinden. An den Wänden hängen gerahmte, von Donald Trump signierte Titelseiten mit Kushner, ein WM-Trikot mit dem Namen Kushner und der Nummer 26 - eine Anspielung darauf, dass Kushner die Fußballweltmeisterschaft ausgehandelt hat, die 2026 nach Nordamerika kommt. Die Verbindung zu Trump mag für einige potenzielle Geschäftsleute ein rotes Tuch sein, aber sie hat viele andere nicht davon abgehalten. Etwa 400 Unternehmen haben Affinity im ersten Jahr Pitch Decks mit Finanzierungsanfragen zugesandt, obwohl Affinity bisher nur in vier investiert hat."

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - Vanity Fair

Die Newsletter-Plattform Substack wird fünf Jahre alt und hat zumindest in Amerika die Öffentlichkeit mitgeprägt: Salman Rushdie hat einen Newsletter, Patti Smith kommuniziert mit ihren Fans, prominente und sehr meinungsstarke Journalisten wie Bari Weiss, Andrew Sullivan oder Glenn Greenwald haben lukrative Nischen außerhalb der großen Medien gefunden. Es gibt auch eine Historikerin, die durch Substack berühmt wurde, Heather Cox Richardson, sozusagen die Hedwig Richter der USA. Joe Pompeo erzählt die Erfolgsgeschichte von Substack, inklusive der für amerikanische Reportagen typischen Details aus den völlig platten Biografien der Gründer. Aber Substack kriegt jetzt Probleme, so Pompeo mit frommem Augenaufschlag. Anders als bei Twitter oder Facebook dürfen sich Corona-Leugner hier noch äußern. Und schlimmer noch: Es gab Witze gegen die Transcommunity. Die Guidelines von Substack sind noch musk-haft libertär und offen. Wie lange wird sich Substack so viel Desinformation leisten können, fragt Pompeo. Die Antwort Hamish McKenzies, eines der Mitbegründer: "Facebook und Twitter und andere, die bei der Moderation von Inhalten eine härtere Gangart einlegen, stehen unter stärkeren Zwängen, denn sie sind Verstärkungsmaschinen, so sind ihre Systeme aufgebaut. Sie liefern Newsfeeds, die nach Inhalten sortiert sind, die sehr ansprechend sind. Das fördert die Produktion solcher polarisierender Inhalte. Sie sind die weltweit leistungsfähigsten Maschinen zur Verbreitung von Desinformation, und daher ist die Last des Handelns für sie viel größer."

Magazinrundschau vom 08.03.2022 - Vanity Fair

Streaming beschert der Musikindustrie nach langer Durststecke einen neuen Geldsegen - nur kommt bei den Urhebern wenig davon an. Was auch im Bereich der Filmmusik Probleme aufwirft, schreibt Mark Rozzo und spricht damit ein offenes Geheimnis der Branche an: Viele namhafte Komponisten sind eher Marken und Teamleiter, die ihren Werken lediglich eine Richtung vorgeben, die konkrete Arbeit aber ein Team machen lassen - manche beschäftigen auch "Ghost Composer", die die komplette Arbeit machen. Der Frust in diesem Segment ist groß, nicht nur wegen der mangelnden Anerkennung, sondern auch wegen der Bezahlung: "Der Komponist einer Emmy-gekrönten Serie erzählte mir, dass er pro Folge 150 Dollar vorab bekam, wobei die Länge nicht festgelegt ist. Die Arbeit daran kann bis zu zehn Stunden dauern. 'Bricht man das mal runter, kommt man gerade mal auf den Mindestlohn', sagt er. Auch kann das Honorar erheblichen Schwankungen unterliegen, je nach Projekt und Komponist, für den man arbeitet. Ein Ghostwriter, der für große Filme arbeitet, spricht von 1.500 Dollar pro Musikminute. Wenn es um Tantiemen geht, beansprucht der Haupt-Komponist in der Regel 50 Prozent, selbst wenn der Hilfskomponist oder der Ghost Composer die ganze Arbeit geleistet hat (schließlich sorgt der Haupt-Komponist ja dafür, dass die Leute ein Dach über dem Kopf haben). Allerdings ist es in manchen Studios so, dass dieser Anteil auf bis zu 75 Prozent wachsen kann, sobald der Haupt-Komponist an der Arbeit auch nur irgendetwas verändert - wenn er zum Beispiel vorschlägt, das Tamburin im Mix etwas leiser zu pegeln. Wenn das Studio die Arbeit mit einer 'Notiz' (ein Bearbeitungswunsch) zurückgibt, kann der Haupt-Komponist bis zu 100 Prozent für sich veranschlagen. Dies soll den Zuarbeitern einen Anreiz liefern, makellose Stücke vorzulegen."

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - Vanity Fair

Die Vermutung, das Coronavirus könnte einem Laborunfall entsprungen sein, wurde ziemlich schnell in die Ecke der Verschwörungstheorie abgeschoben. Vor allem auch mit einem Statement in der honorigen Zeitschrift Lancet, mit dem die Crem de la Creme der internationalen Virologie jegliche Spekulation in dieser Richtung als moralisch inakzeptabel verwarf. Doch in Washington dreht sich der Wind gerade, nicht zuletzt da bekannt wurde, dass drei Wissenschaftler des Wuhan Institute of Virology schon im November 2019 mit Covid-19-Symptomen ins Krankenhaus gebracht werden mussten. In einer Wahnsinnsrecherche spürt Katherine Eban der Theorie bis in die Fledermaushöhlen von Yunan nach und zeigt unter anderem, dass nicht nur von China die Aufklärung verhindert wurde, sondern auch von den USA: "... Dann kam die Enthüllung, dass das Statement in Lancet nicht nur von dem Zoologen Peter Daszak unterzeichnet, sondern auch organisiert worden war, eben jenem Mann, der Forschungsgelder der amerikanischen Regierung für aggressive virologische Forschung gesammelt und an verschiedene Einrichtungen weitergeleitet hatte - darunter auch das Wuhan Institute of Virology. David Asher leitete im Außenministerium die Untersuchungen zu den Ursprüngen von Covid19. Er sagt, es wurde ziemlich schnell klar, dass es eine große Gain-of-function-Bürokratie innerhalb der Regierung gebe. Während die Monate vergingen, ohne dass ein Zwischenwirtstier die Theorie eines natürlichen Ursprungs belegen konnte, erreichten die Fragen ernstzunehmender Skeptiker an Dringlichkeit. In den Augen eines früheren Gesundheitspolitikers stellte sich die Situation so dar: Ein Institut, 'das mit amerikanischen Geldern ausgestattet ist, versucht ein Fledermaus-Virus so zu manipulieren, dass es menschliche Zellen infizieren kann, und plötzlich gibt es dieses Virus' in der gleichen Stadt wie das Labor. Es sei 'intellektuell unredlich, diese Hypothese nicht zumindest zu erwägen'. Und da China eine transparente Untersuchung so aggressiv abblockt und nicht davor zurückschreckt, zu lügen, zu vertuschen und Opposition zu zerschlagen, kann man wohl mit Recht fragen, ob Shi Zhengli, die führende Forscherin am Wuhan Institute, wirklich so frei wäre, einen Unfall in ihrem Labor zu melden, selbst wenn sie gewollt hätte."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Vanity Fair

In Deutschland sind wir ja - zumindest bislang - um die allerschlimmsten Härten der Corona-Pandemie herumgekommen. Deutlich anders wird einem, wenn man Josh Sanburns bedrückende Reportage über amerikanische Bestatter liest. Von den Belastungen des medizinischen Personals war in den ersten Monaten ja immer wieder die Rede, aber wie Bestatter in den Pandemie-Hotspots mit den Leichenstapeln, überlaufenden Lagerhallen und abzuwimmelnden Familien, die ihre Toten beerdigen wollen, umgehen - davon las man bislang bemerkenswert wenig. "Viele Hospitale begannen damit, große Kühltrucks heranzuschaffen, die allerdings über kein Regalsystem verfügten. Bevor die Beleuchtung installiert wurde, mussten die Bestatter Frankie und Jose ihre Telefone als Taschenlampen verwenden, um Leichen in den dunklen Anhängern zu identifizieren. Manchmal dauerte es bis zu 20 Minuten, um die richtige Leiche zu finden, da die ID-Karte sich gelöst hatte und sie die Leiche anhand der Informationen, die am Gelenk oder am Zeh angebracht waren, identifizieren mussten. Ob sie sich bei einer Leiche mit Covid-19 anstecken konnten, wussten sie damals nicht, also trugen sie die ganze Zeit über komplette Schutzanzüge. Von allen Leichenhallen, in die sie kamen, war die des Brookdale University Hospitals mit die verstörendste. Am 3. April nahm Frankie in einem Anhänger des Hospitals ein Video auf. Ein Mann liegt außerhalb der Leichentasche. Andere liegen  gestapelt übereinander. Humanitäres Chaos. 'Gleich wenn man die Tür öffnete, lagen da stapelweise Leichen. Man musste drüber klettern, um in den Truck zu kommen', erzählt mir Frankie. 'Diese Leichensäcke sind sehr günstig. Wenn man den Reißverschluss öffnet, entsteht ein Riss. Arme und Beine hingen raus. Ein Typ lag nackt außerhalb des Sacks.' Schließlich fanden sie die Frau, nach der sie Ausschau hielten. Sie lag gleich vorne, unter einer anderen Leiche, mit dem Gesicht nach unten. Auf der Rückseite des Leichensacks sah Frankie Fußabdrücke."

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - Vanity Fair

Jack Dorsey ist stinkreich und pflegt seltsame Gesundheitsrituale. Er ist außerdem Mitbegründer von Twitter. Einer dieser Typen also, die mächtiger sind als Präsidenten und alle Zeitungen dieser Welt. Aber auch dieses Leben ist nicht ungetrübt, Dorsey ist jetzt ein richtig großer Hai auf den Fersen, erzählt Nick Bilton: Jesse Cohn vom Hedge Fund Elliot Managment. Der erwarb Twitter-Anteile im Wert von einer Milliarde Dollar und kündigte dann an, dass man Veränderungen in der Firmenleitung erwarte, damit Twitter mehr Geld mache. Dorsey und sein Umfeld nahmen das zunächst nicht ernst: Ohne ihn wäre Twitter schnell man Ende, glaubte man. "Doch für manche ist das eine altmodische Ansicht, ein Aberglaube aus dem Silicon Valley. In den Augen von Elliott scheitert Twitter gerade weil Dorsey dort ist. Angeführt wurde der Antrag, ihn rauszuschmeißen, von Jesse Cohn, der kürzlich von William D. Cohan in einem Profil als eine tausendjährige Version von Gordon Gekko beschrieben wurde. Cohn hat einen Ruf in Situationen wie dieser. Er hat unter zahllosen anderen Unternehmen die Verdrängung der CEOs von Athenahealth und eBay durchgesetzt und einen blutigen Sport daraus gemacht, schwache CEOs bei unterbewerteten Unternehmen aufzuspüren, sich in ihre Vorstände zu drängen und so lange auf Veränderungen zu drängen, bis er seinen Willen durchsetzen konnte, wobei seine Firma Hunderte von Millionen Dollar verdiente. Ein langjähriger Beobachter von Cohn beschrieb ihn als 'einen verdammten Killer', der alles tue, was nötig sei. In der Vergangenheit hat Elliott bei früheren Coups extreme Taktiken angewandt, darunter die Beauftragung privater Ermittler, um schmutzige Geheimnisse bei den Vorstandsmitgliedern aufzuspüren."