Magazinrundschau - Archiv

Desk Russie

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Magazinrundschau vom 28.04.2026 - Desk Russie

Die Geschichte des Verhältnisses der europäischen Linken zum Iran muss noch geschrieben werden. Eine Episode schildert Vincent Laloy in Desk Russie. Sein Artikel handelt von der anhaltenden Nettigkeit französischer Politiker gegenüber den Mullahs - angefangen mit Präsident Valéry Giscard d'Estaing, der dem Ajatollah Khomeini Asyl gewährt hatte. Gegenüber den Sozialisten, so Laloy, war man im Iran zunächst misstrauischer: "Und doch hatte die islamische Diktatur der Mullahs keinen Grund, sich über die Sozialistische Partei zu beklagen: Als der spätere Premierminister und Lionel Jospin im Juni 1980 in Teheran eine internationale Konferenz zum Thema 'amerikanische Einmischungen' mitorganisierte, während die amerikanischen Botschaftsgeiseln noch immer festgehalten wurden - was einen eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht darstellte -, zögerte er nicht, die Delegation der Partei anzuführen, begleitet von Didier Motchane, einem Vertrauten von Jean-Pierre Chevènement, Vertretern der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaft CGT, von Roger Garaudy, dem späteren Holocaustleugner, dem linksradikalen Richter Louis Joinet und Joë Nordmann, dem stalinistischen Anwalt." Es ist schwierig, im Netz Belege für diese Reise zu finden. Jospin hat die Reise allerdings selbst bestätigt, denn er schrieb das Vorwort zu dem Buch "Les socialistes français et l'Iran" von Alain Chenal von 2012, das man im Netz als pdf-Dokument lesen kann. Jospin schildert die Reise so, als habe die internationale Linke noch das Beste aus der Revolution machen wollen: "Nach diesem Besuch im Iran im Juni 1980 kehrte ich mit großer Sorge um jene unserer Freunde zurück, die in der Anfangsphase der islamischen Revolution gewählt worden waren. Und ich erinnere mich, dass ich oft von dieser Revolution als Beispiel dafür gesprochen habe, wie eine Revolution 'ihre Kinder verschlingt'." Dass die Mullahs die iranische Linke in der Folge vernichtete, schreibt Jospin der amerikanischen und französischen Unterstützung für den Irak im Krieg mit dem Iran in den achtziger Jahren zu.

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - Desk Russie

Wenn Russland ein Nato-Land angreift, dann bald, in der berechtigten Hoffnung, dass Trump amüsiert zuschaut, und bevor Europa aufgerüstet hat. Der ehemalige Außenminister Litauens Gabrielius Landsbergis malt schon mal ein Szenario aus: "Stellen Sie sich vor: Nach einem Cyberangriff auf den Zug, der zwischen Moskau und Kaliningrad unterwegs ist, muss der Zug, der russische Staatsbürger befördert, in Litauen anhalten. Gerade laufen russisch-weißrussische Manöver nahe der litauischen Grenze. 
- Die litauischen Behörden reagieren umgehend. Die Lage spitzt sich zu: Die russischen Passagiere des Zuges behaupten, bedroht zu werden.
- Der russische Präsident ruft eine humanitäre Krise aus und befiehlt seiner Armee, den Zug zu 'sichern' und die Passagiere zu schützen. Russische Truppen überschreiten die Grenze.
- Litauen leistet Widerstand. Es fallen Schüsse. Russland behauptet, es handele sich lediglich um eine Rettungsaktion, und schickt Verstärkung.
- Litauen beruft sich auf Artikel 5 des NATO-Vertrags, aber nicht alle Mitgliedstaaten sind sich einig, dass es sich um einen Angriff handelt. Einige sprechen von einem schlecht gehandhabten zivilen Zwischenfall und fordern weitere Informationen.
- Die Vereinigten Staaten, die ihre Beziehungen zu Russland wiederherstellen wollen, weigern sich zu handeln."

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - Desk Russie

Das ukrainische Dorf Kamjanka wurde während der russischen Invasion in Charkiw fast vollständig vernichtet, hält die britische Historikerin Jade McGlynn fest: "Inmitten der Trümmer steht ein Denkmal aus der Sowjetzeit für den Zweiten Weltkrieg: ein steinerner Soldat auf einer zerstörten Plattform mit der Inschrift "19__ - 1945". Die '41' wurde gelöscht." Es handelt sich nicht um einen Akt des Vandalismus, so McGlynn, sondern um "eine Verteidigung der historischen Wahrheit, eine Richtigstellung". Denn "für die Ukraine begann der Zweite Weltkrieg 1939 mit der Invasion der Nazis im Westen des Landes (damals Teil der Zweiten Polnischen Republik). Ende September wurde die Westukraine im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Pakts von der Sowjetunion besetzt. Der sowjetische 'Große Vaterländische Krieg', der 1941 begann, lässt bequemerweise die Zeit außer Acht, als die mit Nazideutschland verbündete UdSSR dazu beitrug, den Zweiten Weltkrieg auszulösen." Am Beispiel dieses Denkmals zeigt Glynn, wie die ideologische Geschichtsverdrehung in Russland zu einem mächtigen Propagandamittel geworden ist, mit dem auch der Krieg gegen die Ukraine gerechtfertigt wird. Denn Russland "begeht Gewalt nicht trotz der Geschichte, sondern durch sie. Die Besetzung Mariupols wird mit der Befreiung Berlins gleichgesetzt. Die Filtrationslager für Zivilisten werden mit der 'Entnazifizierung' begründet. Die Massengräber und Folterkammern von Izium und Olenivka sind unter den moralischen Überresten des Jahres 1945 begraben. In diesem System ist Erinnerung kein ethischer Akt. Es ist ein Instrument der Straflosigkeit. Doch Russland ist mit seinen Verzerrungen nicht das einzige Land. Westliche Gesellschaften frönen ihren eigenen selektiven Mythologien. Die deutsche Nachkriegsidentität beruht auf der Auseinandersetzung mit der Geschichte, doch im Rahmen dieser Auseinandersetzung wurde das Leid Russlands oft stärker in den Vordergrund gestellt als das Leid der Ukraine. Das Ergebnis? Eine strategische Lähmung. Die Verzögerung der Panzer erfolgte nicht aus Pazifismus, sondern aufgrund einer Hierarchie des Gedenkleidens. Die unter der Nazi-Besatzung verwüstete Ukraine wird als Fußnote einer Geschichte behandelt, die Russland zu monopolisieren vermochte."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Desk Russie

Der Journalist und Russland-Experte Jean-François Bouthors polemisiert gegen den überall gefeierten italienischen Autor Giuliano da Empoli. Sein neuester Essay "Die Stunde der Raubtiere - Macht und Gewalt der neuen Fürsten" ist in Frankreich schon erschienen und kommt auf Deutsch im September bei C.H Beck heraus. Darin schildert er seine Begegnungen mit den Mächtigen und verabschiedet die Idee einer demokratischen Weltordnung. Dafür argumentiert er mit Machiavelli. Aber ein derartiger "Realismus" ist ein Defätismus, hält ihm Bouthors entgegen. Machiavelli sei überdies nicht einfach ein Zyniker der Macht, als den ihn Da Empoli wie so viele missverständen, sondern er wolle politische Intelligenz zur Verteidigung der Republik einsetzen. "Für Machiavelli hatten die Großen eine natürliche Neigung zur Ungerechtigkeit, die nur durch den Widerstand des Volkes gemildert werden konnte, und wenn er die Kunst der Politik mit klinischer Genauigkeit beschreibt, dann deshalb, damit der Konflikt der Begehrlichkeiten seine wohltuenden Anpassungswirkungen entfalten kann. In seinem Sinne sollte man nicht resignieren, sondern kämpfen... Der ehemalige Berater Matteo Renzis vergisst, dass es laut Machiavelli gerade das Fehlen von Grenzen, das Fehlen von Widerstand ist, das die Herrschenden in die Katastrophe, das Scheitern oder das Versinken in den Morast ihrer ersten Erfolge führt. Dies lässt sich an Donald Trump bereits beobachten, der sich als schlimmster Feind der USA erweisen könnte."

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - Desk Russie

Schaut man sich im Detail die politischen Maßnahmen an, die Donald Trump seit Beginn seiner Amtszeit zu Putins Gunsten ergriffen hat, dann gibt es eigentlich kaum noch Zweifel, dass der Kreml in den USA einen sehr genauen Plan verfolgt, meint die französische Historikerin Francoise Thom und belegt das in  einem langen Artikel detailliert. Sie geht dabei nicht davon aus, dass Trump bewusst im Sinne Putins (zum Beispiel als Spion) agiert, doch Putin wisse ihn hervorragend zu manipulieren - mit großem Erfolg: "Lassen Sie uns kurz die Maßnahmen durchgehen, die für Moskau von unmittelbarem Interesse sind. Alle Behörden, die für den Schutz der Vereinigten Staaten vor ausländischer Einmischung zuständig waren, wurden neutralisiert. Trump beendete einseitig die Cyber-Operationen gegen Russland und machte die Vereinigten Staaten damit anfällig für russische Hacker. Die USA stimmten bei den Vereinten Nationen gemeinsam mit Russland für die Ukraine-Resolution: Aus Sicht des Kremls ein notwendiger Schritt, da er ein demonstrativer Angriff auf das Atlantische Bündnis ist. Die USA blockierten Erklärungen innerhalb der G7, die Russland verurteilten. Trump torpedierte insbesondere einen Vorschlag der G7, eine Spezialeinheit zur Bekämpfung der russischen Geisterflotte zu gründen. Diese ermöglicht Moskau den Export seines Öls unter Umgehung der Sanktionen. Die US-Regierung hat die Europäer aus den Friedensverhandlungen mit Moskau herausgehalten, sehr zur Zufriedenheit des Kremls. Heute verkünden die USA, dass die Europäer ihre Rolle spielen müssen: Sie sollen die Sanktionen gemäß Putins Forderungen aufheben! Trump übt Druck auf die Ukraine aus, den russischen Forderungen nachzukommen: Übergabe der besetzten Gebiete, neutraler Status und keine Garantien - was im Falle einer nächsten russischen Offensive faktisch auf eine Isolation der Ukraine hinausliefe. Trump half Putin dabei, sein vorrangiges Ziel zu erreichen, die Region Kursk zurückzuerobern, indem er den Ukrainern amerikanische Geheimdienstressourcen entzog und die von Europa an die Ukraine gelieferten F-16-Kampfflugzeuge neutralisierte. Trump baut die US-Militärlogistik in Polen ab." Auch das innenpolitische Chaos, dass Trump in den USA stiftet sei ganz im Sinne des Kremls, meint Thom.

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - Desk Russie

Ein Aspekt wurde in den Reaktionen auf die versuchte Demütigung von Wolodimir Selenski durch Donald Trump und seine Vasallen im Oval Office nicht genug berücksichtigt, konstatiert der Historiker Timothy Snyder: die Fortführung eines Antisemitismus aus der Sowjet-Zeit. Dieser spezifische sowjetische Antisemitismus enthielt neben den gängigen Verschwörungs-Klischees auch die Idee, dass ein Jude niemals legitimerweise in eine mächtige Position gelangen könne, so Snyder. In der heutigen russischen Propaganda spielt dieses Motiv eine große Rolle - Selenski wird als illegitimer Staatschef einer Nation verunglimpft, einer Nation, die zudem eigentlich gar nicht existiert. Bei dem Treffen im Oval Office vermischte sich der "amerikanische Antisemitismus mit dem russischen Antisemitismus" und verstärkte ihn, meint Snyder: "Selenskis Mut, in Kiew zu bleiben, wurde nicht anerkannt. Die Amerikaner stellten sich als die wahren Helden dar, weil sie einen Teil der Waffen lieferten. Das Leid der Ukrainer wurde nicht erwähnt. Der Versuch, dieses Thema anzusprechen, wurde grausam und fälschlicherweise als eine von Selenski geführte 'Propagandatour' deklariert. Die Amerikaner stellten sich als die wahren Opfer des Krieges dar, da sie einen Teil der Waffen bezahlten. Merkwürdigerweise drehte sich alles nur ums Geld. Im Hinblick auf die Ukraine existiert eine merkwürdige, von Trump inspirierte Vorstellung: Die Hilfen müssen zurückgezahlt werden, als handele es sich um ein Darlehen, Trump selbst hat den geschuldeten Betrag einfach erfunden. Selenski wurde als jemand dargestellt, der unser Geld nahm, uns nichts zurückgab und uns betrogen hat. Außerdem machte man sich über ihn lustig, weil er nicht wusste, wie er sich für den Anlass kleiden sollte, als ob er nicht dazugehörte."

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - Desk Russie

In Russland, aber auch im Westen wird immer wieder mit Sorge von der "Auslöschung" der russischen Kultur in der Ukraine gesprochen - eine schwere Verzerrung der Realität, findet die britische Sprachwissenschaftlerin Jade McGlynn. Sind es doch die russischen Besatzer, die in der Ukraine eine agressive "Russifizierung" betreiben. Natürlich müsse jetzt niemand aufhören Dostojewski zu lesen, aber dass die Ukrainer eine gewisse "Russophobie" entwickelt haben, könne ihnen wohl niemand verübeln: "In Charkiw wurde die Hauptstatue Puschkins entfernt und wird dort bis nach dem Krieg aufbewahrt. Dann können ihr Standort und ihre Bedeutung in einem Kontext neu bewertet werden, der frei von der ständigen Bedrohung durch Invasion, Besatzung und (noch mehr) Russifizierung ist. Mir gefällt dieser Ansatz, aber meine Meinung zählt nicht, weil ich keine Ukrainerin bin. Alles, was ich beitragen kann, ist Mitgefühl und Unterstützung oder zumindest, dass ich das komplexe kulturelle Erbe eines teilweise besetzten und vom Krieg zerrütteten Landes nicht zu einer Geschichte der 'Cancel Culture' verzerre - oder schlimmer noch, zu einer Geschichte, die russische Propagandamythen nährt. Die Reaktion auf die russische Kultur in der Ukraine muss als Reaktion auf die Tatsache verstanden werden, dass der Kreml diese Kultur selbst mit Akten des Imperialismus und Völkermords in Verbindung gebracht hat. Das Trauma der Ukrainer ist nicht abstrakt; es ist zutiefst persönlich und unmittelbar. Vor diesem Hintergrund ist es nicht nur verständlich, sondern auch notwendig, den Bedürfnissen der Leidenden Vorrang vor theoretischen Debatten über das kulturelle Erbe zu geben. Die ukrainische Dichterin Victoria Amelina (wie so viele talentierte ukrainische Schriftsteller wurde sie von den Russen getötet) schrieb: 'Russische Manuskripte verbrennen nicht, ukrainische Manuskripte jedoch schon.' Meiner Ansicht nach ist es wichtiger, die Zerstörung der ukrainischen Kultur zu dokumentieren und ihr entgegenzutreten, als sich mit dem Überleben der russischen Kultur - im Guten wie im Schlechten - zu befassen."

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - Desk Russie

Martin Kragh, stellvertretender Direktor des Stockholmer Zentrums für Osteuropastudien, blickt mit Sorge Richtung Ukraine, wo seit Oktober letzten Jahres etwa 12 000 nordkoreanische Soldaten zusammen mit den russischen Truppen kämpfen. Beobachten wir gerade das Entstehen einer neuen "Achse", die nicht nur aus Russland und Nordkorea, sondern auch aus China und dem Iran besteht? "Bei der Frage, ob die Welt es mit einer neuen 'Achse' zu tun hat oder nicht, sollte man daran denken, dass die Zusammenarbeit zwischen Russland, China, dem Iran und Nordkorea in mancher Hinsicht bereits die Zusammenarbeit übertrifft, die Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs mit Italien und Japan aufbauen konnte. Italienische Truppen hatten in Nordafrika und an der Ostfront gekämpft. Doch Hitler verachtete Mussolini. Und er stimmte seine Entscheidungen nie mit Hirohito ab. Es gab nichts, was mit dem aktiven Austausch zwischen den Kriegsverbündeten von Roosevelt, Churchill und Stalin vergleichbar gewesen wäre, und es gab kein Äquivalent zu den massiven amerikanischen Leih-Bails, die für das Vereinigte Königreich und die Sowjetunion bestimmt waren. Aus offensichtlichen Gründen haben historische Analogien nur einen begrenzten Erklärungswert. Abgesehen davon stellt die Vertiefung der Beziehungen zwischen Russland, China, dem Iran und Nordkorea eine ernsthafte Bedrohung für alle Länder dar, die sich in ihrem Blickfeld befinden, von der Ukraine bis Taiwan. Unabhängig von der formalen Natur ihrer Verbindungen stellen sie die Stabilität und Ordnung in Europa, im Nahen Osten und in Asien in Frage. Dabei koordinieren sie ihre Aktionen. Darüber hinaus teilen und äußern sie eine gemeinsame, wenn auch nicht unbedingt ideologisch kohärente Weltsicht, die wiederum als politischer Kit dient (...) Die sicherste Annahme ist, dass es sich bei den aktuellen Herausforderungen um langfristige und globale Herausforderungen handelt, die in gegensätzlichen Visionen der internationalen Ordnung wurzeln - was sich mit der Situation während des Zweiten Weltkriegs durchaus vergleichen lässt."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - Desk Russie

Der französisch-georgische Wissenschaftler und Forscher Thorniké Gordadze erklärt, warum die jüngsten Wahlen in Georgien und Moldawien so unterschiedliche Ergebnisse lieferten. Während die russische Einflussnahme auf den Wahlausgang in Moldawien sehr aggressiv war, -  so enthüllte Maia Sandu 2023 einen Umsturzplan der russischen paramilitärischen Gruppe Wagner - war das in Georgien gar nicht nötig. Denn die Kontrolle der Regierungspartei "Georgischer Traum" über den bürokratischen Apparat verschaffte Russland einen erheblichen Vorteil gegenüber den prorussischen Kräften in Moldawien. Der "Georgische Traum" besitzt "unschätzbare Werkzeuge", so Gordadze, um Wahlen zu verfälschen: "Jedes staatliche Ministerium und jede Behörde wurde mobilisiert, um personenbezogene Daten zu fast jedem georgischen Wähler bereitzustellen, was der Regierungspartei die exklusive Möglichkeit gab, Einfluss auf sie zu nehmen. Beispielsweise stellte das Ministerium für Gesundheit und Soziales Listen von Sozialhilfeempfängern, Teilnehmern an staatlichen Medikamentenverteilungsprogrammen, Antragstellern für eine staatliche Krankenversicherung, bei Entwöhnungsprogrammen registrierten Personen und Krebspatienten zur Verfügung. Dank dieser vertraulichen Informationen war der 'Georgische Traum' in der Lage, seine Kampagne auf individuelle Bedürfnisse abzustimmen, was zur Folge hatte, dass die Stimmen kommerzialisiert wurden. Den Wählern wurden Dienstleistungen angeboten, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren, etwa Hilfe beim Kauf von Medikamenten, Kinderbetreuung oder die Verteilung von Methadon an Menschen, die an Drogenbehandlungsprogrammen teilnahmen. Die Gefängnisverwaltung und das Justizministerium konnten eine vollständige Liste der Personen auf Bewährung, der Personen, die ihre Strafe in Strafvollzugsanstalten verbüßen, der Art ihrer Straftaten und der Länge ihrer Strafe bereitstellen. Da die RG die einzige Quelle dieser Informationen war, war sie in der Lage, Familien als Gegenleistung für ihre Stimme Amnestien und Strafminderungen anzubieten."

Magazinrundschau vom 24.09.2024 - Desk Russie

"Die Vorstellung, dass sich Russlands Kriegsziele auf ein neues 'Noworossija' (die Bezeichnung für die von Katharina II. eroberten Gebiete) beschränken, d. h. auf den Osten und Süden der Ukraine von Charkiw bis Odessa, ist nicht haltbar" und naiv, hält Jean-François Bouthors fest. Um zu verstehen, was im Falle einer Niederlage der Ukraine passieren wird, müssen westliche Politiker endlich beginnen, die Absichten Putins in einen globalen Kontext zu stellen und auch die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges ernst nehmen. Denn Putin und Xi Jinping verfolgen strategisch nichts geringeres als eine "Feudalisierung der Welt", meint Bouthors: "Was Putin und Xi Jinping tun - wobei ersterer für letzteren weitgehend die Kastanien aus dem Feuer holt - ist ein strategischer Paradigmenwechsel. Sie haben gewissermaßen die machiavellistischen Lehren aus der Globalisierung gezogen, indem sie die Konfrontation zwischen den Mächten nicht mehr lokal, sondern systemisch denken. Die USA sehen sich noch immer als Führungsmacht und sind weitgehend auf die Herausforderung durch China fokussiert, ohne zu verstehen, dass diese nur durch eine breitere Sicht auf das geopolitische Spiel überwunden werden kann. Die Europäer stammeln noch immer von einer gemeinsamen Außenpolitik, während die Verteidigung in der Zuständigkeit der einzelnen EU-Mitgliedstaaten verbleibt, so dass auch sie hinter den Auswirkungen der Globalisierung zurückbleiben, die sie nur unter wirtschaftlichen - und im Gegensatz zu den Amerikanern nicht einmal unter technologischen - Gesichtspunkten betrachtet haben. ... Die westlichen Politiker und viele unserer diplomatischen Analysten sind also noch nicht auf dem Laufenden über diesen Wandel, der jedoch nicht aus dem Nichts kommt: Schon die Sowjetunion praktizierte auf dem ganzen Planeten allgemein destabilisierende Operationen, und Putin übernimmt, reaktiviert und erweitert das, was er tat, als er in den 1970er Jahren in den KGB eintrat. Neu ist unter dem wachsenden Einfluss Pekings, wo die Geopolitik wie ein riesiges Go-Spiel gedacht wird, die Systematisierung von Allianzen und Partnerschaften und vor allem die Koordination von Opportunismen. Dies ist umso leichter, wenn nicht-demokratische Akteure zum Spiel eingeladen werden, deren Entscheidungen in sehr kleinen Zirkeln getroffen werden. Eine solche Situation ist natürlich eine der Auswirkungen der Globalisierung und der technischen Hilfsmittel, die sie möglich gemacht haben. Hinter diesem Paradigmenwechsel ist es nicht schwer zu erkennen, dass sich das Projekt einer Feudalisierung der Welt abzeichnet, die Peking als Oberherr und Moskau als erster Vasall beherrschen wollen."

Auch Mykola Riabtchouk beschäftigt sich mit dem verhängnisvollen Zögern des Westens bei der Hilfe für die Ukraine, das vor allem einen Grund hat: Die Angst vor einem Atomschlag. Dass dieser erfolgt, ist indes höchst unwahrscheinlich, hält Riabtchouk fest, denn erstens würde Putin eine solche Eskalation nicht viel nützen und wäre strategisch unratsam. Putin sei "weder verrückt genug, um Selbstmord zu begehen (wie seine außergewöhnlichen Vorsichtsmaßnahmen während der Covid-Pandemie beweisen), noch ist er so dreist und mutig, wie er vorgibt zu sein (man denke nur an seine schüchterne Reaktion auf verschiedene Krisen und Herausforderungen). Und natürlich kann selbst ein selbstmörderischer Anführer nicht allein eine globale Apokalypse auslösen, da er mindestens mehrere ebenso selbstmörderische Vollstrecker braucht." Allerdings benötigten die meisten Menschen "in Situationen wie dieser eine 100-prozentige Gewissheit, dass es zu keinem Atomkrieg kommt, und nicht eine 99-prozentige oder 99,999-prozentige Gewissheit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dies zu erreichen. Ein Weg, den der Westen heute weitgehend verfolgt, besteht darin, den Tyrannen zu besänftigen und auf seine dreisten Forderungen zu reagieren. Die andere Möglichkeit besteht darin, den Spieß umzudrehen und den Erpresser zu zwingen, die roten Linien zu respektieren und selbst eine mögliche Eskalation zu befürchten. Wie Stephen Blank scharfsinnig feststellt, ermöglicht das Fehlen einer westlichen Strategie 'Putin, die eskalierende Dominanz und damit einen Großteil der strategischen Initiative zu behalten."