Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 43

Magazinrundschau vom 23.12.2008 - Economist

Zu dieser sehr auf wissenschaftliche Erkenntnisse konzentrierten Weihnachtsausgabe passt es, dass der Nachruf einem Mann gilt, dem die Wissenschaft manche Einsicht in das Funktionieren des Gedächtnisses verdankt. Der im Alter von 82 Jahren verstorbene H.M. nämlich verlor nach einer Operation vollständig die Möglichkeit, Erinnerungen zu speichern. Alles war für ihn immer aufs Neue vollständig fremd: "Man hat oft gesagt, dass ein Mann ohne Erinnerungen keinen Sinn für das eigene Selbst haben kann. Die behandelnden Ärzte widersprechen. H.M. hatte einen Sinn für Humor, auch wenn er einem dieselbe Anekdote drei Mal in fünfzehn Minuten erzählen konnte. Er war höflich und er hakte sich bei seiner Ärztin unter, wenn sie auf dem Campus des MIT unterwegs waren. Jeder mochte ihn, wenngleich die Versuchung groß war, ihn wie ein Lieblingskind oder Lieblingstier zu behandeln, einfach, weil der Unterschied zwischen dem, was er über sich und was, die anderen über ihn wussten, so groß war."

Im großen wissenschaftslastigen Weihnachts-Special geht es unter anderem um die Einsamkeit chinesischer Vogelbeobachter und unser Shopping-Hirn. Vorgestellt wird eine medizinische Studie, die zum Ergebnis kommt, dass Ecstasy gegen das Post-Traumatische-Stress-Syndrom hilft. Außerdem werden wir sehr ausführlich über biologische Spekulationen aufgeklärt, die zum Ergebnis kommen, dass Musik als Zeichen prächtiger Reproduktionsfähigkeit evolutionäre Vorteile gebracht hat.
Stichwörter: Einsamkeit, Wissenschaft

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Economist

Das Interessantes am Economist dieser Woche ist eine Technologie-Beilage. In der ist zum Beispiel zu erfahren, warum Kinobilder in nicht zu ferner Zukunft möglicherweise per Laser auf die Leinwand geworfen werden: "Die Idee, Laser als Lichtquellen für Projektoren zu verwenden, reicht in die sechziger Jahre zurück. Es gab allerdings zwei große Probleme. Zum einen waren Laser damals unhandliche, teure Geräte, deren einzige Rolle im Kino daran bestand, dass man mit ihnen drohen konnte, James Bond in zwei Hälften zu zerteilen. Das Problem ist überwunden, seit kompakte und günstige Halbleiter-Laser kommerziell verfügbar sind. Das zweite Problem allerdings besteht darin, dass Laserlicht eine Tendenz zum 'Sprenkeln' hat - soll heißen: wenn es auf eine rauhe Oberfläche trifft, entsteht ein unkontrollierbares Glitzer- und Glimmer-Muster. Das Sprenkeln, eine Folge der geringen Bandbreite des Laserlichts, vermindert die Schärfe des Bildes. Aber auch dieses Problem ist nun überwunden."

Außerdem erfahren wir, was dafür und dagegen spricht, dass das Internet demnächst in der "Exaflut" zu vieler Daten ertrinkt, die vor allem wegen neuer Videodienste anschwillt. (Der Artikel gibt in der Tendenz eher Entwarnung.) Und dann noch: Die große Liste der wichtigsten Bücher des Jahres 2008.
Stichwörter: Bond, James, James Bond

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Economist

Sehr erstaunlich findet der Economist den Hype, der sich in den USA in diesem Jahr um die englische Übersetzung von Roberto Bolanos nachgelassenem Roman "2666" entwickelt hat: "'2666' ist ein mysteriöses, überwältigend ehrgeiziges Werk, das in sich fünf Romane über miteinander kaum verbundene Gegenstände verknüpft. Der vierte und längste katalogisiert die vielen Morde in einer fiktiven nord-mexikanischen Stadt namens Santa Theresa. Obwohl das Buch eine oft frustrierende Lektüre ist, ist die bisherige Reaktion der Kritik begeistert (Nation, NYT, Slate, Newsweek, Village Voice). Time hat '2666' zum besten Buch des Jahres erklärt. Innerhalb weniger Tage hat der Verlag Farrar, Straus und Giroux (FSG) eine zweite Auflage herausgebracht, was die Zahl der gedruckten Exemplare auf 75.000 erhöht. 'Es ist etwas ganz Besonderes. Es ist seltsam. Den kommerziellen Erfolg begreife ich im Grund nicht', meint Lorin Stein, der zuständige Lektor bei FSG. In einer Zeit, in der die Buchverkäufe stagnieren und weniger als vier Prozent der in den USA veröffentlichten Romane aus anderen Sprachen übersetzt ist, scheint der Erfolg eines Autors, dessen Bücher dafür bekannt sind, chaotisch, schwierig und intellektuell zu sein, ganz außerordentlich bemerkenswert."

In weiteren Artikeln geht es um die aussterbende Profession der Schreiber in Mexiko City, das neue Museum für Islamische Kunst (Website) in Qatar und die Zukunft von MTV im Internet-Zeitalter. Besprochen werden unter anderem Daniel Johnsons Studie über das enge Verhältnis von Schach und Kaltem Krieg und Frederic Spotts' Untersuchung (Verlags-Website) über französische Künstler und Intellektuelle unter der Nazi-Besetzung.

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - Economist

Der Wirtschaftsberater Don Tapscott ist in einer Studie, die er in seinem Buch "Digital aufgewachsen" beschreibt, zum Ergebnis gelangt, dass die Computer- und Internet-Generation die schlausten Menschen aller Zeiten hervorgebracht hat: "'Als erste globale Generation, die es je gab, ist die Generation Netz schlauer, schneller und offener für Diversität als all ihre Vorgänger', behauptet Tapscott. 'Diese jungen Menschen sind dabei, alle Institutionen des modernen Lebens umzuwälzen.' Sie haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und sie sind aktiv bemüht, die Gesellschaft zu verbessern - man nehme nur ihre Rolle beim Wahlkampf für Obama, in dem sie sich durch das Netzt und über Handys organisierten und auf YouTube warben. Das prophetische Kapitel 'Die Generation Netz und Demokratie: Obama, soziale Netzwerke und Bürger-Engagement' allein sollte dem Buch eine breite Leserschaft sichern."

Weitere Artikel: Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass die Menschen, die Werbung auf ihren Videorekorder-Aufzeichnungen schnell vorspulen, diese in Wahrheit viel genauer betrachten, als diejenigen, die sich in Normalgeschwindigkeit ansehen. In unzweideutigen Worten erklärt ein Artikel, dass Jerry Yang schleunigst als Chef der von ihm gegründeten, in eine schwere Krise geratenen Firma "Yahoo" zurücktreten muss, bevor alles zu spät ist. (Update 18.11.: Inzwischen ist sein Rückzug erfolgt.) Besprochen werden unter anderem Sara Maitlands "Buch der Stille" und Stewart O'Nans neuer Roman "Songs for the Missing".

Ein Nachruf ist der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba gewidmet.

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Economist

Der Economist schreibt unter der Überschrift "Werdet endlich erwachsen" über das Ende der Blogs, wie sie waren. Pioniere, die seit zehn Jahren dabei sind, geben auf, Konzerne kommerzialisieren das Bloggen und die Formen sind dabei, sich entschieden zu wandeln: Die Pioniere "sind heute zum Beispiel 'Mikro-Blogger' und nutzen Dienste wie Twitter, die das rohe, unmittelbare und intime Gefühl der frühen Blogs wiederherstellen. Twitter-Nachrichten, meistens von Handys geschickte, sind weniger als 140 Zeichen lang und antworten auf die Frage 'Was tust du gerade?' Es ist bezeichnend, dass Evan Williams, Mitgründer des Dienstes Blogger.com - ein Angebot aus den ersten Blog-Tagen, das heute zu Google, dem Wal-Mart des Internets gehört -, nun Twitter betreibt und darin die Zukunft sieht. Die traditionellen Blogs gehören heute immer öfter zu konventionellen Medien-Organiationen. Fast jede Zeitung, jeder Radio- und Fernsehsender hat heute Blogs und professionelle Weblogs wie HuffingtonPost.com für die Linken (mit 4,5 Millionen Besuchern im September) oder Free.Republic.com für die Konservaitven (eine Million Besucher) haben ... im US-Wahlkampf wichtige Rollen gespielt."

Die amerikanischen Wahlen und was aus ihnen folgt, findet sich unter Überschriften wie "Große Erwartungen" (Titelgeschichte), "Konfetti und heiße Dates" (über Chicagos Liebe zu Obama), "Szenen von einer Totenwache" (über das noble Ende von McCain) oder - Schreck lass nach - "Palin für 2012!" zusammengefasst.

Außerdem ein Nachruf auf den großen Jahrhundertchronisten Studs Terkel.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - Economist

Als Anschauungsunterricht für den kommenden US-Präsidenten begreift der Economist H.W. Brands Biografie des triumphalen Krisen-Präsidenten F.D.R. Roosevelt: "Roosevelt war der bedeutendste amerikanische Präsident seit Lincoln. Seine kolossalen Fähigkeiten wurden durch seine Krankheit, die ökonomische Katastrophe und einen Weltkrieg auf die Probe gestellt. Er nutzt jedes ihm verfügbare Instrument, um die Vereinigten Staaten in Krieg und Frieden zu leiten: Partei, Bürokratie, den Kongress und die Medien seiner Zeit. Wer auch immer die Wahlen 2008 gewinnt, wird all diese Instrumente in eingerostetem, geschwächtem oder deformiertem Zustand vorfinden. Es wird seine Aufgabe sein, als Präsident wieder eine tragfähige Beziehung zum Land und zur Welt herzustellen - und er wird, um Amerika aus dem Tal des ökonomischen Niedergangs zur Höhe der Macht zu führen, des Talents und des Charakters eines Franklin Roosewelt bedürfen."

Daran, wie der nächste Präsident nach Ansicht des Economist heißen sollte, lässt die Titelgeschichte "Es wird Zeit" nicht den mindesten Zweifel: Barack Obama.

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - Economist

Recht nüchtern kommentiert der Economist die Entdeckung jener Akte, die Milan Kunderas Denunziation eines Spions zu belegen scheint: "Wie Milan Kundera selbst so treffend schrieb, 'ist der Kampf des Menschen gegen die Macht der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen'. In totalitären Regimen haben Märchen mit gutem und schlechtem Ausgang oft über die Wahrheit obsiegt. Mancher Held des Prager Frühlings im Jahr 1968 war nach dem kommunistischen Putsch noch unter den enthusiastischsten Befürwortern der mörderischen Säuberungen Stalins. Adam Hradilek [der Finder der Polizeiakte, PT] nimmt an, dass Kundera aus Eigeninteresse, nicht aus Bösartigkeit oder Überzeugung gehandelt hat. Millionen Menschen standen damals vor ähnlichen Entscheidungen. Manche habe ihre Taten eingestanden; viele haben es nicht. Unzählige Episoden dieser Art schweben über Osteuropa wie eine Giftwolke."

In weiteren Artikeln geht es unter anderem um die mögliche Verwendung von Papier als Transistor und die Geschäftserfolge des Paten des Hip-Hop Russell Simmons. Besprochen werden eine Biografie (Verlagsseite) des Milliardärs Warren Buffett, Alexander Roses Geschichte des "Amerikanischen Gewehrs", Ted Gioias Blues-Chronik "Delta Blues" und eine Ausstellung mit Renaissance-Porträts in Londoner National Gallery.

In der Titelgeschichte "Auf Abstand zum Kapitalismus" erklärt die Zeitschrift, "was schief gelaufen ist, und - noch wichtiger für die Zukunft - was nicht." Mit seinen wirtschaftlichen Prognosen für die Zukunft lag der Economist ja bisher gar nicht schlecht.

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Economist

In ihrem Buch "Das große Geschäft: Die unaussprechliche Welt menschlicher Ausscheidung und Warum sie wichtig ist" leistet Rose George, lobt der Economist kurz, genau das, was der Titel in gewählteren Worten verspricht: die Beschreibung einer Ökonomie, die die Menschen in die Scheiße reitet. "Die Nebenprodukte der Verdauung sind ein so heikler Gegenstand der Konversation - von pubertären Scherzen mal abgesehen -, dass die Symptome von Darmkrebs oft viel zu lange ignoriert werden. Wie Rose George in ihrem faszinierenden und elegant geschriebenen Buch erklärt, gibt es eine Menge über das Thema Ausscheidung zu sagen, das kein bisschen lustig ist. Zwei Fünftel der Weltbevölkerung können nirgendwo anders defäkieren als auf den Boden. Das macht 2,6 Milliarden Menschen, deren Trinkwasser die eigenen Fäkalien und die der Nachbarn enthält; deren Nahrungsmittel von den Fliegen besiedelt sind, die ihre Eier in menschliche Ausscheidungsprodukte legen. Es macht 2,6 Milliarden Menschen, die im Dreck leben und sehr oft daran sterben. Dennoch wird dieser Fluch der Armut oft genug übersehen."

In weiteren Artikeln geht es um die in nachwachsenden Generationen offenbar rapide zunehmende Freude an papierloser Organisation des Arbeitsalltags und um Phänomene wie künstliche Knappheit und Oligopolbildung auf dem Feld wissenschaftlicher Publikationen. Besprochen werden unter anderem Simon Schamas neues, offenbar eher durchwachsenes Buch "Die Zukunft Amerikas: Eine Geschichte" (Website), Edmund Whites "Rimbaud"-Biografie (Verlagswebsite), die Ausstellung "Picasso und die Meister" und eine große Emil-Nolde-Schau ("Entdeckung eines expressionistischen Meisters" freut sich der Kritiker), beide in Paris (Picasso hier, Nolde da).

Auf dem Titel saust - physikalisch etwas fragwürdig - ein Globus unter der Überschrift "Das System Retten" nach unten: Neben der Titelgeschichte gibt es eine Fülle von Artikeln zur Finanzkrise, dazu kommt ein "Sonderteil zur Weltwirtschaft" (hier die komplette Inhaltsübersicht).

Magazinrundschau vom 07.10.2008 - Economist

In gleich zwei Artikeln fragt der Economist, ob neuartige Flatrate-Modell womöglich die Musik-Industrie retten können. Hier wird erklärt, wie sie funktionieren: "Die Kosten der Subskription werden einfach versteckt - in anderen Kosten. Das beste Beispiel für dieses Modell ist der 'Comes With Music' (CWM)-Service von Nokia. Kauf ein CWM-Handy und du bekommst umsonst unbegrenzten Zugang zu Musik-Downloads für ein ganzes Jahr dazu. In Wahrheit ist er natürlich nicht wirklich umsonst: der Preis für das Handy schließt eine Gebühr für den Abo-Service ein, der an die Plattenfirma weitergereicht wird. Nach einem Jahr kann man sich dann entscheiden, für den Download zu zahlen oder ein neues CWM-Handy zu kaufen mit Umsonst-Service für ein weiteres Jahr. So bekommen die Konsumenten ihre Musik, die Plattenfirmen ihr Geld und Nokia findet und behält neue Kunden." Um Fakten und Zahlen im Detail geht es dann im zweiten Artikel.

Weitere Artikel: Eindrücklich wird geschildert, warum Somalia der gescheitertste aller gescheiterten Staaten ist. Außerdem: Ein Nachruf auf Paul Newman. Und ein Extra-Teil (die Übersicht oben in der rechten Spalte) befasst sich mit der US-Wahl aus vielen Perspektiven.

Besprochen werden unter anderem Yasheng Huangs Studie über den "Kapitalismus mit chinesischem Antlitz" und Timothy W. Rybacks Buch über "Hitlers Privatbibliothek".

Magazinrundschau vom 30.09.2008 - Economist

Geheimdienste vieler Länder betreiben, wie der Economist in einem ausführlichen und kritischen Artikel darstellt, ungeniert, teils wohl sogar unkontrolliert exzessives Data-Mining (also im Grunde: Rasterfahndung) und gleichen Informationen über Verhaltensmuster ab. Das führt dazu, dass einen ungewöhnliches Verhalten aller Art schnell verdächtig macht - manchmal auch mit der Folge, dass Unschuldige auf Beobachtungslisten landen. "Die verblüffende und rasant wachsende Leistungsfähigkeit der Data-Mining-Technologie erweitert den Bereich dessen, was als verdächtig betrachtet wird. Im Juni haben das Verteidigungs- und das Heimatschutzministerium der USA mit einer Gruppe von Polizei-Chefs das 'Projekt zur Unterstützung und Einrichtung von Berichten über Verdächtige Aktivitäten' veröffentlicht. Es ist zum Teil von Methoden des Los Angeles Police Department inspiriert und fordert Polizisten dazu auf, Menschen Befragungen zu unterziehen, die beispielsweise Ferngläser benutzen, Schritte zählen, Diagramme zeichnen, ihr Äußeres verändern, sich mit Sicherheitspersonal unterhalten und Gegenstände 'ohne erkennbaren ästhetischen Wert' fotografieren."

Sehr lesenswert ein Artikel über die sich beschleunigende Flucht von Weißen vor der Gewalt in Südafrika. In einem Sonderteil geht es um die beiden Koreas.

Besprochen werden unter anderem eine gut siebenhundertseitige Geschichte der Bank Goldman Sachs (Verlagsseite), Jeff Howes Studie über "Crowdsourcing" a la Wikipedia (Verlagsseite), ein Buch von Alison Light über die Domestiken im Bloomsbury-Zirkel (Verlagsseite) und eine Palladio-Ausstellung in Vicenza.