
Interessant liest sich Gabrielle Napolis
Gespräch mit dem rumänischen
Autor Mircea Cartarescu über eine Neuedition seines ersten Buchs in Prosa, "Nostalgia", das er noch unter
Nicolae Ceaușescu schrieb, ohne Hoffnung, es je publizieren zu können. Rezipiert wurde es nur in klandestinen Literaturkreisen, wo er die Texte aus dem Buch vorlas. Er sagt zwar, dass er sich seinerzeit dem
poststrukturalistischen Einfluss nicht zuordnete, dennoch wird der Einfluss der "Post"-Diskurse in Osteuropa in seiner Erzählung deutlich: Dort ging es darum, die "
Realität" des realen Sozialismus in Frage zu stellen: "Das Problem des Realen steht im Zentrum meines Schreibens, aber es wird einem in
'Nostalgia' kaum bewusst. Manifest wird die Sache erst in der Trilogie 'Orbitor' [Band
1,
2,
3]und erreicht seine ganze Kraft in 'Solenoid'. In 'Nostalgia' wird die
Realität als ein Traum gesehen (denn der Traum stellt unablässig die Echtheit unserer Welt in Frage, so dass wir uns am Ende fragen, ob nicht die ganze Welt so etwas wie ein Traum sei). 'Oribor' ist eine riesige
halluzinatorische Struktur, in der die Unterscheidung zwischen real und irreal jede Bedeutung verliert: Man muss sich nur in seinem Sessel entspannen und dem Spektakel hingeben."
Höchst anregend auch der ein wenig
mäandernde Text Maurice Mouriers über
japanische Literatur. Anlass ist Jacqueline Pigeot kleine Studie über das "goldene Zeitalter der weiblichen Prosa in Japan" (L'Age d'or de la prose féminine au Japon, Xe-XIe siècle,
Les Belles Lettres), das für Pigeot im 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lag. Damals entstanden in Hofkreisen in Kyoto das
"Kopfkissenbuch",
"Die Geschichte vom Prinzen Genji" und "Kagero Nikki", das "Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980" (so der Titel der
letzten deutschen Ausgabe im Jahr 1981). Die Hofdame
Michitsuna no Haha Fujiwara zeichnet darin das "unbarmherzige und unvergessliche" Porträt ihres Ehemanns Kaneie, eines "Don Juan, der heute vergessen wäre, hätte sie nicht die Geschichte einer
verlassenen Liebenden geschrieben, die ihm dann die Tür zuschlug". Alle japanische Kunst, sagt Mourier, "vor allem die Literatur, aber auch das Theater, die Malerei, das Kino hat ihren Ursprung in dieser herrlichen Phase der Zivilisation in Kyoto, im engen und erstickenden
Leben am Hofe. Das Beispiel dieser Schriftstellerinnen in archaischer Zeit ist '
absolut modern'." Eine kleine
deutsche Einführung in "Kagero Nikki" findet sich in B.C. Probsts Blog
Japanische Literatur.