Magazinrundschau

Ein Experiment in modernem Stil

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.04.2017. In Brooklyn Rail entpuppt sich Agnès Varda als minimalistische Anhängerin digitaler Verbreitungswege. New Yorker und Spectator debattieren über Dana Schutz' Gemälde "Open Casket". Was wird nach dem Brexit aus Nordirland, fragt der Merkur. Outlook India porträtiert die indische Feudalgesellschaft. Die New York Times erzählt von den Schuldgefühlen ultraorthodoxer Juden.

Eurozine (Österreich), 24.03.2017

Lange galt Russland als Staat ohne Ideologie, laut Verfassung war sie sogar verboten. Doch das ändert sich zunehmend, schreibt Evgenia Lezina, vor allem seit Wladimir Putin - mit der Besetzung der Krim - erkannt hat, wie dienlich seinen Popularitätswerten die Konfrontation mit dem Westen ist: "Mit der Berufung auf patriotische Gefühle und eine nationale Idee kommt der Vergangenheit eine größere Bedeutung zu, das Regime zu legitimieren. Zum einen haben staatliche Stellen immer wieder auf die jahrhundetelange Kontinuität in der russischen Geschichte verwiesen und das Bedürfnis nach Versöhnung und nationaler Einheit betont, zum anderen haben sie angekündigt, aktiv jeden Versuch zu unterbinden, die Vergangenheit kritisch zu reflektieren oder alternative Deutungen historischer Ereignisse zu bieten. Diese Tendenz zeigt sich auch bei den offizellen Erklärungen zum hundertsten Jahrestag der russischen Revolution. Sie klingen wie dieselbe Durchschrift: 'Wir müssen aus der Geschichte die Lehre zur Versöhnung ziehen und die soziale, politische und gesellschaftliche Eintracht untermauern, die wir bis heute erreicht haben. Es ist inakzeptabel, aus persönlichen oder politischen Motiven über Tragödien zu spekulieren', erklärte Putin in seiner jährlichen Ansprache vor dem Parlament am 1. Dezember 2016."

Ingo Petzt fragt zudem, wie gesichert Weißrusslands Unabhängigkeit ist. Kürzlich habe der Minsker Machthaber Lukaschenko erklärt, für Unabhängigkeit müsse man kämpfen, doch die Weißrussen seien ein friedliebendes Volk: "Das große Militärmanöver West 2017, das Russland für diesen Sommer mit 100.000 Mann in Weißrussland und Kaliningrad angesetzt hat, hat ebenfalls Gerüchte über eine mögliche Besetzung befeuert."
Archiv: Eurozine

Brooklyn Rail (USA), 01.04.2017

Anlässlich einer New Yorker Ausstellung hat sich Alexandra Juhasz  mit der französischen Filmemacherin Agnès Varda getroffen, deren schiere Freude selbst noch im hohen Alter über die Möglichkeiten der heutigen Digitalbilddistribution im privaten Bereich ziemlich ansteckend ist. Auf die Entgrenzungstendenzen des "expanded cinema" angesprochen, bei dem das Kino über mixed-media-Strategien in den Ausstellungsbetrieb diffundiert, entpuppt sich die Regisseurin und Fotografin allerdings als reflektierte Minimalistin: "Wenn wir in der Lage sind, beispielsweise auch nur ein kleines Ereignis zu verstehen, dann können wir damit ein kleines bisschen die Welt versöhnen. ... Es passiert soviel mit Bildern, und wie Sie schon fragen: Haben wir die Zeit, einfach nur eines davon in Stille zu betrachten? Es gibt da ein Foto, das ich 1954 geschossen habe, es heißt 'Ulysse'. Das Bild eines Kindes am Strand neben einem nackten Mann und einer Ziege. Jahre später habe ich dieses Bild so sehr befragt, dass ich 1982 darüber einen halbstündigen Film gleichen Namens gedreht habe. Ich fragte mich: Was ist an diesem Tag auf der Welt geschehen? In Genf diskutierte man an diesem Tag die Teilung Vietnams und das Ende des Ersten Indochinakriegs. Ich fragte mich nach meinem eigenen Leben. Ich besuchte dieses Kind wieder. Ausgehend von einem Bild war es mir möglich, eine halbe Stunde lang Fragen über Bilder dieser Zeit entwickeln. Ich baute damit eine Welt, die dieses eine Bild erklärt. Wenn man zwei Seiten voller Erklärungen hat, aber niemand einen Blick darauf wirft, dann ist es tot. Wenn man damit fertig ist, das Bild zu betrachten, dann repräsentiert es bloß: Ein Kind, einen Mann, eine Ziege, einen Strand."


Ulysse, Agnès Varda, 1954. (Blum & Poe, New York)

Aktualne (Tschechien), 31.03.2017

Wer die Filme des Regisseurs Emir Kusturica schätzt und liebt, wird von seinen politischen Ansichten wohl eher befremdet sein. Im 20-minütigen (englisch geführten) Video-Interview beteuert der serbische Filmemacher: "Ich bin nicht nur für Vladimir Putin, ich bin für ein Gleichgewicht in der Welt." Er würde jede Macht unterstützen, die den östlichen Ländern hilft, ihr Profil zu bewahren: "Wir erleben auf dem Balkan und im Nahen Osten eine brutale Einmischung oder einen Angriff auf souveräne Staaten." Kusturica ist entschieden gegen die Globalisierung, hält die Krim für russisch und die Amerikaner für schuld am Syrienkrieg. Die tschechische Reporterin Emma Smetaná rückt Kusturica mit ihren kritischen Fragen so zu Leibe, dass der Filmemacher sie verärgert fragt, ob sie von einem internationalen Tribunal geschickt worden sei, und das Interview mit den Worten schließt: "Sie sind nicht auf dem Laufenden. Sie sprechen über ein Russland wie in den 60er-Jahren. Russland ist ein neues Land."
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Archiv: Aktualne

Merkur (Deutschland), 03.04.2017

Was soll nach dem Brexit nur aus Nordirland werden?, fragt Pól Ó Dochartaigh, der die irische Teilung mit der deutschen vergleicht und die irisch-nordirische Grenze eigentlich nur innerhalb der EU praktikabel findet: "Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 zwischen London und Dublin kann jeder Nordire die doppelte Staatsbürgerschaft für sich reklamieren, muss aber nicht zwei Pässe haben, weder in Großbritannien noch in Irland sind Personalausweise eingeführt worden. Meine in Belfast lebenden Eltern sind im eigenen Land wohnhafte doppelte Staatsbürger mit irischem Pass. Ihre probritischen Nachbarn mit britischem Pass werden als britische Staatsbürger anerkannt, die ebenfalls im eigenen Land wohnen. Wie soll man da per Ausweis das Recht zur Ein- und Ausreise kontrollieren, wenn eine 'harte (EU)Grenze' entsteht?"

Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach plädiert für eine Trennung von Politik und Bildung und kann auch der Forderung nach mehr Engagement und Teilnahme wenig abgewinnen: "Werden die ungebildeten Köpfe aktiv (fromm zu glauben, es gäbe davon nur wenige), wird das demokratische Ethos teilweise dramatisch auf seine Tauglichkeit geprüft. Es wäre also insgesamt besser, wenn jene, die nichts von Politik verstehen, sich auch nicht zu heftig um sie kümmern."
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 10.04.2017

Pünktlich zum Streit über ihr Gemälde 'Open Casket' bringt Calvin Tomkins in der neuen Ausgabe des New Yorker ein ausführliches Porträt der Malerin Dana Schutz, die er als einen hochsympathischen Liebling der Kuratoren und teuersten Galeristinnen präsentiert und deren Gemälde in flacher Buntheit teils drastisch komische Szenen erzählen - bekannt wurde sie durch "Niesbilder". Ihre Bilder verkaufen sich zwischen 100.000 und 400.000 Dollar, und schon früh wurde sie von Gurus wie Klaus Biesenbach protegiert. Und nun also der von der Kollegin Hannah Black ausgelöste Streit (unsere Resümees) um ihre malerische Reflexion des Fotos von Till Emmett - eine Ikone der Bürgerrechtszeit. Die Mutter des Jungen zeigte ihn im offenen Sarg, damit die Welt zur Kenntnis, was ihm von seinen rassistischen Mördern angetan wurde. Auf die Frage, ob hier so etwas wie "kulturelle Aneignung" vorliege, geht der Artikel kaum ein - aber Schutz steht zu diesem Bild. Gegen Ende seines Artikels bringt Tomkins einen klugen Satz von dritter Seite über diesen Streit: "Die Künstlerin Kara Walker, deren Werk 'Rasse', Sexualität und Gewalt erforscht, schrieb letzte Woche einen Instagram-Post und bezog sich auf 'Open Casket', ohne Schutz oder ihre Gegnerinnen zu erwähnen. 'Die Geschichte der Malerei ist voll von drastischer Gewalt und Erzählungen, die nicht unbedingt aus dem Leben der Künstler stammen', schrieb sie. 'So wie's bei uns allen ist. Ich bin mehr als eine Frau, mehr als eine Nachfahrin Afrikas, mehr als die Tochter meines Vaters. Mehr als schwarz, mehr als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen... Kunst hält oft länger als die Kontroversen, die sie begrüßen. Ich rufe das jedem Künstler und jedem Werk zu, das zu Stimmengeheul führt. Vielleicht entstehen so auch tiefere Fragen und bessere Kunst.'"


The history of painting is full of graphic violence and narratives that don't necessarily belong to the artists own life, or perhaps, when we are feeling generous we can ascribe the artist some human feeling, some empathy toward her subject. Perhaps, as with Gentileschi we hastily associate her work with trauma she experienced in her own life. I tend to think this unfair, as she is more than just her trauma. As are we all. I am more than a woman, more than the descendant of Africa, more than my fathers daughter. More than black more than the sum of my experiences thus far. I experience painting too as a site of potentiality, of query, a space to join physical and emotional energy, political and allegorical forms. Painting - and a lot of art often lasts longer than the controversies that greet it. I say this as a shout to every artist and artwork that gives rise to vocal outrage. Perhaps it too gives rise to deeper inquiries and better art. It can only do this when it is seen.

A post shared by Kara Walker (@kara_walker_official) on Mar 23, 2017 at 6:28am PDT


Außerdem: Kelefa Sanneh porträtiert den Fox News Moderator Tucker Carlson. Ben Taub folgt einer jungen Nigerianerin auf ihrem leidvollen Weg nach Europa. Alec Wilkinson rekapituliert den gewaltsamen Tod des Filmemachers David Crowley, den einige dem Staat anlasten. Und es gibt eine Kurzgeschichte von Emma Cline.
Archiv: New Yorker

Spectator (UK), 03.04.2017

Der Streit um Dana Schutz' Gemälde hat eine Menge Artikel ausgelöst. Herausgegriffen sei eine ästhetische Kritik am Gemälde, die eine sinnvolle Diskussion jenseits der (anti)rassistischen Attacke Hannah Blacks ermöglicht. Jacob Willer bekennt, dass er Schutz eigentlich schätzt. Aber nicht so "Open Casket". Die Provokation des Bildes geht für ihn nicht von "Kultureller Aneignung" aus: "Es mag viel eher Schutz' Kunstfertigkeit - oder Gekünsteltheit - sein, die beleidigt: In ihrem verzerrten Pinselstrich findet sich ein klares stilitisches Echo Francis Bacons, und die Verletzungen in Tills Gesicht als Gelegenheit für ein Experiment in modernem Stil zu nutzen - das ist wirklich impertinent. Ich wünschte nur, wir würden uns mehr über solche selbstbezügliche Stilisierung Gedanken machen und darüber dass Kunstfertigkeit ein Hindernis für echte künstlerische Auseinandersetzung sein kann."

Auß0erdem wendet sich Mary Wakefield im Spectator gegen die "mad, bad crusade against 'cultural appropriation'".
Archiv: Spectator

En attendant Nadeau (Frankreich), 28.03.2017

Jean-Paul Champseix stellt ein Buch über Istanbul als "Labor des konservativen Islam" vor: "Istanbul Planète: La ville-monde du XXIe siècle". Der Autor Jean-François Pérouse entwerfe darin ein Porträt der Stadt jenseits aller Polemik. All das, was möglicherweise aberwitzig wirkt - wie etwa riesige Bauvorhaben, pharaonische Projekte, Gleichgültigkeit gegenüber dem tatsächlichen historischen Erbe, ungebremste Stadtzersiedelung - erkläre sich vollkommen im Rahmen eines Willens, ein neues Biotop für die türkische Musterfamilie zu errichten: "Diese tiefgreifende Umgestaltung der Stadt folgt einem politischen Projekt, das von der islam-konservativen Ideologie getragen ist. Einem Konservativismus, der sich auf Familie, Trennung der Geschlechterrollen und Hierarchie stützt… Die Werbesprache der Immobilienbranche macht sich dabei die politische Sprache zu eigen, indem sie versichert, man wolle Frauen und Kinder vor urbaner Unordnung schützen. Die Wohnsiedlung ist daher entsprechend den Einkommensgruppen durch Trennwände unterteilt, mit einfachem Zugang zu Einkaufszentren, die Ablenkung schaffen für Frauen, die nicht arbeiten gehen, und zu schulischen Einrichtungen in der Nähe für die Kinder."

HVG (Ungarn), 22.03.2017

"Nach den Sechzigerjahren dauerte die große Epoche des ungarischen Dramas über zwei Dekaden", erinnert sich die inzwischen 79-jährige dramaturgische Leiterin des Budapester Vígtheaters, Zsuzsa Radnóti (auch Witwe des Schriftstellers István Örkény). "Autor, Theater und Publikum sprachen eine Sprache. Das Publikum verstand es, wenn kodiert, durch die Blume gesprochen wurde, wenn auf der Bühne die Stimme der Wirklichkeit und der Freiheit ertönte. Seit der Jahrtausendwende ist die Gemeinschaft nicht mehr homogen. Die Menschen sind verstreut, ihre Geschmäcker und Meinungen unterscheiden sich, das Land ist gespalten. Es gibt keine große gemeinsame Idee mehr, um die sich das zeitgenössische literarische Drama flechten könnte. Jetzt gibt es einsame Autoren und Themen, doch keinen gemeinsamen Generationenklang. (...) Da herrscht gegenwärtig Ebbe. Improvisations- und textschaffende Theater stehen im Vordergrund. Doch die großen Vertreter dieser Generation (...) bekamen nicht rechtzeitig einen eigenen Spielort und darum gehen sie zunehmend ins Ausland."
Archiv: HVG
Stichwörter: Improvisation

Outlook India (Indien), 10.04.2017

In den siebzig Jahren seit dem Ende des Kolonialismus konnte Indien nie die Tyrannei des Feudalismus abstreifen, den traditionelle Eliten, später Briten und heute die modernen Eliten aufrecht erhalten. Outlook India hat diesem "hässlichen Inder" - der in jeder Kaste residiert - ein ganzes Heft gewidmet. "Es gibt eine neue feudale Ordnung", schreibt Pranay Sharma im Aufmacher. "Die politische Klasse mag dafür beispielhaft sein, aber ihre Granden haben kein Copyright darauf. Jeder will ein Stück. Alle Institutionen, alle Orte, alle Lebensbereiche sind von einem unheiligen Gedränge gezeichnet, das eine neue Brut hervorgebracht hat, die das Land überschwemmt: den Hässlichen Inder. ... Nehmen Sie nur den Fall von Gaikwad, dem Shiv-Sena-Abgeordneten aus Maharashtra, der einen Flugbegleiter '25 Mal' mit seinem Schuh geschlagen hat, weil der ihn nach der Landung gebeten hatte, das Flugzeug zu verlassen. Gaikwad war wütend, weil die Fluggesellschaft ihm keinen Platz in der Business Klasse gegeben hatte - auf einem Flug, in dem es keine Business Klasse gab. Woher kommt dieses Überlegenheitsgefühl bei Politikern wie Gaikwad", fragt sich Sharma, der dieses Verhalten überall beobachtet.
Stichwörter: Kolonialismus

New York Times (USA), 02.04.2017

In der aktuellen Ausgabe des New York Times Magazines berichtet Taffy Brodesser-Akner über die Schwierigkeiten von New Yorker Juden, die beschließen, ihre ultraorthodoxe Gemeinde zu verlassen, und über ihre eigene Erziehung: "Mir wurde beigebracht, ich sei grundsätzlich schlecht und müsse mich nach bestimmten Regeln verhalten, um so etwas wie ein guter Mensch zu werden. In der ultraorthodoxen Schule wurde ich gelehrt, das Bad stets schnell zu verlassen, um nicht angesichts meines Körpers auf dumme Gedanken zu kommen. Als ich an eine moderne Schule kam, ging es weiter: Menschen seien die ultimativen Intelligenzwesen, hieß es dort, außer sie stellten Fragen, die über die Thora hinausgingen. Es hieß, würde ich an Passah Hülsenfrüchte essen, würden meine Kinder von ihrem Erbe als Juden abgeschnitten, was immer das heißen sollte. Später lernte ich, was es bedeutete: Unfruchtbarkeit, Fehlgeburt oder auch das Mitansehenmüssen, dass meine Kinder vor mir sterben. Ich befolge die Regeln des Passahfestes nicht mehr streng, doch jedes Mal, wenn ich während der acht Tage ein Hummus verdrücke, fechte ich innerlich einen Kampf aus."

Außerdem: Robert Draper analysiert Trumps erste Niederlage im Kongress. Thomas Chatterton Williams porträtiert den früheren Islamisten Maajid Nawaz, der sich gegen Extremismus unter Muslimen engagiert. Und Elisabeth Rosenthal erläutert, wieso Krankenhäuser in den USA völlig unverständliche Rechnungen stellen.